Wort|spaltung
A Ablenkungshosen
Ich würde nicht so weit wie Oscar Wilde gehen
und behaupten, die Amerikaner seien das einzige Land, das den Weg von der
Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg über die Zivilisation gegangen ist, aber
richtig verstanden habe ich die Amis nie. Die USA sind hochverschuldet,
verschieben aber weiterhin die Schuldenobergrenze stetig nach oben; von den
politischen Versprechungen Obamas ist eigentlich nur seine Gesundheitsreform
„Obamacare“ übrig geblieben (und diese mit massiven Problemen); und seit ein
paar Wochen schleicht sich ein Totgeglaubter namens „Kalter Krieg“ nach fast
einem Vierteljahrhundert aus seinem Versteck. Barack Obama hat anscheinend
trotzdem Zeit und Willen, öffentlich über seine Hosen zu reden und mit der Welt
die Erkenntnis zu teilen: „Die Wahrheit ist, dass ich in Jeans sehr scharf
aussehe.“ Vielleicht könnte man hierzulande (nicht nur im Wahlkampf) von den
Amerikanern lernen. Bei all dem, was momentan in der Südtiroler Politik los
ist, könnte es nicht schaden, wenn sich die Medien mit Arno Kompatschers Hose
beschäftigen – wahrscheinlich das momentan einzig saubere.
Abschottungseuropa
Vor genau 20 Jahren
haben die SPIEGEL-Redakteure Hans-Peter Martin und Harald Schumann das Buch
„Die Globalisierungsfalle“ veröffentlicht – Jahre vor dem 11. September, dem
Auftauchen des I.S., dem Arabischen Frühling und den Flüchtlingswellen. Ein
Kapitel widmet sich der brasilianischen Stadt Alphaville, einer 1973 vor den
Toren São Paolos künstlich angelegten Stadt. Hier leben 50.000 Menschen aus
Angst vor Kriminalität vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Die
Siedlungen sind von meterhohen Mauern umgeben, die mit Kameras und
Suchscheinwerfern ausgestattet sind. Private Wachdienste sind rund um die Uhr
im Einsatz. Kinder unter zwölf Jahren dürfen die Stadt nicht verlassen,
Minderjährige nur mit schriftlicher Genehmigung der Eltern, jeder Besucher muss
sich ausweisen, jedes Fahrzeug wird gründlich durchsucht. Alphaville ist das
selbstgewählte Ghetto der Reichen und wurde seitdem weltweit kopiert. „In
Europa leben die Gewalttäter hinter den Mauern, bei uns sind es die
Wohlhabenden“, fasst ein Soziologe die Situation zusammen. Anscheinend ändert
sich das auch in Europa.
Alternativschwierigkeiten
Welche Lottozahlen werden gezogen? Oder wo
werde ich in zehn Jahren stehen? Vielleicht alles Fälle für den Wahrsager. Der
seriöse Blick nach vorne nennt sich Wissenschaft. Wenn ich Wasserstoff und
Sauerstoff zusammenbringe und einen Funken zünde, dann – so das Wissen um die
Zukunft – knallt es. Genauso interessant sind Wahlprognosen. Sieht man sich
aber die Bundespräsidentenwahl in Österreich an, so haben sich die
Meinungsforschungsinstitute nach den Fehleinschätzungen der vergangenen neun
Monate kaum mehr getraut, den Wahlausgang vorherzusagen. Am Tag der Wahl hieß
es noch: „Seriös kann man aktuell nur abschätzen, dass es heute wieder ein
Kopf-an-Kopf-Rennen um die Hofburg gibt.“ Tatsächlich war dann nicht einmal das
richtig. Mit einem Abstand von über 7,5 Prozent kann von einem Fotofinish keine
Rede sein. Was lernen wir daraus? Wenn ich Rechtspopulismus und Linksgrüneuropa
zusammenbringe und eine Wahl zünde, dann verwundert es kaum, dass es mangels
Alternativen zu diesen Alternativen schwierig wird, klare Vorhersagen zu
machen. Aber die Hauptsache ist, es knallt nicht.
Altunbewährtes
Die 80er Jahre sind zurück und die
Schulterpolster kommen wieder. Bitte nicht! Dem Menschen fällt anscheinend
nichts Neues ein. Hollywood versinkt in Remakes und Fortsetzungen, die Musik
bedient sich bei der Vergangenheit und im Fernsehen geben sich Fragensteller
und Kommissare die televisive Klinke in die Hand. „Es gibt nichts Neues unter
der Sonne“ steht schon in der Bibel. Auch politisch treten allerorten
Altbekannte auf. Der Toponomastik-Streit geht in eine weitere Runde, alte
Gräben werden aufgerissen und Tolomei schaut wieder vorbei. Was gerade in der
Türkei passiert, erinnert stark an die 30er Jahre in Deutschland und sollte
jeden Demokraten skeptisch stimmen. Europafeindliche Parteien verzeichnen
kontinentweit Zuwächse. Sogar der Antisemitismus (auch in Südtirol!) ist wieder
auf dem Vormarsch. Der Buchtitel „Er ist wieder da“ klingt damit fast wie eine
prophetische Drohung. Manches sollte wirklich im Gulli der Geschichte
verschwinden und nicht wiederkehren, dazu gehören z. B. totalitäre Systeme,
egoistischer Nationalismus – und natürlich die Frisuren der 80er Jahre.
Ängsteauswahl
„Sind Sie auch der Meinung, dass der Islam
nicht zu Deutschland gehört?“, fragte die Tageszeitung „Dolomiten“. Meistens
werden bei der „Frage des Tages“ drei oder vier Antworten vorgegeben, die in
ihren Formulierungen auch schon einmal mehrere Zeilen lang sein können. Hier
hatte man sich jedoch auf nur zwei und dann sehr knappe Möglichkeiten
beschränkt: Ja oder Nein. Immerhin 86 % der Abstimmenden folgten Horst
Seehofers Meinung und verneinten das Dazugehören. (Übrigens der gleiche
Prozentsatz der Südtiroler, der in der Zeit der Option für Deutschland gestimmt
hatte.) Die Angst vor dem Islam gründet wahrscheinlich weniger in den
religiösen Unterschieden. Dass sich Siegfried Standardsüdtiroler in einer Bar
mit Mohammed Migrationsmoslem aufgrund eines theologischen Disputs über die
Dreifaltigkeit in die Haare bekommen, ist eher unwahrscheinlich. Vielleicht ist
es vielmehr die Angst einer säkularen Gesellschaft, deren Bezug zum Glauben
aufklärerisch gefiltert ist. Vielleicht ist es generell die Angst vor dem
Fremden. Diese hört bekanntlich erst auf, wenn es sich um einen wohlschmeckenden
Döner handelt oder eine gern genutzte, billige Arbeitskraft.
Athenlos
Dass die alten Griechen die Tragödie zur
hohen Kunst erhoben haben, kommt den Journalisten, die über die aktuelle Krise
berichten, sehr entgegen. So können sie immer wieder von der „griechischen
Tragödie“ berichten. Doch wie passend ist dieser Ausdruck? In einer klassischen
Tragödie gibt es eine unausweichliche Katastrophe für den Helden. Gilt dies
auch für den „Anti-Helden“ Griechenland? Was wirklich passieren wird, wenn die Griechen
pleite sind, weiß niemand – nicht einmal Finanzexperten. Liest man deren
Analysen, so kommen auch sie nicht ohne „möglicherweise“, „vermutlich“ oder
„wahrscheinlich“ aus. Für den einen hat ein Staatsbankrott verhängnisvolle
Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft, für den anderen passiert dies
alles im Rahmen des Handhabbaren. Selbst Grexit, also der Austritt
Griechenlands aus dem Euro-Raum, wirft große Fragen auf. Ist so etwas überhaupt
möglich und wenn ja, wie? Das ist wahrscheinlich die eigentliche Tragödie. Wäre
Italien in einer vergleichbaren Situation, müsste für die Journalisten wohl
Dante herhalten – dann wäre alles eine Komödie.
Aufmerksamkeitsbeschaffungswunder
Manchmal genügt es, eine einzige Idee zu
haben. Eine zündende Idee. Besser gesagt: eine zündelnde Idee. „Das Wunder von
Mals“ ist so eine. Eine, die es sogar auf Platz 1 der Südtiroler
Bestseller-Listen geschafft hat. (Interessanterweise auf die Liste
„Belletristik“ – also doch kein Sachbuch, das Fakten wiedergibt?) Dass es tatsächlich
zu dieser fragwürdigen Strafanzeige gekommen ist, war wahrscheinlich die beste
Werbung. „Ich werde akribisch Tagebuch darüber führen, [...] wie es sich
anfühlt, wenn man zum Schweigen gebracht werden soll“, verrät der Autor zu
seinem nächsten Buchprojekt „Pestizid-Tirol-Tribunal“. Ich sehe hier für die
Zukunft eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Die gefilmte Lesereise zu diesem
zweiten Buch wird im Filmclub unter dem Titel „Pestseller“ gezeigt. Die
anschließenden Diskussionsrunden werden (mit Hilfe aus der Malser Apotheke) zum
Gedichtezyklus „Der Krachnich“ verarbeitet und unter clubfreien Apfelbäumen
rezitiert. Höhepunkt des Schaffens wird das autobiographische Musical
„Schiebelung“ sein, inszeniert von der Theatergruppe Mals, in der Hauptrolle
Thomas Hochkofler – und Arnold Schuler & Co. bekommen Freikarten.
Ausgrenzwert
Wenn mich jemand einen Idioten oder Deppen
nennt, dann wäre ich – glaube ich – zu Recht irritiert. Auch wenn in Zeiten von
Böhmermann und Erdogan grobe Ausdrucksweisen bis hin zu Geschmacklosigkeiten
aus satirischen Gründen hoch im Kurs sind, ließe ich mich zum Beispiel ungern
einen Nazi oder Stalinisten schimpfen – ob satirisch oder nicht. Zuviel Blut
und zu viel Menschenverachtung hängen an den genannten Bezeichnungen, als dass
man so einen Vorwurf leichtfertig aussprechen könnte. Ebenso wenig wäre ich
erfreut, wenn mich mein Gegenüber mit dem zweifelhaften Stempel „Faschist“
versieht. Aber Tausende Bozner sehen das anscheinend anders. Dass bei den
Gemeinderatswahlen in der Landeshauptstadt eine italienische Partei, deren
Mitglieder sich stolz „Faschisten des 3. Jahrtausends“ nennen, ihre Stimmen
verdreifachen konnte, lässt einen deshalb sprachlos. Sicherlich: Parteien
dieser Art sind immer auch Ausdruck der ungelösten Probleme ihrer Zeit. Doch
wie formulierte schon der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt: „Im
Gegensatz zur Satire sind der Dummheit keine Grenzen gesetzt.“
B Begriffsklauberküche
Treffen sich zwei
Philosophen. Fragt der eine: „Was ist eine Definition?“ Antwortet der andere:
„Das hängt ganz davon ab, wie du »definieren« definierst.“ Ob Sie über diesen
Witz lachen können, hängt wahrscheinlich ganz davon ab, wie Sie »Witz«
definieren. Aber Spaß beiseite. In der Tat helfen uns klare Bedeutungen sehr
oft. Zumindest in der Theorie. Ein Fall, in dem es um Begriffsklauberei geht,
regt indes auf. In der Causa des deutschen Politikers Sebastian Edathy ist es
zunächst darum gegangen, ob das bei ihm gefundene Bildmaterial – nackte Kinder
von einer einschlägigen Internetseite – juristisch gesehen überhaupt den
Tatbestand der Kinderpornografie erfüllt. Gut, in einem Rechtsstaat muss alles
seine Ordnung haben. Nun entgeht er aber gegen Zahlung eines läppischen Betrags
von 5.000 Euro und dem Geständnis (!) „Die Vorwürfe treffen zu“ einem Prozess
und ist damit nicht vorbestraft. Dass er aber gleichzeitig rechtlich korrekt
behaupten kann, dass es „keine Schuldfeststellung“ gab, bestärkt das Gefühl,
dass es eine Gerechtigkeit jenseits der Begrifflichkeiten geben muss.
Belaststoffe
Stellen Sie sich vor, Sie laden einen
unliebsamen Gast aus, er kommt aber trotzdem in Verkleidung auf Ihre Feier –
und Sie merken es nicht einmal. In der neuen Rubrik „Wortspaltung“ möchte ich
Wirtschaftstreibenden, Politikern und Kulturschaffenden auf die Buchstaben
sehen, schauen, was sich hinter einzelnen Ausdrücken und Aussagen versteckt,
Worte aufspalten und das eigentlich Gemeinte zum Vorschein bringen.
Lebensmittelskandale gab es in den vergangenen Jahren zur Genüge. Dass immer
mehr Menschen vorsichtiger werden und auf eine gesunde Ernährungsweise achten,
ist deshalb nachvollziehbar. Nehmen wir uns die folgende Versprechung auf
Lebensmittelpackungen vor: „Ohne Geschmacksverstärker Glutamat“. Wenn man sich
die Zutatenliste ansieht, wird man meist auf einen zunächst unverdächtig
scheinenden Bestandteil namens Hefeextrakt (neuerdings sogar Biohefeextrakt)
stoßen. Hinter dem harmlos klingenden Inhaltsstoff verbergen sich aber mehrere
Geschmacksverstärker, darunter auch Glutamat – ohne dass die Hersteller rechtlich
gesehen verpflichtet sind, dies auf der Packung zu erwähnen. Und schon ist er
wieder da, der unliebsame Gast.
Binsenweißheit
Zu jeder Handlung gibt es eine Alternative:
die Unterlassung. Bei den Gemeinderatswahlen haben die Südtiroler dies weidlich
genutzt. 1. Indem sie sich gar nicht an die Urnen bemüht haben – immerhin fast
eine Drittel. 2. Indem sie die Stimmzettel jungfräulich weiß eingeworfen haben.
Besonders prekär war dies in Stilfs. Aus den 100 % Zustimmung für den einzigen
Bürgermeisterkandidaten werden bei Berücksichtigung von Wahlbeteiligung und
ungültigen Stimmen (fast die Hälfte!) weniger als 33 %. Ein deutliches Signal
für mehr Alternativen – es müssen ja nicht gleich 19 Kandidaten wie in Algund
sein. Während die weißen Stimmzettel nachvollziehbar und gerade ob der
Wahllosigkeit Ausdruck des Wählerwillens sind, habe ich weniger Verständnis für
die immer größer werdende Zahl der Nichtwähler. Was soll damit ausgedrückt
werden? Dass die Demokratie abgeschafft gehört? Dass man erst wieder bei
„anständigen“ Kandidaten wählen werde? Zumindest in St. Ulrich ist die
ungültige Wahl verständlich: nur eine Liste und ein Bürgermeisterkandidat sind
zu wenig. Demokratie braucht echte Wahlmöglichkeiten.
Bürgxmeistx
Ich wusste schon eine knappe Woche vor den
Gemeinderatswahlen, wer in Schluderns Bürgermeister wird. Warum ist diese
Behauptung falsch? Nein, nicht weil man aufgrund der verworrenen Situation als
Nicht-Schludernser eine solche Vorhersage gar nicht hätte machen können,
sondern weil sich sprachlich sensible Mitbürgerinnen am Wort „Bürgermeister“
stoßen könnten. Denn es wäre durchaus möglich gewesen, dass Schluderns dieses
Mal eine Bürgermeisterin bekommt. Da aber das Oberhaupt einer Gemeinde männlich
oder weiblich sein kann und zudem nicht nur für Bürger, sondern auch für
Bürgerinnen da sein sollte, müsste man konsequenterweise von Bürger- und
Bürgerinnenmeistern und Bürger- und Bürgerinnenmeisterinnen sprechen. Ja, es
ist anstrengend, niemanden zu diskriminieren. Eine Professorin für transdisziplinäre
Geschlechterstudien an der Berliner Humboldt-Universität hat jetzt
vorgeschlagen, Endungen prinzipiell wegzulassen und durch ein „x“ zu ersetzen:
„Die x-Form soll deutlich machen: Es gibt auch noch mehr als Frauen und
Männer.“ Aha! Heißt das dann, dass man in Schluderns auch mit einem Pferd hätte
rechnen müssen?
D Danteschützen
Es ist immer eine Gratwanderung: Ist uns
etwas wertvoll und wichtig, weil wir es um seiner selbst willen schätzen, oder
weil es für etwas anderes nützlich ist? (Ist das schwache Bekenntnis der
Vinschger Schützen zu Österreich ein Zeichen dafür, dass diese keinen Nutzen
mehr darin sehen? Seitenhieb Nr. 1) Die eingangs gestellte Frage betrifft immer
wieder auch den Sprachunterricht. Die alte Klage vom schlechten Italienisch-Unterricht
beispielsweise wird regelmäßig von den Medien aufgegriffen. Die aktuelle
Situation veranlasste das Landesbeiratfrüchtchen Matthias von Wenzel gewohnt
selbstsicher herumzuposaunen: „Ich bin nicht davon überzeugt, dass es notwendig
ist, Dante zu lesen.“ Und viele würden ihm recht geben. Unter dem Strich zählt
für sie stets der im weitesten Sinn wirtschaftliche Vorteil. (Mit ähnlichen
Argumenten könnte man auch das Fach Französisch durch Spanisch verdrängen.
