AUFGESPÜRT & AUSGEGRABEN

 

Drei Kerben für ein Hallo-luja

Gerät man heute in ein Handyfunkloch, fühlt man sich in die Steinzeit oder die sprichwörtliche Pampa versetzt. Mobiltelefone gehören zum Alltag und wenn WhatsApp, E-Mail & Co. nicht immer und überall zur Verfügung stehen, können sich auch schon mal Entzugserscheinungen bemerkbar machen. Lange ist’s her, dass der Wunsch, außerhalb der eigenen vier Wände zu kommunizieren, in eine öffentliche Telefonzelle führte. Dafür brauchte man aber spezielle Kupfermünzen, die allgegenwärtig waren, aber mittlerweile schon lange verschwunden sind. Die ersten kamen in Italien bereits während der Zeit des Faschismus auf, Ende der 50er Jahre etablierte sich das Modell, an das sich die meisten Leserinnen und Leser wahrscheinlich noch erinnern können. Es besaß drei charakteristische Einkerbungen, zwei auf der Vorderseite mit abgebildetem Telefon, eine auf der Rückseite mit Beschriftung: der Gettone telefonico (in Südtirol kurz und knackig „Tschettone“). Da die Gettoni auch als Kleingeld benutzt wurden, waren sie, angepasst an die Telefontarife, in den 70er Jahren zunächst 50 Lire, ab 1980 100 Lire und vier Jahre später schließlich 200 Lire wert. Wer im hintersten Winkel einer Schublade noch ein Exemplar findet, kann über die angegebene vierstellige Zahl feststellen, wann sie hergestellt wurde: Die ersten beiden Ziffern verweisen auf das Jahr, die letzen beiden auf den Monat. 7110 bedeutet demnach, dass sie im Oktober 1971 geprägt wurde. Diese Ausgaben sind unter Sammlern übrigens besonders begehrt, man bezahlt heute gut 70 Euro dafür. Mit dem Aufkommen neuer Telefonapparate, die auch normale Münzen und später Telefonkarten akzeptierten, wurden die braunen, mitunter speckigen Geldstücke überflüssig. Hergestellt wurden sie ohnehin schon ab 1980 nicht mehr. 2001 kam das endgültige Aus. Ein Aus der „Handygeiselhaft“ wünscht sich heute vielleicht der eine oder andere. So hätten Funklöcher sogar ihr Gutes.

 

Körper + Tinte + Michael Mittermaier = Jugendsünde

Nach dem Hitzeschub mit Temperaturen bis 40 Grad und einer ersten Abkühlung soll es in den kommenden Wochen für neue Rekorde reichen. Die Kleidung ist entsprechend kurz und knapp, Mann und Frau zeigen Haut. So lässt sich leicht beobachten, dass die Anzahl tätowierter Menschen schon seit vielen Jahren zunimmt. Einer Studie der ISTAT zufolge besitzen in Italien über 17 % mindestens ein Tattoo, Tendenz steigend. Ob abstrakte Ornamente oder Kindernamen auf Füßen – Formen, Farben und Orten sind fast keine Grenzen gesetzt. Dabei hat ein Motiv, das vor zwanzig Jahren zum ersten großen Tattoo-Trend wurde, eine interessante Karriere hinter sich: das so genannte Steißbeintribal, wahrscheinlich wesentlich besser bekannt unter dem derben Namen Arschgeweih. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde es zusammen mit der Bauchfreimode populär. Symmetrische Muster, die an keltische oder neuseeländische Symbole erinnern sollen, wurden meist großflächig – und fast ausschließlich auf weiblichen Körpern – oberhalb des Gesäßes tätowiert. Sie trugen exotische Namen wie Liquid Dragon, Ellipse of Hope und Desperate Eagle. Erfunden wurde der Ausdruck dafür wahrscheinlich von einem Wiener Tätowierer, aber vor allem der bayerische Komiker Michael Mittermeier war an der Verbreitung des Begriffs beteiligt. Das Tattoo wurde so häufig gestochen, dass ihm 2005 das von der Süddeutschen Zeitung herausgegebene „Lexikon des frühen 21. Jahrhunderts“ einen eigenen Artikel widmete. Sogar der Duden nahm das Wort auf, ordnete es in passender Nachbarschaft zwischen „Arschgeige“ und „arschkalt“ ein und versuchte es dann möglichst nüchtern zu erklären: „geweihähnliche Tätowierung am unteren Rücken“. Damit begann aber auch schon der Niedergang. Wenn ein Motiv nicht mehr Individualität garantiert, dann geht ein wichtiger Zweck der Körperverzierung verloren. Ob heute Vorlagen wie das Unendlichkeitszeichen, vulgo „Assi-Propeller“, zum neuen Megatrend taugen, wird sich zeigen.

