Warten auf Googol

 

Sketch zum Pädagogischen Tag 2016 am Realgymnasium „Albert Einstein“ Meran
Aufgeführt am 5. Oktober 2016 von Christian Zelger und Simon Schwarz

 

Die beiden Lehrer Simon und Christian treffen sich zufällig vor einem Schild mit der Aufschrift „AA“.

 

Christian (als Simon verkleidet mit aufgeklebtem Schnauzbart): Guatn Morgn, Christian!

Simon (als Christian verkleidet): Guatn Morgn, Simon!

Christian: Wo seinen heint die Agnes und die Susanne?

Simon: De håmm heint amåll frei. (kurze Pause) Woasch, wås i bei der letschten Plenarsitzung glernt hån?

Christian: (neugierig) Na.

Simon: Dass man bei ins in månche Labors schtian und in månche sitzen kånn?

Christian: (verwundert) Ah, liegn geaht nitt?

Simon: Na, no nitt. Sell kimp erscht mit der buonissima scuolahåt die Ministerin gsågg. Ober in die vierten RG-Klassen kåmmen iaz immerhin fliagn?

Christian: Fliagn? Wia ischn sell gongn?

Simon: (unsicher) Des woaß koaner so genau. Des steaht sicher in an geheimen Dokument: Aktenzeichen XYZ.

Christian: Apropos letschte Sitzung. Håsch auf die Fotos in Direktor gsegn?

Simon: , ! Schneidig isch er ållm. Sogor beim Wåndern mit an Krawattl.

Christian: (nachdenklich) I frog mi, obs eigentlich Ånzug-Pijamas gibb? (abwinkend) Wår lei so an Idee? (kurze Pause, auf die Buchstaben AA zeigend) Håsch du ... ungfongg zu ... (typische Handbewegung) pippeln? I moan ... bisch du iaz bei die Anonymen?

Simon: (vorsichtig) , ober nitt bei die Anonymen Alkoholiker, sondern bei die ... Anonymen Analogiker.

Christian: (sich umblickend und überrascht) Du? I nämlich a. (Pause) I håns mi lei nia getraut zu sogn.

Simon: (belehrend) So geahts an der Schual mehr als du glabsch. (kurze Pause) Dånn wårtesch du a do auf die Therapeutin?

Christian: , auf die Frau Dr. Googol, i bin iaz seit an guatn Johr dabei.

Simon: Ah. Eppes ånders. Wia schaugs huier mitn pädagogischen Tog aus? Gibbs eigentlich irgendwås Nuis?

Christian: Noch EVA und Integration und Portfolio und Kompetenzen und Inklusion und Evaluation und Sterndln kriagn und Sterndln geben und Kugelen moln und Schulguthaben mit 20 und mit 25 und mit 40 – mi wundert lei, dass ihnen ållm no wås infållt.

Simon: Du, und wenn ihnen nix mehr infållt, werd oanfoch nui verpåckt, a Maschele drauf und gnadenlos umetikettiert.

Christian: Richtig. (wie ein Niesen klingend) Justlearnit!

Simon: Gsundheit, Simon!

Christian: Na, Justlearnit isch der nuie Nomen von Moodle.

Simon: Ah, , . Am Schualåmt hoaßts hålt Knowledge, isch ober lei s gleiche wie Scholion.

Christian: Du, i hån no Turnen ghåpp, båll i ungfongen hån zu unterrichten wårs Leibeserziehung und iaz isches Bewegung und Sport. (kurze Pause) Ober sein tuats ållm der Karl.

Simon: Håm sie wirklich nix Nuis huier?

Christian: Woll, woll, der Drei-Jahres-Plan.

Simon: (überrascht) Jahresplan? (mit Handbewegung) Klingelingeling. (belehrend) Die Jahrespläne håm schun in der Sowjetunion nitt funktioniert.

Christian: Siggsch, Christian, und deswegn gibbs die Sowjetunion a nimmer.

Simon: Und in fünfzehn Johr schaug koan Mensch mehr noch Finnlånd, wenns um PISA geaht. (kurze Pause) Man miaset holt amåll wås aus der Geschichte lernen.

Christian: (abwinkend) Ach, vergiss es. I sig schun. Des isch mir ålls viel zu viel Verpåckung. (überzeugt) I bin mehr für Inhålt.

