Dimensionen-Los

In: Das Ultimative Magazin Nr. 39. Hrsg. von Wolfgang Kühn, Kathrin Kuna und Erika Wurzenrainer. Langenlois 2006.

Los, los! Renn schon! Die Versuchung ist zu groß.“ Wenn ein dicker Mann träumt, ein dünner Mann zu sein, der träumt, er wäre eine dicke Frau, dann ist die alleinige Vorstellung eines Schlaraffenlandes, was immer man jetzt darunter versteht, doch mit einer gewissen kulinarischen wie auch önologischen Wehmut verbunden. Wenn einst die Flussbetten mit Milch, Honig und Wein lockten, die Häuser aus zuckersüßen Kuchen bestanden und würziger Käse statt ordinäres Gestein herumlag, dann wird dieses appetitliche, aber auch gefährliche Bild heute von Restaurants, Konditoreien und Delikatessenläden erschaffen, wenn auch die wirtschaftlichen Aspekte dieser oft organisierten Verdickungen im direkten Vergleich zu schlaraffenländischem Usus nicht außer Acht zu lassen sind. Der dicke Mann – hundert Kilogramm bei einer Größe von etwa 1,70 rechtfertigen diese politisch weniger korrekte Bezeichnung –, nennen wir ihn Jonas, legt sich gegen elf Uhr abends ins Bett, die Matratze, genauer die Federn, stöhnen unter der Last, vermögen aber nicht zu verhindern, dass besagter Jonas in eine Welt der schnellen Augenbewegungen verschwindet. „Ich bin zu dick.“ 

Doch Jonas ist plötzlich dünn und heißt dazu noch Jason, wenn ihm auch dieser augenfällige Unterschied selbst nicht ins Auge sticht. Eine Weinflasche, so groß wie er selbst, steht vor ihm, ein exzellenter Tropfen französischer Herkunft, so gut sieht er dann doch wieder, ein saftiges Steak vom Rind mit erhöhtem Fettanteil, ebenfalls in einer Größenordnung, die eigentlich berechtigte Zweifel an der wahrgenommenen Realität hervorrufen sollte, starkes Gewürz, fettige Saucen, eine Beilage fürs Gelage und zu guter Letzt eine dreieinhalbstöckige Torte mit dem gesamten verbotenen Programm wohlschmeckender Zutaten, ohne dass dafür jemand vor den Traualtar treten muss. Jason, der verkappte Jonas, wiegt in diesem Traum nur mehr halb so viel, sozusagen eine ausladende Hundert-Kilogramm-Psyche in einem eingeengten Fünfzig-Kilogramm-Körper, und hat nicht mehr die mannestypische Kraft, auch nicht die Lust oder das Bedürfnis, sich diesem lukullischen Mahl ersten Ranges zu stellen. Jedenfalls nicht gleich oder in diesem Umfang und so legt er sich eine Weile hin. Der Gott des Schlafes, geschickt vom Gott des Leiblichen Wohles und seinem Bruder, dem Gott des Knurrenden Magens, das schwarze Schaf der Familie, eilt auch sogleich herbei und wirft Jason von der Stufenleiter der Träume. „Ich bin zu dünn.“ 

Unten, jedenfalls weiter unten, angekommen fühlt sich Sonja, die eben noch Jason war und dessen jonasiger Anteil nicht ganz verschwunden war, außergewöhnlich vital und kräftig. Der Gesichtsausdruck vermittelt eine vorerst gelassene Haltung, doch ein kurzer Blick auf die Köstlichkeiten lässt die Augen der kaum mehr als vollschlank zu bezeichnenden Sonja leuchten wie glasierte Mandeln – begrifflich hier den festen Boden unter den Füßen zu behalten, ist ein zweischneidiges Messer, auch wenn man damit das immer noch präsente Steak vorzüglich in mundgerechte Häppchen zerteilen könnte. Das schlechte Gewissen, im Ich sozusagen das Freudsche Über-Ich des Es-sens, das Frauen intelligenterweise oft schon vor dem Essen plagt, lässt Kalorientabellen, die eigentlich Jouletabellen heißen müssten, wie einen Phönix aus der Tasche erscheinen und die köstliche Pracht auf eine Unzahl von Zahlen reduzieren. „Ein schweres Los für Menschen mit Gewichtsproblemen.“ 

Und als würde man es ahnen, lösen sich diese Zahlen in Null Komma nichts in einen gezuckerten Hauch von Nichts auf und fast ebenso schnell wurde aus der dreieinhalbstöckigen eine eindreiviertelstöckige Torte. Immerhin hat Sonja die ersten beiden Gänge dem Über-Ich zuliebe übersprungen, so dass die innere Stimme, eine Art degustatives Daimonion, ein wenig zur Ruhe kommt, und auch wenn diese Stimme über keinen Körper verfügt, so klopft sie sich auf die gleichfalls nicht vorhandene Schulter. Doch Sonja wird schwach, zu schwach, um sich im Traum zu halten, das Schlaraffenland kommt ins Wanken, Jonas und Jason tauchen auf und streiten als ginge es um Existentielles, das Essen verschwimmt, das Weinglas zerrinnt zu einem klingelnden Wecker und Sandra erwacht aus ihrem fiebertraumähnlichen Zustand. „Fast dimensionslos.

 © 2006 by Christian Zelger