Wort|spaltung

 

A Ablenkungshosen

Ich würde nicht so weit wie Oscar Wilde gehen und behaupten, die Amerikaner seien das einzige Land, das den Weg von der Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg über die Zivilisation gegangen ist, aber richtig verstanden habe ich die Amis nie. Die USA sind hochverschuldet, verschieben aber weiterhin die Schuldenobergrenze stetig nach oben; von den politischen Versprechungen Obamas ist eigentlich nur seine Gesundheitsreform „Obamacare“ übrig geblieben (und diese mit massiven Problemen); und seit ein paar Wochen schleicht sich ein Totgeglaubter namens „Kalter Krieg“ nach fast einem Vierteljahrhundert aus seinem Versteck. Barack Obama hat anscheinend trotzdem Zeit und Willen, öffentlich über seine Hosen zu reden und mit der Welt die Erkenntnis zu teilen: „Die Wahrheit ist, dass ich in Jeans sehr scharf aussehe.“ Vielleicht könnte man hierzulande (nicht nur im Wahlkampf) von den Amerikanern lernen. Bei all dem, was momentan in der Südtiroler Politik los ist, könnte es nicht schaden, wenn sich die Medien mit Arno Kompatschers Hose beschäftigen – wahrscheinlich das momentan einzig saubere.

 

Abschottungseuropa

Vor genau 20 Jahren haben die SPIEGEL-Redakteure Hans-Peter Martin und Harald Schumann das Buch „Die Globalisierungsfalle“ veröffentlicht – Jahre vor dem 11. September, dem Auftauchen des I.S., dem Arabischen Frühling und den Flüchtlingswellen. Ein Kapitel widmet sich der brasilianischen Stadt Alphaville, einer 1973 vor den Toren São Paolos künstlich angelegten Stadt. Hier leben 50.000 Menschen aus Angst vor Kriminalität vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Die Siedlungen sind von meterhohen Mauern umgeben, die mit Kameras und Suchscheinwerfern ausgestattet sind. Private Wachdienste sind rund um die Uhr im Einsatz. Kinder unter zwölf Jahren dürfen die Stadt nicht verlassen, Minderjährige nur mit schriftlicher Genehmigung der Eltern, jeder Besucher muss sich ausweisen, jedes Fahrzeug wird gründlich durchsucht. Alphaville ist das selbstgewählte Ghetto der Reichen und wurde seitdem weltweit kopiert. „In Europa leben die Gewalttäter hinter den Mauern, bei uns sind es die Wohlhabenden“, fasst ein Soziologe die Situation zusammen. Anscheinend ändert sich das auch in Europa.

 

Alternativschwierigkeiten

Welche Lottozahlen werden gezogen? Oder wo werde ich in zehn Jahren stehen? Vielleicht alles Fälle für den Wahrsager. Der seriöse Blick nach vorne nennt sich Wissenschaft. Wenn ich Wasserstoff und Sauerstoff zusammenbringe und einen Funken zünde, dann – so das Wissen um die Zukunft – knallt es. Genauso interessant sind Wahlprognosen. Sieht man sich aber die Bundespräsidentenwahl in Österreich an, so haben sich die Meinungsforschungsinstitute nach den Fehleinschätzungen der vergangenen neun Monate kaum mehr getraut, den Wahlausgang vorherzusagen. Am Tag der Wahl hieß es noch: „Seriös kann man aktuell nur abschätzen, dass es heute wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Hofburg gibt.“ Tatsächlich war dann nicht einmal das richtig. Mit einem Abstand von über 7,5 Prozent kann von einem Fotofinish keine Rede sein. Was lernen wir daraus? Wenn ich Rechtspopulismus und Linksgrüneuropa zusammenbringe und eine Wahl zünde, dann verwundert es kaum, dass es mangels Alternativen zu diesen Alternativen schwierig wird, klare Vorhersagen zu machen. Aber die Hauptsache ist, es knallt nicht.

 

Altunbewährtes

Die 80er Jahre sind zurück und die Schulterpolster kommen wieder. Bitte nicht! Dem Menschen fällt anscheinend nichts Neues ein. Hollywood versinkt in Remakes und Fortsetzungen, die Musik bedient sich bei der Vergangenheit und im Fernsehen geben sich Fragensteller und Kommissare die televisive Klinke in die Hand. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ steht schon in der Bibel. Auch politisch treten allerorten Altbekannte auf. Der Toponomastik-Streit geht in eine weitere Runde, alte Gräben werden aufgerissen und Tolomei schaut wieder vorbei. Was gerade in der Türkei passiert, erinnert stark an die 30er Jahre in Deutschland und sollte jeden Demokraten skeptisch stimmen. Europafeindliche Parteien verzeichnen kontinentweit Zuwächse. Sogar der Antisemitismus (auch in Südtirol!) ist wieder auf dem Vormarsch. Der Buchtitel „Er ist wieder da“ klingt damit fast wie eine prophetische Drohung. Manches sollte wirklich im Gulli der Geschichte verschwinden und nicht wiederkehren, dazu gehören z. B. totalitäre Systeme, egoistischer Nationalismus – und natürlich die Frisuren der 80er Jahre.

 

Ängsteauswahl

„Sind Sie auch der Meinung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört?“, fragte die Tageszeitung „Dolomiten“. Meistens werden bei der „Frage des Tages“ drei oder vier Antworten vorgegeben, die in ihren Formulierungen auch schon einmal mehrere Zeilen lang sein können. Hier hatte man sich jedoch auf nur zwei und dann sehr knappe Möglichkeiten beschränkt: Ja oder Nein. Immerhin 86 % der Abstimmenden folgten Horst Seehofers Meinung und verneinten das Dazugehören. (Übrigens der gleiche Prozentsatz der Südtiroler, der in der Zeit der Option für Deutschland gestimmt hatte.) Die Angst vor dem Islam gründet wahrscheinlich weniger in den religiösen Unterschieden. Dass sich Siegfried Standardsüdtiroler in einer Bar mit Mohammed Migrationsmoslem aufgrund eines theologischen Disputs über die Dreifaltigkeit in die Haare bekommen, ist eher unwahrscheinlich. Vielleicht ist es vielmehr die Angst einer säkularen Gesellschaft, deren Bezug zum Glauben aufklärerisch gefiltert ist. Vielleicht ist es generell die Angst vor dem Fremden. Diese hört bekanntlich erst auf, wenn es sich um einen wohlschmeckenden Döner handelt oder eine gern genutzte, billige Arbeitskraft.

 

Athenlos

Dass die alten Griechen die Tragödie zur hohen Kunst erhoben haben, kommt den Journalisten, die über die aktuelle Krise berichten, sehr entgegen. So können sie immer wieder von der „griechischen Tragödie“ berichten. Doch wie passend ist dieser Ausdruck? In einer klassischen Tragödie gibt es eine unausweichliche Katastrophe für den Helden. Gilt dies auch für den „Anti-Helden“ Griechenland? Was wirklich passieren wird, wenn die Griechen pleite sind, weiß niemand – nicht einmal Finanzexperten. Liest man deren Analysen, so kommen auch sie nicht ohne „möglicherweise“, „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ aus. Für den einen hat ein Staatsbankrott verhängnisvolle Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft, für den anderen passiert dies alles im Rahmen des Handhabbaren. Selbst Grexit, also der Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum, wirft große Fragen auf. Ist so etwas überhaupt möglich und wenn ja, wie? Das ist wahrscheinlich die eigentliche Tragödie. Wäre Italien in einer vergleichbaren Situation, müsste für die Journalisten wohl Dante herhalten – dann wäre alles eine Komödie.

 

Aufmerksamkeitsbeschaffungswunder

Manchmal genügt es, eine einzige Idee zu haben. Eine zündende Idee. Besser gesagt: eine zündelnde Idee. „Das Wunder von Mals“ ist so eine. Eine, die es sogar auf Platz 1 der Südtiroler Bestseller-Listen geschafft hat. (Interessanterweise auf die Liste „Belletristik“ – also doch kein Sachbuch, das Fakten wiedergibt?) Dass es tatsächlich zu dieser fragwürdigen Strafanzeige gekommen ist, war wahrscheinlich die beste Werbung. „Ich werde akribisch Tagebuch darüber führen, [...] wie es sich anfühlt, wenn man zum Schweigen gebracht werden soll“, verrät der Autor zu seinem nächsten Buchprojekt „Pestizid-Tirol-Tribunal“. Ich sehe hier für die Zukunft eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Die gefilmte Lesereise zu diesem zweiten Buch wird im Filmclub unter dem Titel „Pestseller“ gezeigt. Die anschließenden Diskussionsrunden werden (mit Hilfe aus der Malser Apotheke) zum Gedichtezyklus „Der Krachnich“ verarbeitet und unter clubfreien Apfelbäumen rezitiert. Höhepunkt des Schaffens wird das autobiographische Musical „Schiebelung“ sein, inszeniert von der Theatergruppe Mals, in der Hauptrolle Thomas Hochkofler – und Arnold Schuler & Co. bekommen Freikarten.

 

Ausgrenzwert

Wenn mich jemand einen Idioten oder Deppen nennt, dann wäre ich – glaube ich – zu Recht irritiert. Auch wenn in Zeiten von Böhmermann und Erdogan grobe Ausdrucksweisen bis hin zu Geschmacklosigkeiten aus satirischen Gründen hoch im Kurs sind, ließe ich mich zum Beispiel ungern einen Nazi oder Stalinisten schimpfen – ob satirisch oder nicht. Zuviel Blut und zu viel Menschenverachtung hängen an den genannten Bezeichnungen, als dass man so einen Vorwurf leichtfertig aussprechen könnte. Ebenso wenig wäre ich erfreut, wenn mich mein Gegenüber mit dem zweifelhaften Stempel „Faschist“ versieht. Aber Tausende Bozner sehen das anscheinend anders. Dass bei den Gemeinderatswahlen in der Landeshauptstadt eine italienische Partei, deren Mitglieder sich stolz „Faschisten des 3. Jahrtausends“ nennen, ihre Stimmen verdreifachen konnte, lässt einen deshalb sprachlos. Sicherlich: Parteien dieser Art sind immer auch Ausdruck der ungelösten Probleme ihrer Zeit. Doch wie formulierte schon der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt: „Im Gegensatz zur Satire sind der Dummheit keine Grenzen gesetzt.“

 

B Begriffsklauberküche

Treffen sich zwei Philosophen. Fragt der eine: „Was ist eine Definition?“ Antwortet der andere: „Das hängt ganz davon ab, wie du »definieren« definierst.“ Ob Sie über diesen Witz lachen können, hängt wahrscheinlich ganz davon ab, wie Sie »Witz« definieren. Aber Spaß beiseite. In der Tat helfen uns klare Bedeutungen sehr oft. Zumindest in der Theorie. Ein Fall, in dem es um Begriffsklauberei geht, regt indes auf. In der Causa des deutschen Politikers Sebastian Edathy ist es zunächst darum gegangen, ob das bei ihm gefundene Bildmaterial – nackte Kinder von einer einschlägigen Internetseite – juristisch gesehen überhaupt den Tatbestand der Kinderpornografie erfüllt. Gut, in einem Rechtsstaat muss alles seine Ordnung haben. Nun entgeht er aber gegen Zahlung eines läppischen Betrags von 5.000 Euro und dem Geständnis (!) „Die Vorwürfe treffen zu“ einem Prozess und ist damit nicht vorbestraft. Dass er aber gleichzeitig rechtlich korrekt behaupten kann, dass es „keine Schuldfeststellung“ gab, bestärkt das Gefühl, dass es eine Gerechtigkeit jenseits der Begrifflichkeiten geben muss.

 

Belaststoffe

Stellen Sie sich vor, Sie laden einen unliebsamen Gast aus, er kommt aber trotzdem in Verkleidung auf Ihre Feier – und Sie merken es nicht einmal. In der neuen Rubrik „Wortspaltung“ möchte ich Wirtschaftstreibenden, Politikern und Kulturschaffenden auf die Buchstaben sehen, schauen, was sich hinter einzelnen Ausdrücken und Aussagen versteckt, Worte aufspalten und das eigentlich Gemeinte zum Vorschein bringen. Lebensmittelskandale gab es in den vergangenen Jahren zur Genüge. Dass immer mehr Menschen vorsichtiger werden und auf eine gesunde Ernährungsweise achten, ist deshalb nachvollziehbar. Nehmen wir uns die folgende Versprechung auf Lebensmittelpackungen vor: „Ohne Geschmacksverstärker Glutamat“. Wenn man sich die Zutatenliste ansieht, wird man meist auf einen zunächst unverdächtig scheinenden Bestandteil namens Hefeextrakt (neuerdings sogar Biohefeextrakt) stoßen. Hinter dem harmlos klingenden Inhaltsstoff verbergen sich aber mehrere Geschmacksverstärker, darunter auch Glutamat – ohne dass die Hersteller rechtlich gesehen verpflichtet sind, dies auf der Packung zu erwähnen. Und schon ist er wieder da, der unliebsame Gast.

 

Binsenweißheit

Zu jeder Handlung gibt es eine Alternative: die Unterlassung. Bei den Gemeinderatswahlen haben die Südtiroler dies weidlich genutzt. 1. Indem sie sich gar nicht an die Urnen bemüht haben – immerhin fast eine Drittel. 2. Indem sie die Stimmzettel jungfräulich weiß eingeworfen haben. Besonders prekär war dies in Stilfs. Aus den 100 % Zustimmung für den einzigen Bürgermeisterkandidaten werden bei Berücksichtigung von Wahlbeteiligung und ungültigen Stimmen (fast die Hälfte!) weniger als 33 %. Ein deutliches Signal für mehr Alternativen – es müssen ja nicht gleich 19 Kandidaten wie in Algund sein. Während die weißen Stimmzettel nachvollziehbar und gerade ob der Wahllosigkeit Ausdruck des Wählerwillens sind, habe ich weniger Verständnis für die immer größer werdende Zahl der Nichtwähler. Was soll damit ausgedrückt werden? Dass die Demokratie abgeschafft gehört? Dass man erst wieder bei „anständigen“ Kandidaten wählen werde? Zumindest in St. Ulrich ist die ungültige Wahl verständlich: nur eine Liste und ein Bürgermeisterkandidat sind zu wenig. Demokratie braucht echte Wahlmöglichkeiten.

 

Bürgxmeistx

Ich wusste schon eine knappe Woche vor den Gemeinderatswahlen, wer in Schluderns Bürgermeister wird. Warum ist diese Behauptung falsch? Nein, nicht weil man aufgrund der verworrenen Situation als Nicht-Schludernser eine solche Vorhersage gar nicht hätte machen können, sondern weil sich sprachlich sensible Mitbürgerinnen am Wort „Bürgermeister“ stoßen könnten. Denn es wäre durchaus möglich gewesen, dass Schluderns dieses Mal eine Bürgermeisterin bekommt. Da aber das Oberhaupt einer Gemeinde männlich oder weiblich sein kann und zudem nicht nur für Bürger, sondern auch für Bürgerinnen da sein sollte, müsste man konsequenterweise von Bürger- und Bürgerinnenmeistern und Bürger- und Bürgerinnenmeisterinnen sprechen. Ja, es ist anstrengend, niemanden zu diskriminieren. Eine Professorin für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Berliner Humboldt-Universität hat jetzt vorgeschlagen, Endungen prinzipiell wegzulassen und durch ein „x“ zu ersetzen: „Die x-Form soll deutlich machen: Es gibt auch noch mehr als Frauen und Männer.“ Aha! Heißt das dann, dass man in Schluderns auch mit einem Pferd hätte rechnen müssen?

 

D Danteschützen

Es ist immer eine Gratwanderung: Ist uns etwas wertvoll und wichtig, weil wir es um seiner selbst willen schätzen, oder weil es für etwas anderes nützlich ist? (Ist das schwache Bekenntnis der Vinschger Schützen zu Österreich ein Zeichen dafür, dass diese keinen Nutzen mehr darin sehen? Seitenhieb Nr. 1) Die eingangs gestellte Frage betrifft immer wieder auch den Sprachunterricht. Die alte Klage vom schlechten Italienisch-Unterricht beispielsweise wird regelmäßig von den Medien aufgegriffen. Die aktuelle Situation veranlasste das Landesbeiratfrüchtchen Matthias von Wenzel gewohnt selbstsicher herumzuposaunen: „Ich bin nicht davon überzeugt, dass es notwendig ist, Dante zu lesen.“ Und viele würden ihm recht geben. Unter dem Strich zählt für sie stets der im weitesten Sinn wirtschaftliche Vorteil. (Mit ähnlichen Argumenten könnte man auch das Fach Französisch durch Spanisch verdrängen. Seitenhieb Nr. 2) Vielleicht aber verhindern Dante-lesende Schüler eher eine „höllische“ Zukunft, als jene, die das Paradies stets durch eine Registrierkasse sehen wollen. Es bleibt ein Fegefeuer.

