null sinn oder wie nichts wertvoll wird
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Doch wenn eben dieses Wort am Anfang allen Seins stand, woher kamen die Zahlen; wem verdankten sie ihre Existenz? Dem göttlichen Wort? Waren Zahlen damit nichts anderes als quantifizierte Begriffe, in messbare Dimensionen gegossene Buchstabenfolgen? Oder verhält es sich genau umgekehrt? Zahlen währen ewig, ohne Raum und Zeit, Buchstaben aber sind nichts anderes als vergängliches Beiwerk? Hatte Leopold Kronecker vielleicht Recht, wenn er behauptete, dass die natürlichen Zahlen Teil der Schöpfung Gottes waren, alles andere jedoch Menschenwerk sei?
Doch wie immer man den Begriff "logos", den Johannes zu Beginn seines Evangeliums im griechischen Original verwendet hatte, verstehen wollte, ob als Wort, Begriff, Vernunft, vielleicht auch als Sinn oder Wille, die Frage nach der Herkunft der Zahlen bleibt reizvoll, selbst wenn lediglich ein kleiner Bruchteil der Menschheit diesem Problem ein gewisses Maß an Begeisterung entgegen bringen kann.
Die Pythagoreer der Moderne unterscheiden sich kaum von ihren Urahnen, auch wenn ihnen vielleicht der mäßig attraktive Duft des Sektenhaften ein wenig fehlt. Der Enthusiasmus und die Faszination aber, die sie den Zahlen erweisen, ist immer noch geprägt von der tiefen Überzeugung, im Zählbaren die Basis unseres Universums gefunden zu haben. Die Allgegenwart der Zahl in wichtigen Aspekten ihrer Welt führte dazu, dass die Stammväter aller Zahlenspieler sie als allgemein gültige, kosmische Einheit sahen, mehr noch, als diejenige Entität, die den Zusammenhalt aller Dinge garantierte.
Die Frage nach dem Verhältnis von Gott und Mathematik, eine Frage, deren Berechtigung im Übrigen nicht ganz unbestritten ist, wirft drei konkurrierende Möglichkeiten in die Waagschale der Diskussion. Der traditionellen abendländischen Auffassung, die Mathematik wäre ein Teil der göttlichen Schöpfung, tritt die Einstellung entgegen, deren Regeln seien eine notwendige Wahrheit, die größer als Gott, nicht und von niemandem aufgehoben oder verändert werden könnten. Damit wäre auch die Handlungsfreiheit eines göttlichen Wesens eingeschränkt, eine Konsequenz, die die ganze Bandbreite an denkbaren Reaktionen hervorruft; gelangweiltes Desinteresse in vielen Gesichtern genauso wie Kopf schüttelndes Unverständnis bei gleichzeitigem Verweis auf den baldigen Niedergang des Abendlandes. Bleibt noch der dritte Fall, eine Art tertium semper datur, als wäre es nicht genug, dass zwei widerstreitende Positionen die eigene Meinungsfindung erschweren. Dieses Dritte steht für die scheinbar simple Überzeugung, Gott und Mathematik wären ein und dasselbe.
Das Verhältnis der Zahlen mit den Buchstaben und natürlich umgekehrt, damit nicht einer Seite unbegründet und leichtsinnig der Vorzug gegeben wird, ist noch immer nicht gelöst, nicht in Ansätzen, und drängt sich doch wieder und wieder zwischen alle Seitengedanken und spontanen Assoziationen. Vielleicht ist die Frage sinnlos, vielleicht sind Buchstaben und Zahlen im selben Moment entstanden, ohne dass sie sich auf eine gemeinsame Basis zurückführen lassen. Eine Parallelschöpfung in friedlicher Eintracht oder in stetigem Konkurrenzkampf.
Konkurrierende Pole an zwei entgegen gesetzten Enden versprühten seit jeher einen gewissen Reiz, baut doch unsere abendländische Gesellschaft mit ihren wuchtigen Traditionen genau darauf auf. Schon Platon als Dualist par excellence hatte zwischen dem Sein und dem Nicht-Sein unterschieden und das Universum in eine Welt des diesseitigen, materiellen Scheins und der ewigen und schön-guten Ideen eingeteilt. Zarathustra, Descartes, McDougall und Bergson leisteten ihren Beitrag in seinem Andenken und Whiteheads berühmtes Wort, die gesamte Philosophiegeschichte würde aus nichts anderem als Fußnoten zu Platons Texten bestehen, bekommt neuen Halt.
Nicht dass es in Ländern aufgehender Sonnen anders gewesen wäre; die chinesische Schule der Prinzipien, das indische Samkhya oder das dies- und jenseits fiktiver kultureller Grenzen allgegenwärtige Yin & Yang sind nur einige Beispiele für die unausrottbare Überzeugung vieler Menschen, eine Zweiheit würde alles erklären.
Doch die Stärke der Überzeugung war noch nie ein stützender Grund, sich der Auffassung anzuschließen oder sich ihrer sogar zu bemächtigen. Ein Batallion von Demosthenes, selbst eine Armee von Aristoteles kann eine falsche Aussage nicht wahr machen. Galilei wusste das bereits vor Jahrhunderten und bis heute hat sich daran nichts geändert. Drei Kräftepunkte sind es, die eine Antwort liefern, drei unabhängig von einander existierende Momente, die sich in einem unendlichen Kreislauf des Entstehens und Vergehens befinden, des Auf- und Absteigens, des Vorder- und Hintergrundes: das Nichts, das Wort, die Zahl.
