Metamorphosen wilder Natur

im Zeitalter gentechnischer Umgestaltungen

 

Owied...umm, o wie dumm!“, war die erste, aber nicht unerwartete Reaktion als ich heute aus dem aus allen Nähten platzenden Einkaufszentrum kam. Hatte ich doch ohne besonderen Grund einen Apfel gekauft, der aussah wie eine Birne, schmeckte wie eine Citrone und eigentlich eine Dattel war, in den Rezepten der großen französischen Küchenchefs aber wie eine Erdbeere behandelt werden sollte. Merkwürdigerweise – und das fällt mir leider erst jetzt auf – war die Frucht in der Obstabteilung als Feige etikettiert, von der wenig freundlichen Verkäuferin hinter der Theke als Guave angepriesen und bei der Berechnung des Gewichts von der elektronischen Waage ohne Zucken und Flackern als Himbeere eingestuft worden. Seltsam genug, möchte man meinen. Auf dem Weg nach Hause traf ich jedoch kurz vor der Brücke über den Fluss eine alte Bekannte, die sich nicht nur stark verändert hatte, sondern – neugierig wie sie nun einmal ist – in meine viel zu kleine Einkaufstasche blickte und mich ohne zu zögern und etwas betreten fragte, warum in Gottes Namen ich eine Indische Jujube gekauft hätte. Anhand des Markenetiketts auf der Frucht selbst könne man doch sofort und zweifelsfrei erkennen, dass es sich dabei keineswegs um eine Johannisbeere handle, sondern vielmehr um eine äußerst fragwürdige Kreuzung von Kiwis und Litschis. „Mag sein“, antwortete ich im Ton etwas gehässig und überaus gestresst dazu, aber da ich heute am Morgen gleich nachdem mich der Wecker in unbarmherziger Weise aus dem Bett geworfen hatte von einem unstillbaren Verlangen nach Melonen übermannt worden war, blieb mir nichts anderes übrig als ... „Nein, nein, nein!“ zu brüllen, obwohl ich mit den Lippen „Ja, ja!?“ artikulierte und eigentlich doch „Verschwommen???“ dachte. Die Wahrheit mag sich im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert haben, doch eines steht fest: Nektarinen bleiben Orangen, Papayas bleiben Quitten und Renekloden bleiben Sternfrüchte. Unumstößlich! Wer die Natur in ihrem Wesen verändert, wird Tamarinden säen und Ugli ernten. Das gilt ebenso für meinen heutigen Kauf, die Volltragende Bergamotte, die mir aber, je länger ich sie von verschiedenen Seiten beäuge, immer mehr als lupenreine Weintraube erscheint, darüber hinaus äußerst Xylit-haltig ist, und wozu sich Ysop natürlich in besonderer Weise eignet, einen hervorragenden Schnaps ergibt, klar und hochprozentig. Den brauche ich jetzt aber wirklich. Was soll ich denn mit einer Zwetschge? Ich bin mit meinem ABC am Ende, von Latein wollen wir gar nicht sprechen. Ob golden, silbern, ehern oder doch nur eisern, mein Zeitalter lebt eindeutig ohne mich. „Wie von der Höhe der Burg das sah der saturnische Vater, / Seufzt er tief, und gedenk unlängst des scheußlichen Mahles / Am lykaonischen Tisch, das neu noch wenig bekannt war, / Fasst er gewaltigen Zorn im Gemüt, wie er Iupiters würdig; / Und er berufet den Rat. Kein Zögern hält die Gerufnen.“, kommt mir da etwas altmodisch in den Sinn. Aber das will ohnehin niemand hören. Gut, gut, ich habe mich wieder beruhigt. Als moderner, aufgeklärter und liberal denkender Mensch sollten mich Angelegenheiten dieser Kategorie doch weitgehend unberührt, ja geradezu in ethische Lethargie fallen lassen; ich sollte überzeugt und souverän himmelweit über Äußerungen dieser Natur stehen. Ein Lehrpult ist schließlich kein Stammtisch, auch wenn es aussieht wie ein politisches Podest im Stil eines Nachrichtensprecher-Sessels, der ahnungslosen Menschen als karge Schlafstätte unter einer Brücke verkauft wird. Aber das leidliche Problem mit uns modernen, aufgeklärten und liberal denkenden Menschen ist, tief in unserem Inneren – vielleicht so tief, dass es an die Gene geht? – sind wir doch traditionsbewusst, mitunter sogar dogmatisch und oft erstaunlich konservativ, entgegne ich meinem Gegenüber, das sich noch immer lieber mit dem Inhalt meiner Einkaufstasche befasst, als mit der Tatsache, dass ich nicht mehr weiß, was ich mit meinem Kauf machen werde. Einen Apfelkuchen für Progressive? Eine Birnentorte für Visionäre? Oder doch ein Citronensorbet für Gentechniker? Wohl kaum! Ovid würde jedenfalls seine Nase rümpfen.

 

 © 2008 by Christian Zelger