omegaminus Kolumnen

 

 

Nihilartikel

Casting-Shows im Fernsehen als Brutstätte für Retortenbands, millionenfach verkaufte Biographien, die nicht von ihren "Autoren" geschrieben wurden und retuschierte, digital aufpolierte Hochglanzfotos von doch nicht makellosen Supermodels: In der heutigen Zeit scheint Unwirkliches interessanter und ansprechender zu sein als vieles Reale und tatsächlich Existente. Auch wenn es im Zeitalter des Cyberspace zunehmend schwieriger wird, einen Begriff wie Existenz überhaupt zu de­finieren, so ist in einem ganz anderen Bereich bereits seit Jahren zu beobachten, dass die ansonsten oft trockene Welt der Wissenschaften von einem Phänomen heimgesucht wird, das sich mehr und mehr ausbreitet: die so genannten Nihilartikel.

Unter einem Nihilartikel, oft auch U-Boot genannt, versteht man einen Eintrag in ein sonst seriöses Nachschlagewerk, der von den Autoren bzw. Herausgebern frei erfunden wurde, aber meist unauffällig und von den meisten Lesern, eigentlich Nachschlagern, überblättert, sein zwielichtiges Dasein inmitten Tausender regulärer Lexikonartikel fristet. Loriots Steinlaus im Klinischen Wörterbuch "Pschyrembel" gilt mittlerweile als Klassiker. In anderen Lexika kann man über Banal-fundamentale-Disjunktoren in der Psychologie ebenso nachlesen wie über den bisher unbekannten 21. Sohn des Barockmusikers Johann Sebastian Bach. Die von Jürgen Mittelstraß herausgegebene "Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie" in vier Bänden erwähnt den ansonsten weithin unbekannten Gelehrten und deutschen Theologen, Botaniker und Philosophen Johann Jakob Feinhals. Seiner Theorie zufolge "ist die Natur beseelt von bösen kosmischen Kobolden, die in ihrer Beschreibung an die Leibnizschen Monaden erinnern."

Angesichts solcher letzten Endes sympathischer Auswüchse unter Wissenschaftlern, stellt sich mir die Frage, ob eine konstruierte Scheinwelt oder eine doch zumindest manipulierte Welt nicht doch ein Grundbedürfnis des Menschen darstellt?

 

 

Verlorene Diözesen

In der Kolumne mit dem Auge befasse ich mich lieber mit dem, was nicht, nur in den Köpfen der Menschen oder nur auf Papier existiert. Das Nichts scheint weniger aufdringlich und damit auf eine subtile Weise interessanter zu sein als das Sein, auch wenn mir das den Zorn des von mir durchaus geschätzten Parmenides einbringt und mich gar in die Nähe des Sophisten Gorgias rückt. Doch wo es um Philosophie geht, ist die Religion meist nicht weit - Vorwurf, Feststellung oder Hoffnung, je nach Gesinnung! -, weshalb in dieser Ausgabe so genannte Titularbischöfe die Hauptrolle spielen. Klingt allerdings ganz und gar nicht nach Nichts.

Doch ein Titularbischof ist ein Bischof der katholischen Kirche, der zwar geweiht wurde und diesen Titel trägt, der aber keiner echten Diözese vorsteht. Sie versehen ihren Dienst meist als Weihbischöfe, als Beamte der römischen Kurie oder im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls. Titularbischöfe werden auf den Titel einer ehemaligen, nicht mehr bestehenden, "verlorenen" Diözese geweiht. Meist liegen sie in Gegenden, die in der Spätantike christlich waren und heute islamisch sind. Etwa zwei Tausend gibt es von ihnen. So sind zahlreiche bekannte Kirchenvertreter mit diesen Titeln bedacht worden: Marcel Lefebvre (Arcadiopolis, Synnada), Michael Browne (Idebesso), Kurt Krenn (Aulonia), Johannes Joachim Degenhardt (Vico di Pacato), Christoph Schönborn (Sutrium), Joachim Meisner (Vina) und Joseph Ratzinger (Velletri-Segni).

