Alice im Fruktiversum
oder
Ein paradigmatisches Fressen
In: Das Ultimative Magazin Nr. 34. Hrsg. von Wolfgang Kühn, Kathrin Kuna und Erika Wurzenrainer. Langenlois 2005.
"Nimm diesen Apfel!", hörte Alice eine Stimme sagen. Sie blickte sich um, sah aber weder einen Apfel noch den Urheber dieser Aufforderung. Sie musste sich wohl verhört haben, dachte sie bei sich. "Nimm diesen Apfel!", ertönte es kurz darauf erneut und um einiges heftiger. Alice, ein wenig verwirrt, drehte sich um und ein zufälliger Blick auf den Boden schien das Geheimnis zu lüften. Ein Apfel lag neben ihrem rechten Fuß, daneben eine Birne, einige Citronen, Datteln, Erdbeeren und Feigen. "Nimm diesen Apfel!", schallte der Befehl zum dritten Mal durch die Luft. "Wenn Sie meinen, Mr. Birne", antwortete Alice und bückte sich, um den Apfel an sich zu nehmen. "Nimm sie!", sagte eine Ananas herrisch und zeigte mit ihrem Schopf auf die viel kleinere Himbeere. "Nein, nimm sie!", konterte der Pfirsich und verwies auf eine reife Kaki. Eine Mango und eine Mandarine gerieten daraufhin in einen handfesten Streit, wie immer man sich das auch vorstellen sollte, und die Pistazie tanzte schließlich der Mirabelle auf der Nase herum. "Hört auf!", schrie Alice, nahm den Apfel, biss - zum Schrecken der anwesenden Früchte - ein Stück davon ab und schluckte es vor aller Augen hinunter. "Nein, nicht!", erklang es erregt von allen Seiten. Alice flüchtete.
Als sie sich nach einigen Minuten umsah, bemerkte Alice, dass ihr niemand gefolgt war. Umso überraschender war es, als sie plötzlich unter einem Baum eine seltsame Frucht beobachtete, die noch Seltsameres von sich gab. "Warum verspätet sich - verflixt noch Mal - die Enanas? Und wo bleibt die Farabelle? Auf die Herbeere war noch nie Verlass". "Warum sprechen Sie so komisch?", erkundigte sich Alice vorsichtig. "Frag nicht so dumm, kleines Mädchen. Die Rhostazie ist seit dehn Fanuten überfällig", antwortete das Obst nervös. Alice ließ sich nicht unterkriegen und wollte wissen, was denn eine Rhostazie überhaupt sei. "Eine Rhostazie", antwortete ihr Gegenüber genervt, "ist die Steinfrucht des dreihäusigen Rhostazienbaumes. Das weiß doch jeder. Stell nicht solche Fragen!" Alice dachte dabei zwar an eine Pistazie, traute sich aber angesichts des harschen Tones, der hier herrschte, kaum ihre Zweifel zu äußern und fragte höflich, welche Sprache hier gesprochen würde. "Wir sprechen hier eine Mundart des Wunderländischen", erklärte die birnenförmige Frucht und stellte sich in einem Anfall von Freundlichkeit gleich als Trirne vor. "Und wo bleibt Elki?" Alice, die immer weniger verstand, begann zu heulen und wünschte sich in jenen Teil des Wunderlandes zurück, in dem sie vor dem Biss in den Apfel war. "Du kannst nicht zurück. Verschoben ist verschoben! Und Silbenzone ist Silbenzone!" Enttäuscht wandte sich Alice ab und dachte angestrengt nach. Nach kurzer Zeit holte sie den Apfel aus ihrer Tasche, biss wiederum hinein und Mr. Trirne verschwand.
Hinter ihrem Rücken hörte Alice Stimmen. Sie drehte sich um und ein ganzes Heer von Früchten marschierte schnellen Schrittes auf sie zu. "Sind Sie Ms. Ananas?", fragte sie die erste Frucht hoffnungsvoll. "Ananas? Wo kommst du denn her, Kind?", antwortete die offensichtliche Anführerin der Gruppe, "Ich bin Königin Inanas." "Und ich bin eine Tedbeere", sagte eine leise Stimme im Hintergrund. "Und ich eine Kindarine?", etwas lauter direkt vor Alice. Rechts daneben verbeugte sich jemand ehrfürchtig: "Meine Wenigkeit, Mr. Pfirmich", erklang die vornehme Stimme. "Und ich bin Mrs. Solrabelle." Emki, Sigmastazie, Itsbeere, Kofcanuss ... "Noch eine Mundart!" Alice wurde schwindelig, hörte wie sich weitere Früchte zu ihr drängten und sich vorstellen wollten. Im Unterbewusstsein vernahm sie die Worte von Mr. Tetrirne. "Du kannst nicht zurück. Verschoben ist verschoben! Und Silbenzone ist Silbenzone!" Wie in einem Traum kam Alice eine Idee. Sie griff in die Tasche, holte den Beginn allen Übels hervor, naschte augenfällig ein wenig an Inanas, Pfirmich und Kofcanuss und sagte mit kräftiger Stimme: "So, Mr. Cepfel! Hol mich hier raus oder ich fress dich!"
© 2005 by Christian Zelger