Zwei Lehrpersonen suchen einen Sketch

 

Sketch zur Verabschiedung von Direktor Franz-Josef Oberstaller am Realgymnasium „Albert Einstein“ Meran
Aufgeführt am 31. August 2018 von Christian Zelger und Almut Sparer

 

Almut und Christian stehen auf der Bühne, etwa drei Meter von einander entfernt, mit dem Rücken zueinander, beide telefonieren mit ihren Smartphones (nicht miteinander!). Sie wollen in Erfahrung bringen, ob Direktor Oberstaller am Ende des Schuljahres in den Ruhestand tritt.

 

Christian: Håsch du eppes gheart? (Pause) Na, i nitt. (Pause)

Almut: Woaß jemand von enk eppes? (Pause) Viel ummer ischer nimmer. (Pause) I eben a nitt. (Pause)

Christian: Der Sepp? I hånnen geschtern gfrågg. (Pause) Na, nitt amåll er. (Pause)

Almut: Jå, die Heidi håtts versuacht zu berechnen. (Pause) Na, koan Ergebnis. (Pause, aufklärend) A Variable håt gfahlt. (Pause) Welche? Jå, der Faktor Mensch hålt.

Christian: Jå, håt ihn jemand selber gfrågg? (Pause) Ah, koane Åntwort.

Almut: Und der Direktionsrot? (Pause, überrascht) Wia, welcher Direktionsrot?

Christian: (etwas genervt) Jå, geaht er iaz oder geaht er nitt? Des kånn decht nitt so schwierig sein außerzukriagn. (Pause) Ah, wirklich? (Pause, aufmerksam) Bisch sicher? (Pause, dreht sich um, macht Geräusche und Gesten, um Almut auf sich aufmerksam zu machen) Danke. (legt auf)

Almut: (neugierig und erwartend) Jå?

Christian: (lapidar und nüchtern) Der Chef geaht in Pension.

Almut: (noch nicht überzeugt) Isch sell iaz sicher?

Christian: Jo, hundertprozentig. (erklärend) Jemand håttn beobachtet, wia er a Rückblick-Powerpoint zåmmstellt ... mit die letschten 5.000 Fotos.

Almut: Jå, dånn isch ålls klår. Iaz wissmr immerhin wiamr druunsein. (Pause, fordernd) Mir brauchn an Sketch.

Christian: Mir brauchn nitt lei an Sketch, mir brauchn eppes Bsunders. (nach kurzem Nachdenken) I hån an Idee. (begeistert) Wia war’s denn, wemmer an Meta-Sketch måchn tattn?

Almut: (skeptisch) An Meta-Sketch? (kurze Pause, leicht genervt) Maaa, muaß bei enk ållm ålls „meta“ sein? Metaphysik. Meta-Ethik. Methanol.

Christian: Na, s letschte sell isch Chemie. Und wenn, dånn wars bei die Philosophen eher (entsprechende Handbewegung) ... Äthanol.

Almut: Schun guat, schun guat. Dånn fången mir un. (zum Publikum) „Zwei Lehrpersonen suchen einen Sketch“.

Christian: Also, wenn des eppes Bsunders werdn soll, dånn kennen mr nitt die åltn Såchen bringen.

Almut: OK, verstånden. Koane Excel-Tabellen, koane Ånzüge, koane Krawatten, koan Pusterisch ...

Christian: ... und jå koane Wortspiele mit „Das geht dann schon.“ Des Ross isch schun so oft gritten worden, des verdiant a die Pension.

Almut: Guat, mir miaßn klår zoagn, wofür der Direktor Oberstaller steaht und wås de Pensionierung iaz für ins bedeitet.

Christian: (inspiriert) Zemm hånn i an Idee fürn Ånfång. Wårt. (rückt eine Bank und einen Stuhl nach vorne, dann zu Almut) Du bleibsch gånz natürlich.

Almut: (etwas echauffiert) Wia, i bin ållm natürlich.