 

Serval oder nicht Serval, das war damals die Frage

In den vergangenen Monaten stieß man als Zeitungsleser immer wieder auf recht plakative Bilder gerissener Schafe. Manchmal reicht wesentlich weniger, um Aufmerksamkeit zu erregen. Im Februar 2015 brachte eine getötete Katze einen medialen Stein ins Rollen, der die in- und ausländische Presse eineinhalb Jahre lang beschäftigte. Gerissen wurde das Tier von einem in St. Pankraz im Ultental entwischten und als gefährlich eingeschätzten Kater. So wurde er von zwei Angestellten des Amts für Jagd und Fischerei eingefangen und in eine – nicht unumstrittene – Einrichtung im toskanischen Semproniano gebracht. Doch dabei blieb es nicht. Das Aussehen des Tieres legte nahe, dass es keine normale Hauskatze war. Die Behörden untersuchten deshalb, ob der Besitzer den Kater überhaupt hatte halten dürfen. Dieser behauptete aber, dass es sich um einen Mischling handeln würde. Chiku, so der Name des Tieres, tauchte von da an regelmäßig in den Medien auf. Mircea Pfleiderer, eine weltweit bekannte Zoologin, wurde im Herbst als Sachverständige verpflichtet und kam nach eingehender Untersuchung zum Schluss, dass Chiku ein reinrassiger Serval war. Er schaue aus, verhielte sich und rieche eindeutig wie ein Serval. Damit war Chiku eine afrikanische Wildkatze, für die in Italien ein Haltungsverbot bestand. Doch der Besitzer zog vor Gericht, um sein Haustier wiederzubekommen. Er beharrte darauf, dass es sich um eine Kreuzung aus Serval und Hauskatze handle und wies – allerdings vergebens – darauf hin, dass bei Chiku kein DNA-Test durchgeführt wurde. Schließlich wurde er zu einer Strafe von 5.500 Euro verurteilt. Auch für das Tier gab es kein Happy End. Im Juni 2016 wurde es tot in seinem Käfig aufgefunden. Die Autopsie, über die in den Medien kaum berichtet wurde, ergab später, dass Chiku an einer angeborenen Nierenkrankheit gestorben war.

 

Schiffbruch überall

Das kurze, leicht verwackelte Video wirkte wie aus einem Katastrophenfilm der 80er Jahre. Ein 275 m langes und außer Kontrolle geratenes Kreuzfahrtschiff wälzt sich mit dröhnendem Signalhorn durch einen venezianischen Kanal nahe der Giudecca. Dabei rammt es die Hafenmauer und ein kleineres Touristenschiff. Zum Glück wurden dabei nur fünf Menschen verletzt. Das Ereignis Anfang Juni erinnert entfernt an ein sieben Jahre zurückliegendes Unglück. Das damals größte italienische Kreuzfahrtschiff, die Costa Concordia, kollidierte vor der Insel Giglio mit einem Felsen, schlug leck, lief auf Grund und kippte schließlich um. Die Bilder gingen um die Welt. Ebenso bekannt wurde damals dessen schiffsflüchtiger Kapitän, der, nach eigenen Aussagen, ausgerutscht und zufällig in ein Rettungsboot gefallen sei. Sein Name war Francesco Schettino. Er wurde u.a. wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung und fahrlässigem Herbeiführen einer Havarie angeklagt. Die Prozesse zogen sich über Jahre hin und gegen seine Verurteilung zu über 16 Jahren Haft geht er bis heute rechtlich vor – allerdings erfolglos. Sein Name wird seither immer dann genannt, wenn sich jemand riskant verhält, sich der Verantwortung entziehen will oder einfach fehl am Platz ist. Die Internetseite secoloditalia.it zum Beispiel fragt nach dem Unfall in Venedig, ob denn niemand etwas aus dem „Fall Schettino“ gelernt hätte und „ilGiornale“ schreibt angesichts der schwierigen Situation Italiens und des Verhaltens der italienischen Regierung von der „Schettino-Versuchung“. Sogar in den Sportnachrichten taucht er auf. Einem Fußballer wurde die Kapitänsbinde abgenommen und den darüber berichtenden Journalisten führt die Erkenntnis „Manche Schiffe fahren besser ohne Kapitän“ ohne Umwege zu Schettino. So kann man auch unsterblich werden.