 

Digitaldiktatur

„Die Verlierer haben stets ein viel größeres Wissen als die Sieger, wenn du siegen willst, musst du eins und nur dieses eine wissen und darfst keine Zeit damit verlieren, auch noch alles andere zu lernen“, so schreibt Universitätsprofessor und Autor Umberto Eco in seinem neuesten Buch. Wer heute zum Beispiel „Digitalisierung!“ schreit, kann getrost mit breiter Zustimmung aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft rechnen. Die Generation, die ohne Computer aufgewachsen ist, sitzt heute an den wichtigsten Stellen, und stimmt in den Chor ein, wie schwierig doch früher alles war und wie leicht heute alles gehe (und gehen müsse). Für den, der nur diese eine Sache weiß, gibt es deshalb auch nur ein Credo. Wer aber nicht nur Sprachrohr des Zeitgeistes ist, und sich mit Themen wie Datenschutz, Big Data, den Geschäftspraktiken der großen Internet-Konzerne, den CO2-Fußabdruck digitaler Medien, Data Fusion, dem Energieverbrauch einer Google-Abfrage, der Sinnhaftigkeit in konkreten Fällen, neurologischen Studien uvm. befasst – also ein wesentlich umfassenderes Bild zum Thema besitzt –, der hat schon verloren. Früher wurden die Überbringer schlechter Nachrichten getötet. Heute werden sie – wie zivilisiert! – überschrien oder ignoriert.

 

Doppelpassatwind

Ich bin Österreicher. Der Doppelpass spaltet die Südtiroler. Nur ein europäischer Pass ist ein guter Pass. Ich bin stolz auf meine italienische Staatsbürgerschaft. Es ist mein sehnlichster Wunsch, mich dem früheren Vaterland näher zu fühlen. Der Doppelpass öffnet die österreichischen Grenzen für Flüchtlinge, die in Südtirol leben. Niemand braucht eine zweite Option. Ich singe gerne die italienische Hymne bei Sportveranstaltungen. Wer einen österreichischen Pass will, ist eine Dumpfbacke. Ihr habt keine Ahnung von Geschichte. Nur wer einen Ahnenpass vorweist, wird Österreicher. Es gibt viel Wichtigeres. Grüne und Faschisten ziehen an einem Strang. Wer einen österreichischen Pass will, steckt mit Nazis unter einer Decke. Man muss nur wollen. Das ist alles nur vorgezogener Wahlkampf. Der Doppelpass ist nichts anderes als ein Placebo für eine Sehnsucht. Lieber Landstreicher als Österreicher. Im Falle eines Krieges könnten Südtiroler gegen Südtiroler kämpfen. Suchen Sie sich etwas aus, wenn Sie mitdiskutieren wollen. Dazu zwei Gedanken, die für beide Seiten gelten: „Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein.“ (Arthur Schopenhauer) und „Die eigentliche Wunde ist die Diskussionskultur in Südtirol.“ (Alexander Schiebel).

 

E Eltereinsunser

„Ich finde es jedenfalls nicht gerecht, dass Frauen durchschnittlich länger leben als Männer. Niemand würde absurderweise ein kürzeres Leben für Frauen fordern.“ Dieser Satz stammt vom Evolutionsbiologen Axel Meyer, der sich mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern befasst. Auch ich kann der von vielen so gern gesehenen Gleichmacherei wenig abgewinnen. Wer dauernd krampfhaft Unterschiede leugnen muss, der ist mir suspekt. Meyer äußert sich außerdem zu Geschlechtergerechtigkeit und Frauenquoten – mit den Gemeinderäten von Glurns und Kurtinig auch bei uns ein Thema. Er weist darauf hin, dass es immer um Professorenstellen und Aufsichtsratsmandate ginge, dass man aber kaum von Quotenforderungen für Kindergärtner oder Müllfrauen höre. Das ist ein Zeichen, dass es dabei nicht nur um Gleichberechtigung geht. Wenn ich lese, dass man sogar „Vater“ und „Mutter“ durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzen will, dann stelle ich mir vor, wie sich Kinder zu Weihnachten beim Opa mütterlicherseits, pardon, bei Großelter 1.2 für die Geschenke bedanken. Dagegen bete ich ein Eltereinsunser!

 

Entmündigungslösung

Manche Meldungen erscheinen zunächst als verspäteter Aprilscherz. „Mit [...] blinkenden LED-Leuchten will man dafür sorgen, dass Passanten auch dann das rote Ampel-Signal sehen, wenn der Blick zum Boden gerichtet ist.“ Augsburg will Bompeln (= Boden-Ampeln) einführen, weil immer mehr Menschen mit ständig gesenktem Blick auf das Smartphone zur Gefahr im Straßenverkehr werden. Da ist natürlich die Frage erlaubt, ob nicht ein bisschen mehr Erziehung zu Eigenverantwortung besser wäre, als für jedes diskussionswürdige Verhalten eine Lösung zu ersinnen. In Köln – auch das kein Aprilscherz – machen an Kreuzungen sogar rot und grün gekleidete Pantomimen die Menschen darauf aufmerksam, dass die Verkehrsregeln auch für sie gelten. Auf der anderen Seite ergeben sich daraus neue Möglichkeiten. Wer gegen 18 Uhr im Zug von Bozen in Richtung Vinschgau sitzt, weiß, dass ganze Waggone mit zugestöpselten Fahrgästen gefüllt sind. Man könnte z.B. Haltestellenansagen direkt in den Kopfhörer einspeisen oder auch Hinweise, wann die Toilette frei ist – oder nachfragen, ob es nicht Zeit fürs Töpfchen wäre.

 

Erziehungsverpflichtete

Wie so viele Menschen überspringe ich einen Teil des Tagblattes nie – den der Todesanzeigen. Interessant ist beispielsweise, was oft in der Zeile unter dem Namen und den Lebensdaten der verstorbenen Person steht. Da liest man neben urigen Vulgonamen von Tiroler Landmännern, Hotelbesitzern, Weltkriegsteilnehmern, Verdienstkreuzträgern, Kunstmalerinnenehegatten und, wie vor einiger Zeit, von einer „Mutter von 7 Kindern“. Die verstorbene Frau war schon fortgeschrittenen Alters und in ihrer Generation waren sieben Kinder und auch wesentlich mehr sicherlich keine Seltenheit. Doch die hinterbliebenen Kinder würdigen damit, ganz entgegen dem Zeitgeist, ihre Lebensleistung – die vielleicht herausforderndste und schwierigste Aufgabe, der man sich stellen kann. In Zeiten, in denen vor Gericht häufig um die Erziehungsberechtigung gestritten wird, ist der Gedanke, dass es nicht nur ein Recht der Eltern, sondern vor allem auch eine Pflicht gegenüber den Kindern gibt, ein sehr wertvoller. Aber das ist freilich in unserer Abschiebegesellschaft sozial- wie auch wirtschaftspolitisch pure Ketzerei.

 

Europarevision

Wenn man als Südtiroler gefragt wird, ob man sich als Österreicher oder Italiener fühle, so gehört es fast schon zum guten Ton zu antworten, man sei Europäer. Die Idee „Europa“ ist eine Idee der Zuversicht, der Freiheit und des Friedens in der jahrtausendelangen Kriegsgeschichte der Menschheit. Dass man diese Idee verteidigt, scheint deshalb nur selbstverständlich, und die Anschläge in Paris sind auch ein Angriff auf Europa. Aber so tragisch und feige sie waren und so sehr allen Angehörigen von Opfern unser Mitgefühl gilt, man sollte die Frage stellen, wie weit Europa gehen darf. Seit vielen Jahren versuchen europäische Staaten Afghanistan, den Irak, Syrien und Libyen zu befrieden – mit Bomben, Bodentruppen, Waffenlieferungen und anderen Formen der Intervention. Doch statt Frieden und Freiheit gibt es über 1,3 Millionen Tote, immer mehr hasserfüllte Terroristen und schlimmere Zustände als zuvor. Immanuel Kant hat es bereits vor 220 Jahren auf den Punkt gebracht: „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“ Er wusste warum.

 

F Faschismusblindheit

In einer Zeit, in der – so scheint es – jede Einstellung und Vorliebe toleriert werden muss, ist es interessant zu sehen, dass es doch einige Bereiche gibt, die für die überwiegende Mehrheit jenseits der Toleranzgrenze liegen: Menschenhass, Kindesmissbrauch und Rechtsextremismus gehören dazu. Umso erstaunlicher ist es, und dies ist leider keine Neuigkeit, wie locker man in Italien mit faschistischen Umtrieben umgeht. „Ich bin Faschist“, so erklärte der Bozner Gemeinderat Andrea Bonazza im Radio, außerdem würde es Italien unter Mussolini heute wesentlich besser gehen. Der Faschismus ist zwar durch Verfassung und Gesetze verboten, trotzdem soll ein Verfahren gegen ihn jetzt eingestellt werden. Es handle sich um eine persönliche Ansicht, er hätte niemanden aufgefordert, Faschist zu werden, so die Begründung der Staatsanwältin. Man muss staunen. Kaum bekannt ist, dass mit dem Movimento Fascismo e Libertà in Italien eine Partei existiert, deren Ideologie sich strikt an Mussolini hält und zudem Mitglied im Weltverband nationalsozialistischer Parteien ist. Man kann sich nur noch wundern.

 

Fehlerglobalisierung

Der Südtiroler Autor Herbert Rosendorfer lässt in seinem bekanntesten Roman den Chinesen Kao-tai in München ausgerechnet in ein chinesisches Restaurant gehen. Dort wundert sich dieser über den Unsinn, den die ihm zweifellos bekannten chinesischen Zeichen an den Wänden des Lokals ergeben. Auch bei uns sieht es nicht viel besser aus. „Keep your body in a well shape“: Dieser englische Satz ist auf der Verpackung eines ansonsten hochwertigen lokalen Produkts zu lesen. Wie ein Qualitätssiegel leuchtet er dem Hungrigen entgegen – allerdings grammatikalisch falsch. Wir haben uns so daran gewöhnt, international und weltoffen zu scheinen, dass Fragen nach sprachlicher Korrektheit, geschweige denn nach dem Sinn krampfhafter Fremdsprachennutzung immer zuletzt gestellt werden (wenn überhaupt). Wenn nicht einmal die englischen Aufschriften richtig sind, was muss erst die Käufer in Griechenland, Russland und Saudi Arabien erwarten, Länder, in denen nicht nur eine andere Sprache gesprochen, sondern sogar eine andere Schrift verwendet wird. In diesem Sinne: Halten Sie Ihren Geist in guter Form.

 

Flaggenzwickmühle

Es ist nur ein Stück Stoff. Es sind nur Farben. Und doch hängt so viel daran. Eine Flagge ist ein Symbol, das Menschen, ein Land und ihre gemeinsame Geschichte verbindet – und als solches ist es nicht beliebig. Dass in der italienischen Trikolore 2006 per Gesetz das Tomaten- dem Scharlachrot und das Wiesen- dem Farngrün weichen musste, darüber kann man sicherlich schmunzeln. Aber wer 1932 in Deutschland Schwarz-Weiß-Rot hisste, war kein Demokrat; wer 1956 in Ungarn das Wappen aus der Flagge schnitt, war kein Kommunist; und wer 2011 in Libyen an der grünen Flagge festhielt, war wohl ein Anhänger von Diktator Gaddafi. Hinter jeder Flagge steht eine bestimmte Überzeugung. Seit 20 Jahren wird in Italien alljährlich am 7. Jänner der Tag der Trikolore begangen. Auch heuer sollten alle öffentlichen Gebäude entsprechend beflaggt werden. Dass dies nicht allen Südtirolern gefällt, überrascht nicht. Wesentlich gravierender aber als ein legales Symbol dieser Art ist, dass es hier immer noch genügend faschistische Symbole und Relikte gibt, die nicht nur einmal pro Jahr fehl am Platze sind.

 

Flüchtlingsstarkstrom

Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. 1685 die Religionsfreiheit in Frankreich endgültig aufhob und es erneut zu massiven Gräueltaten an den französischen Protestanten kam, flohen etwa 200.000 Menschen in die umliegenden Nachbarländer. Da sich unter den Flüchtlingen auch Unternehmer, Kaufleute und Handwerker befanden, erhofften sich einige Staaten sogar einen Zuwachs an Fachwissen und Handelsbeziehungen. Die Schweizer Industrie zum Beispiel profitierte stark von den mitgebrachten Kenntnissen über tragbare Uhren und deutsche Kleinstaaten, die durch den Dreißigjährigen Krieg entvölkert worden waren, benötigten dringend Nachwuchs. So waren die Flüchtlinge zumindest bei den Obrigkeiten willkommen. (Bei der Bevölkerung sah es allerdings ganz anders aus.) Während es so für Einwanderungsländer ein Vorteil war, erlitt Frankreich langfristige Schäden. Das sollte man bei der heutigen Flüchtlingskrise im Hinblick auf Zukunft und Stabilität der Ursprungsländer bedenken. Zwei deutsche Staatsminister bringen es in der FAZ auf den Punkt: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!“

 

Flughafenspaltung

Nicht wenige fühlten sich hin- und hergerissen – gerade wenn sie bei ihrer Entscheidung für das Flughafen-Referendum die Argumente beider Seiten unvoreingenommen berücksichtigten und nicht nur die Ja/Nein-Broschüre aufmerksam studierten. Nicht neu war dabei, dass es die Befürworter in Fällen wie diesen oft leichter hatten, sich darzustellen und in der Öffentlichkeit aufzutreten. Progressiv, weltoffen, positiv: Das macht sich immer gut. Die Ablehner hingegen umwehte der Hauch der Nein-Sager, der Verhinderer und Unfortschrittlichen, die mit zu vielen „könnte“ und „möglicherweise“ umherwerfen mussten. Noch erwähnenswerter ist allerdings die Bildsprache der Befürworter. Zuerst ein Kleinflugzeug haltendes Kind auf den Schultern eines Guck-in-die-Luft-Vaters, dann ein ausfaltbares Werbeblatt mit einem Flughafen-Wimmelbild samt drolligen Figuren und lustigen Situationen. Sollte das unterhaltsame PR für eine infantile Zielgruppe sein? Oder lautete die Botschaft einfach: Der Bozner Flughafen ein kindlich-unschuldiges Unternehmen? Ich bin schon gespannt, wie es jetzt weitergeht.

 

Fremdstaatskörper

„Süd-Tirol ist nicht Italien“: Von Nicht-Klotz-Knoll-Wählern belächelt oder auch aufs Heftigste kritisiert, durch „Schluderns ist nicht Schlanders“ und „Sven ist kein Südtiroler Name“ parodiert. Doch in Zeiten eines „allgemeinen Klimas gegen Sonderautonomien“ seien ein paar Gedanken angebracht. „Rom hat zu wenig Ahnung von Südtirol“, titelt das Tagblatt und zitiert PD-Senator Francesco Palermo. Dass einer der Gründe dafür ist, dass Südtiroler Politiker jahrelang nach dem Motto „Je weniger man in Rom von uns weiß, desto besser ist das für unsere Verhandlungen“ gearbeitet hat, macht die Angelegenheit nicht besser. Ganz im Gegenteil. Es herrscht eine permanente Stimmung des Misstrauens, in der Südtirols Autonomie jeden Tag aufs Neue verteidigt werden muss (trotz anscheinend so guter Absicherung) und in der immer wieder Stimmen für eine Abschaffung der Sonderautonomien laut werden – sogar wenn eine Partei am Ruder ist, die sich mit der SVP in einer Koalition befindet. Wie immer man zur eingangs zitierten Aussage steht: Dazu-Gehören oder sogar Sich-als-ein-Teil-Fühlen sieht anders aus.