Den Titel eines Titularbischofs trägt auch der wegen seiner liberalen Haltung 1995 abgesetzte ehemalige Bischof der französischen Diözese Evreux Jacques Gaillot. Er ist jetzt Bischof der im 5. Jahrhundert durch einen Vandalensturm im Wüstensand versunkenen Diözese Partenia im heutigen Algerien südlich von Setif, in der es kaum mehr gibt als Sand. Gaillot ließ Partenia allerdings als "Diözese ohne Grenzen" im Internet wieder auferstehen. Von seiner Klosterzelle in Paris aus kommuniziert er über das Internet mit Menschen in aller Welt. Seine in mehreren Sprachen verfasste Website www.partenia.org ist zentrale Anlaufstelle für das virtuelle Bistum und wird monatlich von bis zu 65000 Menschen besucht.

Bedenkt man, dass es weltweit etwa 2300 römisch-ka­tho­li­sche Bistümer gibt und dazu noch 2000 "verlorene" Diözesen, dann ist der Anteil des Nichtigen durchaus hoch. Doch an­gesichts zahlreicher leider realer Vorfälle in real existierenden Bischofssitzen, lernt man die Ruhe und den Frieden des Nichts zu schätzen.

 

 

Unhörbare Klänge

Müsste ich diesem Artikel einen Titel geben, so wäre es mit aller Wahrscheinlichkeit »Ein Streit um Nichts«, doch angesichts der Tatsache, dass nicht einmal die Kolumne selbst eine Bezeichnung besitzt, sondern nur durch ein wachsam blickendes Auge repräsentiert wird, bleibt eine solche Frage hinfällig. In der letzten Ausgabe von omegaminus wurde der französische Musiker Erik Satie mit seinen skurrilen, ja abstrusen Einfällen vorgestellt. Es geht hier zwar nicht um ihn, aber um einen Mann, ebenfalls Musiker, der mit seinen Ideen kaum weniger für Aussehen gesorgt hat.

John Cage, US-Amerikaner, starb 1992 im Alter von fast 80 Jahren in New York und wurde vor allem durch seine Werke für Schlagwerk-Ensembles und präparierte Klaviere berühmt. Unter anderem komponierte er das kaum bekannte »Imaginary Landscape No. 1«, das erste vollständige Werk für elektronische Musik und das Orgelstück »Organ2/ASLSP«, das auf 639 Jahre ausgelegt ist. Seine bekannteste Komposition - 1952 geschrieben - trägt den Titel »4'33"« und besteht aus drei Sätzen (33", 2'40" und 1'20"), die wiederum aus nichts anderem bestehen als Pausen. Diese 273 Sekunden sind eine Anspielung an den absoluten Nullpunkt der Physik, bei dem jede klassische Bewegung aufhört. Die Vortragenden sitzen still an ihren Instrumenten und die eigentliche Musik besteht aus den unkoordinierten Geräuschen der Umgebung. Der »Zuhörer« wird somit Teil des Konzepts. Doch wo liegt der eingangs erwähnte Streit?

Mike Batt, ein britischer Komponist und Produzent wurde im Jahre 2002 - angeklagt durch die Erben von John Cage - von einem Gericht schuldig gesprochen und zur Zahlung einer nicht unbeträchtlichen Summe an den John Cage Trust verurteilt. Seine Komposition »A One Minute Silence« für die Klassik-Rock-Band The Planets, bei der sich die Zuhörer durch Klatschen für Pop- oder Klassik-Stille entscheiden konnten, sei ein Plagiat von »4'33"«. Nach der Verurteilung ließ Batt verlautbaren, sein Werk wäre besser als das von Cage. Er würde in einer Minute eine Aussage machen, wofür Cage mehr als viereinhalb Minuten bräuchte. John Cage hingegen meinte einmal »Ich habe nichts zu sagen und ich sage es und das ist Poesie wie ich sie brauche.« Was soll man dem schon hinzufügen?

 

 

Literarische Länder

Kriegsähnliche Zustände und immenses Leid im Irak, in Israel und Tschetschenien, um nur ein paar Beispiele aufzuzählen, erfüllen jeden halbwegs empfindsamen Men­schen mit Unverständnis, Trauer, durchaus aber auch mit Wut. Der Drang aber, sich Länder und Welten zu schaffen, in die sich der einzelne - zumindest geistig - flüchten kann, wird seit je­her besonders in der Literatur ausgelebt. Dabei sei dahin gestellt, ob es sich bei diesen Welten um bessere, sprich friedlichere Orte handelt, oder ob so die Realität, je nach Intention des Autors, mehr oder weniger verpackt einen Weg in ein Buch findet.