Seitenhieb Nr. 2) Vielleicht aber verhindern Dante-lesende Schüler eher eine
„höllische“ Zukunft, als jene, die das Paradies stets durch eine
Registrierkasse sehen wollen. Es bleibt ein Fegefeuer.
Digitaldiktatur
„Die Verlierer haben stets ein viel größeres
Wissen als die Sieger, wenn du siegen willst, musst du eins und nur dieses eine
wissen und darfst keine Zeit damit verlieren, auch noch alles andere zu
lernen“, so schreibt Universitätsprofessor und Autor Umberto Eco in seinem
neuesten Buch. Wer heute zum Beispiel „Digitalisierung!“ schreit, kann getrost
mit breiter Zustimmung aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft rechnen. Die
Generation, die ohne Computer aufgewachsen ist, sitzt heute an den wichtigsten
Stellen, und stimmt in den Chor ein, wie schwierig doch früher alles war und
wie leicht heute alles gehe (und gehen müsse). Für den, der nur diese eine
Sache weiß, gibt es deshalb auch nur ein Credo. Wer aber nicht nur Sprachrohr
des Zeitgeistes ist, und sich mit Themen wie Datenschutz, Big Data, den
Geschäftspraktiken der großen Internet-Konzerne, den CO2-Fußabdruck
digitaler Medien, Data Fusion, dem Energieverbrauch einer Google-Abfrage, der
Sinnhaftigkeit in konkreten Fällen, neurologischen Studien uvm. befasst – also
ein wesentlich umfassenderes Bild zum Thema besitzt –, der hat schon verloren.
Früher wurden die Überbringer schlechter Nachrichten getötet. Heute werden sie
– wie zivilisiert! – überschrien oder ignoriert.
Doppelpassatwind
Ich bin Österreicher. Der Doppelpass spaltet
die Südtiroler. Nur ein europäischer Pass ist ein guter Pass. Ich bin stolz auf
meine italienische Staatsbürgerschaft. Es ist mein sehnlichster Wunsch, mich
dem früheren Vaterland näher zu fühlen. Der Doppelpass öffnet die
österreichischen Grenzen für Flüchtlinge, die in Südtirol leben. Niemand
braucht eine zweite Option. Ich singe gerne die italienische Hymne bei
Sportveranstaltungen. Wer einen österreichischen Pass will, ist eine
Dumpfbacke. Ihr habt keine Ahnung von Geschichte. Nur wer einen Ahnenpass
vorweist, wird Österreicher. Es gibt viel Wichtigeres. Grüne und Faschisten
ziehen an einem Strang. Wer einen österreichischen Pass will, steckt mit Nazis
unter einer Decke. Man muss nur wollen. Das ist alles nur vorgezogener
Wahlkampf. Der Doppelpass ist nichts anderes als ein Placebo für eine
Sehnsucht. Lieber Landstreicher als Österreicher. Im Falle eines Krieges
könnten Südtiroler gegen Südtiroler kämpfen. Suchen Sie sich etwas aus, wenn
Sie mitdiskutieren wollen. Dazu zwei Gedanken, die für beide Seiten gelten:
„Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein.“ (Arthur Schopenhauer)
und „Die eigentliche Wunde ist die Diskussionskultur in Südtirol.“ (Alexander
Schiebel).
E Eltereinsunser
„Ich finde es
jedenfalls nicht gerecht, dass Frauen durchschnittlich länger leben als Männer.
Niemand würde absurderweise ein kürzeres Leben für Frauen fordern.“ Dieser Satz
stammt vom Evolutionsbiologen Axel Meyer, der sich mit den Unterschieden
zwischen den Geschlechtern befasst. Auch ich kann der von vielen so gern
gesehenen Gleichmacherei wenig abgewinnen. Wer dauernd krampfhaft Unterschiede
leugnen muss, der ist mir suspekt. Meyer äußert sich außerdem zu
Geschlechtergerechtigkeit und Frauenquoten – mit den Gemeinderäten von Glurns
und Kurtinig auch bei uns ein Thema. Er weist darauf hin, dass es immer um
Professorenstellen und Aufsichtsratsmandate ginge, dass man aber kaum von
Quotenforderungen für Kindergärtner oder Müllfrauen höre. Das ist ein Zeichen,
dass es dabei nicht nur um Gleichberechtigung geht. Wenn ich lese, dass man
sogar „Vater“ und „Mutter“ durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzen will, dann
stelle ich mir vor, wie sich Kinder zu Weihnachten beim Opa mütterlicherseits,
pardon, bei Großelter 1.2 für die Geschenke bedanken. Dagegen bete ich ein
Eltereinsunser!
Entmündigungslösung
Manche Meldungen
erscheinen zunächst als verspäteter Aprilscherz. „Mit [...] blinkenden
LED-Leuchten will man dafür sorgen, dass Passanten auch dann das rote
Ampel-Signal sehen, wenn der Blick zum Boden gerichtet ist.“ Augsburg will
Bompeln (= Boden-Ampeln) einführen, weil immer mehr Menschen mit ständig
gesenktem Blick auf das Smartphone zur Gefahr im Straßenverkehr werden. Da ist
natürlich die Frage erlaubt, ob nicht ein bisschen mehr Erziehung zu
Eigenverantwortung besser wäre, als für jedes diskussionswürdige Verhalten eine
Lösung zu ersinnen. In Köln – auch das kein Aprilscherz – machen an Kreuzungen
sogar rot und grün gekleidete Pantomimen die Menschen darauf aufmerksam, dass
die Verkehrsregeln auch für sie gelten. Auf der anderen Seite ergeben sich
daraus neue Möglichkeiten. Wer gegen 18 Uhr im Zug von Bozen in Richtung
Vinschgau sitzt, weiß, dass ganze Waggone mit zugestöpselten Fahrgästen gefüllt
sind. Man könnte z.B. Haltestellenansagen direkt in den Kopfhörer einspeisen
oder auch Hinweise, wann die Toilette frei ist – oder nachfragen, ob es nicht
Zeit fürs Töpfchen wäre.
Erziehungsverpflichtete
Wie so viele Menschen überspringe ich einen
Teil des Tagblattes nie – den der Todesanzeigen. Interessant ist
beispielsweise, was oft in der Zeile unter dem Namen und den Lebensdaten der
verstorbenen Person steht. Da liest man neben urigen Vulgonamen von Tiroler
Landmännern, Hotelbesitzern, Weltkriegsteilnehmern, Verdienstkreuzträgern,
Kunstmalerinnenehegatten und, wie vor einiger Zeit, von einer „Mutter von 7
Kindern“. Die verstorbene Frau war schon fortgeschrittenen Alters und in ihrer
Generation waren sieben Kinder und auch wesentlich mehr sicherlich keine
Seltenheit. Doch die hinterbliebenen Kinder würdigen damit, ganz entgegen dem
Zeitgeist, ihre Lebensleistung – die vielleicht herausforderndste und
schwierigste Aufgabe, der man sich stellen kann. In Zeiten, in denen vor
Gericht häufig um die Erziehungsberechtigung gestritten wird, ist der Gedanke,
dass es nicht nur ein Recht der Eltern, sondern vor allem auch eine Pflicht
gegenüber den Kindern gibt, ein sehr wertvoller. Aber das ist freilich in
unserer Abschiebegesellschaft sozial- wie auch wirtschaftspolitisch pure
Ketzerei.
Europarevision
Wenn man als Südtiroler gefragt wird, ob man
sich als Österreicher oder Italiener fühle, so gehört es fast schon zum guten
Ton zu antworten, man sei Europäer. Die Idee „Europa“ ist eine Idee der
Zuversicht, der Freiheit und des Friedens in der jahrtausendelangen
Kriegsgeschichte der Menschheit. Dass man diese Idee verteidigt, scheint
deshalb nur selbstverständlich, und die Anschläge in Paris sind auch ein
Angriff auf Europa. Aber so tragisch und feige sie waren und so sehr allen
Angehörigen von Opfern unser Mitgefühl gilt, man sollte die Frage stellen, wie
weit Europa gehen darf. Seit vielen Jahren versuchen europäische Staaten
Afghanistan, den Irak, Syrien und Libyen zu befrieden – mit Bomben,
Bodentruppen, Waffenlieferungen und anderen Formen der Intervention. Doch statt
Frieden und Freiheit gibt es über 1,3 Millionen Tote, immer mehr hasserfüllte
Terroristen und schlimmere Zustände als zuvor. Immanuel Kant hat es bereits vor
220 Jahren auf den Punkt gebracht: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und
Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“ Er wusste warum.
F Faschismusblindheit
In einer Zeit, in
der – so scheint es – jede Einstellung und Vorliebe toleriert werden muss, ist
es interessant zu sehen, dass es doch einige Bereiche gibt, die für die
überwiegende Mehrheit jenseits der Toleranzgrenze liegen: Menschenhass,
Kindesmissbrauch und Rechtsextremismus gehören dazu. Umso erstaunlicher ist es,
und dies ist leider keine Neuigkeit, wie locker man in Italien mit
faschistischen Umtrieben umgeht. „Ich bin Faschist“, so erklärte der Bozner
Gemeinderat Andrea Bonazza im Radio, außerdem würde es Italien unter Mussolini
heute wesentlich besser gehen. Der Faschismus ist zwar durch Verfassung und
Gesetze verboten, trotzdem soll ein Verfahren gegen ihn jetzt eingestellt
werden. Es handle sich um eine persönliche Ansicht, er hätte niemanden aufgefordert,
Faschist zu werden, so die Begründung der Staatsanwältin. Man muss staunen.
Kaum bekannt ist, dass mit dem Movimento Fascismo e Libertà in Italien eine
Partei existiert, deren Ideologie sich strikt an Mussolini hält und zudem
Mitglied im Weltverband nationalsozialistischer Parteien ist. Man kann sich nur
noch wundern.
Fehlerglobalisierung
Der Südtiroler Autor Herbert Rosendorfer
lässt in seinem bekanntesten Roman den Chinesen Kao-tai in München ausgerechnet
in ein chinesisches Restaurant gehen. Dort wundert sich dieser über den Unsinn,
den die ihm zweifellos bekannten chinesischen Zeichen an den Wänden des Lokals
ergeben. Auch bei uns sieht es nicht viel besser aus. „Keep your body in a well
shape“: Dieser englische Satz ist auf der Verpackung eines ansonsten
hochwertigen lokalen Produkts zu lesen. Wie ein Qualitätssiegel leuchtet er dem
Hungrigen entgegen – allerdings grammatikalisch falsch. Wir haben uns so daran
gewöhnt, international und weltoffen zu scheinen, dass Fragen nach sprachlicher
Korrektheit, geschweige denn nach dem Sinn krampfhafter Fremdsprachennutzung
immer zuletzt gestellt werden (wenn überhaupt). Wenn nicht einmal die
englischen Aufschriften richtig sind, was muss erst die Käufer in Griechenland,
Russland und Saudi Arabien erwarten, Länder, in denen nicht nur eine andere
Sprache gesprochen, sondern sogar eine andere Schrift verwendet wird. In diesem
Sinne: Halten Sie Ihren Geist in guter Form.
Flaggenzwickmühle
Es ist nur ein Stück Stoff. Es sind nur
Farben. Und doch hängt so viel daran. Eine Flagge ist ein Symbol, das Menschen,
ein Land und ihre gemeinsame Geschichte verbindet – und als solches ist es
nicht beliebig. Dass in der italienischen Trikolore 2006 per Gesetz das
Tomaten- dem Scharlachrot und das Wiesen- dem Farngrün weichen musste, darüber
kann man sicherlich schmunzeln. Aber wer 1932 in Deutschland Schwarz-Weiß-Rot
hisste, war kein Demokrat; wer 1956 in Ungarn das Wappen aus der Flagge
schnitt, war kein Kommunist; und wer 2011 in Libyen an der grünen Flagge
festhielt, war wohl ein Anhänger von Diktator Gaddafi. Hinter jeder Flagge
steht eine bestimmte Überzeugung. Seit 20 Jahren wird in Italien alljährlich am
7. Jänner der Tag der Trikolore begangen. Auch heuer sollten alle öffentlichen
Gebäude entsprechend beflaggt werden. Dass dies nicht allen Südtirolern
gefällt, überrascht nicht. Wesentlich gravierender aber als ein legales Symbol
dieser Art ist, dass es hier immer noch genügend faschistische Symbole und
Relikte gibt, die nicht nur einmal pro Jahr fehl am Platze sind.
Flüchtlingsstarkstrom
Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. 1685 die
Religionsfreiheit in Frankreich endgültig aufhob und es erneut zu massiven
Gräueltaten an den französischen Protestanten kam, flohen etwa 200.000 Menschen
in die umliegenden Nachbarländer. Da sich unter den Flüchtlingen auch
Unternehmer, Kaufleute und Handwerker befanden, erhofften sich einige Staaten
sogar einen Zuwachs an Fachwissen und Handelsbeziehungen. Die Schweizer
Industrie zum Beispiel profitierte stark von den mitgebrachten Kenntnissen über
tragbare Uhren und deutsche Kleinstaaten, die durch den Dreißigjährigen Krieg
entvölkert worden waren, benötigten dringend Nachwuchs. So waren die
Flüchtlinge zumindest bei den Obrigkeiten willkommen. (Bei der Bevölkerung sah
es allerdings ganz anders aus.) Während es so für Einwanderungsländer ein
Vorteil war, erlitt Frankreich langfristige Schäden. Das sollte man bei der
heutigen Flüchtlingskrise im Hinblick auf Zukunft und Stabilität der
Ursprungsländer bedenken. Zwei deutsche Staatsminister bringen es in der FAZ
auf den Punkt: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, nicht die
Flüchtlinge!“
Flughafenspaltung
Nicht wenige fühlten sich hin- und
hergerissen – gerade wenn sie bei ihrer Entscheidung für das
Flughafen-Referendum die Argumente beider Seiten unvoreingenommen
berücksichtigten und nicht nur die Ja/Nein-Broschüre aufmerksam studierten.
Nicht neu war dabei, dass es die Befürworter in Fällen wie diesen oft leichter
hatten, sich darzustellen und in der Öffentlichkeit aufzutreten. Progressiv, weltoffen,
positiv: Das macht sich immer gut. Die Ablehner hingegen umwehte der Hauch der
Nein-Sager, der Verhinderer und Unfortschrittlichen, die mit zu vielen „könnte“
und „möglicherweise“ umherwerfen mussten. Noch erwähnenswerter ist allerdings
die Bildsprache der Befürworter. Zuerst ein Kleinflugzeug haltendes Kind auf
den Schultern eines Guck-in-die-Luft-Vaters, dann ein ausfaltbares Werbeblatt
mit einem Flughafen-Wimmelbild samt drolligen Figuren und lustigen Situationen.
Sollte das unterhaltsame PR für eine infantile Zielgruppe sein? Oder lautete
die Botschaft einfach: Der Bozner Flughafen ein kindlich-unschuldiges
Unternehmen? Ich bin schon gespannt, wie es jetzt weitergeht.
Fremdstaatskörper
„Süd-Tirol ist nicht Italien“: Von
Nicht-Klotz-Knoll-Wählern belächelt oder auch aufs Heftigste kritisiert, durch
„Schluderns ist nicht Schlanders“ und „Sven ist kein Südtiroler Name“
parodiert. Doch in Zeiten eines „allgemeinen Klimas gegen Sonderautonomien“
seien ein paar Gedanken angebracht. „Rom hat zu wenig Ahnung von Südtirol“,
titelt das Tagblatt und zitiert PD-Senator Francesco Palermo. Dass einer der
Gründe dafür ist, dass Südtiroler Politiker jahrelang nach dem Motto „Je
weniger man in Rom von uns weiß, desto besser ist das für unsere Verhandlungen“
gearbeitet hat, macht die Angelegenheit nicht besser. Ganz im Gegenteil. Es
herrscht eine permanente Stimmung des Misstrauens, in der Südtirols Autonomie
jeden Tag aufs Neue verteidigt werden muss (trotz anscheinend so guter
Absicherung) und in der immer wieder Stimmen für eine Abschaffung der
Sonderautonomien laut werden – sogar wenn eine Partei am Ruder ist, die sich
mit der SVP in einer Koalition befindet. Wie immer man zur eingangs zitierten
Aussage steht: Dazu-Gehören oder sogar Sich-als-ein-Teil-Fühlen sieht anders
aus.