 

Fruchtethik

Unsere Freiheit, Entscheidungen zu treffen, lassen wir uns ungern nehmen. Allerdings wird diese auf eine Probe gestellt, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Packung Äpfel mit dem Hinweis „Herkunftsland Neuseeland“ zu kaufen. Aus welchem Grund sollte man sich im Apfelparadies für Äpfel vom anderen Ende der Welt entscheiden? Allein der Transport um die halbe Erde kann doch ethisch kaum vertretbar sein, wenn der Blick aus dem Fenster sehr oft an Apfelbäumen endet. Manche Klimaexperten rechnen jedoch überraschenderweise vor, dass es für den CO2-Fußabdruck bei einem Transport per Schiff unter dem Strich nicht große Unterschiede gebe zwischen den neuseeländischen Äpfeln und den einheimischen, wenn diese monatelang in einer Lagerhalle unter großem Energieaufwand gekühlt werden müssen. Viel entscheidender sei es, wie wir zum Supermarkt gelangen. Es liegt an uns. Drei Kilometer Autofahrt und jeder heimische Vorteil ist in die Luft geblasen. Also hinauf aufs Rad oder hoch das Bein! Bei Früchten, die eingeflogen werden müssen, nutzt allerdings auch das Abstrampeln auf dem Rad nichts mehr.

 

Frühjahrskriegsputz

Man muss schon zwei Mal lesen, um es zu glauben. Die deutsche Bundeswehr hat in einem NATO-Manöver anstelle von Waffenrohren schwarz angemalte Besenstiele verwendet. Deutschland gibt – im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt – weniger Geld für das Militär aus als Italien oder Griechenland, nur halb so viel wie die Ukraine, und weniger als ein Drittel verglichen mit den USA oder Russland. Angesichts Deutschlands Rolle in der Weltpolitik könnte man dies als Pazifist begrüßen und das berühmte Carl-Sandburg-Zitat ändern: „Stell dir vor, es ist Krieg und ... du machst nicht mit.“ Aber so einfach ist es leider nicht. Wie sehr uns Konflikte, die weit entfernt sind, auch hier in Europa direkt betreffen, sieht man täglich: Flüchtlingswellen, Anschläge, Erdgasengpässe etc. Doch zurück zu den Besenstielen. Meldungen dieser Art haben sich in letzter Zeit gehäuft. Damit will man wohl die Bevölkerung auf die Notwendigkeit, das Militärbudget aufzustocken, vorbereiten. Aber vor einem Krieg als wirklich „letztes Mittel“ braucht es den Weg aller anderen Mittel – und es muss ein langer Weg sein.

 

Fusillivorliebe

Maccaroni oder Penne? Manche Menschen machen sich darüber keine großen Gedanken. Teig ist schließlich Teig. Viel eher kommt es darauf an, wie die Nudeln serviert werden, ob mit Tomatensauce oder Trüffelöl. Kaum anders ist es in der Politik. In Frankreich zum Beispiel heißt es: Macron oder Le Pen? Machtmensch ist schließlich Machtmensch. Viel eher kommt es darauf an, was sie uns kredenzen werden. Sozialliberalismus und Sparpolitik auf der einen, Nationalchauvinismus und Europafeindlichkeit auf der anderen Seite. Wer mich vor dem Referendum in Großbritannien gefragt hätte, ob die Brexit-Befürwörter erfolgreich sein werden, so hätte ich das nicht für möglich gehalten. Bei der Wahl zum amerikanischen Präsidenten ist es mir zwar ähnlich gegangen, aber ich war schon vorsichtiger. Das Unmögliche wurde zum Möglichen. Nun blicke ich gespannt nach Frankreich. Wenn diese Zeilen erscheinen, wissen wir bereits, wie die Stichwahl ausgegangen ist. Bleibt zu hoffen, dass das Friedensprojekt Europa keinen Schaden nimmt. Eines weiß ich allerdings jetzt schon: Von Penne werde ich immer so (ar)rabiat.

 

G Gedankenmobilität

Ich hatte vor kurzem die zweifelhafte Ehre an einer Veranstaltung zum Thema Mobilität teilzunehmen. Vorne saßen Politiker und Industrielle. „Mobilität“ ist einer jener Begriffe, die unantastbar, unhinterfragbar scheinen. Daran zu kratzen, gilt schon als Ketzerei. Ich finde das bedenklich. Denn eine Demokratie – und die Vermutung, dass wir in einer solchen leben, gilt immerhin noch – braucht Meinungsvielfalt und nicht diskussionsimmune Konzepte. Im Laufe der Veranstaltung wurde erklärt, dass es ganz normal sein wird, dass man in so großen Distanzen miteinander arbeitet, dass man sich überhaupt nicht mehr kennt. Die Frage, ob eine solche Entwicklung in die Anonymität tatsächlich erstrebenswert ist, wurde gar nicht gestellt. Der Zweck des gesamten Theaters – Information, Werbung oder stark vorgezogener Wahlkampf? – blieb bis zum Schluss im unbewegten Dunkel. Dass Fragen von Anwesenden nicht beantwortet worden sind, gehört natürlich dazu. Schließlich wurden die Zuhörer dazu aufgerufen, Vorschläge für die Zukunft zu formulieren – mit dem Hinweis „Denkt nicht daran, was vernünftig ist.“

 

Gefühlsvorrang

Egal ob die Briten mit Unwahrheiten in den Brexit gesteuert sind oder sich Donald Trump mit Lügen und Wortverdrehungen durch den Wahlkampf pöbelt – das Adjektiv der Stunde ist „postfaktisch“. Gemeint ist die Tatsache, dass Tatsachen in der Politik einen immer geringeren Stellenwert besitzen. Viel wichtiger als der Informationswert ist der Effekt, den eine Aussage hervorruft. Also, schauen, was passiert, anstelle von schauen, ob es stimmt. Für eine Demokratie ist eine solche Haltung nicht ungefährlich. Wie sollen Probleme in einer gemeinsamen Diskussion gelöst werden, wenn Tatsachen als Grundlage an Bedeutung verlieren? Jeder hat zwar das Recht auf eine eigene Meinung, aber – so wird häufig bemerkt – niemand besitzt das Recht auf eigene Fakten. Auch nicht außerhalb der Politik. Wenn aber Tatsachen gegenüber persönlichen Gefühlen eine untergeordnete Rolle spielen, dann ist das fast so, als würde man medienwirksam herumposaunen, im Vinschgau befände sich die beste Oberschule des Landes, eine problemfreie Wohlfühloase in der pädagogischen Wüste. Willkommen im postfaktischen Zeitalter!

 

Geldfäulnis

„Faule Kredite in der Höhe von insgesamt 187 Milliarden Euro belasten zurzeit die Bilanzen der italienischen Banken.“ Meldungen dieser Art können wir fast tagtäglich lesen. Und das nun schon seit gut sieben Jahren. Die erwähnten Zahlen sind meist so hoch, dass wir uns wenig darunter vorstellen können. So wird diesen Beträgen kaum größere Beachtung geschenkt. Ich möchte deshalb einen Vergleich anstellen, der zeigt, um welche Größenordnung es sich handelt. Stellen wir uns vor, Ötzi wäre auf wundersame Weise unsterblich geworden und würde heute noch leben. Er hätte seit seiner Geburt jeden einzelnen Tag bis heute 100 Euro ausgeben können. Würde man aber so an den eingangs erwähnten Betrag kommen? Nein, es würde 1.000 Ötzis brauchen, die seit über 5.000 Jahren jeden Tag 100 Euro ausgeben. Dann hätten wir jenen Betrag, der sich ergibt, wenn man alle momentan in Italien vergebenen Kredite, deren Rückzahlung ungewiss ist, zusammennimmt. Letzten Endes werden wir dafür bezahlen. Wie heißt es so schön: Die Banken können uns alle zu Millionären machen – wenn wir vorher Multimillionäre waren.

 

gentechnikunfrei

Wie sehr immer mehr Menschen empfindlich auf den oft unbedachten Umgang mit der Natur reagieren, zeigt die intensiv geführte Diskussion um den Pestizideinsatz. Ein weiteres heißes Eisen in diesem Bereich, das in Zukunft sicherlich noch an Bedeutung gewinnen wird, ist die Gentechnik. Können wir sicher sein, dass wir keine gentechnisch veränderten Lebensmittel konsumieren, wenn wir dies nicht wollen? Die Frage muss leider eindeutig mit einem Nein beantwortet werden. Ein Beispiel, das dies veranschaulicht, betrifft den Honig. Enthält dieser Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen wie Mais, Soja oder Raps – dies ist bei importiertem Honig praktisch nicht zu vermeiden – muss dies auf dem Etikett nicht mehr angegeben werden. Wie ist das möglich, wenn doch der Europäische Gerichtshof 2011 eindeutig gegen eine solche Praxis entschieden hat? Die Lösung liegt schlicht in der Definition. Pollen sind laut EU-Gesetz seit kurzem nicht mehr als „Zutat“ definiert sondern als „natürlicher Bestandteil“. So wird das Urteil des Gerichtshofs einfach umgangen – und wir haben den klebrigen Salat!

 

Gescheitelkeiten

Es ist schon einige Jahre her, dass mein Lateinlehrer in die Klasse gekommen ist und sich darüber aufgeregt hat, dass die Zeitungen schreiben, der Papst wäre für den Frieden. Auch unsere Putzfrau wäre für den Frieden, aber darüber würde niemand berichten. In der Tat stellt sich die Frage, inwieweit eine Aussage oder ein Argument bedeutsam wird, je nachdem, wer es ausspricht. Natürlich hören wir auf den HNO-Facharzt und nicht auf den Tischler, wenn die Nase tropft, und auf Albert Einstein und nicht auf Luis Durnwalder, wenn es um theoretische Physik geht. Wer auf einem Gebiet exzellent ist, muss es nicht auf einem anderen sein. Aber selbst wenn: Sogar Experten können sich irren (und tun dies auch)! Wenn ich nun über bzw. unter (je nach Zeitung) einem apothekrigen Leserbrief lesen muss, was der Schreiber alles ist, kann und macht – und einiges wenig bis nichts mit dem Inhalt des Briefes zu tun hat –, dann werde ich den Eindruck nicht los, dass hier persönliche Eitelkeiten eine nicht unwichtige Rolle spielen. Das macht die ganze Sache suspekt. Rechtfertigungsversuche hin oder her.

 

Glaubensungelegenheiten

Was bedeutet es, wirklich an etwas zu glauben? Ich verstehe hier Glauben als eine tiefe, existentiell bedeutsame Überzeugung, für die man bereit ist zu kämpfen, deren Ablehnung man nicht akzeptiert und wo die eigene Toleranz Andersdenkenden gegenüber aufhört. Im Islam glaubt man an Allah, Mohammed und den Koran. Dass dies falsch sein könnte oder Jahwe, Gott und Allah ein und derselbe sind, gehört nicht dazu. Sonst würde man nicht wirklich davon überzeugt sein. Im Westen kennt man diese Form des Bekennens – zum Christentum (zur Erinnerung!) – kaum mehr. Wir glauben aber an Demokratie und Menschenrechte, wie zum Beispiel das Recht auf Selbstbestimmung, auf freie Meinungsäußerung und an die Religionsfreiheit. Das letztgenannte Recht zeigt klar, dass wir an die alleinige Wahrheit der Religion, die uns zwei Jahrtausende lang geprägt hat, nicht mehr glauben. Für die erwähnten Freiheiten aber gehen wir auf die Straße, führen sogar Kriege und tolerieren – bei aller Toleranz – widersprechende Überzeugungen nicht. Fazit: Es ist schwierig, über unvereinbare Glaubenssysteme zu diskutieren.

 

Grapschersuche

Seit Monaten wird die Welt von Belästigungs- und Missbrauchsskandalen in Atem gehalten. (Auch wenn das große öffentliche Interesse schon zu schwinden scheint.) Ausgehend von der amerikanischen Filmindustrie über die österreichische Politik bis zum deutschen Fernsehen und Theater hat es das Thema schon geschafft. Unzählige betroffene Frauen (und einige Männer) haben sich zu Wort gemeldet. Dass unter dem Stichwort „Belästigung“ und dem Hashtag #metoo so ziemlich alles zwischen fragwürdigen Äußerungen bis abscheulichen Straftaten subsumiert wird, stört die öffentliche Diskussion selten. Bleibt eine Frage. Wieso hat es das Thema bisher nicht mit eigenen Protagonisten auf Südtirols Titelseiten geschafft? Es wird doch im heiligen Land Tirol zumindest einen Grapscher geben. Oder jemanden, der – frei nach dem österreichischen Grünen Peter Pilz – Weisheiten à la „Was hilft das Edelweiß auf deinem Busen, bringt die Basiswahl nur Stimmenflusen“ dichten kann. Vielleicht ist auch die heimische Unterhaltungsindustrie (trotz großzügiger Filmförderung) noch zu wenig mächtig. Potential bieten immerhin die im Herbst stattfindenden Landtagswahlen. Auf dem Weg dahin liegen Sommer und Sommerloch. Wer weiß, was noch auf uns zukommt.

 

H Heimatschweinereien

Die aktuelle Ausgabe der Kulturzeitschrift 39NULL beschäftigt sich mit dem Fremden. Wer das Magazin in die Hand nimmt und darin liest, dem wird klar, dass das Fremde nicht nur ethnisch, geographisch oder ideologisch von uns entfernt ist. Sehr oft hält es sich hinter einer unsichtbaren Grenze emotional von uns fern. Diese Distanz bietet aber auch Möglichkeiten. Radiosender, die hauptsächlich von Jugendlichen gehört werden, schicken Lieder über den Äther, deren Texte in deutscher Übersetzung wohl kaum jemand laut vorlesen würde. Die österreichische Sängerin Xenia hingegen wurde vor Jahren mit einem strikten Radioverbot belegt, weil ihre deutschen Lieder zu eindeutig waren – mit denselben Inhalten und Ausdrücken in englischer Sprache hatte man kein Problem. Auch in Südtirol nutzt man die Distanz des Fremden: „What the fuck is Heimat?“ wird in Brixen im Rahmen einer Veranstaltung gefragt. Man ist geneigt, die Frage nicht wörtlich zu übersetzen (dafür aber andere Fragen zu stellen). Immerhin: Geflucht wird auch auf Italienisch – es ist eben einfacher, wenn man’s nicht versteht.

 

Hellbräune

„Wie frustrierend muss es sein, dauernd eine Rechtfertigung finden zu müssen, für das, was man tut.“ So der nur scheinbar bemitleidende Anfang eines Interviews mit der Südtiroler Deutschrock-Band Frei.Wild. Immer wieder wird der Sänger auf seine rechte Vergangenheit angesprochen. Die texanische Band ZZ Top – bekannt für ihre langen Vollbärte – wurde einmal gefragt, ob sie es nicht leid seien, dauernd mit diesen Bärten herumzurennen. Sie haben geantwortet, wenn sie sich heute rasieren würden, wären sie zwar morgen auf der Titelseite jeder Zeitschrift, aber ab übermorgen würde sich niemand mehr für sie interessieren. Könnte sich Frei.Wild eine vollkommene Kehrt- und Abwendung leisten? Die Provokation, das Brachiale, die Parolen und rechten Deutungs- und Identifikationsmöglichkeiten, das wollen viele Hörer (und Käufer!) nicht missen. Das gehört zur Band, wohlwissend welches Publikum sie damit anspricht und anzieht. Würde Philipp Burger morgen plötzlich über die Biene Maja singen, die Fans wären verwirrt und die Musikkritiker ratlos ob des Symbolgehalts von Kurt, dem braunen Mistkäfer.

 

Herzösterreich

Wenn es um König Fußball geht, dann steht manch ein Südtiroler vor einem Dilemma. Zu Deutschland oder zu Italien helfen? Das ehemalige Vaterland Österreich ist meistens nicht einmal dritte Wahl. Auch die Zeiten, in denen auf ORF-Wetterkarten Südtirol noch schattiert unterlegt war, sind vorbei. Zwar schwebt immer noch eine Sonne oder Wolke über Bozen, aber die farbliche Kennzeichnung des Territoriums ist schon vor Jahrzehnten verschwunden. Daran wird auch das wieder entflammte Interesse der Politik an der doppelten Staatsbürgerschaft nichts ändern. (Wieso übrigens doppelt? Bekommt man dann zwei Mal die italienische?) 19 Landtagsabgeordnete von sechs Parteien haben einen Brief mit entsprechendem Wunsch an die zukünftige türkis-blaue Regierung in Wien unterschrieben. Die meisten sind sich einig, die viel beschworene „Herzensangelegenheit“ sei in erster Linie ein ideelles Zeichen. Italienisch-Unterricht, Gesetze aus Rom, Spaghetti und Pizza auf dem Teller (frei nach „lingua legibus artibus“) haben aus deutsch- oder ladinischsprachigen Südtirolern wahrscheinlich keine Italiener gemacht. Doch wie österreichisch ist das Herz der meisten Südtiroler heute tatsächlich noch? Zumindest das Fußball-Dilemma hat sich für die Weltmeisterschaft 2018 gelöst.