Christian: (vertieft und in sich versunken)

Almut: Wås isch mit dir los? (dann ratlos zum Publikum blickend)

Christian: (blickt nur auf, seufzend)

Almut: (vorsichtig) Die üblichen Gedånken? (Gesten zum Publikum)

Christian: (wieder seufzend) Na, Eschatologie.

Almut: (verärgert) Eskato-wås???

Christian: (genervt) Es-cha-to-lo-gie. (instruktiv) Die Lehre von den letzten Dingen.

Almut: (erleuchtet) Ah, i versteah. (in Standardsprache) Wie geht es nach dem Tod weiter?

Christian:  Jå, fåscht. (Pause) Wie geht es nach der Pensionierung von Direktor Oberstaller weiter? (Pause, wechselt die Ebene, steht auf, fröhlich) Wia gfållt dir der Ånfång?

Almut: (nicht überzeugt) Na jå, nitt wirklich. Eska... sette unausprechliche Fremdwörter. Zu trockn. Wer soll denn do låchn?

Christian: (einsichtig) Du håsch recht. Streichmr des. (kurze Pause, relativierend) Ober es trifft in Kern decht recht guat. Die Ära Oberstaller isch vorbei und so a Direktorenwechsel isch für månche oft nitt oanfoch. Für einige ... mmmmm. (skeptische Handbewegung)

Almut: (wie vom Blitz getroffen) Wer woaß, wås sich do ålls ändert?

Christian: (fragend) Wia, du moansch, zum Beispiel koane wohlwollende Nochsicht mehr, wenn man an Termin amåll nitt einhåltet?

Almut: (ängstlich) Gott im Himmel, werd womöglich sogor die Schualglogg wieder eingführt.

Christian: (selbst überrascht und beruhigend) Iaz wellmr nitt glei s Schlimmschte befürchten.

Almut: Du, auf welcher Ebene sein mir iaz? Isch des iaz schun der Sketch? Oder decht no s echte Leben?

Christian: (nachdenklich) Woaß i nitt. Måcht sell an Unterschied. I woaß jå a nitt, wås ab 1. September dånn laaft.

Almut: (nachdenklich) Wenn man so denkt ... inser Direktor wor schun gånz a Bsunderer.

Christian: Jå, wer gibb schun freiwillig sein eigenes Büro her, damit der Schualbetrieb besser funktioniert?

Almut: Oder wer sogg in Eltern, de polternd mittn Rechtsånwålt drohen, weil der faule Sohn wieder amåll vor a Nochprüfung steaht, gånz ruahig und cool: „Ja, das können Sie gerne machen.“

Christian: Oder wer setzt sich – stått an Lehrer a Frog zu an Ånsuachen zu beåntworten – oanfoch selber annen Computer und schreib ihm des Ånsuachen glei? (feststellend) Do wersch lång suachn miaßn.

Almut: Wirklich. (fordernd) Du, mir wollten eigentlich am Sketch årbeiten. (positiv) Mir kanntn jå a bissl an Klamauk einbauen. (begeistert) Wia wars, wennmr a Plenarsitzung parodieren?

Christian: (nüchtern) Muaß man zemm no viel parodieren?

Almut: (einsichtig) A wieder wohr. Die sell kennen mir oanfåch låssn wia sie isch. (Pause) Soll mr a an Beschluss einbauen?

Christian: (zögerlich) Beschlüsse, Beschlüsse? (zur Erkenntnis gekommen) Mir beschliaßen s Protokoll von der vorigen Sitzung.

Almut: Guat. (Gestik zum Publikum, was sie von diesem Vorschlag hält)

Christian: (begeistert) I will ober die TFO-Lehrer spieln.

Almut: Wieso sell?

Christian: (sich rechtfertigend) Als Philosophielehrer ... i persönlich mecht a amåll s Gfühl hobn, wia’s isch, wenn man für eppes Håndfeschtes steaht.

Almut: (aufgeregt und enthusiastisch) Kånn i dånn der Direktor sein?

