Fegekeiten der Eitelfeuer
Was ein angesehener Literat ist,
hängt davon ab, wie man „angesehen“ auslegt. Tatsächlich angesehene
Schriftsteller mögen es mitunter gar nicht, wenn sie zu heftig oder zu penibel
angesehen werden. Andere wiederum, die weniger angesehenen, die lechzen
geradezu danach, als angesehen angesehen zu werden –
mit dem alleinigen Ziel natürlich, dass man sie liest und hört und damit sieht.
Doch der Weg, ein solch angesehener Autor zu werden, ist bekanntermaßen lang
und beschwerlich. Und er wird umso länger und beschwerlicher, je mehr man ihn
mit anderen ungesehenen, ungehörten und ungelesenen
Schreibern teilen muss.
Doch jeder Weg birgt Abkürzungen.
Nur einige dieser Abkürzungen ermöglichen auch eine Zeitersparnis. Ein paar
Tipps, sozusagen literarische Wegweiser, können deshalb nicht schaden. Erste
Regel: Ein Text, der einfach ein Text ist, steht dem angestrebten Ziel schon
einmal im Wege. Verwende deshalb keine Großbuchstaben und die
niedergeschriebenen Zeilen atmen bereits ein wenig dichterische Luft. Löse
zudem die Umlaute in Diphthonge auf, so als wäre der Text auf einer
ausländischen Schreibmaschine oder mit seltsamen Zeichensätzen ihrer
elektronischen Enkel getippt worden. Das erschwert dem Leser das Lesen und
behindert so im Denker das Denken. Satzzeichen sind zwar erlaubt, aber wenn der
Text auf Anhieb noch zu verständlich ist, lass sie einfach weg. Die Verwendung
von Neologismen ist sehr beliebt und demonstriert auf beeindruckende Weise,
dass der zur Verfügung stehende Wortschatz nicht die Tiefe der eigenen Gedanken
füllen kann. Vollständige Sätze hingegen sind überholt. Sie verstellen den Weg
zur Einsicht, dass der Satz nicht mehr enthält, als offenbar ist. Und wohin der
Weg führen muss, wurde bereits beschrieben.
Es wird natürlich immer noch sehr
schwierig sein, die Vielzahl der Mitschreiber abzuhängen. Deshalb gibt es nur
zwei Wege. Erstens: Organisiere eine Werbeveranstaltung, nenne sie Lesung, und
stelle sicher, dass dir neben ein paar Alibi-Autoren, von denen keine
ernsthafte Konkurrenz zu erwarten ist, die aber dennoch gut genug sind, um sie
als persönliche Entdeckungen ans Revers zu heften, genügend Zeit bleibt, um
leidend aus deinem Oeuvre zu rezitieren. Denn so persönlich die Entdeckung, ja
das Enthüllen und Entblättern der eben hinauskomplimentierten Jungdichter war,
so persönlich sind eben auch die Geschichten, die nun vorgetragen werden und stark
komprimiert in die Gehörgänge eines vor allem buffettinteressierten
Minimalpublikums finden.
Ein Gesichtspunkt sollte
allerdings genauer beleuchtet werden: das Leiden. Ein Schriftsteller, der nicht
auf irgendeine Weise leidet – nach außen hin versteht sich –, der nicht hadert
mit seinem Schicksal, der Welt eben, ist vielleicht ein besserer Journalist,
man gesteht ihm wahrscheinlich sogar ein originelles Vokabular oder eine Nase
für zugträchtige Themen zu, aber einen richtigen Erzähler stellt man sich dann
doch anders vor. Zudem macht es sich immer gut, wenn man sich gegen die
ausnahmsweise vernünftige Mehrheitsmeinung stellt. Das zeigt nur, wie sehr man
mit der Welt im Allgemeinen und mit der Gesellschaft, in die man gezwungen
wurde, im Speziellen kämpft. Ansonsten wäre das Leiden nur halb so glaubwürdig.
Was die Lesung erstens fürs Ohr
war, ist nun zweitens der eigene Kleinverlag fürs Auge. Man kann beim besten
Willen von keinem Lektor erwarten, dass er einmal pro Monat, manchmal öfter,
manchmal auch weniger oft (Schreibblockade!), einen vorgefertigten Wir-Bedauern-Brief an immer denselben Texturheber schickt.
Abhilfe schafft hier der uneigennützig gegründete Verlag mit sechs- oder
siebenstelliger ISBN, in dem neben dem eigenen Schaffen auch Platz für den
literarischen Nachwuchs ist. Man ist schließlich großzügig und die Tatsache,
dass man einen profunden Einblick in die Szene des Moments besitzt, muss
unbedingt nach außen getragen werden. Dort wo das eigene Antlitz bereit hängt.
Leidend natürlich.
© 2007 by Christian Zelger