 

hinterkulturell

Manche Wörter scheinen unantastbar zu sein. Allein wenn man sie ausspricht, wird man bei vielen Menschen automatisch zu einem Gewinner. Zu diesen „Wörtern für Gewinner“ gehört zum Beispiel der Begriff „interkulturell“. Leuchtende Augen bei vielen Lesern, düstere Befürchtungen aber bei anderen. Ein konkreter Fall: „Interkulturelles Weihnachten in Brixen“. Da hatte man auf Deutsch ein Märchen über einen roten, weichen Weihnachtsstoff vorgetragen und in italienischer Sprache ein islamisches Märchen erzählt. Dabei wird der Eindruck erweckt, als könne man unter dem vermeintlichen Gütesiegel „interkulturell“ alles zu einem Brei der Beliebigkeit verkochen, der allen schmeckt. So wird das Weihnachtsfest seiner konkreten Ausformung nach der Eigentlichkeit beraubt (unabhängig davon, dass der Gedanke des Miteinanders lobenswert ist). Man wird jedoch das Gefühl nicht los, wer dauernd das Gemeinsame betonen will und muss – selbst wenn es bei den Haaren herbeigezogen ist –, der hat Angst vor der Vielfalt und dem Anderen. Wer aber diese Unterschiede aushält und daran wächst, zeigt wahre Toleranz.

 

I Ideenleere

„Kein Kommentar!“ Wie oft haben wir diesen Satz in letzter Zeit aus dem Mund eines Südtiroler Politikers gehört, der ansonsten jederzeit zu jedem Thema um keinen Kommentar verlegen ist? Ich habe mich oft gefragt, was hinter einer solchen Aussage steckt (ebenso bei manchem Kunstwerk mit dem Titel „Ohne Titel“). Eine Welt, die sich in zwei Hälften teilen lässt, ist relativ einfach zu erfassen. In solch einem Kosmos gibt es Wahres und Falsches, Männer und Frauen, Regierung und Opposition. Es zeigt sich aber immer wieder, dass ein dritter Pol, der sich gegen beides stellt, zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zum Beispiel, wenn es bei einer Abstimmung nicht nur Befürworter und Gegner gibt, sondern auch viele Nichtwähler: Menschen ohne Meinung, ohne Interesse, ohne Wunsch nach Beteiligung. In der gegenwärtigen politischen Situation wird Vieles (auch zu Recht) schlechtgeredet, nur wenige versuchen, die eigenen Entscheidungen zu begründen. Und einzelne nehmen die dritte Position ein und schmettern jede Frage mit einem „Kein Kommentar!“ ab. Keine Fantasie, kein Argument, keine Rechtfertigung.

 

Identifizierungsnot

„Wir sind Papst!“ titelte die BILD-Zeitung 2005 nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Pontifex, „Wir sind im Senat“ der „Vinschger“ ein Jahr später zur Nominierung von Manfred Pinzger. Wenn es darum geht, ein Teil von etwas Wichtigem zu sein, fällt eine Identifizierung damit und eine Vereinnahmung nicht schwer. Seit Monaten wird die Politik – lokal wie national – von den Flüchtlingswellen und wie Europa mit dieser historischen Herausforderung umgeht bestimmt. Auch dadurch bedingt hat die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) bei den Landtagswahlen in drei deutschen Bundesländern aus dem Stand zwischen 12 und 24 Prozent der Wählerstimmen geholt. Die traditionellen Parteien sprachen nachvollziehbar von einem „schwarzen Sonntag“, die SPD hatte ihr Ergebnis in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg halbiert, die Grünen in Rheinland-Pfalz sogar gedrittelt. Erwähnenswert, aber kaum bekannt ist, dass ein Südtiroler als Programmkoordinator und Ideologe fleißig am Parteiprogramm der AfD mitformuliert. Wieso liest man eigentlich auf keiner Lokalblatt-Titelseite „Wir sind AfD!“?

 

Inderwahnsinn

Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass jede Meinung, jede Haltung und jede Laune toleriert werden muss. Wer es wagt, Urteile wie „Das ist unsinnig“, „Das ist nicht normal“ oder „Das ist pervers“ von sich zu geben, wird leicht in die Ecke der Intoleranten, Dummköpfe und Ewiggestrigen gestellt. Dabei stellt sich in einer immer weiter zusammenrückenden Welt mehr denn je die Frage, ob es wirklich nichts gibt, das unabhängig von Kulturkreis oder persönlichen Einstellungen als eine Art Maßstab herangezogen werden kann. „Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch.“ Diese Aussage klänge recht harmlos, würde man über die Trefferquote des Horoskops aus einer beliebigen Tageszeitung sprechen. Doch sie stammt von ­Babulal Gaur, dem Innenminister eines indischen Bundesstaates, und bezieht sich auf die Vergewaltigung von Frauen – ein Problem, das den Subkontinent seit einiger Zeit in besonderer Weise erschüttert. Manchmal ist es falsch, manchmal ist es richtig? Ich kann und will mir kein Land, keine Kultur und keine Weltanschauung vorstellen, in der so etwas richtig ist. Auch nicht manchmal.

 

Interpretationselastik

Das Jahr ist noch nicht vorbei und doch hat man sich – zumindest in Österreich – bereits für das Wort und das Unwort des Jahres entschieden. Seit 2005 werden diese auch in Südtirol für alle drei Sprachgruppen ermittelt. Sieht man sich die Gewinner der letzten Jahre an, zeigt sich, dass seit 2007 alle deutschen Wörter aus dem politischen Bereich stammen. Wer erinnert sich nicht an „Mandatsbeschränkung“, „Wählbarkeit“ oder „Ära“, den Gewinner des letzten Jahres? Welche verbalen Ergüsse werden es dieses Jahr an die Spitze schaffen? Man muss weder Prophet noch Hellseher sein, um stark anzunehmen, dass auch 2014 die Politik noch immer die beste Lieferantin ist. Rund um den Rentenskandal sind Ausdrücke und Aussprüche entstanden, die gute Chancen auf einen Podestplatz haben. Wie immer aber die Wahl auch ausgehen mag, es wird sicherlich schwierig zu entscheiden sein, ob sich Wort und Unwort des Jahres nicht decken. Ein Ausdruck wie „erworbene Rechte“ zum Beispiel ist – in Anspielung an den österreichischen Gewinner „situationselastisch“ – eben doch sehr „interpretationselastisch“.

 

Intoleranznot

Vor über 20 Jahren hat der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington seine These vom Zusammenprall der Kulturen entwickelt. Jahre danach hat ein muslimischer Prediger verlauten lassen, die Toleranz des Westens und der Kampfeseifer der Muslime werden dazu führen, dass das Abendland vom Islam überrollt werden wird. Seit Oktober 2014 gibt es immer wieder Demonstrationen von deutschen Vereinen, die sich PEGIDA o. ä. nennen, gegen eine verfehlte europäische Einwanderungspolitik. Im Dezember sind auch Südtiroler auf diesen Zug aufgesprungen und bieten im Internet wahlweise PEGIDA Südtirol oder SÜGIDA an. Am 7. Jänner wurde von Islamisten ein Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo verübt – mit zwölf Toten und zahlreichen Verletzten. Urteilen Sie selbst, welchem der beiden Zitate Sie zustimmen können: a) „Wer auf Toleranz beharrt, für den kann die Toleranz nicht aufhören, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.“ (Thomas Steinfeld), b) „Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes.“ (Peter Scholl-Latour)

 

J Jahreswortsammelsurium

Das bereits im Oktober hier vorgestellte Wort „postfaktisch“ wurde nicht nur zum Wort des Jahres in Deutschland, sondern sogar zum internationalen Wort des Jahres 2016 gekürt. In Südtirol gab es heuer leider erneut keine Wörterwahl. In der Tat war es schwierig, für unser Land besonders prägende Begriffe zu finden, die landesweit und über Monate hinweg die Medien dominiert haben. Verfassungsreform, Geburtenstation oder Elektrifizierung wären vielleicht gute Kandidaten. Bei uns kaum wahrgenommen wurde das Schweizer Wort des Jahres: Filterblase. Es verdient vorgestellt zu werden. Es beschreibt den Umstand, dass wir durch unsere Suchanfragen und Likes in sozialen Netzwerken immer mehr auf uns und unsere Ansichten zugeschnittene Informationen erhalten. Kurz: Man wird nur in dem bestätigt, was man ohnehin glaubt – die für die Meinungsbildung so wichtige andere Seite wird aber sehr oft ausgeblendet. Ein zweischneidiges Messer. Ich wünsche deshalb 2017 allen (analog zum österreichischen Wort „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“) Informationspersonalisierungsfolgenskepsis.

 

Jahreswortsuche

Wort und Unwort des Jahres werden in Südtirol bekanntlich nicht mehr gewählt. Ein Grund mehr, selbst auf die Suche nach dem zu gehen, was Menschen und Medien 2015 beschäftigt hat. Österreich hat das Wort des Jahres bereits gefunden („Willkommenskultur“), Deutschland zumindest das Jugendwort („Smombie“). Doch wie sieht es in Südtirol aus? Welche Themen waren bei uns verstärkt in Presse, TV und Netz präsent? Ich möchte die folgenden zehn Vorschläge – alphabetisch sortiert – unterbreiten: Bildungsomnibus, Dopingsünder, Elektrifizierung, Flüchtlingsaufnahme, Frauenquote, Geburtenstation, IS-Schläfer, Rekordhitze, Sanitätsreform und ungültige Stimmen. (Dabei kann es durchaus sein, dass ein Begriff für manche Wort, für andere Unwort des Jahres ist.) Wer darüber abstimmen oder einen hier nicht vertretenen Begriff vorschlagen möchte, kann sich gerne in der Redaktion melden. Der Name des Jahres ist dagegen leicht gefunden. Es ist Chiku, der Vielleicht-nicht-oder-doch-Serval, dessen seifenopernähnliches Schicksal Medien, Leser und Leserbriefschreiber 2015 ordentlich auf Trab gehalten hat.

 

K Klischeewahrheit

„Typisch italienisch.“ Mit diesen beiden Wörtern hat der Landtagsabgeordnete Josef Noggler vor kurzem in einem Interview das Ansinnen eines Politikers beschrieben, eine Aufgabe erneut übernehmen zu wollen, der er bisher schon kaum gewachsen war. Die Frage, ob solche Verallgemeinerungen überhaupt zulässig sind und es tatsächlich so etwas wie einen Nationalcharakter gibt, ist trotz Kritik auch heute noch Gegenstand zumindest vorsichtiger Forschung. Was ist also typisch italienisch? Das Verfassungsgericht in Rom hatte Ende des vergangenen Jahres das „schweinische“ Wahlrecht für verfassungswidrig erklärt – wegen des Mehrheitsbonus und der fehlenden Vorzugsstimmen. Dass Italien ein neues Wahlgesetz braucht, ist seit Jahren klar. Und Matteo Renzi mit Silvio Berlusconi im Schlepptau (oder umgekehrt?) hat auch schon einen Vorschlag, der unter der Bezeichnung „Italicum“ kursiert (denn das neue Schwein, äh, das Kind braucht ja einen Namen). Dass der kritisierte Mehrheitsbonus und die geschlossenen Listen darin wieder vorkommen, ist nur sehr schwer nachzuvollziehen. Eben: Typisch italienisch.

 

Kopfbauchmenschen

Werden wir von unserem Kopf oder unserem Bauch regiert? Oder anders formuliert: Sind wir Menschen in unseren Entscheidungen mehr durch das Rationale, Vernünftige geprägt oder doch eher durch das Gefühlsmäßige und sogar Irrationale? Zwei Beispiele: Die Schotten haben über ihre Unabhängigkeit abgestimmt und die Malser über ein Pestizidverbot in der Gemeinde. Im Vorfeld wurde in beiden Fällen viel informiert, aber auch polemisiert, was nichts anderes heißt, als dass man den Kopf oder den Bauch angesprochen hat. Argumente, wie seriös sie auch waren, wurden von beiden Seiten vorgebracht und schließlich war die Bevölkerung aufgerufen, sich zu entscheiden. Ob Schottland den richtigen Weg gewählt hat, wird die Zukunft offenbaren. Und ob die Schotten diese Entscheidung mehr dem Kopf oder dem Bauch zu verdanken haben, damit müssen sich andere auseinandersetzen. Welche Kräfte aber in Mals eine Rolle gespielt haben, eine Volksabstimmung durchzuführen, obwohl (wie es aussieht) den Verantwortlichen bereits vorher bekannt und klar war, dass diese illegal ist, wäre interessant zu erfahren.

 

Kreuzesspaltung

„Alle Jahre wieder kommt die Kreuz-Debatt‘ / auf Europa nieder, auch im Tagesblatt.“ So könnte man ein bekanntes Lied umdichten. In den beiden vergangenen Jahrzehnten hat es das Thema „Kreuze im Klassenzimmer“ mindestens einmal pro Jahr in die europäischen Medien geschafft. 2017 ist noch jung, kann aber diese Pflichtübung schon abhaken. Die Gegner weisen darauf hin, dass Religion in einem laizistischen Staat Privatsache sei und Kruzifixe daher im öffentlichen Raum nichts zu suchen hätten. Die Befürworter hingegen betonen, dass das Kreuz vor allem ein kulturelles Zeichen sei, das zu Europa und unserem Land gehöre. Für Bischof Ivo Muser greift dies allerdings zu kurz. Er sieht darin ein „zutiefst religiöses Symbol“, ein klares Bekenntnis gegen Gewalt und für Feindesliebe. Religion hin, Kultur her, das Kruzifix ist ein Zeichen unserer zweitausendjährigen, vom Christentum geprägten Geschichte mit allem Positiven wie auch Negativen. Dazu sollten wir stehen. Und diejenigen, die unbedingt wollen, dass ein Kreuz abhängt wird, brauchen es nur mit einem schönen grünen Frosch zu dekorieren.

 

L Lauschebengel

Es vergeht keine Woche ohne neue Meldung, wer vom US-Geheimdienst NSA ausspioniert wird. Den Partnern in Europa bleibt anscheinend nichts anderes übrig, als verharmlosende Miene zum ärgerlichen Spiel zu machen. Die Zeiträume, in denen die Abhöraktionen stattgefunden haben, werden immer größer, ebenso die Anzahl der Staaten, Ministerien, Firmen und Personen. Ein nachhaltiger Widerstand regt sich – nach einem kurzen politischen Entsetzen – nicht. „So etwas ist zwischen Verbündeten und Freunden inakzeptabel“, formuliert der EU-Kommissar Pierre Moscovici. Die Stasi hatte in der DDR die gleichen Ziele verfolgt. Doch was dort als unrechtmäßige Methoden eines undemokratischen Staates verurteilt wird, lässt man den Amis durchgehen. Immerhin wissen die Amerikaner so, was Merkel wirklich über Griechenland denkt. Dass das nicht mit dem übereinstimmt, was sie in der Öffentlichkeit von sich gibt, beruhigt nicht wirklich. Und wenn Merkel Obama in einem vertraulichen Gespräch mitteilt, dass sie die Spionageakte nicht gutheißt, kann dieser gelassen antworten: „Das weiß ich ja schon längst, Angie!“

Leseplagen

In Spielwarengeschäften fällt immer öfter auf, dass Produkte mit dem gut sichtbaren Hinweis „Spielen ohne Regellesen“ beworben werden. Auch bereits millionenfach verkaufte Bestseller buhlen damit um weitere Spieler. Das Lesen und Verstehen von Anleitungen scheint ein Hindernis zu sein. Sicherlich, das Verfassen einer knappen und gleichzeitig klaren Anleitung ist hohe Kunst, die nicht alle Firmen beherrschen. IKEA hingegen hat diese mittlerweile perfektioniert und lässt ohne Worte sogar mittelmäßig Begabte zu Heimwerkerkönigen werden. Die meisten Brettspiele sind – vor allem wenn sie auf Dauer faszinieren sollen – doch komplexer als ein Billy-Regal oder Lack-Beistelltisch. Die angebotenen Erklär-Apps für Handys, mit denen Kinder und Jugendliche das Lesen umgehen können, sind aber nicht unbedingt eine Hilfe für die engagierte Leseförderung von Schulen und Bildungsressorts. Da Smartphones in Italiens Wahlkabinen verboten sind, wird es beim Referendum über die Verfassungsreform am 4. Dezember damit schwierig werden. Da hilft es dann doch, wenn man selber Texte lesen und verstehen kann.