Fruchtethik
Unsere Freiheit, Entscheidungen zu treffen,
lassen wir uns ungern nehmen. Allerdings wird diese auf eine Probe gestellt,
wenn es zum Beispiel darum geht, eine Packung Äpfel mit dem Hinweis
„Herkunftsland Neuseeland“ zu kaufen. Aus welchem Grund sollte man sich im
Apfelparadies für Äpfel vom anderen Ende der Welt entscheiden? Allein der
Transport um die halbe Erde kann doch ethisch kaum vertretbar sein, wenn der
Blick aus dem Fenster sehr oft an Apfelbäumen endet. Manche Klimaexperten
rechnen jedoch überraschenderweise vor, dass es für den CO2-Fußabdruck bei
einem Transport per Schiff unter dem Strich nicht große Unterschiede gebe
zwischen den neuseeländischen Äpfeln und den einheimischen, wenn diese
monatelang in einer Lagerhalle unter großem Energieaufwand gekühlt werden
müssen. Viel entscheidender sei es, wie wir zum Supermarkt gelangen. Es liegt
an uns. Drei Kilometer Autofahrt und jeder heimische Vorteil ist in die Luft
geblasen. Also hinauf aufs Rad oder hoch das Bein! Bei Früchten, die
eingeflogen werden müssen, nutzt allerdings auch das Abstrampeln auf dem Rad
nichts mehr.
Frühjahrskriegsputz
Man muss schon zwei Mal lesen, um es zu
glauben. Die deutsche Bundeswehr hat in einem NATO-Manöver anstelle von
Waffenrohren schwarz angemalte Besenstiele verwendet. Deutschland gibt – im
Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt – weniger Geld für das Militär aus als
Italien oder Griechenland, nur halb so viel wie die Ukraine, und weniger als
ein Drittel verglichen mit den USA oder Russland. Angesichts Deutschlands Rolle
in der Weltpolitik könnte man dies als Pazifist begrüßen und das berühmte
Carl-Sandburg-Zitat ändern: „Stell dir vor, es ist Krieg und ... du machst
nicht mit.“ Aber so einfach ist es leider nicht. Wie sehr uns Konflikte, die
weit entfernt sind, auch hier in Europa direkt betreffen, sieht man täglich:
Flüchtlingswellen, Anschläge, Erdgasengpässe etc. Doch zurück zu den
Besenstielen. Meldungen dieser Art haben sich in letzter Zeit gehäuft. Damit
will man wohl die Bevölkerung auf die Notwendigkeit, das Militärbudget
aufzustocken, vorbereiten. Aber vor einem Krieg als wirklich „letztes Mittel“
braucht es den Weg aller anderen Mittel – und es muss ein langer Weg sein.
Fusillivorliebe
Maccaroni oder Penne? Manche Menschen machen
sich darüber keine großen Gedanken. Teig ist schließlich Teig. Viel eher kommt
es darauf an, wie die Nudeln serviert werden, ob mit Tomatensauce oder
Trüffelöl. Kaum anders ist es in der Politik. In Frankreich zum Beispiel heißt
es: Macron oder Le Pen? Machtmensch ist schließlich Machtmensch. Viel eher
kommt es darauf an, was sie uns kredenzen werden. Sozialliberalismus und
Sparpolitik auf der einen, Nationalchauvinismus und Europafeindlichkeit auf der
anderen Seite. Wer mich vor dem Referendum in Großbritannien gefragt hätte, ob
die Brexit-Befürwörter erfolgreich sein werden, so hätte ich das nicht für
möglich gehalten. Bei der Wahl zum amerikanischen Präsidenten ist es mir zwar
ähnlich gegangen, aber ich war schon vorsichtiger. Das Unmögliche wurde zum Möglichen.
Nun blicke ich gespannt nach Frankreich. Wenn diese Zeilen erscheinen, wissen
wir bereits, wie die Stichwahl ausgegangen ist. Bleibt zu hoffen, dass das
Friedensprojekt Europa keinen Schaden nimmt. Eines weiß ich allerdings jetzt
schon: Von Penne werde ich immer so (ar)rabiat.
G Gedankenmobilität
Ich hatte vor kurzem die zweifelhafte Ehre an
einer Veranstaltung zum Thema Mobilität teilzunehmen. Vorne saßen Politiker und
Industrielle. „Mobilität“ ist einer jener Begriffe, die unantastbar,
unhinterfragbar scheinen. Daran zu kratzen, gilt schon als Ketzerei. Ich finde
das bedenklich. Denn eine Demokratie – und die Vermutung, dass wir in einer
solchen leben, gilt immerhin noch – braucht Meinungsvielfalt und nicht
diskussionsimmune Konzepte. Im Laufe der Veranstaltung wurde erklärt, dass es
ganz normal sein wird, dass man in so großen Distanzen miteinander arbeitet,
dass man sich überhaupt nicht mehr kennt. Die Frage, ob eine solche Entwicklung
in die Anonymität tatsächlich erstrebenswert ist, wurde gar nicht gestellt. Der
Zweck des gesamten Theaters – Information, Werbung oder stark vorgezogener
Wahlkampf? – blieb bis zum Schluss im unbewegten Dunkel. Dass Fragen von
Anwesenden nicht beantwortet worden sind, gehört natürlich dazu. Schließlich
wurden die Zuhörer dazu aufgerufen, Vorschläge für die Zukunft zu formulieren –
mit dem Hinweis „Denkt nicht daran, was vernünftig ist.“
Gefühlsvorrang
Egal ob die Briten
mit Unwahrheiten in den Brexit gesteuert sind oder sich Donald Trump mit Lügen
und Wortverdrehungen durch den Wahlkampf pöbelt – das Adjektiv der Stunde ist
„postfaktisch“. Gemeint ist die Tatsache, dass Tatsachen in der Politik einen
immer geringeren Stellenwert besitzen. Viel wichtiger als der Informationswert
ist der Effekt, den eine Aussage hervorruft. Also, schauen, was passiert,
anstelle von schauen, ob es stimmt. Für eine Demokratie ist eine solche Haltung
nicht ungefährlich. Wie sollen Probleme in einer gemeinsamen Diskussion gelöst
werden, wenn Tatsachen als Grundlage an Bedeutung verlieren? Jeder hat zwar das
Recht auf eine eigene Meinung, aber – so wird häufig bemerkt – niemand besitzt
das Recht auf eigene Fakten. Auch nicht außerhalb der Politik. Wenn aber
Tatsachen gegenüber persönlichen Gefühlen eine untergeordnete Rolle spielen,
dann ist das fast so, als würde man medienwirksam herumposaunen, im Vinschgau
befände sich die beste Oberschule des Landes, eine problemfreie Wohlfühloase in
der pädagogischen Wüste. Willkommen im postfaktischen Zeitalter!
Geldfäulnis
„Faule Kredite in der Höhe von insgesamt 187
Milliarden Euro belasten zurzeit die Bilanzen der italienischen Banken.“
Meldungen dieser Art können wir fast tagtäglich lesen. Und das nun schon seit
gut sieben Jahren. Die erwähnten Zahlen sind meist so hoch, dass wir uns wenig
darunter vorstellen können. So wird diesen Beträgen kaum größere Beachtung
geschenkt. Ich möchte deshalb einen Vergleich anstellen, der zeigt, um welche
Größenordnung es sich handelt. Stellen wir uns vor, Ötzi wäre auf wundersame
Weise unsterblich geworden und würde heute noch leben. Er hätte seit seiner
Geburt jeden einzelnen Tag bis heute 100 Euro ausgeben können. Würde man aber
so an den eingangs erwähnten Betrag kommen? Nein, es würde 1.000 Ötzis
brauchen, die seit über 5.000 Jahren jeden Tag 100 Euro ausgeben. Dann hätten
wir jenen Betrag, der sich ergibt, wenn man alle momentan in Italien vergebenen
Kredite, deren Rückzahlung ungewiss ist, zusammennimmt. Letzten Endes werden
wir dafür bezahlen. Wie heißt es so schön: Die Banken können uns alle zu
Millionären machen – wenn wir vorher Multimillionäre waren.
gentechnikunfrei
Wie sehr immer mehr Menschen empfindlich auf
den oft unbedachten Umgang mit der Natur reagieren, zeigt die intensiv geführte
Diskussion um den Pestizideinsatz. Ein weiteres heißes Eisen in diesem Bereich,
das in Zukunft sicherlich noch an Bedeutung gewinnen wird, ist die Gentechnik.
Können wir sicher sein, dass wir keine gentechnisch veränderten Lebensmittel
konsumieren, wenn wir dies nicht wollen? Die Frage muss leider eindeutig mit
einem Nein beantwortet werden. Ein Beispiel, das dies veranschaulicht, betrifft
den Honig. Enthält dieser Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen wie
Mais, Soja oder Raps – dies ist bei importiertem Honig praktisch nicht zu
vermeiden – muss dies auf dem Etikett nicht mehr angegeben werden. Wie ist das
möglich, wenn doch der Europäische Gerichtshof 2011 eindeutig gegen eine solche
Praxis entschieden hat? Die Lösung liegt schlicht in der Definition. Pollen
sind laut EU-Gesetz seit kurzem nicht mehr als „Zutat“ definiert sondern als
„natürlicher Bestandteil“. So wird das Urteil des Gerichtshofs einfach umgangen
– und wir haben den klebrigen Salat!
Gescheitelkeiten
Es ist schon einige Jahre her, dass mein
Lateinlehrer in die Klasse gekommen ist und sich darüber aufgeregt hat, dass
die Zeitungen schreiben, der Papst wäre für den Frieden. Auch unsere Putzfrau
wäre für den Frieden, aber darüber würde niemand berichten. In der Tat stellt
sich die Frage, inwieweit eine Aussage oder ein Argument bedeutsam wird, je
nachdem, wer es ausspricht. Natürlich hören wir auf den HNO-Facharzt und nicht
auf den Tischler, wenn die Nase tropft, und auf Albert Einstein und nicht auf
Luis Durnwalder, wenn es um theoretische Physik geht. Wer auf einem Gebiet
exzellent ist, muss es nicht auf einem anderen sein. Aber selbst wenn: Sogar
Experten können sich irren (und tun dies auch)! Wenn ich nun über bzw. unter
(je nach Zeitung) einem apothekrigen Leserbrief lesen muss, was der Schreiber
alles ist, kann und macht – und einiges wenig bis nichts mit dem Inhalt des
Briefes zu tun hat –, dann werde ich den Eindruck nicht los, dass hier
persönliche Eitelkeiten eine nicht unwichtige Rolle spielen. Das macht die
ganze Sache suspekt. Rechtfertigungsversuche hin oder her.
Glaubensungelegenheiten
Was bedeutet es, wirklich an etwas zu
glauben? Ich verstehe hier Glauben als eine tiefe, existentiell bedeutsame
Überzeugung, für die man bereit ist zu kämpfen, deren Ablehnung man nicht
akzeptiert und wo die eigene Toleranz Andersdenkenden gegenüber aufhört. Im
Islam glaubt man an Allah, Mohammed und den Koran. Dass dies falsch sein könnte
oder Jahwe, Gott und Allah ein und derselbe sind, gehört nicht dazu. Sonst
würde man nicht wirklich davon überzeugt sein. Im Westen kennt man diese Form
des Bekennens – zum Christentum (zur Erinnerung!) – kaum mehr. Wir glauben aber
an Demokratie und Menschenrechte, wie zum Beispiel das Recht auf
Selbstbestimmung, auf freie Meinungsäußerung und an die Religionsfreiheit. Das
letztgenannte Recht zeigt klar, dass wir an die alleinige Wahrheit der
Religion, die uns zwei Jahrtausende lang geprägt hat, nicht mehr glauben. Für
die erwähnten Freiheiten aber gehen wir auf die Straße, führen sogar Kriege und
tolerieren – bei aller Toleranz – widersprechende Überzeugungen nicht. Fazit:
Es ist schwierig, über unvereinbare Glaubenssysteme zu diskutieren.
Grapschersuche
Seit Monaten wird die Welt von Belästigungs-
und Missbrauchsskandalen in Atem gehalten. (Auch wenn das große öffentliche
Interesse schon zu schwinden scheint.) Ausgehend von der amerikanischen
Filmindustrie über die österreichische Politik bis zum deutschen Fernsehen und
Theater hat es das Thema schon geschafft. Unzählige betroffene Frauen (und
einige Männer) haben sich zu Wort gemeldet. Dass unter dem Stichwort
„Belästigung“ und dem Hashtag #metoo so ziemlich alles zwischen fragwürdigen
Äußerungen bis abscheulichen Straftaten subsumiert wird, stört die öffentliche
Diskussion selten. Bleibt eine Frage. Wieso hat es das Thema bisher nicht mit
eigenen Protagonisten auf Südtirols Titelseiten geschafft? Es wird doch im
heiligen Land Tirol zumindest einen Grapscher geben. Oder jemanden, der – frei
nach dem österreichischen Grünen Peter Pilz – Weisheiten à la „Was hilft das
Edelweiß auf deinem Busen, bringt die Basiswahl nur Stimmenflusen“ dichten
kann. Vielleicht ist auch die heimische Unterhaltungsindustrie (trotz
großzügiger Filmförderung) noch zu wenig mächtig. Potential bieten immerhin die
im Herbst stattfindenden Landtagswahlen. Auf dem Weg dahin liegen Sommer und
Sommerloch. Wer weiß, was noch auf uns zukommt.
H Heimatschweinereien
Die aktuelle Ausgabe der Kulturzeitschrift
39NULL beschäftigt sich mit dem Fremden. Wer das Magazin in die Hand nimmt und
darin liest, dem wird klar, dass das Fremde nicht nur ethnisch, geographisch
oder ideologisch von uns entfernt ist. Sehr oft hält es sich hinter einer
unsichtbaren Grenze emotional von uns fern. Diese Distanz bietet aber auch
Möglichkeiten. Radiosender, die hauptsächlich von Jugendlichen gehört werden,
schicken Lieder über den Äther, deren Texte in deutscher Übersetzung wohl kaum
jemand laut vorlesen würde. Die österreichische Sängerin Xenia hingegen wurde
vor Jahren mit einem strikten Radioverbot belegt, weil ihre deutschen Lieder zu
eindeutig waren – mit denselben Inhalten und Ausdrücken in englischer Sprache
hatte man kein Problem. Auch in Südtirol nutzt man die Distanz des Fremden:
„What the fuck is Heimat?“ wird in Brixen im Rahmen einer Veranstaltung
gefragt. Man ist geneigt, die Frage nicht wörtlich zu übersetzen (dafür aber
andere Fragen zu stellen). Immerhin: Geflucht wird auch auf Italienisch – es
ist eben einfacher, wenn man’s nicht versteht.
Hellbräune
„Wie frustrierend
muss es sein, dauernd eine Rechtfertigung finden zu müssen, für das, was man
tut.“ So der nur scheinbar bemitleidende Anfang eines Interviews mit der
Südtiroler Deutschrock-Band Frei.Wild. Immer wieder wird der Sänger auf seine
rechte Vergangenheit angesprochen. Die texanische Band ZZ Top – bekannt für
ihre langen Vollbärte – wurde einmal gefragt, ob sie es nicht leid seien,
dauernd mit diesen Bärten herumzurennen. Sie haben geantwortet, wenn sie sich
heute rasieren würden, wären sie zwar morgen auf der Titelseite jeder
Zeitschrift, aber ab übermorgen würde sich niemand mehr für sie interessieren.
Könnte sich Frei.Wild eine vollkommene Kehrt- und Abwendung leisten? Die
Provokation, das Brachiale, die Parolen und rechten Deutungs- und
Identifikationsmöglichkeiten, das wollen viele Hörer (und Käufer!) nicht missen.
Das gehört zur Band, wohlwissend welches Publikum sie damit anspricht und
anzieht. Würde Philipp Burger morgen plötzlich über die Biene Maja singen, die
Fans wären verwirrt und die Musikkritiker ratlos ob des Symbolgehalts von Kurt,
dem braunen Mistkäfer.
Herzösterreich
Wenn es um König Fußball geht, dann steht
manch ein Südtiroler vor einem Dilemma. Zu Deutschland oder zu Italien helfen?
Das ehemalige Vaterland Österreich ist meistens nicht einmal dritte Wahl. Auch
die Zeiten, in denen auf ORF-Wetterkarten Südtirol noch schattiert unterlegt
war, sind vorbei. Zwar schwebt immer noch eine Sonne oder Wolke über Bozen,
aber die farbliche Kennzeichnung des Territoriums ist schon vor Jahrzehnten
verschwunden. Daran wird auch das wieder entflammte Interesse der Politik an
der doppelten Staatsbürgerschaft nichts ändern. (Wieso übrigens doppelt?
Bekommt man dann zwei Mal die italienische?) 19 Landtagsabgeordnete von sechs
Parteien haben einen Brief mit entsprechendem Wunsch an die zukünftige
türkis-blaue Regierung in Wien unterschrieben. Die meisten sind sich einig, die
viel beschworene „Herzensangelegenheit“ sei in erster Linie ein ideelles
Zeichen. Italienisch-Unterricht, Gesetze aus Rom, Spaghetti und Pizza auf dem
Teller (frei nach „lingua legibus artibus“) haben aus deutsch- oder
ladinischsprachigen Südtirolern wahrscheinlich keine Italiener gemacht. Doch
wie österreichisch ist das Herz der meisten Südtiroler heute tatsächlich noch?