 

Londonstraße oder Gute Theresa, schlechte Theresa

„Dallas“ und „Denver Clan“ waren wohl die bekanntesten Seifenopern des 80er-Jahre-Fernsehens. Hunderte Folgen, immer abstrusere Handlungsstränge und Medien, die sich gerne auf jedes Detail der Protagonisten stürzten. Die Soap Opera unserer Tage heißt Brexit – anscheinend nicht enden wollende Fortsetzungen, oft unglaubwürdige Akteure und stets die Frage „Wieso eigentlich?“. Tritt Großbritannien irgendwann wirklich aus der EU aus und wird erneut eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland gezogen, könnte schlimmstenfalls ein alter Konflikt wieder aufflammen. Heute vor genau 21 Jahren, am 22. Mai 1998, ergaben zwei Volksbefragungen die Zustimmung zu einem Abkommen, das den seit den 1960er Jahren immer wieder blutigen Nordirlandkonflikt beendete. 71 % der zu Großbritannien gehörenden Nordiren waren für den Vertrag, in der Republik Irland lag das Ja sogar bei 94 %. Ziel des sogenannten Karfreitagsabkommens war es, einen politischen Konsens zum Wohl der gesamten irischen Bevölkerung zu finden. Das war nur möglich, weil beide Seiten aufeinander zugingen: Irland forderte keine Wiedervereinigung mit Nordirland mehr und paramilitärische Gruppen wie die Irish Republican Army (IRA) erklärten ihre Bereitschaft zur Entwaffnung, dafür entließen die Briten im Gefängnis sitzende Untergrundkämpfer und verringerten die Truppen auf der Insel. Nordiren durften auf Wunsch sogar zusätzlich zum britischen einen irischen Pass beantragen. Kommt es nun zum Brexit, womöglich zu einem harten Austritt oder einfach nur zu einer ungünstigen Regelung, so könnte eine sichtbare EU-Außengrenze auf der Insel dazu führen, dass wieder auseinandergerissen wird, was seit zwei Jahrzehnten zusammenwächst. Die Grenze hatte im Alltag der Menschen bereits jede Bedeutung verloren. Aber das ist eben typisch für Seifenopern. Ein tieferer Sinn bleibt den meisten verborgen.

 