 

Luchsusreise

Die momentan unberechenbarsten Zeitgenossen sind (nein, nicht Donald Trump und Kim Jong-un) wohl (Problem-)Bär und (Schad-)Wolf. Zumindest bei uns. 1999 als ehrgeiziges Projekt zur Wiederansiedlung in der Brentagruppe begonnen, werden sie jetzt zu den sprichwörtlichen Geistern, die man gerufen hat und nicht mehr los wird. Ob es die großen Räuber der Wälder schaffen würden, wieder sesshaft zu werden, sei fraglich, hieß es noch vor Jahren im „Standard“; zu Gesicht hätte die Tiere kaum jemand bekommen. So kann man sich täuschen. Auch das Pestbakterium gehört zur Natur, genau wie Apfelwickler, Rüsselkäfer und Röhrenblattlaus. Aber nach den Initiativen „Mehr Pest für alle!“ oder „Rettet den Apfelwickler!“ sucht man vergebens. Wie viel Natur wollen wir und zu welchem Preis? Von einem sicheren Büro aus schauen die großen Beutegreifer eben anders aus – und einfach jeden Tierriss durch eine finanzielle Entschädigung aus der Welt zu schaffen, kann es nicht sein. Wenn zudem Leben und Arbeit des Menschen in Gefahr sind, erscheint der Artenschutz in einem anderen Licht und sollte für die Zukunft überdacht werden. Denn vielleicht ist ja der Luchs das nächste Raubtier, das gerne in Südtirol lebt.

 

M Mahnmalspaltung

„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Die vor kurzem enthüllte Entschärfung des Piffrader-Reliefs mit dem genannten Zitat drängt mich zu ein paar Gedanken. Vor fast 30 Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er und seine Mitschüler von einem Lehrer gefragt worden waren, was sie denn mit dem Erlös ihres Maturaballes machen würden. Die lapidare Antwort: Sprengstoff für das Siegesdenkmal kaufen. Der Lehrer meinte daraufhin, dann würde er auf dem Ball besonders viel Geld ausgeben. Diese Zeiten sind vorbei. Das Bozner Siegesdenkmal mit Dokumentationszentrum ist heute ein Mahnmal gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Aber halten solche Mahnmale auch tatsächlich von totalitären Ideologien ab? Angesichts der politischen Entwicklungen in Europa hat man nicht den Eindruck. Von Mussolini-Kalendern und -CDs etc. ganz zu schweigen. Als ich das letzte Mal am Siegesdenkmal vorbeigegangen bin, habe ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn man es unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges abgetragen und daraus Grabsteine für die Gefallenen gemacht hätte. Oder wenn es heute jemand in die Luft sprengen würde? Wer würde dem Denkmal, wer dem Mahnmal nachtrauern und einen Wiederaufbau fordern?

 

Malsgebräu

In Kürze erscheint der 37. Asterix-Band, dabei ist der Plot für ein weiteres Abenteuer bereits geschrieben: Das gallische Dorf Mals behauptet sich in Sachen Pestizidverwendung gegen die Übermacht der Mehrheit. Veitix, Raasemine, Apothekix und deren entfernter Cousin Schiebelix kämpfen für die Freiheit von Bevormundung und Giftstoffen in der Umwelt. Böse Zungen behaupten zwar, der Zaubertrank, den Apothekix ausschenkt, sei genauso giftig wie jener, den er bekämpft. Das ist aber reine Polemik und vermischt zwei Bereiche, die so nicht vergleichbar sind. Wie die bisherigen Aktionen zu bewerten sind, hängt vom Einzelfall ab, schließlich tricksen auch die Gallier, um sich gegen Caesar & Co. zu wehren. Dass nun aber Gaius Kompatschus aus dem Lager Bolzanum persönlich eine Brieftaube in Richtung Argentoratum (auch bekannt als Straßburg) geschickt hat, um sich beim Fernsehsender ARTE gegen die Reportage „Leben ohne Ackergift“ zu verwenden, hat mich schon sehr gewundert. Anscheinend schenken sich beide Seiten nichts. Da fällt einem fast der Himmel auf den Kopf. Wie in Gallien – aber dort ist es wenigstens lustig.

 

Massenentscheidungswaffe

„Die Betreiber der Direkten Demokratie erwarten sich endlich einen großen Durchbruch und hoffen, auch bei uns Schweizer Verhältnisse zu schaffen.“ Diese Zeilen hat Arnold Tribus vor dem Referendum in Südtirol geschrieben. Am Wahlwochenende ist dann bei uns eine Minderheit zu den Urnen gegangen und hat mit überwältigender Mehrheit den Vorschlag der SVP versenkt, gleichzeitig haben die Schweizer für die Initiative „Gegen Masseneinwanderung“ gestimmt. Der Aufschrei geht noch immer durch Europa. Einerseits gelten die Schweizer mit ihrer direkten Demokratie als Vorbilder für jene, die sich Ähnliches auch bei uns wünschen, andererseits ist der halbe Kontinent in Aufruhr ob des Wahlausganges. Das Volk darf abstimmen, aber wehe, es macht das Kreuzchen an der falschen Stelle. Das kennt man ansonsten eher aus Staaten, die man nicht unbedingt mit Demokratie in Verbindung bringt. Eine Bürgerbeteiligung funktioniert nur mit gut informierten, nicht von Parteien manipulierten, mündigen Wählern – rechts und links von der politischen Mitte. Ein Allheilmittel gegen Unvernunft ist sie trotzdem nicht.

 

Meinungsbrüderlichkeit

„Wenn Doktor Gasbarri, der mein Freund ist, meine Mutter beleidigt, kriegt er eins mit der Faust.“ Diese (ironische) Aussage zu den Grenzen der Meinungsfreiheit stammt von Papst Franziskus. Wir stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Gibt es kulturübergreifende Werte? Das Recht der freien Meinungsäußerung z. B. ist ein etwa 230 Jahre altes Gut der westlich-abendländischen Welt. Dass man sich über Religionen lustig machen darf, gehört dazu. Die Kosten der (vor allem von der Wirtschaft gefeierten) Globalisierung dürfen aber nicht außer Acht gelassen werden. Wer behauptet, das Recht auf Meinungsfreiheit sei wichtiger als der Respekt vor Religionen, tut dies in einer westlich-aufgeklärten, säkularen Tradition. Menschen aus anderen Kulturen müssen dem nicht zustimmen. Wollen wir so intolerant sein und es ihnen aufzwängen? Soll ein Dialog (!) der Kulturen darauf hinauslaufen, die islamische Welt zu überzeugen, dass unsere Werte die besseren sind? Oder würden wir ernsthaft überlegen, ob sich Frauen nicht doch verschleiern sollten? Ist der Preis der Globalisierung vielleicht zu hoch?

 

Meinungsmuskelspiel

Soll ich meine Kinder weiter auf Spielplätzen spielen lassen oder nicht? Umweltschutzorganisationen warnen vor Pestizidrückständen. Andererseits rechtfertigen sie durch solche Warnungen auch ihre Existenz. Die Gegenseite allerdings behauptet, dass die Verwendung einer Hautsalbe schon giftiger sei als das Spielen auf 17,5 Fußballfeldern. (So viele Kinder habe ich gar nicht.) Auch diese Seite argumentiert wahrscheinlich interessensgeleitet. Welche andere Möglichkeit aber gibt es, mündig Entscheidungen zu treffen, wenn nicht aufgrund des Abwiegens von vorgebrachten Argumenten und Informationen? Die Pestizidfrage und die ebenso aktuelle Impfpflichtdiskussion zeigen, vor welchem Dilemma der Bürger steht. Als Nicht-Biologe und Nicht-Mediziner muss ich mich auf Experten berufen können. Hier stellt sich aber die alte Frage nach Ursache und Wirkung. Ist jemand Impfgegner, weil Impfungen schädlich sind, oder werden Impfungen als schädlich dargestellt, weil jemand Impfgegner ist? Der Austausch von Argumenten wird so oft zu einem gegenseitigen Messen der Macht degradiert.

 

Menüunstimmigkeiten

Passen Knödel, Knackwürste und Kebab zusammen? Oder anders gefragt: Passt die Türkei zu Europa? Recep Erdoğan hat das umstrittene Verfassungsreferendum, das seine Macht diktatorisch ausbaut, gewonnen. Trump und Putin haben ihm eilig gratuliert, Merkel fordert immerhin einen „respektvollen Umgang mit der Opposition“, wohlwissend, dass das den Recep wenig kratzt. Der kocht seine eigene Linsensuppe. Seit 1999 ist das Land EU-Beitrittskandidat, was sich die EU mehrere Milliarden Euro Richtung Ankara kosten lässt. Dabei plant Erdoğan bereits zwei weitere Referenden: eines über die Wiedereinführung der Todesstrafe, ein weiteres über den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen, wobei erstes ohnehin auf zweites hinausläuft. Dabei wollten die Türken früher einmal unbedingt nach Europa. 1529 und 1683 haben sie erfolglos versucht, Wien einzunehmen. Spötter meinen zwar, sie hätten es dreihundert Jahre später mit Dönerspießen doch noch geschafft, aber Erdoğan versalzt den Weg in den Westen. Gerichte sollten doch aufeinander abgestimmt sein. Man isst ja auch nicht Gulaschsuppe mit Gummibärchen.

 

Mitpreisbeziehung

Kurz vor der Stichwahl wurde der neue Meraner Bürgermeister mit Amtsmissbrauchsvorwürfen rund um das Touriseum konfrontiert. Er antwortete, dass das angemietete Gebäude, um das es ging, „dem Vater meiner Lebenspartnerin, die damals meine Freundin war“ gehören würde, dass demnach „keine Familienbande“ bestanden und durch diese „Bekanntschaft“ sogar ein günstigerer Preis möglich gewesen wäre. Unabhängig davon, wie skrupellos beide Parteien Schmutzwäsche suchten, finde ich es bemerkenswert, welche sprachlichen Verrenkungen nötig sind, eine Frau zu benennen, mit der man zwar verbunden, aber nicht verheiratet ist. Der amerikanische Sprachforscher Steven Pinker stellt fest, dass es dafür bis heute keinen passenden Begriff gibt: „Geliebte“ sei zu romantisch, „Mitbewohnerin“ nicht romantisch genug, „Partnerin“ zu geschäftsmäßig und „Lebensabschnittsgefährtin“ zu ironisch. Auch „Ähfreundin“ – von „Dies ist meine, äh, Freundin.“ – hat laut Pinker keine Chance. Die erwähnte Frau hat jedenfalls eine steile Karriere hinter sich: Bekannte, Freundin, Lebenspartnerin, First Lady von Meran.

 

Mottengeschwätz

Ob der neu angelobte US-Präsident erfreut war, dass man die Mottenart Neopalpa donaldtrumpi nach ihm benannt hat, weil deren Kopfbeschuppung an seine markante Frisur erinnert, ist mir nicht bekannt und auch unerheblich. Sein oft grenzwertiger politischer Stil hingegen hat mit „Trumpisierung“ einen neuen Begriff hervorgebracht: „So zittern Europas Mächte vor der Trumpisierung“ oder „Wie der Trumpisierung der Medien beizukommen ist“ sind Beispiele der vergangenen Monate. Dass nun eine Beraterin Trumps „alternative Fakten“ sagt, wenn eigentlich Lügen gemeint sind, sollte spätestens jetzt alle wachrütteln. Wie sehr wir aber auf verlässliche Informationen angewiesen sind, zeigt der offene Brief von Südtiroler Jungmedizinern, in dem Martha Stocker und Thomas Schael vorgeworfen wurde, um die Ärzteausbildung in Südtirol stehe es sehr schlecht. Welche Kritik ist gerechtfertigt, welche nicht? – zentrale Fragen, die beantwortet werden müssen. Etwas verbessern kann man nur, wenn man weiß, was Sache ist. Manchmal aber umschwärmen Halb- und Nichtwahrheiten den Menschen wie Motten das Licht.

 

N Netznaivität

Glaubt man einer Tageszeitung, so ist das „nächste große Ding“ bereits auf dem Weg. Ein 19-jähriger Bozner, ein „digitales Genie“, hat das „erste reale Netzwerk“ geschaffen und wird uns „unendliche Möglichkeiten“ eröffnen – „ein neues virtuelles Leben“. Dass auch über dessen Pläne, „die Welt zu erobern“ geschrieben wurde, lädt ein, genauer hinzulesen. Es handelt sich dabei um eine Website, die andere Angebote bündelt und so hilft, 90 % der Zeit und 95 % der Datenmengen zu sparen. Klingt wirklich nach dem nächsten großen Ding. Dass der 19-Jährige bereits 100.000 Euro an Sponsorengeldern aufgetrieben hat, beeindruckt natürlich. „Wir wollen die Erfahrung im Internet neu definieren und alledem einen ethischen Wert geben“, so seine Ankündigung. Dass darüber hinaus die Privatsphäre jederzeit gewahrt und der Dienst ohne Werbung finanziert wird, klingt fast ein Vierteljahrhundert nach der kommerziellen Öffnung des Internets sehr idealistisch. Google und Facebook haben ihre Unschuld schon lange verloren. Hoffen wir, dass die Sponsoren dem Bozner nicht allzu bald auf die Schultern klopfen.

 

Neulastenverteilung

Früher war alles besser? Nein, morgen scheint alles besser zu werden. Wer die politische Berichterstattung in Südtirol in den vergangenen zwölf Monaten verfolgt hat, dem wird sicherlich aufgefallen sein, dass es ein dreibuchstabiges Zauberwort gibt, das man bei jeder Gelegenheit und in allen möglichen Kombinationen antrifft: Eine „neue Politik“ wird gefordert, eine „neue Glaubwürdigkeit“ angestrebt, ein „neuer Stil“ versprochen, eine „neue Art des Umgangs“ angeboten und eine „neue Form der Mitbestimmung“ verlangt – anscheinend ein „Neuanfang“ quer durch die Parteien und Bezirke. Weil ein männlicher Politiker bewusst auf einem Frauenparkplatz geparkt hat, sieht manch einer sogar Potential für eine „neue Diskussion“. Allen Verwendungsweisen ist jedoch eines gemein: Sie suggerieren, dass „neu“ automatisch auch für „besser“ steht. In den allermeisten Fällen bedeutet „neu“ aber nur „anders“ und oft nicht einmal das. Wahrscheinlich steckt hinter dem Wunsch nach dem vielgepriesenen Neuen einfach nur die Sehnsucht nach alten (zeitlosen?) Werten: Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Gerechtigkeit.

 

O Originalitätsbürde

Vielleicht ist es dem einen oder anderen aufgefallen: Der Titel einer Wort|spaltung ist immer ein Begriff, den weder Herr Duden noch Herr Google kennt – mein Versuch, den Kern des Textes kreativ in ein neues Wort zu verpacken. Manchmal kommt aber verschiedenen Menschen das Gleiche in den Sinn. In meinem letzten Beitrag hatte ich die Wahl zwischen Trump und Clinton als eine Wahl zwischen Pest und Cholera verglichen. Drei Tage nachdem der Text fertig war, stieß ich in der FF auf dieselbe Formulierung, nochmals eine Woche später bemühte auch Günther Heidegger in seinem „Vorausgeschickt“ diesen Vergleich. Besonders originell waren wir dabei alle nicht. Aber anscheinend ist diese Veranschaulichung so naheliegend und allgemein verständlich, dass sie ganz unterschiedlichen Schreibern in den Kopf kommt. Die ersten waren, soweit sich das überhaupt rekonstruieren lässt, die Redakteure der EU-Infothek, die bereits am 2. März dieses Jahres damit aufwarteten; zahlreiche Leserkommentare zu den Vorwahlen sind sogar noch um einiges älter. „Die Wahrheit hat keine Phantasie.“ (leider nicht von mir!)