Zumindest das Fußball-Dilemma hat sich für die Weltmeisterschaft 2018 gelöst.
hinterkulturell
Manche Wörter scheinen unantastbar zu sein.
Allein wenn man sie ausspricht, wird man bei vielen Menschen automatisch zu
einem Gewinner. Zu diesen „Wörtern für Gewinner“ gehört zum Beispiel der
Begriff „interkulturell“. Leuchtende Augen bei vielen Lesern, düstere
Befürchtungen aber bei anderen. Ein konkreter Fall: „Interkulturelles
Weihnachten in Brixen“. Da hatte man auf Deutsch ein Märchen über einen roten,
weichen Weihnachtsstoff vorgetragen und in italienischer Sprache ein
islamisches Märchen erzählt. Dabei wird der Eindruck erweckt, als könne man
unter dem vermeintlichen Gütesiegel „interkulturell“ alles zu einem Brei der
Beliebigkeit verkochen, der allen schmeckt. So wird das Weihnachtsfest seiner
konkreten Ausformung nach der Eigentlichkeit beraubt (unabhängig davon, dass
der Gedanke des Miteinanders lobenswert ist). Man wird jedoch das Gefühl nicht
los, wer dauernd das Gemeinsame betonen will und muss – selbst wenn es bei den
Haaren herbeigezogen ist –, der hat Angst vor der Vielfalt und dem Anderen. Wer
aber diese Unterschiede aushält und daran wächst, zeigt wahre Toleranz.
I Ideenleere
„Kein Kommentar!“ Wie oft haben wir diesen
Satz in letzter Zeit aus dem Mund eines Südtiroler Politikers gehört, der
ansonsten jederzeit zu jedem Thema um keinen Kommentar verlegen ist? Ich habe
mich oft gefragt, was hinter einer solchen Aussage steckt (ebenso bei manchem
Kunstwerk mit dem Titel „Ohne Titel“). Eine Welt, die sich in zwei Hälften
teilen lässt, ist relativ einfach zu erfassen. In solch einem Kosmos gibt es
Wahres und Falsches, Männer und Frauen, Regierung und Opposition. Es zeigt sich
aber immer wieder, dass ein dritter Pol, der sich gegen beides stellt,
zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zum Beispiel, wenn es bei einer Abstimmung
nicht nur Befürworter und Gegner gibt, sondern auch viele Nichtwähler: Menschen
ohne Meinung, ohne Interesse, ohne Wunsch nach Beteiligung. In der
gegenwärtigen politischen Situation wird Vieles (auch zu Recht)
schlechtgeredet, nur wenige versuchen, die eigenen Entscheidungen zu begründen.
Und einzelne nehmen die dritte Position ein und schmettern jede Frage mit einem
„Kein Kommentar!“ ab. Keine Fantasie, kein Argument, keine Rechtfertigung.
Identifizierungsnot
„Wir sind Papst!“ titelte die BILD-Zeitung
2005 nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Pontifex, „Wir sind im Senat“ der
„Vinschger“ ein Jahr später zur Nominierung von Manfred Pinzger. Wenn es darum
geht, ein Teil von etwas Wichtigem zu sein, fällt eine Identifizierung damit
und eine Vereinnahmung nicht schwer. Seit Monaten wird die Politik – lokal wie
national – von den Flüchtlingswellen und wie Europa mit dieser historischen
Herausforderung umgeht bestimmt. Auch dadurch bedingt hat die
rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) bei den Landtagswahlen in
drei deutschen Bundesländern aus dem Stand zwischen 12 und 24 Prozent der
Wählerstimmen geholt. Die traditionellen Parteien sprachen nachvollziehbar von
einem „schwarzen Sonntag“, die SPD hatte ihr Ergebnis in Sachsen-Anhalt und
Baden-Württemberg halbiert, die Grünen in Rheinland-Pfalz sogar gedrittelt.
Erwähnenswert, aber kaum bekannt ist, dass ein Südtiroler als
Programmkoordinator und Ideologe fleißig am Parteiprogramm der AfD
mitformuliert. Wieso liest man eigentlich auf keiner Lokalblatt-Titelseite „Wir
sind AfD!“?
Inderwahnsinn
Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass jede
Meinung, jede Haltung und jede Laune toleriert werden muss. Wer es wagt,
Urteile wie „Das ist unsinnig“, „Das ist nicht normal“ oder „Das ist pervers“
von sich zu geben, wird leicht in die Ecke der Intoleranten, Dummköpfe und
Ewiggestrigen gestellt. Dabei stellt sich in einer immer weiter
zusammenrückenden Welt mehr denn je die Frage, ob es wirklich nichts gibt, das
unabhängig von Kulturkreis oder persönlichen Einstellungen als eine Art Maßstab
herangezogen werden kann. „Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch.“
Diese Aussage klänge recht harmlos, würde man über die Trefferquote des
Horoskops aus einer beliebigen Tageszeitung sprechen. Doch sie stammt von Babulal
Gaur, dem Innenminister eines indischen Bundesstaates, und bezieht sich auf die
Vergewaltigung von Frauen – ein Problem, das den Subkontinent seit einiger Zeit
in besonderer Weise erschüttert. Manchmal ist es falsch, manchmal ist es
richtig? Ich kann und will mir kein Land, keine Kultur und keine Weltanschauung
vorstellen, in der so etwas richtig ist. Auch nicht manchmal.
Interpretationselastik
Das Jahr ist noch nicht vorbei und doch hat
man sich – zumindest in Österreich – bereits für das Wort und das Unwort des
Jahres entschieden. Seit 2005 werden diese auch in Südtirol für alle drei
Sprachgruppen ermittelt. Sieht man sich die Gewinner der letzten Jahre an,
zeigt sich, dass seit 2007 alle deutschen Wörter aus dem politischen Bereich
stammen. Wer erinnert sich nicht an „Mandatsbeschränkung“, „Wählbarkeit“ oder
„Ära“, den Gewinner des letzten Jahres? Welche verbalen Ergüsse werden es
dieses Jahr an die Spitze schaffen? Man muss weder Prophet noch Hellseher sein,
um stark anzunehmen, dass auch 2014 die Politik noch immer die beste
Lieferantin ist. Rund um den Rentenskandal sind Ausdrücke und Aussprüche
entstanden, die gute Chancen auf einen Podestplatz haben. Wie immer aber die
Wahl auch ausgehen mag, es wird sicherlich schwierig zu entscheiden sein, ob
sich Wort und Unwort des Jahres nicht decken. Ein Ausdruck wie „erworbene
Rechte“ zum Beispiel ist – in Anspielung an den österreichischen Gewinner
„situationselastisch“ – eben doch sehr „interpretationselastisch“.
Intoleranznot
Vor über 20 Jahren hat der amerikanische Politikwissenschaftler
Samuel Huntington seine These vom Zusammenprall der Kulturen entwickelt. Jahre
danach hat ein muslimischer Prediger verlauten lassen, die Toleranz des Westens
und der Kampfeseifer der Muslime werden dazu führen, dass das Abendland vom Islam
überrollt werden wird. Seit Oktober 2014 gibt es immer wieder Demonstrationen
von deutschen Vereinen, die sich PEGIDA o. ä. nennen, gegen eine verfehlte
europäische Einwanderungspolitik. Im Dezember sind auch Südtiroler auf diesen
Zug aufgesprungen und bieten im Internet wahlweise PEGIDA Südtirol oder SÜGIDA
an. Am 7. Jänner wurde von Islamisten ein Terroranschlag auf die Redaktion der
französischen Zeitschrift Charlie Hebdo verübt – mit zwölf Toten und
zahlreichen Verletzten. Urteilen Sie selbst, welchem der beiden Zitate Sie
zustimmen können: a) „Wer auf Toleranz beharrt, für den kann die Toleranz nicht
aufhören, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.“ (Thomas Steinfeld), b)
„Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes.“
(Peter Scholl-Latour)
J Jahreswortsammelsurium
Das bereits im Oktober hier vorgestellte Wort
„postfaktisch“ wurde nicht nur zum Wort des Jahres in Deutschland, sondern
sogar zum internationalen Wort des Jahres 2016 gekürt. In Südtirol gab es heuer
leider erneut keine Wörterwahl. In der Tat war es schwierig, für unser Land
besonders prägende Begriffe zu finden, die landesweit und über Monate hinweg
die Medien dominiert haben. Verfassungsreform, Geburtenstation oder
Elektrifizierung wären vielleicht gute Kandidaten. Bei uns kaum wahrgenommen
wurde das Schweizer Wort des Jahres: Filterblase. Es verdient vorgestellt zu
werden. Es beschreibt den Umstand, dass wir durch unsere Suchanfragen und Likes
in sozialen Netzwerken immer mehr auf uns und unsere Ansichten zugeschnittene
Informationen erhalten. Kurz: Man wird nur in dem bestätigt, was man ohnehin
glaubt – die für die Meinungsbildung so wichtige andere Seite wird aber sehr
oft ausgeblendet. Ein zweischneidiges Messer. Ich wünsche deshalb 2017 allen (analog
zum österreichischen Wort
„Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“)
Informationspersonalisierungsfolgenskepsis.
Jahreswortsuche
Wort und Unwort des Jahres werden in Südtirol
bekanntlich nicht mehr gewählt. Ein Grund mehr, selbst auf die Suche nach dem
zu gehen, was Menschen und Medien 2015 beschäftigt hat. Österreich hat das Wort
des Jahres bereits gefunden („Willkommenskultur“), Deutschland zumindest das
Jugendwort („Smombie“). Doch wie sieht es in Südtirol aus? Welche Themen waren
bei uns verstärkt in Presse, TV und Netz präsent? Ich möchte die folgenden zehn
Vorschläge – alphabetisch sortiert – unterbreiten: Bildungsomnibus,
Dopingsünder, Elektrifizierung, Flüchtlingsaufnahme, Frauenquote,
Geburtenstation, IS-Schläfer, Rekordhitze, Sanitätsreform und ungültige
Stimmen. (Dabei kann es durchaus sein, dass ein Begriff für manche Wort, für
andere Unwort des Jahres ist.) Wer darüber abstimmen oder einen hier nicht
vertretenen Begriff vorschlagen möchte, kann sich gerne in der Redaktion melden.
Der Name des Jahres ist dagegen leicht gefunden. Es ist Chiku, der
Vielleicht-nicht-oder-doch-Serval, dessen seifenopernähnliches Schicksal
Medien, Leser und Leserbriefschreiber 2015 ordentlich auf Trab gehalten hat.
K Klischeewahrheit
„Typisch italienisch.“ Mit diesen beiden
Wörtern hat der Landtagsabgeordnete Josef Noggler vor kurzem in einem Interview
das Ansinnen eines Politikers beschrieben, eine Aufgabe erneut übernehmen zu
wollen, der er bisher schon kaum gewachsen war. Die Frage, ob solche Verallgemeinerungen
überhaupt zulässig sind und es tatsächlich so etwas wie einen Nationalcharakter
gibt, ist trotz Kritik auch heute noch Gegenstand zumindest vorsichtiger
Forschung. Was ist also typisch italienisch? Das Verfassungsgericht in Rom
hatte Ende des vergangenen Jahres das „schweinische“ Wahlrecht für
verfassungswidrig erklärt – wegen des Mehrheitsbonus und der fehlenden
Vorzugsstimmen. Dass Italien ein neues Wahlgesetz braucht, ist seit Jahren
klar. Und Matteo Renzi mit Silvio Berlusconi im Schlepptau (oder umgekehrt?)
hat auch schon einen Vorschlag, der unter der Bezeichnung „Italicum“ kursiert
(denn das neue Schwein, äh, das Kind braucht ja einen Namen). Dass der
kritisierte Mehrheitsbonus und die geschlossenen Listen darin wieder vorkommen,
ist nur sehr schwer nachzuvollziehen. Eben: Typisch italienisch.
Kopfbauchmenschen
Werden wir von unserem Kopf oder unserem
Bauch regiert? Oder anders formuliert: Sind wir Menschen in unseren
Entscheidungen mehr durch das Rationale, Vernünftige geprägt oder doch eher
durch das Gefühlsmäßige und sogar Irrationale? Zwei Beispiele: Die Schotten
haben über ihre Unabhängigkeit abgestimmt und die Malser über ein
Pestizidverbot in der Gemeinde. Im Vorfeld wurde in beiden Fällen viel
informiert, aber auch polemisiert, was nichts anderes heißt, als dass man den
Kopf oder den Bauch angesprochen hat. Argumente, wie seriös sie auch waren,
wurden von beiden Seiten vorgebracht und schließlich war die Bevölkerung
aufgerufen, sich zu entscheiden. Ob Schottland den richtigen Weg gewählt hat,
wird die Zukunft offenbaren. Und ob die Schotten diese Entscheidung mehr dem
Kopf oder dem Bauch zu verdanken haben, damit müssen sich andere
auseinandersetzen. Welche Kräfte aber in Mals eine Rolle gespielt haben, eine
Volksabstimmung durchzuführen, obwohl (wie es aussieht) den Verantwortlichen
bereits vorher bekannt und klar war, dass diese illegal ist, wäre interessant
zu erfahren.
Kreuzesspaltung
„Alle Jahre wieder kommt die Kreuz-Debatt‘ /
auf Europa nieder, auch im Tagesblatt.“ So könnte man ein bekanntes Lied
umdichten. In den beiden vergangenen Jahrzehnten hat es das Thema „Kreuze im
Klassenzimmer“ mindestens einmal pro Jahr in die europäischen Medien geschafft.
2017 ist noch jung, kann aber diese Pflichtübung schon abhaken. Die Gegner
weisen darauf hin, dass Religion in einem laizistischen Staat Privatsache sei
und Kruzifixe daher im öffentlichen Raum nichts zu suchen hätten. Die
Befürworter hingegen betonen, dass das Kreuz vor allem ein kulturelles Zeichen
sei, das zu Europa und unserem Land gehöre. Für Bischof Ivo Muser greift dies
allerdings zu kurz. Er sieht darin ein „zutiefst religiöses Symbol“, ein klares
Bekenntnis gegen Gewalt und für Feindesliebe. Religion hin, Kultur her, das
Kruzifix ist ein Zeichen unserer zweitausendjährigen, vom Christentum geprägten
Geschichte mit allem Positiven wie auch Negativen. Dazu sollten wir stehen. Und
diejenigen, die unbedingt wollen, dass ein Kreuz abhängt wird, brauchen es nur
mit einem schönen grünen Frosch zu dekorieren.
L Lauschebengel
Es vergeht keine Woche ohne neue Meldung, wer
vom US-Geheimdienst NSA ausspioniert wird. Den Partnern in Europa bleibt
anscheinend nichts anderes übrig, als verharmlosende Miene zum ärgerlichen
Spiel zu machen. Die Zeiträume, in denen die Abhöraktionen stattgefunden haben,
werden immer größer, ebenso die Anzahl der Staaten, Ministerien, Firmen und
Personen. Ein nachhaltiger Widerstand regt sich – nach einem kurzen politischen
Entsetzen – nicht. „So etwas ist zwischen Verbündeten und Freunden inakzeptabel“,
formuliert der EU-Kommissar Pierre Moscovici. Die Stasi hatte in der DDR die
gleichen Ziele verfolgt. Doch was dort als unrechtmäßige Methoden eines
undemokratischen Staates verurteilt wird, lässt man den Amis durchgehen.
Immerhin wissen die Amerikaner so, was Merkel wirklich über Griechenland denkt.
Dass das nicht mit dem übereinstimmt, was sie in der Öffentlichkeit von sich
gibt, beruhigt nicht wirklich. Und wenn Merkel Obama in einem vertraulichen
Gespräch mitteilt, dass sie die Spionageakte nicht gutheißt, kann dieser
gelassen antworten: „Das weiß ich ja schon längst, Angie!“
Leseplagen
In Spielwarengeschäften fällt immer öfter
auf, dass Produkte mit dem gut sichtbaren Hinweis „Spielen ohne Regellesen“
beworben werden. Auch bereits millionenfach verkaufte Bestseller buhlen damit
um weitere Spieler. Das Lesen und Verstehen von Anleitungen scheint ein
Hindernis zu sein. Sicherlich, das Verfassen einer knappen und gleichzeitig
klaren Anleitung ist hohe Kunst, die nicht alle Firmen beherrschen. IKEA hingegen
hat diese mittlerweile perfektioniert und lässt ohne Worte sogar mittelmäßig
Begabte zu Heimwerkerkönigen werden. Die meisten Brettspiele sind – vor allem
wenn sie auf Dauer faszinieren sollen – doch komplexer als ein Billy-Regal oder
Lack-Beistelltisch. Die angebotenen Erklär-Apps für Handys, mit denen Kinder
und Jugendliche das Lesen umgehen können, sind aber nicht unbedingt eine Hilfe
für die engagierte Leseförderung von Schulen und Bildungsressorts. Da
Smartphones in Italiens Wahlkabinen verboten sind, wird es beim Referendum über
die Verfassungsreform am 4. Dezember damit schwierig werden. Da hilft es dann
doch, wenn man selber Texte lesen und verstehen kann.