Carrolls Wunderland gehört genauso dazu, wie Tolkiens Mittelerde oder Swifts Lilliput, Brobdingnag und Laputa. Bevölkert werden diese Län­der oft von seltsamen, rein fiktiven Kreaturen: Ka­ninchen mit Zeitproble­men, Wasserpfeife rauchende Rau­pen, gefährliche, aber schwerfällige Trolle, genannt Hobbits, oder Zwerge & Rie­sen, Yahoos & Houyhnhnms. Die Liste ließe sich noch lange fortführen.

Wesentlich interessanter aber sind scheinbar erfundene Länder wie Chaplins Tomania und Bacteria oder auch Musils Kakanien - bewohnt von ganz normalen Menschen, im Hier und Jetzt, Menschen mit alltäglichen Problemen und doch in einer besonderen Situation. Hier versteckt sich die Wirklichkeit hinter einer Maske und schnell wird klar, dass damit die Staaten Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn gemeint waren. Heute besitzen wir die Freiheit, deren richtige Namen auszusprechen. Viel­leicht weil wir an anderen Stellen andere Masken brauchen. 

Boykottiert Arbustia! Ächtet die Politik Learsiniens! Die Zeiten des Kolonialismus sind vorbei: Freiheit für U.T.R.!

 

 

 

Fiktive Künstler

Was haben Olivier Bertin, Gudrun Brangwen und Lily Briscoe gemein­sam? Bertin, ein französischer Maler, erhielt seine Ausbildung im Rom, kehrte 1864 nach Pa­ris zurück und wurde vier Jahre später mit seinem Gemälde "Kleopatra" auf einen Schlag berühmt. Brangwen, ebenfalls Künstlerin, a­ber britisch, wurde als zweite Tochter einer neunköpfigen Familie in Cossethay geboren. Ihr Haupt­interesse galt der Bildhauerei. Obwohl ihr Le­ben bis zum sechsundzwanzigsten Lebens­jahr gut dokumentiert ist, ist keines ihrer Werke namentlich be­kannt. Briscoe lebte ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien, galt als talentierte Postimpressionistin und war oft zu Gast bei dem Philosophen Ramsay und dessen Frau.

Gemein ist ihnen, dass ihre Nachnamen mit einem B beginnen - ein Zufall. Viel wichtiger ist: Alle diese Personen existieren nur in Büchern. Und doch ist ihre Existenz zum Greifen nahe. Es sind lebendige Figuren, wie so viele andere in Romanen und Theaterstücken. Wie viele fiktive Personen beeinflus­sen uns wesentlich mehr als re­al existierende? Wie viele Schicksale auf Papier bewegen uns heftiger als das unserer Nachbarn, Freunde und Bekannten?

Übrigens: Bertin starb 1889 nach einer heftigen Gefühlsverwirrung an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Tragisch.

 

 

 

Künstliche Sprachen

In einer Déjà-vu-Ausgabe sollte das Thema der Kolumne nicht nur das Kriterium erfüllen, sich auf Nichtiges zu beziehen (wie alle bisherigen Texte "unter dem Auge"), sondern auch einen Bezug zu einer vergangenen Ausgabe herzustellen. In diesem Fall ist die angesprochene Ausgabe die zweite und das Thema ein sprachliches. Auch wenn Sprache zum wahrscheinlich Ältesten und am natürlichsten Gewachsenen zählt, so gibt es selbst in diesem Bereich oder vielleicht gerade deshalb Künstliches und nur scheinbar Existentes. Die in der zweiten Ausgabe von omegaminus vorgestellte Sprache Glaugnea wurde vermutlich aus einem einzigen Grund geschaffen - um ihrem Erfinder zu gefallen. Gesprochen wird eine solche Sprache nicht und wenn doch, dann nur von einem einzigen Sprecher. Und mit wem will eine einzelne Person kommunizieren? Dieser Umstand verbessert sich bei Plansprachen wie Volapük, Esperanto o­der auch Bliss, die jedoch aus ganz bestimmten Be­dürfnissen heraus entstanden sind.