 

P Pannenvieleck

Wenn es um das zukünftige Gesicht Europas geht, dann wird gerne nach Skandinavien oder in die Benelux-Länder geschaut. Egal, ob es um Sterbehilfe, Drogenkonsum, Bildungssystem, eingetragene Partnerschaften, Säkularisierung oder das friedliche Miteinander geht, in diesen Staaten ist man bereits dort, wo die anderen hin sollen. Gerade Belgien (mit Brüssel als der „Hauptstadt“ Europas) war immer wieder Vorreiter, ideologisch wie politisch. Doch Ideal und Wirklichkeit des Miteinanders klaffen schon lange auseinander. Die holländisch sprechenden Flamen und die frankophonen Wallonen entfernen sich immer mehr voneinander: Übersprühte zweisprachige Ortsnamentafeln sind keine Seltenheit, die Föderalisierung geht oft bis an die Grenze zur Handlungsunfähigkeit, sogar Unabhängigkeitsforderungen werden laut. Die Pannen vor und nach dem Terroranschlag am 22. März haben gezeigt, dass das sprachlich und politisch zerrüttete Belgien ein ernstes Problem besitzt. Nicht-integrierte, gewaltbereite Islamisten sind nur ein kleiner Teil davon. Frei nach Shakespeare: „Es ist etwas faul im Staate Belgien.“

 

Pestizsüdtirol

Man nehme ein unpassendes Gianni-Bodini-Bild, hebe unvorsichtig ein geschütztes Marketing-Logo unter, lasse das Ganze mit einem provokanten Spruch aufkochen und garniere es mit Wortspiel und Internetadresse. Als Dessert offeriere man eine Fahrradtour in weißen Schutzanzügen. Fertig ist der geplante Eklat. Bon Appetit! Besser hätte man ein Sommerloch nicht stopfen können. Berichte, Interviews, Kommentare, Leserbriefe und Stellungnahmen folgten wie Salven. Manch einer, der das sonst sehr ernst nimmt, findet das alles bloß zum Lachen. Die Bilder, die auf pestizidtirol.info zu finden sind, erinnern an Michael-Moore-Dokumentationen, die zwar nicht unbedingt inhaltlich aber doch methodisch Grund zur Kritik geben. Immerhin: Gut 23.000 Unterschriften für die Petition „Unterstützt die Pestizid-Rebellen von Mals“ des Umweltinstituts München sind bereits geleistet worden. Mittlerweile ist es schon deutlich ruhiger geworden. Frei nach Andy Warhol: 15 Minuten Skandal sind für jeden drin. Ob damit aber eine ernsthafte (weil notwendige!) und respektvolle Diskussion angestoßen wird, ist fraglich.

 

Prozentzahlenspaltung

„So lügt man mit Statistik“: Das Buch von Walter Krämer klärt den Leser auf, welche Möglichkeiten es gibt, Ergebnisse zu schönen, ohne dabei die Daten zu verfälschen – gerade nach Wahlen eine sehr lohnende Lektüre. Wenn ich mir ein „Dolomiten“-Diagramm zur Europawahl anschaue, dann könnte es ein gutes Beispiel für Krämers Buch sein. Obwohl der SVP-Spitzenkandidat dieses Mal das schlechteste Vorzugsstimmenergebnis der Partei seit den ersten Wahlen zum Europaparlament im Jahre 1979 eingefahren hat, wird daraus in einem Balkendiagramm durch geschickte Auswahl der verwendeten Zahlen das zweitbeste (!) Ergebnis bisher. Es ist ganz einfach: Man nehme die Südtiroler Stimmen, die für die SVP abgegeben worden sind, berechne dann aber den prozentuellen Anteil des Kandidaten. Voilà! Man erhält den wunderbaren Wert von 76,69 %. Egal, von welcher Wahl und von welchem Land wir reden, ein Prozentsatz von fast 77 % klingt immer nach einem großen Erfolg (nur in Nordkorea und China wäre das zu wenig). Fazit: Kein Ergebnis ist so gut, dass man es nicht gerne noch ein wenig besser darstellen möchte.

 

R Rehumanismus

Wann haben Sie das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief bekommen? Vielleicht haben Sie sogar länger vor dem leeren Postkasten darauf gewartet. Und heute? „Hurra! Posteingang leer“ – so begrüßt mich die App, die ich verwende, um meine E-Mails abzurufen. Hurra? Was ist denn beim Übergang von der Post zur elektronischen Post passiert? E-Mails sind anscheinend lästige Arbeit, die man abschütteln muss. Nur so kann ich den freundlichen Hinweis der App verstehen. Bei der großen Zahl an elektronischen Mitteilungen, die man vom Arbeitgeber, von Ämtern, von Firmen, bei denen man einmal etwas gekauft hat, von Firmen, bei denen man noch nichts gekauft hat etc. bekommt, ist der Eindruck von Arbeit nicht ganz abwegig. Erst wenn nichts mehr im digitalen Posteingang aufscheint, kann man „Hurra!“ rufen. Dabei sehen einige Vordenker schon die Zeit nach dem Digitalisierungshype. So erklärt uns ein kürzlich erschienenes Sachbuch „warum wir uns nach realen Dingen sehnen“ und sich diese wieder einen Platz im Leben der Menschen erobern. Alles kommt wieder. Dann macht Post vielleicht auch wieder Spaß.

 

Roulettepolitik

Kurseinbußen an den Börsen in Milliardenhöhe, Sturzflug von Euro und Pfund, Rückzug von Unternehmen aus Großbritannien, Erschwernisse für Studium und Forschung in England, Unsicherheit bezüglich Aufenthaltsrecht zahlreicher EU-Bürger, Verlust einer von zwei Stimmen im UN-Sicherheitsrat und und und. „Die Zeiten sind vorbei, in denen wir noch alleine gegen die Welt bestehen konnten.“ Mit dieser Aussage konnte auch der britische Astrophysiker Stephen Hawking seine Landsleute nicht von einem Nein zur EU abhalten. Volksabstimmungen, bei denen zu sehr auf Gefühle und weniger auf Argumente gesetzt wird, sind höchst gefährlich. Als Joseph Goebbels 1943 zum totalen Krieg aufrief und die Deutschen ihm folgten, siegte die emotionale Manipulation über die Vernunft. Auf der anderen Seite haben die Amis im selben Jahr mit dem Disney-Zeichentrickfilm „Vernunft und Emotion“ zum Kampf gegen Hitler-Deutschland mobilisiert. Aber so ist das eben mit den Gefühlen und ihren Entscheidungen. Manchmal geht es gut aus und manchmal nicht. Wie beim Brexit und beim Bozner Flughafen.

 

Rückständigkeitslob

Das Babyalbum, das dem Tagblatt der Südtiroler jährlich beigelegt wird, gibt einige interessante Erkenntnisse preis – abgesehen davon, dass die vielen Zwillinge (oder neuerdings sogar Drillinge!) auffallen. Besonders ergiebig sind sicherlich die Vornamen der Babys. Nomen est omen, so heißt es, und in diesem Fall sagen die Namen der Kinder mehr über die Eltern und über unsere Gesellschaft aus, als über die Träger selbst. Im Vergleich zu Neugeborenen aus anderen deutschsprachigen Gegenden – Lusimella Abigail, Jayden-Dennis und Alron Nando Leopold seien als Beispiele genannt – sind Südtiroler Eltern geradezu stockkonservativ. Gut, zukünftige Schulklassen werden zu einem Großteil aus Leons und Leonies bestehen, aber eigenwillig gesetzte Akzente (Renè), kreative Doppelnamen (Lea Melody), suggerierte Weltoffenheit  (Amrei Sophie), gelebter Modefimmel (Kenzo) und ADS-Diagnosenamen (Kevin, Justin) halten sich zum Glück in Grenzen. Südtirol, das sich in verschiedenen Bereichen gerne als Vorreiter präsentiert, hinkt bei der Namengebung des Nachwuchses gnadenlos hinterher. Möge es so bleiben.

 

S Schiedsgerüchte

Nein, die vier Buchstaben ISDS stehen nicht für „Italien sucht den Superstar“ oder nach ISIL und ISIS für eine weitere Abkürzung des Islamischen Staates. „Investor-State Dispute Settlement“ bedeutet im Deutschen so viel wie „Investor-Staat-Streitschlichtung“. Gemeint sind so genannte Schiedsgerichte, die bei zwischenstaatlichen Abkommen zum Einsatz kommen. Mit ihrer Hilfe können ausländische Investoren gegen einen Staat vorgehen, wenn ihnen zum Beispiel aufgrund gesetzlicher Vorgaben Gewinne entgehen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass so Tabakfirmen Länder wegen verschärfter Rauchergesetze verklagen, Lebensmittelunternehmen höhere Qualitätsstandards beanstanden oder Energiekonzerne wegen Umweltauflagen prozessieren – und das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch das in der Kritik stehende geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU sieht solche Schiedsgerichte vor. Deshalb will die EU-Kommission jetzt eine massive, europaweite Werbekampagne starten, um das negative Image aufzubessern. Da wäre mir „Schlanders sucht den Superstar“ noch lieber.

 

Schultütensuppe

Wir sind es vielfach nicht mehr gewohnt, Menschen beim Wort und ihre Aussagen (vor allem die Konsequenzen dieser Aussagen!) ernst zu nehmen. Nach der ersten Sitzung des neuen Landtages wurden die Neo-Abgeordneten nach ihrem Eindruck befragt. Mehrere Angesprochene erklärten unisono wie aus einer Instantpackung, sie hätten sich gefühlt wie an ihrem ersten Schultag. Gut, was sie damit wahrscheinlich meinten, ist mir klar. Aber was haben sie damit ohne es zu wollen zwischen den Zeilen gesagt? Nehmen wir ihre Aussagen wörtlich. Der Landtag als Schule. Ein schönes Bild. Der LeHrer steht vorne und sagt den anderen, was zu tun ist, wer artig ist, bekommt ein Fleißbildchen und wer allzu kritische Fragen stellt, kann schon einmal anecken. Übrigens: In der Schule sind Absenzen selbstverständlich zu entschuldigen und bei einer Anwesenheit von weniger als 75 % gibt es keine Versetzung in die nächste Schulstufe. Vielleicht sollten wir den neuen Schultütenträgern nicht nur peinlich genau auf die Wörter sehen, sondern auch ins Absenzenheft. Für eine eventuelle Versetzung in die nächste Legislaturperiode.

 

Selbstbeschränkungsrecht

Haben Sie schon einmal etwas gemacht, nur weil es nicht verboten war? Recht und Gerechtigkeit sind bekanntermaßen zwei verschiedene Paar Schuhe. So hat ein Brixner vor einiger Zeit Verdienstkreuz und Verdienstmedaille seines verstorbenen Vaters zum Verkauf angeboten. Illegal ist das nicht. Doch das Angebot hat Staub aufgewirbelt. Sogar der Ex-Landeshauptmann hat sich zu Wort gemeldet und kategorisch festgestellt: „Das tut man nicht.“ Es sieht so aus, als ob etwas zwar nicht verboten, aber aus Gründen des Anstandes zumindest verpönt sein kann. Wenn man nun aus den Medien erfährt, dass 43 Ex-Politiker gegen die Kürzung ihrer mehr als nur üppigen Pensionsvorschüsse Rekurs eingelegt haben, dann ist das juristisch sicherlich in Ordnung. Die Frage ist aber, ob „man so etwas tut“. Eine Ex-Landesrätin hingegen hat in einem Interview verlauten lassen, sie lebe jetzt mit dem Risiko, nicht zu wissen, wie ihre Pension aussehen werde. Angesichts ihrer bisherigen Entlohnung und vieler Mindestrentner in Südtirol fragt man sich wirklich – Meinungsfreiheit hin oder her –, ob „man so etwas sagt.“

 

Sommerlochrecherchen

Dass Farben unsere Geschmackswahrnehmung beim Essen beeinflussen, ist schon lange bekannt. Aus diesem Grund frage ich mich, wonach dann eigentlich das blaue Schlumpfeis schmeckt – auch wenn ich die letzte Kugel dieser Sorte im vorigen Jahrtausend genossen habe. Wenn Erdbeereis dank eines Geschmacksstoffs aus Sägespänen nach Erdbeeren schmeckt, schmeckt dann Schlumpfeis nach Schlümpfen? „Werden nur junge Schlümpfe verwendet? Oder besonders reife? Muss bald auf Schlumpfzucht umgestellt werden, weil die natürlichen Bestände gefährdet sind?“, fragt eine Frau im Internet ironisch. Wie ich merke, beschäftigt meine Frage auch andere. Antwort habe ich im allwissenden Netz keine gefunden. Antworten hingegen schon: Das Eis schmecke – wahlweise – nach Vanille, Vanille mit Honig, Kaugummi, Waldmeister, Hustensaft, Minze, Marshmallows, Anis oder Milch mit Farbstoff. Bei meinen Recherchen bin ich allerdings auf weitere skurrile Eissorten gestoßen: Limette-Mascarpone-Basilikum, Birne-Parmesan, Gurke-Nutella (Name: „Schwangerschaftstraum“) und sogar Viagra. Aha. Das ist dann sicher auch blau.

 

Sonderwunschzug

Haben Sie schon einmal mit einem Glas Milch in der Hand mit einer vegan lebenden Person über Ernährung diskutiert? Man lernt dabei einiges. Zum Beispiel dass es abnormal sei, Muttermilch einer fremden Spezies zu trinken. Da schluckt man zweimal. Ich möchte nun weder ernährungswissenschaftlich noch auf sonstige Weise für oder gegen vegane Ernährung argumentieren. Dass aber das Verwaltungsgericht Bozen einer Mutter, die für ihr Kind vegane Ernährung im Kindergarten eingefordert hat, rechtgegeben hat, wirft ein paar Fragen auf. In einer freien Gesellschaft sollte es möglichst keine Tyrannei der Mehrheit geben. Einverstanden. Wenn aber der Individualismus einzelner so weit geht, dass jede Forderung akzeptiert werden und für die öffentliche Praxis gleichwertig neben jeder anderen stehen muss, dann blicken wir am Ende dieser Zugstrecke auf eine Tyrannei der Minderheit. Und das kann es genauso wenig sein. Ich will kein Kreuz im Klassenzimmer. Weg damit! Ich will keine Schularbeiten für mein Kind. Abschaffen! Ich will, dass der Vinschger in Zukunft in Grün erscheint. An die Arbeit, Morgan!

 

Standpunkterkältung

Die Worte eines Mannes drängen sich seit Monaten förmlich auf, an dieser Stelle gespalten zu werden – jene des Republikaners Donald Trump, der unbedingt US-Präsident werden will. Mit seiner mehrfach getätigten Aussage „Ich glaube nicht an den Klimawandel“ hat er bereits vor Jahren seine Meinung zur Erderwärmung öffentlich gemacht. Diese sei eine Erfindung der Chinesen, um die amerikanische Wirtschaft zu schädigen, so seine Erklärung, die er dann später als Scherz bezeichnete. Jeder lokale Temperatursturz provoziert Kommentare wie „Das Wetter ist schon so lange so kalt, dass die Schwindler der »Globalen Erwärmung« gezwungen sind, den Namen in »Klimawandel« zu ändern, damit das Geld weiter fließt.“ Seit 2014 baut genau dieser Trump in Irland einen Golfplatz am Meer. Als ein heftiger Sturm einen Küstenstreifen weggespült hatte, bemühte sich seine Firma mehrmals um eine Genehmigung zur Errichtung einer Schutzmauer – jedes Mal explizit mit der Begründung, der ansteigende Meeresspiegel sei eine Folge der globalen Erwärmung. Es ist schon hilfreich, wenn man weiß, wofür Menschen stehen.