Luchsusreise
Die momentan unberechenbarsten Zeitgenossen
sind (nein, nicht Donald Trump und Kim Jong-un) wohl (Problem-)Bär und
(Schad-)Wolf. Zumindest bei uns. 1999 als ehrgeiziges Projekt zur
Wiederansiedlung in der Brentagruppe begonnen, werden sie jetzt zu den
sprichwörtlichen Geistern, die man gerufen hat und nicht mehr los wird. Ob es
die großen Räuber der Wälder schaffen würden, wieder sesshaft zu werden, sei
fraglich, hieß es noch vor Jahren im „Standard“; zu Gesicht hätte die Tiere
kaum jemand bekommen. So kann man sich täuschen. Auch das Pestbakterium gehört
zur Natur, genau wie Apfelwickler, Rüsselkäfer und Röhrenblattlaus. Aber nach
den Initiativen „Mehr Pest für alle!“ oder „Rettet den Apfelwickler!“ sucht man
vergebens. Wie viel Natur wollen wir und zu welchem Preis? Von einem sicheren
Büro aus schauen die großen Beutegreifer eben anders aus – und einfach jeden
Tierriss durch eine finanzielle Entschädigung aus der Welt zu schaffen, kann es
nicht sein. Wenn zudem Leben und Arbeit des Menschen in Gefahr sind, erscheint
der Artenschutz in einem anderen Licht und sollte für die Zukunft überdacht
werden. Denn vielleicht ist ja der Luchs das nächste Raubtier, das gerne in
Südtirol lebt.
M Mahnmalspaltung
„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Die
vor kurzem enthüllte Entschärfung des Piffrader-Reliefs mit dem genannten Zitat
drängt mich zu ein paar Gedanken. Vor fast 30 Jahren hat mir ein Bekannter
erzählt, dass er und seine Mitschüler von einem Lehrer gefragt worden waren,
was sie denn mit dem Erlös ihres Maturaballes machen würden. Die lapidare
Antwort: Sprengstoff für das Siegesdenkmal kaufen. Der Lehrer meinte daraufhin,
dann würde er auf dem Ball besonders viel Geld ausgeben. Diese Zeiten sind
vorbei. Das Bozner Siegesdenkmal mit Dokumentationszentrum ist heute ein
Mahnmal gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Aber halten solche Mahnmale
auch tatsächlich von totalitären Ideologien ab? Angesichts der politischen
Entwicklungen in Europa hat man nicht den Eindruck. Von Mussolini-Kalendern und
-CDs etc. ganz zu schweigen. Als ich das letzte Mal am Siegesdenkmal
vorbeigegangen bin, habe ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn man es
unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges abgetragen und daraus Grabsteine für
die Gefallenen gemacht hätte. Oder wenn es heute jemand in die Luft sprengen
würde? Wer würde dem Denkmal, wer dem Mahnmal nachtrauern und einen
Wiederaufbau fordern?
Malsgebräu
In Kürze erscheint der 37. Asterix-Band,
dabei ist der Plot für ein weiteres Abenteuer bereits geschrieben: Das
gallische Dorf Mals behauptet sich in Sachen Pestizidverwendung gegen die
Übermacht der Mehrheit. Veitix, Raasemine, Apothekix und deren entfernter
Cousin Schiebelix kämpfen für die Freiheit von Bevormundung und Giftstoffen in
der Umwelt. Böse Zungen behaupten zwar, der Zaubertrank, den Apothekix
ausschenkt, sei genauso giftig wie jener, den er bekämpft. Das ist aber reine
Polemik und vermischt zwei Bereiche, die so nicht vergleichbar sind. Wie die
bisherigen Aktionen zu bewerten sind, hängt vom Einzelfall ab, schließlich
tricksen auch die Gallier, um sich gegen Caesar & Co. zu wehren. Dass nun
aber Gaius Kompatschus aus dem Lager Bolzanum persönlich eine Brieftaube in
Richtung Argentoratum (auch bekannt als Straßburg) geschickt hat, um sich beim
Fernsehsender ARTE gegen die Reportage „Leben ohne Ackergift“ zu verwenden, hat
mich schon sehr gewundert. Anscheinend schenken sich beide Seiten nichts. Da
fällt einem fast der Himmel auf den Kopf. Wie in Gallien – aber dort ist es
wenigstens lustig.
Massenentscheidungswaffe
„Die Betreiber der Direkten Demokratie
erwarten sich endlich einen großen Durchbruch und hoffen, auch bei uns
Schweizer Verhältnisse zu schaffen.“ Diese Zeilen hat Arnold Tribus vor dem
Referendum in Südtirol geschrieben. Am Wahlwochenende ist dann bei uns eine
Minderheit zu den Urnen gegangen und hat mit überwältigender Mehrheit den Vorschlag
der SVP versenkt, gleichzeitig haben die Schweizer für die Initiative „Gegen
Masseneinwanderung“ gestimmt. Der Aufschrei geht noch immer durch Europa.
Einerseits gelten die Schweizer mit ihrer direkten Demokratie als Vorbilder für
jene, die sich Ähnliches auch bei uns wünschen, andererseits ist der halbe
Kontinent in Aufruhr ob des Wahlausganges. Das Volk darf abstimmen, aber wehe,
es macht das Kreuzchen an der falschen Stelle. Das kennt man ansonsten eher aus
Staaten, die man nicht unbedingt mit Demokratie in Verbindung bringt. Eine
Bürgerbeteiligung funktioniert nur mit gut informierten, nicht von Parteien
manipulierten, mündigen Wählern – rechts und links von der politischen Mitte.
Ein Allheilmittel gegen Unvernunft ist sie trotzdem nicht.
Meinungsbrüderlichkeit
„Wenn Doktor Gasbarri, der mein Freund ist,
meine Mutter beleidigt, kriegt er eins mit der Faust.“ Diese (ironische)
Aussage zu den Grenzen der Meinungsfreiheit stammt von Papst Franziskus. Wir
stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Gibt es kulturübergreifende Werte?
Das Recht der freien Meinungsäußerung z. B. ist ein etwa 230 Jahre altes Gut
der westlich-abendländischen Welt. Dass man sich über Religionen lustig machen
darf, gehört dazu. Die Kosten der (vor allem von der Wirtschaft gefeierten)
Globalisierung dürfen aber nicht außer Acht gelassen werden. Wer behauptet, das
Recht auf Meinungsfreiheit sei wichtiger als der Respekt vor Religionen, tut
dies in einer westlich-aufgeklärten, säkularen Tradition. Menschen aus anderen
Kulturen müssen dem nicht zustimmen. Wollen wir so intolerant sein und es ihnen
aufzwängen? Soll ein Dialog (!) der Kulturen darauf hinauslaufen, die
islamische Welt zu überzeugen, dass unsere Werte die besseren sind? Oder würden
wir ernsthaft überlegen, ob sich Frauen nicht doch verschleiern sollten? Ist
der Preis der Globalisierung vielleicht zu hoch?
Meinungsmuskelspiel
Soll ich meine Kinder weiter auf Spielplätzen
spielen lassen oder nicht? Umweltschutzorganisationen warnen vor
Pestizidrückständen. Andererseits rechtfertigen sie durch solche Warnungen auch
ihre Existenz. Die Gegenseite allerdings behauptet, dass die Verwendung einer
Hautsalbe schon giftiger sei als das Spielen auf 17,5 Fußballfeldern. (So viele
Kinder habe ich gar nicht.) Auch diese Seite argumentiert wahrscheinlich
interessensgeleitet. Welche andere Möglichkeit aber gibt es, mündig
Entscheidungen zu treffen, wenn nicht aufgrund des Abwiegens von vorgebrachten
Argumenten und Informationen? Die Pestizidfrage und die ebenso aktuelle
Impfpflichtdiskussion zeigen, vor welchem Dilemma der Bürger steht. Als
Nicht-Biologe und Nicht-Mediziner muss ich mich auf Experten berufen können.
Hier stellt sich aber die alte Frage nach Ursache und Wirkung. Ist jemand
Impfgegner, weil Impfungen schädlich sind, oder werden Impfungen als schädlich
dargestellt, weil jemand Impfgegner ist? Der Austausch von Argumenten wird so
oft zu einem gegenseitigen Messen der Macht degradiert.
Menüunstimmigkeiten
Passen Knödel, Knackwürste und Kebab
zusammen? Oder anders gefragt: Passt die Türkei zu Europa? Recep Erdoğan
hat das umstrittene Verfassungsreferendum, das seine Macht diktatorisch
ausbaut, gewonnen. Trump und Putin haben ihm eilig gratuliert, Merkel fordert
immerhin einen „respektvollen Umgang mit der Opposition“, wohlwissend, dass das
den Recep wenig kratzt. Der kocht seine eigene Linsensuppe. Seit 1999 ist das
Land EU-Beitrittskandidat, was sich die EU mehrere Milliarden Euro Richtung
Ankara kosten lässt. Dabei plant Erdoğan bereits zwei weitere Referenden:
eines über die Wiedereinführung der Todesstrafe, ein weiteres über den Abbruch
der EU-Beitrittsverhandlungen, wobei erstes ohnehin auf zweites hinausläuft.
Dabei wollten die Türken früher einmal unbedingt nach Europa. 1529 und 1683
haben sie erfolglos versucht, Wien einzunehmen. Spötter meinen zwar, sie hätten
es dreihundert Jahre später mit Dönerspießen doch noch geschafft, aber
Erdoğan versalzt den Weg in den Westen. Gerichte sollten doch aufeinander
abgestimmt sein. Man isst ja auch nicht Gulaschsuppe mit Gummibärchen.
Mitpreisbeziehung
Kurz vor der Stichwahl wurde der neue Meraner
Bürgermeister mit Amtsmissbrauchsvorwürfen rund um das Touriseum konfrontiert.
Er antwortete, dass das angemietete Gebäude, um das es ging, „dem Vater meiner
Lebenspartnerin, die damals meine Freundin war“ gehören würde, dass demnach
„keine Familienbande“ bestanden und durch diese „Bekanntschaft“ sogar ein
günstigerer Preis möglich gewesen wäre. Unabhängig davon, wie skrupellos beide
Parteien Schmutzwäsche suchten, finde ich es bemerkenswert, welche sprachlichen
Verrenkungen nötig sind, eine Frau zu benennen, mit der man zwar verbunden,
aber nicht verheiratet ist. Der amerikanische Sprachforscher Steven Pinker
stellt fest, dass es dafür bis heute keinen passenden Begriff gibt: „Geliebte“
sei zu romantisch, „Mitbewohnerin“ nicht romantisch genug, „Partnerin“ zu
geschäftsmäßig und „Lebensabschnittsgefährtin“ zu ironisch. Auch „Ähfreundin“ –
von „Dies ist meine, äh, Freundin.“ – hat laut Pinker keine Chance. Die
erwähnte Frau hat jedenfalls eine steile Karriere hinter sich: Bekannte,
Freundin, Lebenspartnerin, First Lady von Meran.
Mottengeschwätz
Ob der neu angelobte US-Präsident erfreut
war, dass man die Mottenart Neopalpa donaldtrumpi nach ihm benannt hat, weil
deren Kopfbeschuppung an seine markante Frisur erinnert, ist mir nicht bekannt
und auch unerheblich. Sein oft grenzwertiger politischer Stil hingegen hat mit
„Trumpisierung“ einen neuen Begriff hervorgebracht: „So zittern Europas Mächte
vor der Trumpisierung“ oder „Wie der Trumpisierung der Medien beizukommen ist“
sind Beispiele der vergangenen Monate. Dass nun eine Beraterin Trumps
„alternative Fakten“ sagt, wenn eigentlich Lügen gemeint sind, sollte
spätestens jetzt alle wachrütteln. Wie sehr wir aber auf verlässliche Informationen
angewiesen sind, zeigt der offene Brief von Südtiroler Jungmedizinern, in dem
Martha Stocker und Thomas Schael vorgeworfen wurde, um die Ärzteausbildung in
Südtirol stehe es sehr schlecht. Welche Kritik ist gerechtfertigt, welche
nicht? – zentrale Fragen, die beantwortet werden müssen. Etwas verbessern kann
man nur, wenn man weiß, was Sache ist. Manchmal aber umschwärmen Halb- und
Nichtwahrheiten den Menschen wie Motten das Licht.
N Netznaivität
Glaubt man einer
Tageszeitung, so ist das „nächste große Ding“ bereits auf dem Weg. Ein
19-jähriger Bozner, ein „digitales Genie“, hat das „erste reale Netzwerk“
geschaffen und wird uns „unendliche Möglichkeiten“ eröffnen – „ein neues
virtuelles Leben“. Dass auch über dessen Pläne, „die Welt zu erobern“ geschrieben
wurde, lädt ein, genauer hinzulesen. Es handelt sich dabei um eine Website, die
andere Angebote bündelt und so hilft, 90 % der Zeit und 95 % der Datenmengen zu
sparen. Klingt wirklich nach dem nächsten großen Ding. Dass der 19-Jährige
bereits 100.000 Euro an Sponsorengeldern aufgetrieben hat, beeindruckt
natürlich. „Wir wollen die Erfahrung im Internet neu definieren und alledem
einen ethischen Wert geben“, so seine Ankündigung. Dass darüber hinaus die
Privatsphäre jederzeit gewahrt und der Dienst ohne Werbung finanziert wird,
klingt fast ein Vierteljahrhundert nach der kommerziellen Öffnung des Internets
sehr idealistisch. Google und Facebook haben ihre Unschuld schon lange
verloren. Hoffen wir, dass die Sponsoren dem Bozner nicht allzu bald auf die
Schultern klopfen.
Neulastenverteilung
Früher war alles besser? Nein, morgen scheint
alles besser zu werden. Wer die politische Berichterstattung in Südtirol in den
vergangenen zwölf Monaten verfolgt hat, dem wird sicherlich aufgefallen sein,
dass es ein dreibuchstabiges Zauberwort gibt, das man bei jeder Gelegenheit und
in allen möglichen Kombinationen antrifft: Eine „neue Politik“ wird gefordert,
eine „neue Glaubwürdigkeit“ angestrebt, ein „neuer Stil“ versprochen, eine
„neue Art des Umgangs“ angeboten und eine „neue Form der Mitbestimmung“
verlangt – anscheinend ein „Neuanfang“ quer durch die Parteien und Bezirke.
Weil ein männlicher Politiker bewusst auf einem Frauenparkplatz geparkt hat,
sieht manch einer sogar Potential für eine „neue Diskussion“. Allen
Verwendungsweisen ist jedoch eines gemein: Sie suggerieren, dass „neu“
automatisch auch für „besser“ steht. In den allermeisten Fällen bedeutet „neu“
aber nur „anders“ und oft nicht einmal das. Wahrscheinlich steckt hinter dem
Wunsch nach dem vielgepriesenen Neuen einfach nur die Sehnsucht nach alten
(zeitlosen?) Werten: Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Gerechtigkeit.
O Originalitätsbürde
Vielleicht ist es
dem einen oder anderen aufgefallen: Der Titel einer Wort|spaltung ist immer ein
Begriff, den weder Herr Duden noch Herr Google kennt – mein Versuch, den Kern
des Textes kreativ in ein neues Wort zu verpacken. Manchmal kommt aber
verschiedenen Menschen das Gleiche in den Sinn. In meinem letzten Beitrag hatte
ich die Wahl zwischen Trump und Clinton als eine Wahl zwischen Pest und Cholera
verglichen. Drei Tage nachdem der Text fertig war, stieß ich in der FF auf
dieselbe Formulierung, nochmals eine Woche später bemühte auch Günther
Heidegger in seinem „Vorausgeschickt“ diesen Vergleich. Besonders originell
waren wir dabei alle nicht. Aber anscheinend ist diese Veranschaulichung so
naheliegend und allgemein verständlich, dass sie ganz unterschiedlichen
Schreibern in den Kopf kommt. Die ersten waren, soweit sich das überhaupt
rekonstruieren lässt, die Redakteure der EU-Infothek, die bereits am 2. März
dieses Jahres damit aufwarteten; zahlreiche Leserkommentare zu den Vorwahlen
sind sogar noch um einiges älter. „Die Wahrheit hat keine Phantasie.“ (leider
nicht von mir!)