Besonders interessant wird das Thema künstlicher Sprachen aber, wenn man auf die vorhandene Weltliteratur schaut. So ist in George Orwells Werk "1984" die neu geschaffene Sprache Newspeak Teil der bedingungslosen und umfassenden Kontrolle der Menschen durch den "Big Brother". In Anthony Burgess' Roman über den freien Willen und Moral - "A Clockwork Orange" - sprechen die Jugendlichen Nadsat, einen Slang aus englisch- und russisch-stämmigen Wörtern, um ihre Gewalttaten zu verschlüsseln. In J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" sprechen die Wesen von Mittelerde eine Vielzahl von Identität stiftenden Spra­chen wie Quenya, Sindarin oder Dwarvish. Und schließlich erwähnt Václav Havel in seinem 1965 uraufgeführten Theaterstück "Die Benachrichtigung" die Sprache Ptydepe, die in einer Behörde eingeführt wird, um die amtliche Korrespondenz zu präzisieren und ihre Terminologie zu ordnen, wodurch er zeigt, wie Sprache als Herrschaftsmittel eingesetzt wird.

Das Déjà-vu, das sich bei all dem einstellt, ist der fahle Nachgeschmack, dass Sprache letzten Endes die gefährlichste Waffe ist, die wir besitzen.

 

 

 

Virtuelle Nationen

Die weit über 6 Mil­liarden Bewohner des Planeten Erde sind auf etwa zweihundert Staaten verteilt. Die politischen oder wie immer auch gearteten Probleme zwi­schen nahen und sehr entfernten Nach­barn sind dabei wahrlich nicht zu unterschätzen und die Geschichte lehrt uns, dass sie uns nichts lehrt, wenn aber doch, dann eines, dass große Staaten selten gut funktionieren und es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie sich mehr oder weniger freiwillig auflösen und im Gulli der Historie verschwinden.

Wenn aber solchen Riesenreichen kein Glück beschert ist - und zumeist das Unglück der Einwohner -, dann stellt sich die Frage, ob nicht Klein- und Kleinstnationen die besseren Organisationsformen darstellen. Wie oft hört man schon von ernsthaften Problemen aus San Marino, Monaco oder Andorra?

Mikronationen ganz anderer Natur sind so genannte virtuelle Nationen, die nur im Internet existieren. Eine solche virtuelle Nation ist der Versuch, einen Staat über das Netz zu si­mulieren, ohne dabei reales Gebiet zu beanspruchen. Das Leben in einem solchen Staat findet in den Köpfen der Spieler beziehungsweise in Foren und auf den Websites des Staates, der Firmen, Parteien, Vereine etc. statt. Dies kann im Prinzip beliebig komplex sein.

Das Königreich Albernia, die Republik Freiland, Hansastan und die Her­me­ti­sche Eidgenossenschaft sind nur vier von mittlerweile weit über hundert virtuellen Staaten, die seit Mitte der 90er Jahre entstanden sind. Oft ist es lediglich Nonsens, manchmal aber ein ernstzunehmender politischer Ge­gen­ent­wurf. Die seit 1999 aktive United Virtual Nations Organisation (UVNO) sieht sich als Dach­verband elektronischer Länder mit eigener Charta und virtueller Weltkarte. 2001 zum Beispiel wurde die Resolution Nr. 4 "Gegen den Krieg" ver­abschiedet, die u.a. von den Vertretern des Königreichs Moncao, der Frei­en Republik Tir Na nÒg und dem Staat Medea unterzeichnet wurde.

Ob es angesichts der Vielzahl von Problemen realer Staaten sinnvoll ist, noch weitere, künstliche Nationen zu schaffen, bleibt dahingestellt. Vielleicht ist es eine Flucht in eine andere Welt, vielleicht ist aber auch diese virtuelle Welt nichts anderes als ein Abbild der realen - sozusagen die Rückseite des Spiegels unserer Gesellschaft. In der Verfassung der Freien Republik Laputa, die "gegen den Willen des Volkes von Balnibarbi am 19. Dezember 1999" geändert wurde, heißt es in Art. 1 Abs. 10 unmissverständlich: "Die Mitglieder des Provisorischen Laputischen Revolutionsrates sind vor dem Ge­setz gleicher als Nichtmitglieder." Quod erat demonstrandum.

 

(C) 2005 by Christian Zelger