 

Stilunstimmigkeit

„Präsident Obama wird als schlechtester Präsident der Geschichte der USA untergehen.“ – so Trump über seinen Vorgänger. Was befähigt eigentlich einen Menschen, in die Politik einzusteigen? Eine Staatslehre im Fräsen und Sägen? Ein Politik-, Wirtschafts- oder Jusstudium? Anscheinend nicht. Ein Schulabbrecher an der Parteispitze, ein Fotograf als Außenminister, eine Physikerin im Kanzleramt – alles keine Widersprüche. Inhaltliche Kenntnisse sind keine Voraussetzung. Viel wichtiger sind Eigenschaften wie Kommunikations- und Kompromissbereitschaft, Menschenkenntnis, Netzwerkfähigkeiten, Themengespür und Zielstrebigkeit. All das macht zwar aus einem erfolgreichen noch keinen guten Politiker, aber Donald T. zeigt uns fast täglich, wie Politik auch aussehen kann. Wenn dieser neue politische Stil dies- und jenseits des Atlantiks Schule macht, dann hätte man wirklich einen Grund, politikverdrossen zu werden. Mr. Trump besitzt übrigens einen Abschluss einer renommierten Wirtschaftsuniversität. Da ist mir dann doch ein Tierarzt im Tourismusressort lieber – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

 

Süßigkeitendemokratie

Als Schüler bin ich immer mit dem Rad zur Schule gefahren. Eines Tages war plötzlich ein Radweg samt Sicherheitsstreifen und reflektierenden Trennpflöcken wie aus dem Nichts aufgetaucht. Die Lösung für das Mysterium war allerdings einfach: Die Gemeinderatswahlen standen vor der Tür. Diesbezüglich hat sich wenig geändert. Die neue Familienlandesrätin Waltraud Deeg streicht die Landesfinanzierung des Familien-Kompetenz-Zentrums FAM. Wir erinnern uns: FAM wurde am 16. Oktober 2013 von ihrem Vorgänger der Öffentlichkeit präsentiert, am 27. Oktober, also nicht einmal zwei Wochen danach, waren die Bürger für die Landtagswahlen zu den Urnen gerufen. Dass von einem Wahlzuckerle gesprochen wird, verwundert deshalb nicht – und dass das Zuckerle nun den Geschmack verliert und ausgespuckt wird, ebenfalls nicht. „Demokratie“ bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Die Frage ist aber, was das Volk will und ob es kurzfristig immer weiß, was es langfristig will. So lange also Wahlzuckerlen ihren Auftrag erfüllen und das Kreuzlein an der richtigen Stelle versüßen, werden sie weiter ausgeteilt werden.

 

Superwaffenmarkt

Sprachengymnasium Schlanders: Die Französisch-Lehrerin betritt die Klasse, die Türen schließen sich automatisch, der zu spät kommende Simon kommt zwar durch die Metalldetektoren am Eingang, aber ohne Zugangscode nicht mehr in die Klasse mit vergitterten Fenstern. Eine solche Situation ist bei uns nicht vorstellbar, jenseits des Atlantiks ist sie an vielen Schulen Realität. Die Hoffnung, dass der jüngste Amoklauf in den USA zu einem Umdenken führt, ist leider gering. Allein 2018 gab es bereits 9 (!) Fälle an US-Schulen, bei denen Menschen durch Waffen verletzt oder getötet wurden. „Amerikanische Trends kommen immer etwas zeitverzögert zu uns“, kann man lesen. Ob Black Friday, Online-Sprechstunden beim Hausarzt oder Bier mit Erdbeergeschmack eine gute Sache sind, sei dahingestellt. Dass man Waffen ganz einfach im Supermarkt kaufen kann, wohl eher nicht. Doch viele waffenvernarrte Amis kennen nur ein „Argument“: „Das einzige Mittel gegen böse Menschen mit Waffen sind gute Menschen mit Waffen.“ Diese Haltung mag historisch bedingt sein, aber sie ist deshalb nicht unveränderbar. Wenn es jedoch nach Trump & Co. ginge, dann würde die Lehrerin in Zukunft ihr Sturmgewehr auf das Pult legen – vielleicht sogar pinkfarben mit Glitzersteinen, nach dem neuesten US-Trend.

 

T Tagaktionismus

Vor 70 Jahren haben die damals noch jungen Vereinten Nationen zum ersten Mal einen Weltgedenktag ausgerufen. Diesem Tag der UNO sind seither unzählige weitere Aktionstage gefolgt und ebenso viele Organisationen weltweit haben die Idee aufgegriffen. Mittlerweile gibt es zwischen 1. Jänner und 31. Dezember kaum einen Tag, der nicht auf ein bestimmtes Thema aufmerksam machen will. Seit der letzten Wort|spaltung vor zwei Wochen wurden u. a. der Tag der Minzschokolade, der Welttag der sozialen Gerechtigkeit, der Tag der Allergien, der Internationale Tag der Muttersprache, der Tag der Schwertschlucker, der Weltfremdenführertag, der Tag der Tiefkühlkost, der Behaupte-dich-gegen-Mobbing-Tag, der Tag der Weißwurst, der Europäische Tag der seltenen Erkrankungen und der Weltkrokettentag gefeiert. Wer nun auf die Idee kommt, einen Vinschger Palabiratag, einen Aktionstag Schneamilch oder einen Südtiroler Tag der objektiven und unbefangenen Diskussionen über Umfahrungsstraßen auszurufen, der sollte noch bis zum 26. März warten: Dort wird der Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag begangen.

 

Toleranzhindernisse

Meine letzte Wort|spaltung über die doppelte Staatsbürgerschaft hat eine Reihe von Diskussionen nach sich gezogen, sowohl mit älteren als auch jüngeren Personen. In den (zum Teil mühsamen) Gesprächen haben sich zwei grundverschiedene Haltungen herauskristallisiert. Die erste Gruppe hatte Überzeugungen und Entscheidungen ausschließlich am daraus folgenden (materiellen) Nutzen festgemacht. Für die zweite kam dem Symbolischen und Ideellen eine ebenso wichtige, wenn nicht sogar wichtigere Rolle zu. Eine echte Diskussion war damit leider unmöglich. Dabei waren gerade jene der ersten Gruppe – so fair muss man sein – alles Menschen, für die Toleranz einen zentralen Baustein unserer europäischen, aufgeklärten Gesellschaft darstellt. Aber anscheinend hört die Toleranz der Toleranten oft sehr schnell dort auf, wo sich die fremden Einstellungen nicht mehr mit den eigenen decken. (Und wir sprechen hier weder von Menschenverachtung noch Aggression, die auf keinen Fall toleriert werden können.) Aber wer alles durch die Brille einer persönlichen Kosten-Nutzen-Rechnung sieht, wird schwer nachvollziehen können, wenn andere keine solchen Absichten haben.

 

Toponomastikrätsel

Mein Name ist Cristiano Aratori und ich möchte Sie auf eine schöne Reise mitnehmen: Sie beginnt in Enaponte, führt über den Pass, wo wir ein Zitat des Dichters Giovanni Volfango in Marmor gemeißelt vorfinden, und bringt uns mit einem Abstecher in die Passerstadt, um den Steg zu bewundern, der Martino Lutero gewidmet ist. Ob und wie man Eigennamen übersetzen soll, ist umstritten und besonders in Südtirol ein heikles Thema. Dass das italienische Statistikamt ISTAT nun in einem Brief an Südtirols Bürgermeister verlangt hat, die Straßennamen sprachlich in Ordnung zu bringen, verwundert, denn für die Ortsnamengebung ist laut Autonomiestatut Südtirol selbst zuständig. Trotzdem ist die Toponomastikfrage bis heute nicht gelöst. Vielleicht öffnet unsere Reise einige Augen: Weiter geht’s über Worms und St. Maria im Pein (auch bekannt als Unsere liebe Frau im Gamp) mit Blick auf den Ultsch nach Löweneck und Burg im Suganertal, daraufhin nach Lafraun und Rofreit, um dann in Reif den Gartensee zu genießen. Weiter südlich überqueren wir zuerst den Brandau und nach der Wiesentheiner Ebene den Pfad. Jetzt nach Raben? Nein, lieber nach Pawei, dort gibt es die traditionelle Ostertaube, die besser schmeckt als das Berner Goldbrot zu Weihnachten ...

 

Tourismusbabel

Der Umstand, dass die Südtiroler Marketing Gesellschaft SMG für den englisch-, französisch- und niederländischen Markt fast ausschließlich italienische Orts- und Flurnamen verwendet, ist quer durch die Parteien auf wenig Verständnis gestoßen. Die Forderung der deutschsprachigen Opposition, nur historisch fundierte Namen zu benützen, ist aber auch bei SMG-Kritikern auf Ablehnung gestoßen. Dieter Steger führt wirtschaftliche Interessen an („Wenn man neue Märkte erschließen will, kann man sich nicht auf wissenschaftliche Abhandlungen berufen.“), Hans Heiss ideologische („Das Land ist geprägt von Mehrsprachigkeit und das sollte man auch nach außen zeigen.”) Dass man nicht nur hier mit Problemen dieser Art zu kämpfen hatte, zeigt der ECU. Der Name dieser europäischen Währungseinheit, die als Vorläufer des Euro gilt, besteht aus einer englischen Abkürzung, die aber französisch ausgesprochen wird, damit ja keine Sprache zu kurz kommt. Vielleicht braucht es bei uns einfach einen sprachlichen Proporz für die Tourismus-Werbung. Dann heißt es: Willkommen im Venosta Valley! Dio ne traverde!

 

Traditionsdämmerung

Es war ein tragisches Unglück und es bleibt zu hoffen, dass sich ein Vorfall dieser Art nicht mehr wiederholt. Ich spreche vom Unfall während des Schlanderser Krampuslaufs. Wie immer in solchen Situationen gehen die Meinungen derjenigen, die sich dazu öffentlich äußern, weit auseinander. Für viele hat das Feuerspucken im Rahmen der Krampusumzüge nichts mehr mit der ursprünglichen Tradition zu tun. Für andere wiederum ermöglichen es gerade solch spektakuläre und gefährliche Shows, die Traditionen aufrechtzuerhalten, da sie viele Zuschauer anziehen. Es geht mir nicht um individuelle Beweggründe, die Teilnehmer dazu bringen, mit Feuer zu hantieren, sondern allein um das letztgenannte Argument. Was ist von diesem Traditionsbegriff zu halten? Liegt es nicht gerade im Wesen echter Traditionen, dass sie um ihrer selbst willen und für sich selbst gepflegt und erhalten werden? Verkommen sie anderenfalls nicht zu einem künstlichen, kommerziellen Produkt, das andere konsumieren? Und werden sie damit nicht irgendwann inhaltsleer wie die täglichen Zeichentrickfiguren-Umzüge in Disney World?

 

U Übelkeitsvergleich

Ich kann mich schwer entscheiden. Nicht nur, worüber ich dieses Mal schreibe. Einiges zum Beispiel, wofür Alexander Van der Bellen steht, kann ich kaum gutheißen. Aber Norbert Hofer? Mit Hillary Clinton konnte ich mich nie anfreunden. Aber Donald Trump? Italien braucht dringend eine Verfassungsreform. Aber diese Renzi-Sauce? Und dann noch die Unsicherheiten, vor denen Südtirol in Zukunft steht, wenn das Paket erst einmal aufgeschnürt ist. Hoffentlich wird die Schutzklausel nicht zur Schmutzklausel. In den erwähnten Fällen ist es fast wie in Ferdinand von Schirachs brillantem Theaterstück „Terror“, in dem ein Pilot ein entführtes Flugzeug mit 164 Passagieren abschießt, um 70.000 Fußball-Fans in einem Stadion zu retten. Man wählt unter dem Strich das kleinere Übel. Wohl ist mir dabei ganz und gar nicht. Wenn man sich in demokratischen Entscheidungsprozessen zwischen Skylla und Charybdis befindet oder immer öfter die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, dann stimmt das nicht optimistisch. Zumindest Mediziner raten zur Cholera – die Überlebenschancen sind ungemein höher. Wie beruhigend!

 

Umgangsunformen

In einer Diskothek in Lana sprechen (oder was immer sie auch sonst machen) wieder einmal nackte Tatsachen. Der Präsident des dortigen Tourismusvereins wurde deshalb gefragt, ob er glaube, dass dies dem Ansehen des Ortes schade. Dieser verneinte und fügte hinzu, dass Südtirol im Vergleich zu Nordtirol und dem Trentino diesbezüglich ohnehin nachhinke. Aha! Zumindest was mangelnde Selbstbeherrschung und fehlende Umgangsformen in der Legislative betrifft, kann sich Südtirol mittlerweile doch auf Weltniveau wähnen. Was sich im Regionalrat im Rahmen der Verabschiedung des neuen Gemeindewahlgesetzes abgespielt hat, ist ein trauriges Beispiel dafür. Abgeordnete, die polternd, pöbelnd und beleidigend durch den Sitzungssaal laufen, Ordnungsrufe, die im Geschrei verhallen, (absichtlich?) falsch eingeworfene Stimmzettel, Drohgesten und zu Boden geworfene Gläser – dass fast ein Drittel der Abgeordneten gar nicht anwesend war, ist in diesem Chaos den wenigsten aufgefallen. Solche Szenen kannte man bisher nur aus internationalen Parlamenten. Und nun gehören wir auch dazu – wie gesagt: Weltniveau.

 

Unbuntwelt

Was haben Enid Blytons Fünf-Freunde-Abenteuer und Karl-May-Romane gemeinsam? Richtig. Dort sind die Guten noch gut und die Bösen böse, da ist Weiß weiß und Schwarz schwarz. Der Kosmos ist übersichtlich und leicht durchschaubar. Doch die wirkliche Welt da draußen ist nicht so einfach gestrickt und, um beim Vergleich zu bleiben, Schwarz und Weiß gibt es selten in Reinform. Vielmehr regiert überall das Grau in all seinen Facetten – auch wenn es nicht gleich 50 Graustufen sein müssen. Wir sind es gewohnt, in einer grauen Welt zu leben und grau zu denken. Anderenfalls wird man schnell der Schwarz-Weiß-Malerei verdächtigt. Und nun stehen wir vor dem Referendum zur Verfassungsreform. Es ist mehr als das übliche Hin und Her der Argumente. Jede Seite präsentiert unumstößliche „Fakten“ – und sogar die Befürworter in Südtirol müssen zugeben, dass Renzis Vorschlag nicht mehr als eine schöne graue Alternative zu einem ordentlichen Weiß ist. Das Dilemma: Trotzdem müssen wir am 4. Dezember (unbunte) Farbe bekennen. Ich möchte nicht in meiner Haut stecken.

 

Unwortlücke

Eine wahrscheinlich unerwartete Frage mitten im heißen Sommer: Können Sie sich noch an das Südtiroler Wort und Unwort des Jahres 2014 erinnern? Sie dürfen auch ein paar Minuten nachdenken. 2014 ist in der Landespolitik so viel passiert – allein rund um die Politikerrenten –, da dürfte es auch nicht schwierig sein, die richtigen Ausdrücke zu erraten. Nein, es ist nicht Pensionsvorschuss. Doch auch alle Anstrengung nützt nichts: In Südtirol wurde kein Wort, kein Unwort, kein Spruch des Jahres 2014 gekürt – obwohl diese Tradition in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Liechtenstein zum Teil seit Jahrzehnten gepflegt wird. Wieso das? Eine Recherche bei den Verantwortlichen hat ergeben, dass man die Wörterwahl aussetzt, da sich kaum mehr jemand dafür interessiert hat, es immer weniger eingeschickte Vorschläge gab und auch diese immer weniger originell waren. Schade, Südtirol! Ich habe diese Wahlen immer als sehr aufschlussreich empfunden: Eine Stimmung kondensiert zu einem einzigen Wort. Aber möglicherweise bin ich der einzige – und dieser Beitrag wird gar nicht zu Ende gelesen.

 

V Vermenschlichungsfantasien

„Inzwischen lebt Douglas mit einer neuen Partnerin in seiner badischen Altersresidenz zusammen“, erfahre ich aus der Zeitung. Das ist doch eine positive Nachricht. Genau wie der Hinweis daneben, dass das „Hotel an der Wiese“ (Name geändert) über Zimmer mit Tageslicht, Fußbodenheizung und Fernsehgeräten verfügt. Übrigens: Douglas ist ein Papagei und die Zimmer sind für Hunde. Die Vermenschlichung von Tieren nimmt manchmal schon bedenkliche Ausmaße an. Wissenschaftler sprechen sogar von einer „fortschreitenden Bambisierung“. Aber nicht nur Tiere werden vermenschlicht. „Alexa, frag die Post, wo mein Paket ist“, ist keine Aufforderung an die Ehefrau, sondern an einen virtuellen Assistenten, eine Maschine. Im Film „Her“ wird die Idee weitergesponnen. Der Hauptdarsteller führt dort eine Beziehung mit einem Betriebssystem – bis dieses auf Nachfrage zugibt, 8.316 weitere Partner zu haben und in 641 davon sogar verliebt zu sein. Schöne neue Welt? Aber solange mich Mr. Big und Franka – mein Kühlschrank und meine Klospülung – nicht verlassen, brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen.

