Bobobeschimpfung
In: Das Ultimative Magazin Nr. 43. Hrsg. von Wolfgang Kühn, Kathrin Kuna und Erika Wurzenrainer. Langenlois 2007.
Die ganze Menschheit ist auf der Flucht. Sogar du, BOBO, flüchtest! Ja, genau, du! Du flüchtest in deinem tiefsten Inneren, oder viel mehr in dem, was davon noch übrig ist. Du hältst die Realität nicht aus, auch wenn du es nie zugeben würdest. Vielleicht weil du diese Realität selbst erschaffen hast. Aber dein zweites Leben, so BOmbastisch es auch wirkt, ist kaum mehr wert als dein erstes. Und wie sieht es bei der Generation BO auf dieser Seite des Bildschirmes aus? BOchum, BOlogna und BOzen sind dir viel zu nahe. Du verschwendest keinen Gedanken daran. Wie bei so vielen Dingen und Menschen. Zum Sommerurlaub gehts mit einem BOardingpass nach BOrneo, zum Winterurlaub selbstverständlich nach BOrmio, wo du BOde Miller zujubelst. Jubeln und Feiern ist ohnehin deine Stärke. Und natürlich schöne Frauen! Aber das unterscheidet dich kaum von den schon vergessenen Vertretern der Generation X, Y, Z. So beliebig. Ob BO Derek oder Lin BO, von der du wahrscheinlich gar nicht weißt, dass es sie gibt – das macht keinen Unterschied. Nach ein paar Tropfen Cannalkmagicrystalmushecskokscrackjanetasyroxanneroomesdebisheroin, der kleine Teufel aus sechsundsechzig Buchstaben, sieht die Welt ohnehin schon wieder anders aus, viel besser und problemloser und unterhaltsamer. Am schönsten war es sowieso am 10. September, dem BOBO-Feiertag, an dem Spaß und Vergnügen und die BOmbenstimmung nie enden sollten, so lange bis man den BOden unter den Füßen verliert. Aber anstatt Rushdie zu lesen, liest du Houellebecq und stimmst ihm zu, du gehst sogar in die Verfilmungen seiner Bücher und stimmst ihm noch mehr zu, dabei bist du genau so wie die Wracks, die er beschreibt. Du weißt es, aber es macht dir nichts aus. Mehr noch. Du weißt es und bist sogar stolz drauf. Weiß der sechsundsechzigbuchstabige Teufel warum. Aber nur so lange bis die nächste Flucht ansteht. Sie kommt bestimmt. Wenn du wirklich Zeit zum Lesen hättest, könntest du BOccaccio lesen, aber da du zwischen einem Aktienportfolio und dem anderen hin- und herschwebst, in Nobelkarossen, die sich jeder andere, der tatsächlich auf der Flucht ist, und um den du sicherlich einen BOgen machen würdest, weil er dich nicht die BOhne interessiert, nicht einmal auf einem Bild leisten kann, lässt du dir den Text von einer angenehmen Frauenstimme auf dem Weg zur Arbeit vorlesen. Auch das ist ein Weg zu lesen. Aber dein Leben hört ja schließlich nicht bei der Arbeit auf. Selbst wenn sie der Grund für deine BOnität ist. Dabei hattest du einfach nur Glück! Wäre die Dotcom-Blase früher geplatzt, wäre sie dein Traum vom Leben gewesen. Eine Seifenblase, nichts weiter. Und du, BOBO, wärest dort, wo für dich heute dein schlimmster Albtraum lebt. Doch dein BOdy fordert Aufmerksamkeit und so versickern die kleinsten, minimalsten und auch noch so dürftigsten Zweifel im Schweiß wohltrainierter Muskeln. Anschließend ein cooler Drink in einer noch cooleren Lounge bei an Coolness kaum zu übertreffender Musik, eine Mischung aus BOurgeoisem BOssa Nova und dem BOlero der BOheme. Alles wäre so schön, gäbe es da nicht dieses Loch in dir, dieses abgrundtiefe, tiefschwarze, schwarzmalerische Loch. Du versuchst es zu füllen. Das nennst du dann Spiritualität, aber das Geistige ist immer noch am besten aufgelöst in einem bunten Cocktail, mit dem du nie allein bist, obwohl du doch immer allein bist. Allein zwischen all den Menschen, die zur gleichen Gattung gehören wie du. Keine Singlebörse, keine Singlefete, kein Singletreff trösten dich langfristig über deine Leere hinweg. Aber den Menschen, die dich kritisieren, fehlt etwas. Das sagst du. Du hast sogar recht. Ihnen fehlt tatsächlich etwas. Das fehlende Rückgrat. Welch treffendes BOnmot! Du verstehst es doch nicht, BOBO – Bist Ohnehin Breit, Oder? Das alles ist so verrückt und absurd, so abstrus und wirr, so diffus und gleichzeitig paradox, dass sogar einem nahe Verwandten, einem Vertreter der Affen, einem BOnoBO, nur mehr eines von sich zu geben bleibt: „No BOBO!“
© 2007 by Christian Zelger