Am Anfang stand das Nichts, die Null. Abgesehen davon, dass wir als Menschen nicht im Stande sind, das Phänomen seinem wahren Wesen nach zu erfassen, vor allem deshalb, weil unser Verständnis stets Worte oder Zahlen bemüht, steht dieser Anfang für den Beginn unseres bewussten Denkens; darüber hinaus oder dahinter können wir nicht blicken. Dieses Nichts ist nun charakterisiert durch eine übermäßige Fülle, die nur der Möglichkeit nach vorhanden ist und zu einem unzeitlichen Irgendwann die Krone an das Wort übergibt.
Diese zweite Ära als Herrschaft des Wortes lässt sich durchaus theologisch, evolutionistisch und kulturgeschichtlich zur selben Zeit deuten. Wieder drei Stufen, wenn auch willkürlich und zufällig. Aber Einteilungen sind bekannterweise selten zwingend, wie Borges und Eco brillant bemerkten. Eine altchinesische Enzyklopädie mit dem Titel "Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse" beweist dies eindrucksvoll, wenn dort Tiere wie folgt klassifiziert werden: a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in dieser Auflistung enthaltene, i) sich wie toll gebärdende, j) unzählige, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben, m) die von weitem wie Fliegen aussehen ...
Die Macht des Wortes ist von anderer Natur als die Kraft des Nichts, gewaltig, oft unbeugsam, dann schwankend, immer wieder getrieben von inneren und äußeren Widersprüchen, aber zielstrebig und überzeugend. Das Wort als Ursprung der natürlichen Schöpfung, als Entscheidung für das Sein gegen das Nichts. Doch wie das Nichts den eigenen Widerspruch bereits in sich barg (ähnlich wie bei Hegel, doch in verkehrter Reihenfolge, dessen System das antithetische Nichts aus der These des Seins folgen ließ), gründet die Macht der wohlgeordneten Buchstaben auf ihrem möglichen, mehr noch, wahrscheinlichen Missbrauch.
Die Sophismen der selbst ernannten Weisheitslehrer im antiken Griechenland, die hanebüchenen Beweise mittelalterlicher Forscher und die auf Sprache gegründeten Manipulationen von Menschenmassen quer durch alle Raumzeitpunkte, um nur einige Beispiele einzubringen, führten schließlich und unweigerlich dazu, dass auch der Ära des Wortes - selbst verschuldet - das Scheitern drohte. Die sich aus deren noch glühenden Asche erhebende Ära der Zahl präsentiert sich stolz und strahlend auf der Bühne der Weltgeschichte als Retter aus der Text basierten, fein geschliffenen und spitzfindigen Misere zusammen brechender Weltbilder.
Die Abfolge der drei Ären erinnert bei näherer Betrachtung an die drei Stadien von Comte, dem großen Positivisten und Begründer der Soziologie, ein Denker, dem ich mich übrigens der Zahl nach stets verbunden gefühlt habe, auch wenn es reine Oberfläche war. Theologische, metaphysische und positive Stadien als gedankliche Vorstufen zu den Ären des Nichts, des Wortes und der Zahl. Vielleicht eine moderne Sichtweise, vielleicht nur eine neue Hülle einer ewigen Wahrheit.
Die Autorität der Zahl ist bedingt durch den vorausgegangenen Missbrauch des Wortes, eine nahe liegende, wahrscheinlich sogar unvermeidliche und notwendige Konsequenz. Es ist die Zeit der großen Erfolge der Naturwissenschaften auf der einen Seite, die Epoche des bevorzugt Quantitativen, des Welt drehenden Geldes auf der anderen Seite - Dollarsummen yenseits aller Grenzen, eine kopekanische Wende; wenn Rappen an Wert verliren, die Menschen Glück und Gut verrubeln, Moral und Ethik pfundweise zu günstigsten Preisen verscherbeln, dann markiert dies lediglich die ørste Stufe auf dem Weg zum vorgezeichneten Verfall, verziert und geschmückt mit guldenen und schillingernden Kronen.
Die Dekadenz der Zahl als Sache des Geldes zu sehen ist nur ein Aspekt im vielschichtigen Zerbröckeln: das Fernsehen, in digitaler Qualität eine Ansammlung von Nullen und Einsen, ist schon lange ein Sklave der Quoten, denen - obwohl im Wörterbuch erst nach dem Anteil einer Einheit und der errechneten Gewinnsumme bei Glücksspielen an dritter Stelle genannt - als heiliger Gral die meiste Aufmerksamkeit zuteil wird; das Verhalten der Menschen, die in der quantitativen Masse Eudämonie zu erlangen glauben, eine Beobachtung, die nur allzu deutlich erkennen lässt, dass mangelnde Güte in vielen Fällen durch Menge, Lautstärke und Penetranz überspielt wird; schließlich das Internet, ein Netz, das sich zwischen alles drängt, im Positiven wie Negativen, und das für viele zu einer Alternativwelt wurde, einer Welt, die vollständig aus Zahlen erschaffen all das bietet, was das reale Leben nur scheinbar nicht mehr im Angebot hat. Und doch ist alles nur ein billiger Abklatsch der Wirklichkeit diesseits des Bildschirmes. Jede Entwicklung setzt, so traurig das ist, Leid und Zerstörung voraus - möge demnach der ewige Kreislauf von neuem beginnen.
(C) 2005 by Christian Zelger