 

Verpackungsgedanken

Wenn man etwas verkaufen will, dann ist die Verpackung mindestens genauso wichtig wie der Inhalt. Dies gilt auch für die Politik. Als zum Beispiel die US-Regierung 1917 den Bürgern der Krieg schmackhaft machen musste, wurde eine PR-Offensive gestartet, an der Tausende Menschen beteiligt waren; 2008 hat Israel Werbeexperten beauftragt, das internationale Ansehen aufzupolieren und Barack Obamas „Change“ ist ein Slogan, der in seiner Einfachheit und Verständlichkeit kaum zu überbieten ist. So ist Namensfindung mittlerweile ein gutes Geschäft, wenn man nichts dem Zufall überlassen will. Bezeichnungen wie „Etsch-Dialog“ (samt Logo) oder „Bildungsomnibus“ fallen nicht einfach vom Himmel. Für die Mitbestimmungsgremien zur Abänderung des Autonomiestatuts hat man sich für „Forum der 100“ und „Konvent der 33“ entschieden. Die Bezeichnungen erinnern mich an den „Rat der 500“ und den „Nationalkonvent“, zwei wenig erfolgreiche Institutionen während der Französischen Revolution. So bleibt zu hoffen, dass der Autonomiekonvent nicht nur Verpackung und ein basisdemokratisches Feigenblatt bleibt.

 

Volkskurzzeitgedächtnis

Allein im „Tagblatt der Südtiroler“ hat es in den Tagen nach Veröffentlichung der Liste mit den Politikerpensionen 166 Leserbriefe dazu gegeben. Jede Form von Kritik und Beschimpfung der legislativen Untat wurde schon zu Papier gebracht. Für das Unwort des Jahres 2014 konkurrieren „Pensionsvorschuss“ und „erworbenes Recht“ und Ex-„Kultur“landesrätin Kasslatter Mur hat mit „Bitte fragen Sie mich nicht, wie ich mich fühle.“ den Unsatz des Jahres beigesteuert – für einige die zynischste Aussage seit Marie Antoinettes Zeiten. Da diesbezüglich alles gesagt ist, möchte ich einen eher ungewöhnlichen Gedanken einbringen. Man muss fast froh sein, dass durch kalkulierte Hinterfotzigkeit die Bombe erst nach (!) den Wahlen geplatzt ist, ansonsten hätte es im Rausch des Politikhasses außergewöhnlich viele Protest- und Nichtwähler gegeben. Man hätte nicht einmal mehr die traditionelle Opposition wählen können, denn diese hebt sich nicht sonderlich von den von ihnen stets Kritisierten ab. Damit wäre das Machtgefüge, so sehr es auch erneuerungsbedürftig ist, vollkommen aus den Fugen geraten. Die Geschichte lehrt uns aber, dass eine gestürzte Ordnung, an der es berechtigte Kritik gibt, nicht automatisch eine neue und bessere Ordnung hervorbringt. Ganz im Gegenteil. Und wenn jetzt von einem Denkzettel für die nächsten Landtagswahlen gesprochen wird, dann glaube ich, ehrlich gesagt, nicht daran.

 

W Wankelübermut

lm immer noch sehenswerten österreichischen Spielfilm „Der Bockerer“ kommt die Figur des Polizisten charakterlich nicht besonders gut weg. Je nachdem, wer gerade an der Macht war, gab er sich als überzeugten Monarchisten, Republikaner oder Nationalsozialisten – und bezeichnete sich auch noch als Mann mit Idealen. Dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel kennt man auch in Südtirol nur allzu gut. Nach dem frühen Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft mutierte manch trauernder Italien-Anhänger zum glühenden Deutschland-Fan. Und in der Politik hebt Landtagsabgeordnete Elena Artioli diese Kunst in ganz neue Sphären: von der SVP über mehrere Zwischenhüpfer quer durch das politische Farbspektrum bis zum PD (wo viele diesen Gesinnungsverrenkungen durchaus skeptisch gegenüberstehen). „Ich bin eine, die aufbauen will und nicht zerstören“, lässt sie in einem Interview verlauten. Eine solche Aussage könnte von jedem Politiker jeder beliebigen Partei kommen. In Zukunft wird es jedoch eng für Artioli werden. Irgendwann werden ihr die Parteien ausgehen.

 

Wasserleitgedanken

Ob die Kriege der Zukunft um Wasser statt um Öl geführt werden, ist nicht unumstritten. Für viele Staaten sei es billiger, Produkte, zu deren Herstellung viel Wasser nötig ist, im Ausland zu kaufen und damit indirekt Wasser zu importieren. Man spricht von „virtuellem Wasser“. Japan, China, Indien und die meisten europäischen Staaten sind so genannte „Netto-Wasserimporteure“. Ein sehr heikles Thema ist aber die Privatisierung der Wasserversorgung. Wasser ist – laut EU-Parlament – „ein öffentliches Gut, keine Handelsware“, der Zugang zu sauberem Wasser seit 2010 sogar ein von der UNO anerkanntes Menschenrecht. Doch der internationale Wassermarkt wird von wenigen britischen und französischen Konzernen beherrscht und privates Profitstreben und die Garantie des Rechts auf Wasser beißen sich oft. In Ländern wie Griechenland und Portugal gibt es bereits Beispiele von eklatanten Preiserhöhungen seit der Privatisierung. Irgendwann kommt noch jemand auf die Idee und privatisiert Sonnenlicht und Gravitation. Dann müssen wir dafür bezahlen, dass wir am Strand braun werden und am Boden bleiben.

 

Wertschmähung

Mein 29. Beitrag an dieser Stelle war mir ein besonderes Anliegen – wenn er vielleicht auch auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Er endete mit dem Fazit: „Es ist schwierig, über unvereinbare Glaubenssysteme zu diskutieren.“ Zwei aktuelle Ereignisse stützen die Bedeutung des Themas. In der Schweiz weigern sich zwei muslimische Schüler aus religiösen Gründen, ihrer Lehrerin (wie dort üblich) im Unterricht die Hand zu geben – weil sie eine Frau ist. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, „entband“ der Direktor die beiden Schüler von dem Brauch – auch gegenüber männlichen Lehrpersonen. Was wiegt höher, wenn zwei Ansichten unvereinbar sind? Der Respekt vor weltlichen Ritualen oder die Achtung religiöser Gefühle? Der Satiriker Jan Böhmermann hingegen beschäftigt mit seiner „Schmähkritik“ gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan Politik und Medien. Während die Mehrheit der Öffentlichkeit gegen eine Beschränkung der Meinungsfreiheit ist, schwankt die Politik noch (oder schon?), um dem Verhältnis zur Türkei nicht zu schaden. Es wird sich zeigen, wie belastbar die Werte des Westens sind.

 

Wienerschnitzelrepublik

Dass die Bundespräsidentenwahl in Österreich aufgrund von fehlerhaften Wahlkarten um zwei Monate verschoben werden musste, schmeckte nicht allen und veranlasste viele Spötter zu einem übereifrigen Gebrauch des Wortes „Bananenrepublik“. Sogar der heimattreuen Fraktion im Südtiroler Landtag fiel es mit rechtem Herz plötzlich schwer, „stolz aufs Vaterland“ zu sein. Doch es gibt keinen Grund dafür. Wäre Österreich tatsächlich eine Bananenrepublik, dann gäbe es wahrscheinlich gar keine Wahlen oder defekte Kuverts kämen einigen gerade recht, das Ergebnis in ihrem Sinne zusammenzukochen. Zur Erinnerung: Die Wiederholung der Wahl wurde vom Verfassungsgerichtshof nicht angeordnet, weil es tatsächlich zu Wahlmanipulationen gekommen war, sondern allein, weil die Möglichkeit bestand. Das klingt nicht, als würden exotische Früchte regieren: Österreich liegt weltweit immerhin auf Platz 16 der am wenigsten korrupten Staaten. Doch plakative, polemische Ausdrücke werden schnell verwendet und die Medien stürzen sich nur zu gerne darauf. Das geht schneller, als ein Wiener Schnitzel zuzubereiten.

 

Wirbelgedächtnis

Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse umso schneller abnehmen, je größer der Wirbel und das Tamtam um eine bestimmte Sache sind. Darunter leidet natürlich auch unser Gedächtnis. Können Sie sich zum Beispiel noch an den Piano-Mann erinnern? An den jungen Mann, der an einen Strand gespült worden ist, nicht geredet und anscheinend konzertreif Klavier gespielt hat und damit die Medien monatelang beschäftigt hat? Oder wie sieht es mit all jenen Menschen aus – auch die knackigen Vinschgerinnen in den knappen Bikinis –, die sich vor laufender Kamera mit eiskaltem Wasser angeschüttet haben, um auf irgendeine Krankheit hinzuweisen? Oder wo sind denn die ganzen Charlie Hebdos plötzlich geblieben? Heute heißt niemand mehr Charlie. Auch die gefühlten tausend Leserbriefschreiber zum Südtiroler Rentenskandal und Vor-dem-Landtag-Mauler sind verschwunden. Ist denn mit den Politikerrenten nun alles in Ordnung? Eine Frage sei deshalb noch am Ende gestellt: Werden die Menschen auch das „Refugees Welcome“, das „Flüchtlinge Willkommen“ so schnell vergessen?

 

Wortfallenleger

Immer wieder wird in Leserbriefen die Übermacht der englischen Sprache im Alltag kritisiert. Zu gerne bemühe der Südtiroler das Englische, wenn es darum geht, seine Produkte oder – hoppla – Events an Mann und Frau zu bringen (schlimmer wäre eigentlich nur noch Italienisch); und im Rundfunk würde ohnehin zu viel englischsprachiges Liedgut serviert. Jeder, wie er will. Darüber hinaus gibt es noch Wörter, die zwar englisch klingen, es aber gar nicht sind bzw. dort eine ganz andere Bedeutung haben. Dass „Handy“ im Englischen kein Mobiltelefon bezeichnet, ist mittlerweile fast jedem bekannt (sogar Smartphone-Besitzern). Es handelt sich um einen Scheinanglizismus. Nur ein Fall von vielen. Deshalb Vorsicht! Bitten Sie keinen Engländer den Beamer einzuschalten, leihen Sie sich keinen Oldtimer, tragen Sie keinen Smoking, gehen sie nicht zu einem Shooting und wenn Sie das nächste Mal ein Fußballspiel bei einem Public Viewing erleben, dann hoffen Sie, dass die gegnerische Mannschaft 7:0 zerlegt wird, denn Public Viewing bezeichnet in England das öffentliche Aufbahren eines Leichnams.

 

Worttaschenmesser

Wenn ein Schweizermesser zu Worten werden könnte, dann würde es wahrscheinlich „Kein Kommentar“ heißen. Jene Universalfloskel, die Politiker wie auch Wirtschaftsvertreter gerne unangenehmen Fragen entgegenwerfen, um sich aus einer heiklen Situation zu schneiden. Was sagen Sie zu den gefälschten Abgaswerten? Kein Kommentar. Was sagen Sie zu den gegen Sie erhobenen Korruptionsvorwürfen? Kein Kommentar. Es ist ein verbales Mehrzweckwerkzeug, das vor allem im mündlichen Bereich gut funktioniert. Sicherlich, manchmal wird von Journalisten eine Zehn-Sekunden-Antwort verlangt, da scheint es bei komplexen Themen besser, nichts zu sagen. In letzter Zeit hat das Schweizermesser aber Konkurrenz bekommen. Der neue Star der Super Tools (wenn auch historisch keine neue Erfindung) ist zweifelsohne „Fake News“. Wird heute jemand mit unvorteilhaften Nachrichten konfrontiert, kann er – wie in letzter Zeit häufig vorgekommen – das integrierte Brenneisen auspacken und das Gesagte als Fake News brandmarken. In einer Zeit, in der ohnehin stetig Misstrauen gegen Medien geschürt wird, wirkt das für viele nicht mehr als Ausrede, sondern gerade als Bestätigung ihres Weltbildes. Das Bedenkliche daran ist, dass es so einfach geworden ist, mit diesem Vorwurf Verwirrung und Unsicherheit zu streuen. Zwar hat jeder prinzipiell die Möglichkeit alles zu überprüfen, aber das ist eine Herausforderung, die täglich kaum zu leisten ist. Was bleibt ist eine Lanze für Qualitätsjournalismus, der (in einer Zeit, in der alles kostenlos sein soll) durchaus etwas kosten darf – dann schneidet man sich auch nicht an einem Messer.

 

Z Zeitungshungerkur

Der libanesische Querdenker Nassim N. Taleb vertritt die provokante These „Um sich endgültig von der Gewohnheit, Zeitung zu lesen, zu kurieren, verbringe man ein Jahr damit, die Zeitungen der letzten Woche zu lesen.“ Als überzeugter und täglicher Zeitungsleser wäre das eine nicht kleine Herausforderung. Aber es muss nicht gleich ein ganzes Jahr sein. Ich hatte die Gelegenheit, zehn Tage lang ohne Zeitung, ohne Internet und ohne Smartphone zu verbringen. Schon nach einigen Tagen stellte sich das Gefühl ein, es könnte der 3. Weltkrieg ausgebrochen sein und man hätte keine Ahnung davon. Ich sehe gerade die alten Zeitungen durch. Was hat nach zehn Tagen wirklich noch Bedeutung? Worüber wird noch geredet? Googles Milliardenstrafe? Trumps Eskapaden? Nordkoreas Provokationen? Der G20-Gipfel? Der Erhalt der Schulnoten? Ich merke, es ist doch eine ganze Menge passiert, das Auswirkungen auf unser aller Zukunft hat. Ich werde also beim Zeitunglesen bleiben – auch wenn ich dabei erfahre, dass die Heilung vom bösen Blick 400.000 Euro kostet und die Kastelruther Spatzen erpresst worden sind.

 

Zuckerleschleudern

Wenn Ärzte Halbgötter in Weiß sind, dann müssen Politiker wohl das Gegenstück in Schwarz sein. Vor allem die italienischen Vertreter der Zunft. Die Parlamentswahlen am 4. März bringen sie derzeit zu versprecherischen Höchstleistungen: Mindestrenten von 1.000 Euro, Steuerfreiheit für das erste Auto und das erste Haus, Abschaffung der Fernsehgebühren, der Sozialleistungen für neu eingestellte Junge und der letzten kostensparenden Rentenreform, gleichzeitig Erhöhung der Steuerrückerstattungen, Einführung eines Bürgereinkommens von monatlich 780 Euro oder mehr für 9 Millionen Italiener, ein Mindestlohn von 9 oder sogar 10 Euro pro Stunde, eine einheitliche Steuerrate von 23 % oder, non finisce qui, von nur 15 % und die gänzliche Steuerbefreiung für Familien mit geringem Einkommen. Jeder versucht, den politischen Mitstreiter zu übertrumpfen. Egal, ob rechts, links, schräg, unten oder wo auch immer auf dem politischen Spektrum. Und das trotz gigantischer Staatsschulden und fehlender konkreter Modelle zur Finanzierung. Und der Tatsache, dass keine Partei und kein Bündnis genügend Stimmen auf sich vereinen wird, um alleine zu regieren. Und der wenig realistischen Aussicht, dass sich eine Allianz über die Blöcke hinweg bildet. Hier reicht es nicht aus, ein Halbgott zu sein, da muss schon der Weihnachtsmann her. Und der hat vor Ostern Pause.

 

Zukunftswirrsionen

„Die Schweden sind uns in der Regel etwa 20 bis 30 Jahre voraus.“ Diese Aussage einer Mainzer Sprachwissenschaftlerin bezieht sich auf den in Skandinavien zu beobachtenden Trend, dass Kinder immer häufiger Namen bekommen, die man bisher Tieren vorbehalten hatte. Also nicht mehr Philipp und Julia sondern Hasso und Minka. Die Finnen hingegen planen ein Gesetz, das geschlechtsneutrale Vornamen vorsieht. Damit könnte ein Junge auch Babsi und ein Mädchen durchaus Karl heißen. Eine Änderung des Personenstandsgesetzes in Deutschland ermöglicht es zudem, bei einem Neugeborenen keine Angabe zu dessen Geschlecht zu machen. Ungeklärt ist aber, ob sich die Betroffenen irgendwann entscheiden müssen, oder ob Erwachsene diese Angaben löschen lassen können. Die Zukunft wird verwirrend werden. Wer weiß denn beispielsweise bei einer Hochzeitsanzeige von Waldi und Kurt noch wer wer ist oder wer was ist? (Ganz unerheblich ist dies ja nicht.) Auf der anderen Seite hat das auch praktische Züge: Wenn man auf dem Kinderspielplatz nach Rex ruft – kommen gleich der Hund und die eigene Tochter angerannt.

 

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