Simon: (schockiert) Inhålt. Bisch du wahnsinnig? (kurze Pause) Auf der åndern Seit: (feststellend) Mir lebm in a Wissensgesellschaft.

Christian: , obr i hån so långsåm s Gfühl, dass der Wissensgesellschaft nix peinlicher isch als Wissen.

Simon: Wia moansch iaz des?

Christian: Wås als letschtes in an Lehrplan drinstian soll, sein Inhålte. Man schamt sich direkt. Wissen isch hålt des, wås zuafällig nebenher passiert. Sozusogn Kollateralpädagogik. (belehrend) Der Schialer muaß Fertigkeiten einüben, Kompetenzen erwerben, Håltungen entwickeln ...

Simon: (nüchtern) Aha. Also, er braucht nitt wissn, wås im Koran steaht ...

Christian: ... solång er beim Döneressen nitt ideologisches Sodbrennen kriag?

Simon: Iaz verschteah i. Und dånn kånnsch ihm bei der interkulturellen Kompetenz fünf Sterndln gebn. (kurze Pause) Apropos. Wia schaugs eigentlich bei der Medienkompetenz aus?

Christian: Gånz oanfoch. 1 Sterndl, wenn er woaß, wia man an Laptop einschåltet. 2 Sterndln, wenn er Google Drive findet. 3 Sterndln, wenn er an E-Mail derschraib und die Ånrede nitt vergisst. 4 Sterndln, wenn er in Google Docs imstånd isch, an ordentliche Formatierung herzukriagn ...

Simon: (sofort reagierend) Oh, oh, oh, du verlångsch ober wirklich viel. (kurze Pause) Und 5 Sterndln? Gibbs sell a?

Christian: , gibbs: Wenn er versteaht, wenns sinnvoller isch, die Maschin auszuschålten.

Simon: (Gesicht verziehend) Sell isch ober gånz hoakl.

Christian: (unverständig) Wieso denn?

Simon: , wia kennen dånn månche Lehrer in die Schialer 5 Sterndln geben, wenn sie selber nitt fünfe verdianen tattn?

Christian: (achselzuckend) So isch des hålt. (ungeduldig) Wenn kimpsin endlich? Ållm des Gwårte. Iaz auf die Dr. Googol und in der Schual auf Google, wenn amåll wieder nix geaht. (kurze Pause) Und sunscht?

Simon: I finds interessant, dass beim pädagogischen Tog a über Bewertung gredet werd.

Christian: (begeistert) Mir passt sell a.

Simon: Also, des wundert mi iaz ober? Seit wenn bischn du amåll für sette Themen zu hobm?

Christian: Gånz oanfåch. Solång mir über Bewertung in der Schual redn terfn, hoaßt sell, dass sie sie ins no nitt gnummen hobm – so wia vieles Åndere.

Simon: Do bisch du ober optimistisch. Friaher oder spater schåffn sie de sicher a o. Des isch der Zeitgeischt.

Christian: Geschtern hån i zuafällig aufn Raiffeisen-Kalender an schian Spruch derzua glesn. „Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, ist bald verwitwet.“

Simon: (lacht) Ob dr Stååt amåll de gånzn Witwenrenten derzohlt? (kurze Pause, eindringlich fragend) Wår die Schual nitt amåll a Gegengewicht, a notwendiges Korrektiv zur Gesellschaft und Wirtschaft?

Christian: , des wår amåll ... ober schun båll i ungfångn hån zu unterrichten, håt dr dåmålige Direktor in sein Büro a groaßes Plakat an der Wånd aufghäng ghåpp, wo drauf gståndn isch: „Der Kunde ist König.“

Simon: (schockiert, gleichzeitig schelmisch) Wenn mans sogn derfet, ober lei zemm, dånn miaset man fåscht unmerkn, dass des nitt unbedingt die intelligenteste Ånsicht isch in Bezug auf Bildung.

Christian: (seufzend) , schod, dass man des nitt sogn derf.

Simon: , wirklich schod.

Christian: Also, des mit den Zeitgeischt. (überzeugt) I heirat‘n nitt.

Simon: (ebenso überzeugt) I a nitt.

Christian: Siggsch, und deswegn miasn mir zwoa iaz a in die Therapie.

 

Simon legt den Arm auf Christians Schulter und die beiden verlassen die Bühne.

 

(C) 2016 by Christian Zelger