P Pannenvieleck
Wenn es um das
zukünftige Gesicht Europas geht, dann wird gerne nach Skandinavien oder in die
Benelux-Länder geschaut. Egal, ob es um Sterbehilfe, Drogenkonsum,
Bildungssystem, eingetragene Partnerschaften, Säkularisierung oder das
friedliche Miteinander geht, in diesen Staaten ist man bereits dort, wo die
anderen hin sollen. Gerade Belgien (mit Brüssel als der „Hauptstadt“ Europas)
war immer wieder Vorreiter, ideologisch wie politisch. Doch Ideal und
Wirklichkeit des Miteinanders klaffen schon lange auseinander. Die holländisch
sprechenden Flamen und die frankophonen Wallonen entfernen sich immer mehr
voneinander: Übersprühte zweisprachige Ortsnamentafeln sind keine Seltenheit,
die Föderalisierung geht oft bis an die Grenze zur Handlungsunfähigkeit, sogar
Unabhängigkeitsforderungen werden laut. Die Pannen vor und nach dem
Terroranschlag am 22. März haben gezeigt, dass das sprachlich und politisch
zerrüttete Belgien ein ernstes Problem besitzt. Nicht-integrierte,
gewaltbereite Islamisten sind nur ein kleiner Teil davon. Frei nach
Shakespeare: „Es ist etwas faul im Staate Belgien.“
Pestizsüdtirol
Man nehme ein
unpassendes Gianni-Bodini-Bild, hebe unvorsichtig ein geschütztes
Marketing-Logo unter, lasse das Ganze mit einem provokanten Spruch aufkochen
und garniere es mit Wortspiel und Internetadresse. Als Dessert offeriere man
eine Fahrradtour in weißen Schutzanzügen. Fertig ist der geplante Eklat. Bon
Appetit! Besser hätte man ein Sommerloch nicht stopfen können. Berichte,
Interviews, Kommentare, Leserbriefe und Stellungnahmen folgten wie Salven.
Manch einer, der das sonst sehr ernst nimmt, findet das alles bloß zum Lachen.
Die Bilder, die auf pestizidtirol.info zu finden sind, erinnern an
Michael-Moore-Dokumentationen, die zwar nicht unbedingt inhaltlich aber doch
methodisch Grund zur Kritik geben. Immerhin: Gut 23.000 Unterschriften für die
Petition „Unterstützt die Pestizid-Rebellen von Mals“ des Umweltinstituts
München sind bereits geleistet worden. Mittlerweile ist es schon deutlich
ruhiger geworden. Frei nach Andy Warhol: 15 Minuten Skandal sind für jeden
drin. Ob damit aber eine ernsthafte (weil notwendige!) und respektvolle
Diskussion angestoßen wird, ist fraglich.
Prozentzahlenspaltung
„So lügt man mit Statistik“: Das Buch von
Walter Krämer klärt den Leser auf, welche Möglichkeiten es gibt, Ergebnisse zu
schönen, ohne dabei die Daten zu verfälschen – gerade nach Wahlen eine sehr
lohnende Lektüre. Wenn ich mir ein „Dolomiten“-Diagramm zur Europawahl
anschaue, dann könnte es ein gutes Beispiel für Krämers Buch sein. Obwohl der
SVP-Spitzenkandidat dieses Mal das schlechteste Vorzugsstimmenergebnis der
Partei seit den ersten Wahlen zum Europaparlament im Jahre 1979 eingefahren
hat, wird daraus in einem Balkendiagramm durch geschickte Auswahl der
verwendeten Zahlen das zweitbeste (!) Ergebnis bisher. Es ist ganz einfach: Man
nehme die Südtiroler Stimmen, die für die SVP abgegeben worden sind, berechne
dann aber den prozentuellen Anteil des Kandidaten. Voilà! Man erhält den
wunderbaren Wert von 76,69 %. Egal, von welcher Wahl und von welchem Land wir
reden, ein Prozentsatz von fast 77 % klingt immer nach einem großen Erfolg (nur
in Nordkorea und China wäre das zu wenig). Fazit: Kein Ergebnis ist so gut,
dass man es nicht gerne noch ein wenig besser darstellen möchte.
R Rehumanismus
Wann haben Sie das letzte Mal einen
handgeschriebenen Brief bekommen? Vielleicht haben Sie sogar länger vor dem
leeren Postkasten darauf gewartet. Und heute? „Hurra! Posteingang leer“ – so
begrüßt mich die App, die ich verwende, um meine E-Mails abzurufen. Hurra? Was
ist denn beim Übergang von der Post zur elektronischen Post passiert? E-Mails
sind anscheinend lästige Arbeit, die man abschütteln muss. Nur so kann ich den
freundlichen Hinweis der App verstehen. Bei der großen Zahl an elektronischen
Mitteilungen, die man vom Arbeitgeber, von Ämtern, von Firmen, bei denen man
einmal etwas gekauft hat, von Firmen, bei denen man noch nichts gekauft hat
etc. bekommt, ist der Eindruck von Arbeit nicht ganz abwegig. Erst wenn nichts
mehr im digitalen Posteingang aufscheint, kann man „Hurra!“ rufen. Dabei sehen
einige Vordenker schon die Zeit nach dem Digitalisierungshype. So erklärt uns
ein kürzlich erschienenes Sachbuch „warum wir uns nach realen Dingen sehnen“
und sich diese wieder einen Platz im Leben der Menschen erobern. Alles kommt
wieder. Dann macht Post vielleicht auch wieder Spaß.
Roulettepolitik
Kurseinbußen an den Börsen in Milliardenhöhe,
Sturzflug von Euro und Pfund, Rückzug von Unternehmen aus Großbritannien,
Erschwernisse für Studium und Forschung in England, Unsicherheit bezüglich
Aufenthaltsrecht zahlreicher EU-Bürger, Verlust einer von zwei Stimmen im
UN-Sicherheitsrat und und und. „Die Zeiten sind vorbei, in denen wir noch
alleine gegen die Welt bestehen konnten.“ Mit dieser Aussage konnte auch der
britische Astrophysiker Stephen Hawking seine Landsleute nicht von einem Nein
zur EU abhalten. Volksabstimmungen, bei denen zu sehr auf Gefühle und weniger
auf Argumente gesetzt wird, sind höchst gefährlich. Als Joseph Goebbels 1943
zum totalen Krieg aufrief und die Deutschen ihm folgten, siegte die emotionale
Manipulation über die Vernunft. Auf der anderen Seite haben die Amis im selben
Jahr mit dem Disney-Zeichentrickfilm „Vernunft und Emotion“ zum Kampf gegen
Hitler-Deutschland mobilisiert. Aber so ist das eben mit den Gefühlen und ihren
Entscheidungen. Manchmal geht es gut aus und manchmal nicht. Wie beim Brexit
und beim Bozner Flughafen.
Rückständigkeitslob
Das Babyalbum, das dem Tagblatt der
Südtiroler jährlich beigelegt wird, gibt einige interessante Erkenntnisse preis
– abgesehen davon, dass die vielen Zwillinge (oder neuerdings sogar Drillinge!)
auffallen. Besonders ergiebig sind sicherlich die Vornamen der Babys. Nomen est
omen, so heißt es, und in diesem Fall sagen die Namen der Kinder mehr über die
Eltern und über unsere Gesellschaft aus, als über die Träger selbst. Im
Vergleich zu Neugeborenen aus anderen deutschsprachigen Gegenden – Lusimella
Abigail, Jayden-Dennis und Alron Nando Leopold seien als Beispiele genannt –
sind Südtiroler Eltern geradezu stockkonservativ. Gut, zukünftige Schulklassen
werden zu einem Großteil aus Leons und Leonies bestehen, aber eigenwillig
gesetzte Akzente (Renè), kreative Doppelnamen (Lea Melody), suggerierte
Weltoffenheit (Amrei Sophie), gelebter
Modefimmel (Kenzo) und ADS-Diagnosenamen (Kevin, Justin) halten sich zum Glück
in Grenzen. Südtirol, das sich in verschiedenen Bereichen gerne als Vorreiter
präsentiert, hinkt bei der Namengebung des Nachwuchses gnadenlos hinterher.
Möge es so bleiben.
S Schiedsgerüchte
Nein, die vier
Buchstaben ISDS stehen nicht für „Italien sucht den Superstar“ oder nach ISIL
und ISIS für eine weitere Abkürzung des Islamischen Staates. „Investor-State
Dispute Settlement“ bedeutet im Deutschen so viel wie
„Investor-Staat-Streitschlichtung“. Gemeint sind so genannte Schiedsgerichte,
die bei zwischenstaatlichen Abkommen zum Einsatz kommen. Mit ihrer Hilfe können
ausländische Investoren gegen einen Staat vorgehen, wenn ihnen zum Beispiel
aufgrund gesetzlicher Vorgaben Gewinne entgehen. Die vergangenen Jahre haben
gezeigt, dass so Tabakfirmen Länder wegen verschärfter Rauchergesetze
verklagen, Lebensmittelunternehmen höhere Qualitätsstandards beanstanden oder
Energiekonzerne wegen Umweltauflagen prozessieren – und das weitgehend unter
Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch das in der Kritik stehende geplante
Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU sieht solche
Schiedsgerichte vor. Deshalb will die EU-Kommission jetzt eine massive,
europaweite Werbekampagne starten, um das negative Image aufzubessern. Da wäre
mir „Schlanders sucht den Superstar“ noch lieber.
Schultütensuppe
Wir sind es vielfach nicht mehr gewohnt,
Menschen beim Wort und ihre Aussagen (vor allem die Konsequenzen dieser
Aussagen!) ernst zu nehmen. Nach der ersten Sitzung des neuen Landtages wurden
die Neo-Abgeordneten nach ihrem Eindruck befragt. Mehrere Angesprochene
erklärten unisono wie aus einer Instantpackung, sie hätten sich gefühlt wie an
ihrem ersten Schultag. Gut, was sie damit wahrscheinlich meinten, ist mir klar. Aber was haben sie damit ohne es zu wollen
zwischen den Zeilen gesagt? Nehmen
wir ihre Aussagen wörtlich. Der Landtag als Schule. Ein schönes Bild. Der
LeHrer steht vorne und sagt den anderen, was zu tun ist, wer artig ist, bekommt
ein Fleißbildchen und wer allzu kritische Fragen stellt, kann schon einmal
anecken. Übrigens: In der Schule sind Absenzen selbstverständlich zu
entschuldigen und bei einer Anwesenheit von weniger als 75 % gibt es keine
Versetzung in die nächste Schulstufe. Vielleicht sollten wir den neuen
Schultütenträgern nicht nur peinlich genau auf die Wörter sehen, sondern auch
ins Absenzenheft. Für eine eventuelle Versetzung in die nächste
Legislaturperiode.
Selbstbeschränkungsrecht
Haben Sie schon
einmal etwas gemacht, nur weil es nicht verboten war? Recht und Gerechtigkeit
sind bekanntermaßen zwei verschiedene Paar Schuhe. So hat ein Brixner vor
einiger Zeit Verdienstkreuz und Verdienstmedaille seines verstorbenen Vaters
zum Verkauf angeboten. Illegal ist das nicht. Doch das Angebot hat Staub
aufgewirbelt. Sogar der Ex-Landeshauptmann hat sich zu Wort gemeldet und
kategorisch festgestellt: „Das tut man nicht.“ Es sieht so aus, als ob etwas
zwar nicht verboten, aber aus Gründen des Anstandes zumindest verpönt sein
kann. Wenn man nun aus den Medien erfährt, dass 43 Ex-Politiker gegen die
Kürzung ihrer mehr als nur üppigen Pensionsvorschüsse Rekurs eingelegt haben,
dann ist das juristisch sicherlich in Ordnung. Die Frage ist aber, ob „man so
etwas tut“. Eine Ex-Landesrätin hingegen hat in einem Interview verlauten
lassen, sie lebe jetzt mit dem Risiko, nicht zu wissen, wie ihre Pension
aussehen werde. Angesichts ihrer bisherigen Entlohnung und vieler
Mindestrentner in Südtirol fragt man sich wirklich – Meinungsfreiheit hin oder
her –, ob „man so etwas sagt.“
Sommerlochrecherchen
Dass Farben unsere
Geschmackswahrnehmung beim Essen beeinflussen, ist schon lange bekannt. Aus
diesem Grund frage ich mich, wonach dann eigentlich das blaue Schlumpfeis
schmeckt – auch wenn ich die letzte Kugel dieser Sorte im vorigen Jahrtausend
genossen habe. Wenn Erdbeereis dank eines Geschmacksstoffs aus Sägespänen nach
Erdbeeren schmeckt, schmeckt dann Schlumpfeis nach Schlümpfen? „Werden nur
junge Schlümpfe verwendet? Oder besonders reife? Muss bald auf Schlumpfzucht
umgestellt werden, weil die natürlichen Bestände gefährdet sind?“, fragt eine
Frau im Internet ironisch. Wie ich merke, beschäftigt meine Frage auch andere.
Antwort habe ich im allwissenden Netz keine gefunden. Antworten hingegen schon:
Das Eis schmecke – wahlweise – nach Vanille, Vanille mit Honig, Kaugummi,
Waldmeister, Hustensaft, Minze, Marshmallows, Anis oder Milch mit Farbstoff.
Bei meinen Recherchen bin ich allerdings auf weitere skurrile Eissorten
gestoßen: Limette-Mascarpone-Basilikum, Birne-Parmesan, Gurke-Nutella (Name:
„Schwangerschaftstraum“) und sogar Viagra. Aha. Das ist dann sicher auch blau.
Sonderwunschzug
Haben Sie schon
einmal mit einem Glas Milch in der Hand mit einer vegan lebenden Person über
Ernährung diskutiert? Man lernt dabei einiges. Zum Beispiel dass es abnormal
sei, Muttermilch einer fremden Spezies zu trinken. Da schluckt man zweimal. Ich
möchte nun weder ernährungswissenschaftlich noch auf sonstige Weise für oder
gegen vegane Ernährung argumentieren. Dass aber das Verwaltungsgericht Bozen
einer Mutter, die für ihr Kind vegane Ernährung im Kindergarten eingefordert
hat, rechtgegeben hat, wirft ein paar Fragen auf. In einer freien Gesellschaft
sollte es möglichst keine Tyrannei der Mehrheit geben. Einverstanden. Wenn aber
der Individualismus einzelner so weit geht, dass jede Forderung akzeptiert
werden und für die öffentliche Praxis gleichwertig neben jeder anderen stehen
muss, dann blicken wir am Ende dieser Zugstrecke auf eine Tyrannei der
Minderheit. Und das kann es genauso wenig sein. Ich will kein Kreuz im
Klassenzimmer. Weg damit! Ich will keine Schularbeiten für mein Kind.
Abschaffen! Ich will, dass der Vinschger in Zukunft in Grün erscheint. An die
Arbeit, Morgan!
Standpunkterkältung
Die Worte eines
Mannes drängen sich seit Monaten förmlich auf, an dieser Stelle gespalten zu
werden – jene des Republikaners Donald Trump, der unbedingt US-Präsident werden
will. Mit seiner mehrfach getätigten Aussage „Ich glaube nicht an den
Klimawandel“ hat er bereits vor Jahren seine Meinung zur Erderwärmung
öffentlich gemacht. Diese sei eine Erfindung der Chinesen, um die amerikanische
Wirtschaft zu schädigen, so seine Erklärung, die er dann später als Scherz
bezeichnete. Jeder lokale Temperatursturz provoziert Kommentare wie „Das Wetter
ist schon so lange so kalt, dass die Schwindler der »Globalen Erwärmung«
gezwungen sind, den Namen in »Klimawandel« zu ändern, damit das Geld weiter
fließt.“ Seit 2014 baut genau dieser Trump in Irland einen Golfplatz am Meer.
Als ein heftiger Sturm einen Küstenstreifen weggespült hatte, bemühte sich
seine Firma mehrmals um eine Genehmigung zur Errichtung einer Schutzmauer –
jedes Mal explizit mit der Begründung, der ansteigende Meeresspiegel sei eine
Folge der globalen Erwärmung. Es ist schon hilfreich, wenn man weiß, wofür
Menschen stehen.
Stilunstimmigkeit
„Präsident Obama
wird als schlechtester Präsident der Geschichte der USA untergehen.“ – so Trump
über seinen Vorgänger. Was befähigt eigentlich einen Menschen, in die Politik
einzusteigen? Eine Staatslehre im Fräsen und Sägen? Ein Politik-, Wirtschafts-
oder Jusstudium? Anscheinend nicht. Ein Schulabbrecher an der Parteispitze, ein
Fotograf als Außenminister, eine Physikerin im Kanzleramt – alles keine
Widersprüche. Inhaltliche Kenntnisse sind keine Voraussetzung. Viel wichtiger
sind Eigenschaften wie Kommunikations- und Kompromissbereitschaft,
Menschenkenntnis, Netzwerkfähigkeiten, Themengespür und Zielstrebigkeit. All
das macht zwar aus einem erfolgreichen noch keinen guten Politiker, aber Donald
T. zeigt uns fast täglich, wie Politik auch aussehen kann. Wenn dieser neue
politische Stil dies- und jenseits des Atlantiks Schule macht, dann hätte man
wirklich einen Grund, politikverdrossen zu werden. Mr. Trump besitzt übrigens
einen Abschluss einer renommierten Wirtschaftsuniversität. Da ist mir dann doch
ein Tierarzt im Tourismusressort lieber – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Süßigkeitendemokratie
Als Schüler bin ich
immer mit dem Rad zur Schule gefahren. Eines Tages war plötzlich ein Radweg
samt Sicherheitsstreifen und reflektierenden Trennpflöcken wie aus dem Nichts
aufgetaucht. Die Lösung für das Mysterium war allerdings einfach: Die
Gemeinderatswahlen standen vor der Tür. Diesbezüglich hat sich wenig geändert.