Christian:  Jå. Wia håt schun der Andy Warhol gsogg: Fünf Minuten Direktor isch für jeden drin. Du muasch dånn hålt überall erreichbar sein und für ålle Ånliegen an offenes Ohr hoobm.

Almut: Soll i dånn a glei E-Mails beåntworten?

Christian: Natürlich. Es muaß jå authentisch sein. (kurze Pause) Wårt an Moment. (zieht sein Smartphone heraus) Aha, an E-Mail. (liest vor) Geschätzte Professoren. Vielleicht könnten Sie noch eine Diplomverleihung in ihren Sketch einbauen. Mfg. FjO. (Kunstpause) Enviado desde mi Huawei. (überrascht) Na, der Direktor. Er hilft oan schun überall.

Almut: (hervorgehoben) Excel-lent!

Christian: Du, i hån gsågg, koane Excel-Witze.

Almut: (wieder ernst) Des mit der Diplomverleihung isch ober gor koane so schlechte Idee. Zemm laaft der Direktor jå ållm zur Hochform auf.

Christian: Sell stimmt. Tiamer weiter. Also, du bisch der Direktor, i spiel die Schialer.

Almut: (reicht dem „Schüler“ die Hand, mit etwas tieferer Stimme) So, Sie haben 89 Punkte bekommen. Kompliment. (zum Publikum) Da muss ich mit der Kommission schimpfen. Hatten die nicht noch einen Punkt übrig? 90 wäre viel schöner gewesen.

Christian: (nickt nur, macht eine Drehung, um den nächsten Schüler zu spielen – auf Zehenspitzen)

Almut: (reicht dem nächsten „Schüler“ die Hand, anerkennend) 96 Punkte. (zum Publikum, erklärend) Er ist groß, deshalb hat er viele Punkte bekommen. (zum „Schüler“) Sehr gut.

Christian: (idem – auf den Knien gehend)

Almut: (reicht dem nächsten „Schüler“ die Hand) Aha, Sie haben 82 Punkte erhalten. (selbst nicht ganz davon überzeugt) Ja, das ist auch ein bisschen gut.

Christian: (wechselt die Ebene) I glaab, do seimer aufn richtigen Weeg.

Almut: (relativierend) Natürlich: Ans Original kemmer nia druun.

Christian: Do stimm i dir zua. (erfreut und zufrieden) Des kannt eppes werdn mit den Sketch. (Pause) Isch iaz eigentlich schnell gången. Schneller war lei der Direktor.

Almut: Wieso?

Christian: Jå, isch dir nia aufgfålln. Egal, wås an der Schual loos isch, er håt ålls (stakkatoartig) fotografiert, gfilmt, zu a PDF-Datei verårbeitet, per E-Mail verschickt, ausgedruckt, aufghängg und gfrågg „Haben Sie schon gesehen?“

Almut: Jå, schneller isch lei s Liacht. (Pause) Woasch, wås mir iaz no brauchn? s Ende. (belehrend) Ålte Theaterweisheit: A s Verbeugen muaß einstudiert und geprobt werden.

Christian: Aha.

Almut: (fordernde Handbewegung, sich zu verbeugen)

Christian: (macht keine Bewegung und auch keine Anstalten dazu)

Almut: (forscher, versucht nachzuhelfen) Verbeugsch di bitte!

Christian: (kurz angebunden) Geaht nitt.

Almut: (verwundert) Wia, geaht nitt?

Christian: (erklärend) Woasch, der Direktor håt mir und so vielen onderen die gånzen Johre (legt Hand an seinen Rücken) so in Rücken gstärkt im Ålltog und bei Projekten ... i derbiag mi nimmer noch vorne.

Almut: Hmm.

Christian: Dir nitt?

Almut: Jå, iaz wo du s sågsch ...

Christian: Woasch wås ... dånn tiamer oanfåch komisch und soogn „Ende“.

 

Beide verrenken sich seltsam und umständlich und sagen in Richtung Publikum „Ende“. Es gibt auch danach keine richtige Verbeugung.

 

 (C) 2018 by Christian Zelger