Das Sauschloss des Kalten Krieges

Trump entdeckt sein altes Feindbild Europa“, „Trump kündigt Strafzölle auf EU-Waren an“, „Trump will Europa mit einem merkwürdigen Tweet blamieren“: Das sind nur einige Schlagzeilen, die belegen, dass das Verhältnis zwischen Europa und dem US-Präsidenten keineswegs von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Dabei war das Verhältnis zwischen den USA und unserem Kontintent lange Zeit ein ganz anderes. Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt: in die drei Westzonen der Briten, Franzosen und Amis und in die Ostzone der Sowjets mit dem ebenfalls viergeteilten Berlin. 1948 führten die Westmächte ohne sich mit Moskau abzusprechen eine Währungsreform durch. Der verärgerte Stalin reagierte mit der Blockade Berlins. Alle Land-, Schienen- und Wasserwege wurden abgesperrt, West-Berlin war isoliert, das Schicksal von über zwei Millionen Menschen ungewiss. So beschlossen Amerikaner und Briten, Berlin von der Luft aus zu versorgen: die Berliner Luftbrücke. Über ein Jahr lang flog man alles Nötige mit Flugzeugen ein: Lebensmittel, Kohle, Medikamente, Treibstoff etc. Jeden Tag sollten mindestens 5.000 Tonnen Waren transportiert werden, das Maximum betrug fast 1.400 Flüge innerhalb von 24 Stunden. Zwei Luftkorridore waren für die Hin-, der dritte für die Rückflüge bestimmt. Durchschnittlich alle drei Minuten landete ein Flugzeug, Tag und Nacht – und das 15 Monate lang. Eine logistische wie menschliche Meisterleitung. Am 12. Mai 1949 – bei Erscheinen dieser Zeilen fast auf den Tag genau vor 70 Jahren – gab die Sowjetunion die Blockade schließlich auf. Vielen Menschen sind noch die sogenannten Rosinenbomber in Erinnerung, eine liebevolle Bezeichnung für die Versorgungsflugzeuge. Amerikanische Piloten banden Süßigkeiten an kleine Taschentuch-Fallschirme und warfen sie vor der Landung für die wartenden Kinder ab. Und was kann man heute von den USA erwarten? Eine schlecht zubereitete mediale saure Suppe garniert mit Wirtschaftsdrohungen.

 

Antrieb für des Mannes liebstes Spielzeug und Alternativen

Die Karikatur ist provokant. Ein Vater steht mit seinen Kindern an der Straße, im Hintergrund sieht man Schornsteine, aus denen dicker schwarzer Rauch quillt: „Sehr ihr das Braunkohlekraftwerk? Das ist der Auspuff von Papas neuem Elektroauto.“ Wer heute ein Auto kauft, macht sich vielleicht Gedanken, welcher Kraftstoff am günstigsten ist oder welcher am wenigsten die Umwelt belastet. Dabei ist letztere Frage nicht so einfach zu beantworten. Vor etwa zehn Jahren gab es eine intensive Diskussion über ein neues Benzin,  dem bis zu 10 % Bioethanol beigemischt wird. Eine größere Unabhängigkeit von der Erdölindustrie wäre damit möglich, eine Senkung des Stickoxid- und Feinstaubausstoßes, insgesamt eine bessere Ökobilanz – so versprachen es die Befürworter. Die Rede ist von E10. Wichtig ist aber, woher der Bioalkohol stammt. Werden zum Beispiel für den Anbau der nötigen Rohstoffe Wälder gerodet oder beim Transport fossile Brennstoffe genutzt, verschwinden die positive Effekte für die Umwelt – gaben die Kritiker zu bedenken. Wird das Ethanol zudem aus Getreide, Zuckerrüben oder Mais gewonnen, ständen die Flächen nicht mehr für die Nahrungsproduktion zu Verfügung.  Außerdem war unklar, inwieweit E10 überhaupt für alle Autos geeignet ist und ob nicht langfristige Schäden am Motor, an Schläuchen und Dichtungen zu befürchten sind. Eingeführt wurde E10, unterstützt durch eine eigene Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung, trotzdem und ist in Deutschland seit 2011 erhältlich. Ein großer Hit wurde er mit maximal 15 % Marktanteil, Tendenz sinkend, aber nie. Ähnliche Diskussionen gibt es heute zu Elektroautos. Auch bei ihnen ist die Umweltbilanz keineswegs eindeutig. Immerhin eines ist sicher: Wann immer es geht, zwei Beine oder zwei Räder sind gut für die Umwelt und gut für einen selber.