Die neue Familienlandesrätin Waltraud Deeg streicht die Landesfinanzierung des
Familien-Kompetenz-Zentrums FAM. Wir erinnern uns: FAM wurde am 16. Oktober
2013 von ihrem Vorgänger der Öffentlichkeit präsentiert, am 27. Oktober, also
nicht einmal zwei Wochen danach, waren die Bürger für die Landtagswahlen zu den
Urnen gerufen. Dass von einem Wahlzuckerle gesprochen wird, verwundert deshalb
nicht – und dass das Zuckerle nun den Geschmack verliert und ausgespuckt wird,
ebenfalls nicht. „Demokratie“ bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Die Frage ist
aber, was das Volk will und ob es kurzfristig immer weiß, was es langfristig
will. So lange also Wahlzuckerlen ihren Auftrag erfüllen und das Kreuzlein an
der richtigen Stelle versüßen, werden sie weiter ausgeteilt werden.
Superwaffenmarkt
Sprachengymnasium
Schlanders: Die Französisch-Lehrerin betritt die Klasse, die Türen schließen
sich automatisch, der zu spät kommende Simon kommt zwar durch die
Metalldetektoren am Eingang, aber ohne Zugangscode nicht mehr in die Klasse mit
vergitterten Fenstern. Eine solche Situation ist bei uns nicht vorstellbar,
jenseits des Atlantiks ist sie an vielen Schulen Realität. Die Hoffnung, dass
der jüngste Amoklauf in den USA zu einem Umdenken führt, ist leider gering.
Allein 2018 gab es bereits 9 (!) Fälle an US-Schulen, bei denen Menschen durch
Waffen verletzt oder getötet wurden. „Amerikanische Trends kommen immer etwas
zeitverzögert zu uns“, kann man lesen. Ob Black Friday, Online-Sprechstunden
beim Hausarzt oder Bier mit Erdbeergeschmack eine gute Sache sind, sei
dahingestellt. Dass man Waffen ganz einfach im Supermarkt kaufen kann, wohl
eher nicht. Doch viele waffenvernarrte Amis kennen nur ein „Argument“: „Das
einzige Mittel gegen böse Menschen mit Waffen sind gute Menschen mit Waffen.“
Diese Haltung mag historisch bedingt sein, aber sie ist deshalb nicht
unveränderbar. Wenn es jedoch nach Trump & Co. ginge, dann würde die
Lehrerin in Zukunft ihr Sturmgewehr auf das Pult legen – vielleicht sogar
pinkfarben mit Glitzersteinen, nach dem neuesten US-Trend.
T Tagaktionismus
Vor 70 Jahren haben die damals noch jungen
Vereinten Nationen zum ersten Mal einen Weltgedenktag ausgerufen. Diesem Tag
der UNO sind seither unzählige weitere Aktionstage gefolgt und ebenso viele
Organisationen weltweit haben die Idee aufgegriffen. Mittlerweile gibt es
zwischen 1. Jänner und 31. Dezember kaum einen Tag, der nicht auf ein
bestimmtes Thema aufmerksam machen will. Seit der letzten Wort|spaltung vor
zwei Wochen wurden u. a. der Tag der Minzschokolade, der Welttag der sozialen
Gerechtigkeit, der Tag der Allergien, der Internationale Tag der Muttersprache,
der Tag der Schwertschlucker, der Weltfremdenführertag, der Tag der
Tiefkühlkost, der Behaupte-dich-gegen-Mobbing-Tag, der Tag der Weißwurst, der
Europäische Tag der seltenen Erkrankungen und der Weltkrokettentag gefeiert.
Wer nun auf die Idee kommt, einen Vinschger Palabiratag, einen Aktionstag
Schneamilch oder einen Südtiroler Tag der objektiven und unbefangenen Diskussionen
über Umfahrungsstraßen auszurufen, der sollte noch bis zum 26. März warten:
Dort wird der Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag begangen.
Toleranzhindernisse
Meine letzte Wort|spaltung über die doppelte
Staatsbürgerschaft hat eine Reihe von Diskussionen nach sich gezogen, sowohl
mit älteren als auch jüngeren Personen. In den (zum Teil mühsamen) Gesprächen
haben sich zwei grundverschiedene Haltungen herauskristallisiert. Die erste
Gruppe hatte Überzeugungen und Entscheidungen ausschließlich am daraus
folgenden (materiellen) Nutzen festgemacht. Für die zweite kam dem Symbolischen
und Ideellen eine ebenso wichtige, wenn nicht sogar wichtigere Rolle zu. Eine
echte Diskussion war damit leider unmöglich. Dabei waren gerade jene der ersten
Gruppe – so fair muss man sein – alles Menschen, für die Toleranz einen
zentralen Baustein unserer europäischen, aufgeklärten Gesellschaft darstellt.
Aber anscheinend hört die Toleranz der Toleranten oft sehr schnell dort auf, wo
sich die fremden Einstellungen nicht mehr mit den eigenen decken. (Und wir
sprechen hier weder von Menschenverachtung noch Aggression, die auf keinen Fall
toleriert werden können.) Aber wer alles durch die Brille einer persönlichen
Kosten-Nutzen-Rechnung sieht, wird schwer nachvollziehen können, wenn andere
keine solchen Absichten haben.
Toponomastikrätsel
Mein Name ist Cristiano Aratori und ich
möchte Sie auf eine schöne Reise mitnehmen: Sie beginnt in Enaponte, führt über
den Pass, wo wir ein Zitat des Dichters Giovanni Volfango in Marmor gemeißelt
vorfinden, und bringt uns mit einem Abstecher in die Passerstadt, um den Steg
zu bewundern, der Martino Lutero gewidmet ist. Ob und wie man Eigennamen
übersetzen soll, ist umstritten und besonders in Südtirol ein heikles Thema.
Dass das italienische Statistikamt ISTAT nun in einem Brief an Südtirols
Bürgermeister verlangt hat, die Straßennamen sprachlich in Ordnung zu bringen,
verwundert, denn für die Ortsnamengebung ist laut Autonomiestatut Südtirol
selbst zuständig. Trotzdem ist die Toponomastikfrage bis heute nicht gelöst.
Vielleicht öffnet unsere Reise einige Augen: Weiter geht’s über Worms und St.
Maria im Pein (auch bekannt als Unsere liebe Frau im Gamp) mit Blick auf den
Ultsch nach Löweneck und Burg im Suganertal, daraufhin nach Lafraun und Rofreit,
um dann in Reif den Gartensee zu genießen. Weiter südlich überqueren wir zuerst
den Brandau und nach der Wiesentheiner Ebene den Pfad. Jetzt nach Raben? Nein,
lieber nach Pawei, dort gibt es die traditionelle Ostertaube, die besser
schmeckt als das Berner Goldbrot zu Weihnachten ...
Tourismusbabel
Der Umstand, dass
die Südtiroler Marketing Gesellschaft SMG für den englisch-, französisch- und
niederländischen Markt fast ausschließlich italienische Orts- und Flurnamen
verwendet, ist quer durch die Parteien auf wenig Verständnis gestoßen. Die
Forderung der deutschsprachigen Opposition, nur historisch fundierte Namen zu
benützen, ist aber auch bei SMG-Kritikern auf Ablehnung gestoßen. Dieter Steger
führt wirtschaftliche Interessen an („Wenn man neue Märkte erschließen will,
kann man sich nicht auf wissenschaftliche Abhandlungen berufen.“), Hans Heiss
ideologische („Das Land ist geprägt von Mehrsprachigkeit und das sollte man
auch nach außen zeigen.”) Dass man nicht nur hier mit Problemen dieser Art zu
kämpfen hatte, zeigt der ECU. Der Name dieser europäischen Währungseinheit, die
als Vorläufer des Euro gilt, besteht aus einer englischen Abkürzung, die aber
französisch ausgesprochen wird, damit ja keine Sprache zu kurz kommt.
Vielleicht braucht es bei uns einfach einen sprachlichen Proporz für die
Tourismus-Werbung. Dann heißt es: Willkommen im Venosta Valley! Dio ne
traverde!
Traditionsdämmerung
Es war ein tragisches Unglück und es bleibt
zu hoffen, dass sich ein Vorfall dieser Art nicht mehr wiederholt. Ich spreche
vom Unfall während des Schlanderser Krampuslaufs. Wie immer in solchen
Situationen gehen die Meinungen derjenigen, die sich dazu öffentlich äußern,
weit auseinander. Für viele hat das Feuerspucken im Rahmen der Krampusumzüge
nichts mehr mit der ursprünglichen Tradition zu tun. Für andere wiederum
ermöglichen es gerade solch spektakuläre und gefährliche Shows, die Traditionen
aufrechtzuerhalten, da sie viele Zuschauer anziehen. Es geht mir nicht um
individuelle Beweggründe, die Teilnehmer dazu bringen, mit Feuer zu hantieren,
sondern allein um das letztgenannte Argument. Was ist von diesem
Traditionsbegriff zu halten? Liegt es nicht gerade im Wesen echter Traditionen,
dass sie um ihrer selbst willen und für sich selbst gepflegt und erhalten
werden? Verkommen sie anderenfalls nicht zu einem künstlichen, kommerziellen
Produkt, das andere konsumieren? Und werden sie damit nicht irgendwann
inhaltsleer wie die täglichen Zeichentrickfiguren-Umzüge in Disney World?
U Übelkeitsvergleich
Ich kann mich schwer entscheiden. Nicht nur,
worüber ich dieses Mal schreibe. Einiges zum Beispiel, wofür Alexander Van der
Bellen steht, kann ich kaum gutheißen. Aber Norbert Hofer? Mit Hillary Clinton
konnte ich mich nie anfreunden. Aber Donald Trump? Italien braucht dringend
eine Verfassungsreform. Aber diese Renzi-Sauce? Und dann noch die
Unsicherheiten, vor denen Südtirol in Zukunft steht, wenn das Paket erst einmal
aufgeschnürt ist. Hoffentlich wird die Schutzklausel nicht zur Schmutzklausel.
In den erwähnten Fällen ist es fast wie in Ferdinand von Schirachs brillantem
Theaterstück „Terror“, in dem ein Pilot ein entführtes Flugzeug mit 164
Passagieren abschießt, um 70.000 Fußball-Fans in einem Stadion zu retten. Man
wählt unter dem Strich das kleinere Übel. Wohl ist mir dabei ganz und gar
nicht. Wenn man sich in demokratischen Entscheidungsprozessen zwischen Skylla
und Charybdis befindet oder immer öfter die Wahl zwischen Pest und Cholera hat,
dann stimmt das nicht optimistisch. Zumindest Mediziner raten zur Cholera – die
Überlebenschancen sind ungemein höher. Wie beruhigend!
Umgangsunformen
In einer Diskothek
in Lana sprechen (oder was immer sie auch sonst machen) wieder einmal nackte
Tatsachen. Der Präsident des dortigen Tourismusvereins wurde deshalb gefragt,
ob er glaube, dass dies dem Ansehen des Ortes schade. Dieser verneinte und
fügte hinzu, dass Südtirol im Vergleich zu Nordtirol und dem Trentino
diesbezüglich ohnehin nachhinke. Aha! Zumindest was mangelnde
Selbstbeherrschung und fehlende Umgangsformen in der Legislative betrifft, kann
sich Südtirol mittlerweile doch auf Weltniveau wähnen. Was sich im Regionalrat
im Rahmen der Verabschiedung des neuen Gemeindewahlgesetzes abgespielt hat, ist
ein trauriges Beispiel dafür. Abgeordnete, die polternd, pöbelnd und beleidigend
durch den Sitzungssaal laufen, Ordnungsrufe, die im Geschrei verhallen,
(absichtlich?) falsch eingeworfene Stimmzettel, Drohgesten und zu Boden
geworfene Gläser – dass fast ein Drittel der Abgeordneten gar nicht anwesend
war, ist in diesem Chaos den wenigsten aufgefallen. Solche Szenen kannte man
bisher nur aus internationalen Parlamenten. Und nun gehören wir auch dazu – wie
gesagt: Weltniveau.
Unbuntwelt
Was haben Enid Blytons Fünf-Freunde-Abenteuer
und Karl-May-Romane gemeinsam? Richtig. Dort sind die Guten noch gut und die
Bösen böse, da ist Weiß weiß und Schwarz schwarz. Der Kosmos ist übersichtlich
und leicht durchschaubar. Doch die wirkliche Welt da draußen ist nicht so
einfach gestrickt und, um beim Vergleich zu bleiben, Schwarz und Weiß gibt es
selten in Reinform. Vielmehr regiert überall das Grau in all seinen Facetten –
auch wenn es nicht gleich 50 Graustufen sein müssen. Wir sind es gewohnt, in
einer grauen Welt zu leben und grau zu denken. Anderenfalls wird man schnell
der Schwarz-Weiß-Malerei verdächtigt. Und nun stehen wir vor dem Referendum zur
Verfassungsreform. Es ist mehr als das übliche Hin und Her der Argumente. Jede
Seite präsentiert unumstößliche „Fakten“ – und sogar die Befürworter in
Südtirol müssen zugeben, dass Renzis Vorschlag nicht mehr als eine schöne graue
Alternative zu einem ordentlichen Weiß ist. Das Dilemma: Trotzdem müssen wir am
4. Dezember (unbunte) Farbe bekennen. Ich möchte nicht in meiner Haut stecken.
Unwortlücke
Eine wahrscheinlich unerwartete Frage mitten
im heißen Sommer: Können Sie sich noch an das Südtiroler Wort und Unwort des
Jahres 2014 erinnern? Sie dürfen auch ein paar Minuten nachdenken. 2014 ist in
der Landespolitik so viel passiert – allein rund um die Politikerrenten –, da
dürfte es auch nicht schwierig sein, die richtigen Ausdrücke zu erraten. Nein,
es ist nicht Pensionsvorschuss. Doch auch alle Anstrengung nützt nichts: In
Südtirol wurde kein Wort, kein Unwort, kein Spruch des Jahres 2014 gekürt –
obwohl diese Tradition in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in
Liechtenstein zum Teil seit Jahrzehnten gepflegt wird. Wieso das? Eine
Recherche bei den Verantwortlichen hat ergeben, dass man die Wörterwahl
aussetzt, da sich kaum mehr jemand dafür interessiert hat, es immer weniger
eingeschickte Vorschläge gab und auch diese immer weniger originell waren.
Schade, Südtirol! Ich habe diese Wahlen immer als sehr aufschlussreich
empfunden: Eine Stimmung kondensiert zu einem einzigen Wort. Aber
möglicherweise bin ich der einzige – und dieser Beitrag wird gar nicht zu Ende
gelesen.
V Vermenschlichungsfantasien
„Inzwischen lebt Douglas mit einer neuen
Partnerin in seiner badischen Altersresidenz zusammen“, erfahre ich aus der
Zeitung. Das ist doch eine positive Nachricht. Genau wie der Hinweis daneben,
dass das „Hotel an der Wiese“ (Name geändert) über Zimmer mit Tageslicht,
Fußbodenheizung und Fernsehgeräten verfügt. Übrigens: Douglas ist ein Papagei
und die Zimmer sind für Hunde. Die Vermenschlichung von Tieren nimmt manchmal
schon bedenkliche Ausmaße an. Wissenschaftler sprechen sogar von einer
„fortschreitenden Bambisierung“. Aber nicht nur Tiere werden vermenschlicht.
„Alexa, frag die Post, wo mein Paket ist“, ist keine Aufforderung an die
Ehefrau, sondern an einen virtuellen Assistenten, eine Maschine. Im Film „Her“
wird die Idee weitergesponnen. Der Hauptdarsteller führt dort eine Beziehung
mit einem Betriebssystem – bis dieses auf Nachfrage zugibt, 8.316 weitere
Partner zu haben und in 641 davon sogar verliebt zu sein. Schöne neue Welt?
Aber solange mich Mr. Big und Franka – mein Kühlschrank und meine Klospülung –
nicht verlassen, brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen.
