Liebe kritisch rational

Wieso schon wieder? Es ist Montag, es könnte aber auch jeder andere Tag sein, außer Donnerstag natürlich. Felix hat sich mit Felicitas, zwei Personen, die mehr als nur durch ihre Namen verbunden zu sein scheinen, in einem kleinen Restaurant zu einem ge­mein­samen Mit­tag­essen verabredet, auch wenn dies nur einen kurzen hellen Funken in ihrem Auf­stehen-frühstücken-arbeiten-mittagessen-arbeiten-abend­essen-sich-unter­hal­ten-und-schla­­fen-Rhythmus bedeutet. Er hat ihr Blumen mitgebracht, eigentlich etwas un­erwartet, wenn man bedenkt, dass es sich nur um eine Mittags­pause handelt. Die Blu­men erzielten die gewünschte Wirkung, keine Frage, ein Lächeln in ihrem Gesicht, die Bewegungen wirken weniger nervös, Hauptsache, es waren keine Rosen. Er denkt und fragt sich, was sie sagen wird und sie sagt, was er denkt. Ganz einfach. Das Leben besteht immer aus Ritualen, besonders das gemeinsame. Glaubst du, dass wir wirklich zusammen­passen? Doch die Frage verhallt im Raum, sogar in diesem kleinen, und noch bevor sich eine weitere Möglichkeit bietet, nimmt der Kellner die Bestellung auf. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand zur falschen Zeit gerade richtig kommt. Nach kurzem Zögern entscheiden sie sich zweistimmig, fast wie ein kleiner Chor, für die Penne all’ arrabbiata. Schon beachtlich, wenn man kein Italienisch spricht. Nach den Getränken entsteht eine peinliche Pause, so hakt er nach. Haben wir denn überhaupt genügend Gemeinsam­keiten? Aber genau dieselbe Frage schwirrt schon seit längerem in Felicitas’ Gehirn herum, womit zumindest diese Gemeinsamkeit geklärt wäre, wenn man das Tanzen, die Musik und die Liebe für das Fremde außer Acht lässt. Eine ganze Menge für ein Paar, das daran zweifelt. Findest du nicht, dass wir einfach nicht verschieden genug sind, um uns zu ergänzen? Es ist schwierig für Felix, sich zu sammeln. Natürlich ärgern ihn die Leute am Nachbartisch, die sich einen Spaß daraus machen, lautstark die ganze Umgebung zu unterhalten, allerdings versickern seine Worte im Teich der Ruhe seines Gegenübers. Ein angebrochener Satz verstummt. Die Penne werden serviert, der Griff nach dem Salz war keine Frage der Zeit, eher eine Frage der Menge. Er rechtfertigt sich und sagt, ein wenig mehr Geschmack würde das Gericht schon vertragen; sie denkt sich ihren Teil und legt die Hand auf die seine. Keine Worte. Genug Salz. Das gemeinsame Leben sollte auch eine gewisse Dauer haben. Und wie sieht es mit der Treue aus? Die Kardinalfrage in der Epoche immer kürzerer Beziehungshalbwertszeiten schneidet sich in den Raum. Das Paar als Atom sozusagen. Was zusammenhält, stößt sich ab. Vielleicht ist Liebe doch nichts anderes als ein Wechselspiel physikalischer und chemischer Vorgänge. Es gab niemals andere Personen in ihrer Beziehung und doch bleibt diese Unsicherheit, die jedes Menü versalzt, auch das billigste, wenn es das wäre. Er ist sich dessen bewusst, aber die Eifersucht ist stärker. Ich weiß nicht, ob du der richtige bist? Dabei hat sie nie vergessen, wie sie sich kennen gelernt haben, jedes Detail hat sich eingebrannt, auch im Hirn; und er hat nie vergessen, wie sie ihn das erste Mal vor die Tür gesetzt hat. Er kam zurück, sie nahm ihn zurück und er erinnerte sich zurück. Die Geschichte eines Paares ist seine Zukunft und die Gegenwart ist nichts als eine Trennlinie zwischen dem, was das Zukünftige prägen wird und dem, was wir tatsächlich daraus machen. Sagt er. Sie ist davon überzeugt. Am Ende ihrer Leben wird Felix vielleicht glauben, dass er nie wirklich glücklich war, was nur eine Täuschung unter vielen sein wird; Felicitas erliegt dem Widerspruch ihres Namens, wovon Felix nichts weiß, und beugt das Schicksal. Tiramisu’, ein Nachtisch als Aufmerksamkeit des Hauses, versüßt unverhofft die letzten Minuten vor neuer Hektik. Die Störenfriede des Nebentisches verlassen das Restaurant, im Hintergrund fügen sich einzelne Töne zu einer bekannten Melodie. Die Worte sind gefallen – wie ein geworfener Würfel. Was immer auch passieren mag, nichts kann sie trennen. Zweifel heilen. Beide schweigen und denken an nichts.

 © 2008 by Christian Zelger