 

Ostereier gegen den grauen Alltag

Es dauert zwar noch ein wenig bis zum Ostersonntag, aber jedes Jahr, so scheint es, werden Ostereier und Osterhasen früher in den Supermärkten angepriesen. Um den üblichen Kritikern zuvorzukommen, haben sich deshalb einige Anbieter zu einem wohl humorvoll gemeinten Hinweisschild neben den Regalen hinreißen lassen, auf dem steht: „Nein, es wird nicht jedes Jahr früher.“ Aber nicht alle Ostereier müssen Hühnerhintern oder Schweizer Schokoladentöpfen entspringen. Am 1. April 1983 um 17:30 Uhr stellte eine Polizistin in Meran fest, dass im Bachbett der Passer zwischen Theaterbrücke und Meranerhofsteg ein Mann damit beschäftigt war, kleinere und größere Steine farbig zu bemalen. Beäugt von neugierigen Meranern und Kurgästen entstanden so – am Karfreitag – unzählige Ostereier aus Stein in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Die anwesenden Ordnungshüter waren davon wenig begeistert und notierten im später aus- und zugestellten Übertretungsprotokoll, dass „mittels Inschriften, Zeichen und Figuren auf Steine[n], Bäume[n] und auf der Kanalmauer öffentlicher Grund beschmutzt wurde“. Der Urheber der Aktion, mancher mag sich noch daran erinnern, war der aus Partschins stammende Aktionskünstler und Schriftsteller Matthias Schönweger. Mit dem Vorwurf der Ordnungswidrigkeit konfrontiert, meinte er damals lapidar: „Das ist Kunst.“ Neben der Bezahlung einer Verwaltungsstrafe von 10.000 Lire wurde er aufgefordert, „innerhalb von 15 Tagen [...] die Farbentfernung bzw. die Reinigung des Dammes, der Mauern und Gehölze [...] vorzunehmen“, ansonsten würde sich die Gemeindeverwaltung darum kümmern und ihm die Rechnung schicken. Kollegen von Schönweger halfen schließlich, die bunten Passersteine in den grauen Urzustand zurückzuversetzen. Von weiß angemalten Tauben zu Pfingsten ist übrigens nichts bekannt.

 

Möchtegern-Entzappler für Zappelphilippe

Manchmal braucht man nicht besonders tief zu graben, um auf Dinge zu stoßen, an die sich kaum mehr jemand erinnert. Es ist nicht einmal zwei Jahre her, dass die heimischen Kinderzimmer von einem Spielzeug in Beschlag genommen wurden, das sich innerhalb kürzester Zeit weltweit verbreitet hatte. Es ist etwa handtellergroß, besteht aus einem mittig platzierten Kugellager, besitzt meist drei Flügel, wurde in vielen Farben und Varianten hergestellt und war 2017 überall dort anzutreffen, wo sich Kinder und Jugendliche aufhielten. Mehr als 5 Euro musste man für ein Grundmodell nicht ausgeben. Zum Teil artete es in einer richtigen Plage aus, weshalb sich einige Schulen sogar gezwungen sahen, das Spielzeug in Klassenzimmer und Pausenhof zu verbieten. Wie war noch einmal gleich der Name? Richtig: Fidget Spinner. Der Handkreisel für Zappelphilippe – im Englischen fidgets – sollte Nervosität abbauen und sogar einen therapeutischen Nutzen bei diagnostizierter ADHS haben. Doch konnte keiner der von den Herstellern behaupteten Effekte bis heute wissenschaftlich nachgewiesen werden. Der Fidget Spinner wurde zwischen Daumen und Zeige- oder Mittelfinger gehalten und mit einem anderen in Drehung versetzt. Nun konnte man naheliegenderweise zusehen, wie lange sich der Kreisel drehte oder einfache Tricks ausprobieren, zum Beispiel das Balancieren auf Knie, Nase oder anderen ungeeigneten Körperteilen. Erfunden wurde das Spielzeug übrigens bereits in den 90er Jahren von einer Amerikanerin, die kein Geld hatte, um ihr Patent darauf zu verlängern, und deshalb an den Millionen verkauften Handkreiseln keinen einzigen Cent verdiente. Der Rummel um die Fidget Spinners ist zwar mit jenem um Rubiks Zauberwürfel 40 Jahre zuvor vergleichbar, doch aus dem Hype wurde kein Trend. Dafür hätte der Kreisel mehr können müssen, als sich nur zu drehen. So wurde er zu einem der kurzlebigsten Besteller der Spielzeuggeschichte.