Verpackungsgedanken
Wenn man etwas
verkaufen will, dann ist die Verpackung mindestens genauso wichtig wie der
Inhalt. Dies gilt auch für die Politik. Als zum Beispiel die US-Regierung 1917
den Bürgern der Krieg schmackhaft machen musste, wurde eine PR-Offensive
gestartet, an der Tausende Menschen beteiligt waren; 2008 hat Israel
Werbeexperten beauftragt, das internationale Ansehen aufzupolieren und Barack
Obamas „Change“ ist ein Slogan, der in seiner Einfachheit und Verständlichkeit
kaum zu überbieten ist. So ist Namensfindung mittlerweile ein gutes Geschäft,
wenn man nichts dem Zufall überlassen will. Bezeichnungen wie „Etsch-Dialog“
(samt Logo) oder „Bildungsomnibus“ fallen nicht einfach vom Himmel. Für die
Mitbestimmungsgremien zur Abänderung des Autonomiestatuts hat man sich für
„Forum der 100“ und „Konvent der 33“ entschieden. Die Bezeichnungen erinnern mich
an den „Rat der 500“ und den „Nationalkonvent“, zwei wenig erfolgreiche
Institutionen während der Französischen Revolution. So bleibt zu hoffen, dass
der Autonomiekonvent nicht nur Verpackung und ein basisdemokratisches
Feigenblatt bleibt.
Volkskurzzeitgedächtnis
Allein im „Tagblatt der Südtiroler“ hat es in
den Tagen nach Veröffentlichung der Liste mit den Politikerpensionen 166
Leserbriefe dazu gegeben. Jede Form von Kritik und Beschimpfung der
legislativen Untat wurde schon zu Papier gebracht. Für das Unwort des Jahres
2014 konkurrieren „Pensionsvorschuss“ und „erworbenes Recht“ und
Ex-„Kultur“landesrätin Kasslatter Mur hat mit „Bitte fragen Sie mich nicht, wie
ich mich fühle.“ den Unsatz des Jahres beigesteuert – für einige die zynischste
Aussage seit Marie Antoinettes Zeiten. Da diesbezüglich alles gesagt ist,
möchte ich einen eher ungewöhnlichen Gedanken einbringen. Man muss fast froh
sein, dass durch kalkulierte Hinterfotzigkeit die Bombe erst nach (!) den
Wahlen geplatzt ist, ansonsten hätte es im Rausch des Politikhasses
außergewöhnlich viele Protest- und Nichtwähler gegeben. Man hätte nicht einmal
mehr die traditionelle Opposition wählen können, denn diese hebt sich nicht
sonderlich von den von ihnen stets Kritisierten ab. Damit wäre das Machtgefüge,
so sehr es auch erneuerungsbedürftig ist, vollkommen aus den Fugen geraten. Die
Geschichte lehrt uns aber, dass eine gestürzte Ordnung, an der es berechtigte
Kritik gibt, nicht automatisch eine neue und bessere Ordnung hervorbringt. Ganz
im Gegenteil. Und wenn jetzt von einem Denkzettel für die nächsten
Landtagswahlen gesprochen wird, dann glaube ich, ehrlich gesagt, nicht daran.
W Wankelübermut
lm immer noch sehenswerten österreichischen
Spielfilm „Der Bockerer“ kommt die Figur des Polizisten charakterlich nicht
besonders gut weg. Je nachdem, wer gerade an der Macht war, gab er sich als
überzeugten Monarchisten, Republikaner oder Nationalsozialisten – und
bezeichnete sich auch noch als Mann mit Idealen. Dieses
Bäumchen-wechsel-dich-Spiel kennt man auch in Südtirol nur allzu gut. Nach dem
frühen Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft bei der
Fußball-Weltmeisterschaft mutierte manch trauernder Italien-Anhänger zum
glühenden Deutschland-Fan. Und in der Politik hebt Landtagsabgeordnete Elena
Artioli diese Kunst in ganz neue Sphären: von der SVP über mehrere
Zwischenhüpfer quer durch das politische Farbspektrum bis zum PD (wo viele
diesen Gesinnungsverrenkungen durchaus skeptisch gegenüberstehen). „Ich bin
eine, die aufbauen will und nicht zerstören“, lässt sie in einem Interview
verlauten. Eine solche Aussage könnte von jedem Politiker jeder beliebigen
Partei kommen. In Zukunft wird es jedoch eng für Artioli werden. Irgendwann
werden ihr die Parteien ausgehen.
Wasserleitgedanken
Ob die Kriege der Zukunft um Wasser statt um
Öl geführt werden, ist nicht unumstritten. Für viele Staaten sei es billiger,
Produkte, zu deren Herstellung viel Wasser nötig ist, im Ausland zu kaufen und
damit indirekt Wasser zu importieren. Man spricht von „virtuellem Wasser“.
Japan, China, Indien und die meisten europäischen Staaten sind so genannte
„Netto-Wasserimporteure“. Ein sehr heikles Thema ist aber die Privatisierung
der Wasserversorgung. Wasser ist – laut EU-Parlament – „ein öffentliches Gut,
keine Handelsware“, der Zugang zu sauberem Wasser seit 2010 sogar ein von der
UNO anerkanntes Menschenrecht. Doch der internationale Wassermarkt wird von
wenigen britischen und französischen Konzernen beherrscht und privates
Profitstreben und die Garantie des Rechts auf Wasser beißen sich oft. In
Ländern wie Griechenland und Portugal gibt es bereits Beispiele von eklatanten
Preiserhöhungen seit der Privatisierung. Irgendwann kommt noch jemand auf die
Idee und privatisiert Sonnenlicht und Gravitation. Dann müssen wir dafür bezahlen,
dass wir am Strand braun werden und am Boden bleiben.
Wertschmähung
Mein 29. Beitrag an dieser Stelle war mir ein
besonderes Anliegen – wenn er vielleicht auch auf wenig Gegenliebe gestoßen
ist. Er endete mit dem Fazit: „Es ist schwierig, über unvereinbare
Glaubenssysteme zu diskutieren.“ Zwei aktuelle Ereignisse stützen die Bedeutung
des Themas. In der Schweiz weigern sich zwei muslimische Schüler aus religiösen
Gründen, ihrer Lehrerin (wie dort üblich) im Unterricht die Hand zu geben –
weil sie eine Frau ist. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, „entband“
der Direktor die beiden Schüler von dem Brauch – auch gegenüber männlichen
Lehrpersonen. Was wiegt höher, wenn zwei Ansichten unvereinbar sind? Der
Respekt vor weltlichen Ritualen oder die Achtung religiöser Gefühle? Der
Satiriker Jan Böhmermann hingegen beschäftigt mit seiner „Schmähkritik“ gegen
den türkischen Präsidenten Erdoğan Politik und Medien. Während die
Mehrheit der Öffentlichkeit gegen eine Beschränkung der Meinungsfreiheit ist,
schwankt die Politik noch (oder schon?), um dem Verhältnis zur Türkei nicht zu
schaden. Es wird sich zeigen, wie belastbar die Werte des Westens sind.
Wienerschnitzelrepublik
Dass die Bundespräsidentenwahl in Österreich
aufgrund von fehlerhaften Wahlkarten um zwei Monate verschoben werden musste,
schmeckte nicht allen und veranlasste viele Spötter zu einem übereifrigen
Gebrauch des Wortes „Bananenrepublik“. Sogar der heimattreuen Fraktion im
Südtiroler Landtag fiel es mit rechtem Herz plötzlich schwer, „stolz aufs
Vaterland“ zu sein. Doch es gibt keinen Grund dafür. Wäre Österreich
tatsächlich eine Bananenrepublik, dann gäbe es wahrscheinlich gar keine Wahlen
oder defekte Kuverts kämen einigen gerade recht, das Ergebnis in ihrem Sinne
zusammenzukochen. Zur Erinnerung: Die Wiederholung der Wahl wurde vom
Verfassungsgerichtshof nicht angeordnet, weil es tatsächlich zu
Wahlmanipulationen gekommen war, sondern allein, weil die Möglichkeit bestand.
Das klingt nicht, als würden exotische Früchte regieren: Österreich liegt
weltweit immerhin auf Platz 16 der am wenigsten korrupten Staaten. Doch
plakative, polemische Ausdrücke werden schnell verwendet und die Medien stürzen
sich nur zu gerne darauf. Das geht schneller, als ein Wiener Schnitzel
zuzubereiten.
Wirbelgedächtnis
Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere
Aufmerksamkeit und unser Interesse umso schneller abnehmen, je größer der
Wirbel und das Tamtam um eine bestimmte Sache sind. Darunter leidet natürlich
auch unser Gedächtnis. Können Sie sich zum Beispiel noch an den Piano-Mann
erinnern? An den jungen Mann, der an einen Strand gespült worden ist, nicht
geredet und anscheinend konzertreif Klavier gespielt hat und damit die Medien
monatelang beschäftigt hat? Oder wie sieht es mit all jenen Menschen aus – auch
die knackigen Vinschgerinnen in den knappen Bikinis –, die sich vor laufender
Kamera mit eiskaltem Wasser angeschüttet haben, um auf irgendeine Krankheit
hinzuweisen? Oder wo sind denn die ganzen Charlie Hebdos plötzlich geblieben?
Heute heißt niemand mehr Charlie. Auch die gefühlten tausend
Leserbriefschreiber zum Südtiroler Rentenskandal und Vor-dem-Landtag-Mauler
sind verschwunden. Ist denn mit den Politikerrenten nun alles in Ordnung? Eine
Frage sei deshalb noch am Ende gestellt: Werden die Menschen auch das „Refugees
Welcome“, das „Flüchtlinge Willkommen“ so schnell vergessen?
Wortfallenleger
Immer wieder wird in Leserbriefen die
Übermacht der englischen Sprache im Alltag kritisiert. Zu gerne bemühe der
Südtiroler das Englische, wenn es darum geht, seine Produkte oder – hoppla –
Events an Mann und Frau zu bringen (schlimmer wäre eigentlich nur noch
Italienisch); und im Rundfunk würde ohnehin zu viel englischsprachiges Liedgut
serviert. Jeder, wie er will. Darüber hinaus gibt es noch Wörter, die zwar
englisch klingen, es aber gar nicht sind bzw. dort eine ganz andere Bedeutung
haben. Dass „Handy“ im Englischen kein Mobiltelefon bezeichnet, ist
mittlerweile fast jedem bekannt (sogar Smartphone-Besitzern). Es handelt sich
um einen Scheinanglizismus. Nur ein Fall von vielen. Deshalb Vorsicht! Bitten
Sie keinen Engländer den Beamer einzuschalten, leihen Sie sich keinen Oldtimer,
tragen Sie keinen Smoking, gehen sie nicht zu einem Shooting und wenn Sie das
nächste Mal ein Fußballspiel bei einem Public Viewing erleben, dann hoffen Sie,
dass die gegnerische Mannschaft 7:0 zerlegt wird, denn Public Viewing
bezeichnet in England das öffentliche Aufbahren eines Leichnams.
Worttaschenmesser
Wenn ein Schweizermesser zu Worten werden
könnte, dann würde es wahrscheinlich „Kein Kommentar“ heißen. Jene
Universalfloskel, die Politiker wie auch Wirtschaftsvertreter gerne
unangenehmen Fragen entgegenwerfen, um sich aus einer heiklen Situation zu
schneiden. Was sagen Sie zu den gefälschten Abgaswerten? Kein Kommentar. Was
sagen Sie zu den gegen Sie erhobenen Korruptionsvorwürfen? Kein Kommentar. Es
ist ein verbales Mehrzweckwerkzeug, das vor allem im mündlichen Bereich gut
funktioniert. Sicherlich, manchmal wird von Journalisten eine
Zehn-Sekunden-Antwort verlangt, da scheint es bei komplexen Themen besser,
nichts zu sagen. In letzter Zeit hat das Schweizermesser aber Konkurrenz
bekommen. Der neue Star der Super Tools (wenn auch historisch keine neue Erfindung)
ist zweifelsohne „Fake News“. Wird heute jemand mit unvorteilhaften Nachrichten
konfrontiert, kann er – wie in letzter Zeit häufig vorgekommen – das
integrierte Brenneisen auspacken und das Gesagte als Fake News brandmarken. In
einer Zeit, in der ohnehin stetig Misstrauen gegen Medien geschürt wird, wirkt
das für viele nicht mehr als Ausrede, sondern gerade als Bestätigung ihres
Weltbildes. Das Bedenkliche daran ist, dass es so einfach geworden ist, mit
diesem Vorwurf Verwirrung und Unsicherheit zu streuen. Zwar hat jeder
prinzipiell die Möglichkeit alles zu überprüfen, aber das ist eine
Herausforderung, die täglich kaum zu leisten ist. Was bleibt ist eine Lanze für
Qualitätsjournalismus, der (in einer Zeit, in der alles kostenlos sein soll)
durchaus etwas kosten darf – dann schneidet man sich auch nicht an einem
Messer.
Z Zeitungshungerkur
Der libanesische Querdenker Nassim N. Taleb
vertritt die provokante These „Um sich endgültig von der Gewohnheit, Zeitung zu
lesen, zu kurieren, verbringe man ein Jahr damit, die Zeitungen der letzten
Woche zu lesen.“ Als überzeugter und täglicher Zeitungsleser wäre das eine
nicht kleine Herausforderung. Aber es muss nicht gleich ein ganzes Jahr sein.
Ich hatte die Gelegenheit, zehn Tage lang ohne Zeitung, ohne Internet und ohne
Smartphone zu verbringen. Schon nach einigen Tagen stellte sich das Gefühl ein,
es könnte der 3. Weltkrieg ausgebrochen sein und man hätte keine Ahnung davon.
Ich sehe gerade die alten Zeitungen durch. Was hat nach zehn Tagen wirklich
noch Bedeutung? Worüber wird noch geredet? Googles Milliardenstrafe? Trumps
Eskapaden? Nordkoreas Provokationen? Der G20-Gipfel? Der Erhalt der Schulnoten?
Ich merke, es ist doch eine ganze Menge passiert, das Auswirkungen auf unser
aller Zukunft hat. Ich werde also beim Zeitunglesen bleiben – auch wenn ich
dabei erfahre, dass die Heilung vom bösen Blick 400.000 Euro kostet und die
Kastelruther Spatzen erpresst worden sind.
Zuckerleschleudern
Wenn Ärzte Halbgötter in Weiß sind, dann
müssen Politiker wohl das Gegenstück in Schwarz sein. Vor allem die
italienischen Vertreter der Zunft. Die Parlamentswahlen am 4. März bringen sie
derzeit zu versprecherischen Höchstleistungen: Mindestrenten von 1.000 Euro,
Steuerfreiheit für das erste Auto und das erste Haus, Abschaffung der
Fernsehgebühren, der Sozialleistungen für neu eingestellte Junge und der
letzten kostensparenden Rentenreform, gleichzeitig Erhöhung der
Steuerrückerstattungen, Einführung eines Bürgereinkommens von monatlich 780
Euro oder mehr für 9 Millionen Italiener, ein Mindestlohn von 9 oder sogar 10
Euro pro Stunde, eine einheitliche Steuerrate von 23 % oder, non finisce qui,
von nur 15 % und die gänzliche Steuerbefreiung für Familien mit geringem
Einkommen. Jeder versucht, den politischen Mitstreiter zu übertrumpfen. Egal,
ob rechts, links, schräg, unten oder wo auch immer auf dem politischen
Spektrum. Und das trotz gigantischer Staatsschulden und fehlender konkreter
Modelle zur Finanzierung. Und der Tatsache, dass keine Partei und kein Bündnis
genügend Stimmen auf sich vereinen wird, um alleine zu regieren. Und der wenig
realistischen Aussicht, dass sich eine Allianz über die Blöcke hinweg bildet.
Hier reicht es nicht aus, ein Halbgott zu sein, da muss schon der
Weihnachtsmann her. Und der hat vor Ostern Pause.
Zukunftswirrsionen
„Die Schweden sind uns in der Regel etwa 20
bis 30 Jahre voraus.“ Diese Aussage einer Mainzer Sprachwissenschaftlerin
bezieht sich auf den in Skandinavien zu beobachtenden Trend, dass Kinder immer
häufiger Namen bekommen, die man bisher Tieren vorbehalten hatte. Also nicht
mehr Philipp und Julia sondern Hasso und Minka. Die Finnen hingegen planen ein
Gesetz, das geschlechtsneutrale Vornamen vorsieht. Damit könnte ein Junge auch
Babsi und ein Mädchen durchaus Karl heißen. Eine Änderung des
Personenstandsgesetzes in Deutschland ermöglicht es zudem, bei einem
Neugeborenen keine Angabe zu dessen Geschlecht zu machen. Ungeklärt ist aber,
ob sich die Betroffenen irgendwann entscheiden müssen, oder ob Erwachsene diese
Angaben löschen lassen können. Die Zukunft wird verwirrend werden. Wer weiß
denn beispielsweise bei einer Hochzeitsanzeige von Waldi und Kurt noch wer wer
ist oder wer was ist? (Ganz unerheblich ist dies ja nicht.) Auf der anderen
Seite hat das auch praktische Züge: Wenn man auf dem Kinderspielplatz nach Rex
ruft – kommen gleich der Hund und die eigene Tochter angerannt.
(C) 2013-2018 by Christian Zelger