 

Der fast vergessene Herr Kugelschreiber mit B

Unser Wortschatz wandelt sich ständig. Manch neuer Ausdruck schafft es irgendwann in den Duden, andere wiederum verschwinden so schnell wie sie aufgetaucht sind. Viele alte Wörter hingegen geraten zunehmend in Vergessenheit. Bücher wie „Versunkene Wortschätze“, „Wortfriedhof“ oder „Lexikon der bedrohten Wörter“ dokumentieren diese Entwicklung. Hier finden wir Begriffe wie beispielsweise Oheim, Zehrung oder auch Wandelstern. Auch um Südtirol macht der Sprachwandel keinen Bogen. Wer früher nach einer Batterie fragte, meinte nicht eine „Stromquelle, die auf der Umwandlung von chemischer in elektrische Energie basiert“. Es war möglicherweise dunkel und er wollte ganz einfach eine Taschenlampe. Da es damals hauptsächlich die genannten Lampen waren, die Batterien benötigten, ging der Begriff dieses zentralen Teils auf den gesamten Gegenstand über. Heute verwendet man den Ausdruck in dieser Bedeutung kaum mehr. Ebenfalls außer sprachlicher Mode sind die Benger, die Rollkragenpullover mit Reißverschluss. In diesem Fall wurde der Firmenname zum Synonym für das weit verbreitete Produkt – wie Tempo, Uhu und Labello. Die hugenottische Familie Benger war bereits seit dem 18. Jahrhundert im Textilbereich tätig und expandierte erfolgreich ins Ausland. Doch trotz innovativer Ideen und zahlreicher Auszeichnungen musste die Firma 1983 Konkurs anmelden. Mit dem Unternehmen verschwand auch langsam der Begriff. Ein weiterer Familienname war lange Zeit praktisch identisch mit der Erfindung des Namenträgers. Was heute kurz und knapp der Kuli ist, war einst der Biro – benannt nach dem ungarischen Erfinder des Kugelschreibers, László József Bíró. Auch diese Bezeichnung hört man nur mehr selten. Biros Idee lebt übrigens noch an einem anderen Ort weiter: Wer das nächste Mal einen Deo-Roller benutzt, soll sich den Mechanismus genauer anschauen.

 

Variationen mit x

Premierministerin Theresa May versucht derzeit verzweifelt für ihr Land einen geordneten Austritt aus der Europäischen Union zu erkämpfen. Vor zweieinhalb Jahren hatten fast 52 % der britischen Wähler für das Verlassen der EU gestimmt. Doch viele Bürger informierten sich erst nach Wahlende, was das Ausscheiden überhaupt für Großbritannien bedeute – mit um bis zu 2450 Prozent gesteigerten Suchanfragen auf Google. Momentan vergeht kein Tag ohne neue Nachrichten zum so genannten Brexit. Dieses Kofferwort mit einfacher Bauanleitung, abgekürzter Ländername + „exit“, schwirrt seit 2012 in den Medien herum, war aber keineswegs die erste Wortschöpfung dieser Art. Wie bei vielen abendländischen Ideen führt die Suche nach dem Ursprung nach Griechenland. Man denke an Philosophie und Demokratie. Der Austritt Athens aus der Euro-Zone wurde schon vor zehn Jahren diskutiert und mit dem Schlagwort Grexit versehen. Griechenland wäre zur eigenen Währung Drachme zurückgekehrt und hätte versucht, seine Wirtschaft zu sanieren. Politisch wäre dieses Szenario eine Niederlage gewesen, denn der Beitritt der Hellenen zum Euro-Raum entsprach mehr einem politischen Wunsch als einer wirtschaftlichen Rechtfertigung. Mehrere milliardenschwere Hilfspakete und harte Sparmaßnahmen haben zwar die Kreditwürdigkeit ansteigen lassen, aber ebenso Arbeitslosigkeit und Armut. Außerdem haben 300.000 junge, qualifizierte Griechen das Land verlassen, ein Großteil der wichtigen Infrastruktur wurde privatisiert und der Gebrauch von Antidepressiva hat sich in Athen seit 2010 verelffacht. Davon hört man wenig. Die ganze Aufmerksamkeit gehört dem Brexit. Nach dem Votum der Briten freuten sich viele EU-Gegner und hofften auf eine Kettenreaktion. Eifrig wurden neue Kofferwörter gebildet: Danxit Frexit Nexit / Öxit Fixit Czexit – Italexit. Klingt wie ein DADA-Gedicht. Und soll es bleiben.

 

Kaufrausch auf der Couch

Jeff Bezos, Gründer von Amazon, dem weltweit größten Onlinehändler, ist derzeit der reichste Mensch auf dem Planeten. Über 300 Millionen Produkte kann man bequem von zuhause aus bestellen. Bücher, Cocktailkleider, Lego-Roboter, Magnesiumtabletten und Luftbefeuchtungsfilter sind nur wenige Mausklicks entfernt und stehen je nach Service pünktlich am nächsten Tag vor der Tür. Dabei ist die Idee, einzukaufen ohne das Haus zu verlassen, keineswegs neu. Erfunden haben es, wenig überraschend, die Amerikaner schon im 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde „vendita per corrispondenza“, wie es in Italien hieß, auch hier populär und führte zur Gründung mehrerer Versandhäuser. Das Erfolgsrezept war einfach: „Acquistare in qualsiasi momento: di sera, di domenica, tutti in famiglia“. Postalmarket, Vestro und Euronova hießen die bekanntesten Kataloge und fanden sich auch in vielen Südtiroler Haushalten. Sie hatten zunächst kaum mehr als fünfzig Seiten, entwickelten sich aber mit den Jahren zu telefonbuchdicken Konsumwälzern mit immer umfangreicherem Sortiment. Vor allem Bekleidung ließ sich gut verkaufen und bekannte Modeschöpfer wie Krizia, Laura Biagiotti und Enrico Coveri entwarfen eigene Kollektionen. Auch für Kuriositäten war Platz: kitschige Milchkännchen aus Porzellan in Kuhform; Manneken Pis, das wasserlassende Männchen in Brüssel, in Miniaturform, das auf Knopfdruck Alkoholisches aus seinem besten Stück fließen lässt; Schachcomputer, die so langsam waren, dass die Berechnung des nächsten Spielzuges Zeit genug bot, um – ohne Übertreibung! – ein zweigängiges Menü zuzubereiten und zu genießen. Nach dem Höhenflug in den 70er und 80er Jahren folgte die große Krise. Sogar Platzhirsch Postalmarket (in Südtirol von manchen zu Burgstallmarkt verballhornt) kam gehörig ins Straucheln. Etwa zeitgleich verkaufte Jeff Bezos das erste Buch online. Es handelte von Intelligenz und Kreativität. Der Rest ist Geschichte.

 

Ein Schelm, wer Glyphosat dabei denkt

Wie zeitabhängig unsere Einschätzungen darüber sind, was gut und was schlecht ist, wird besonders deutlich, wenn man alte Zeitungen und Bücher liest. „Er empfindet Unbehagen / Wegen Ungezieferplagen. / Unser Freund hat die Idee: / »Hier hilft einzig DDT!« / Ja, die DDT-Substanzen / Töten Läuse, Flöhe, Wanzen, / Und man schätzt in jedem Staat / Dieses Schweizer Fabrikat.“ Diese gereimten Verse finden sich im 1950 erschienenen Schweizer Comic „Freund Globi im Urwald“. Diese unverhohlene Werbung für einen Giftstoff in einem Kinderbuch wirkt heute überaus befremdlich. Das erwähnte DDT, chemisch präziser Dichlordiphenyltrichlorethan, war jahrzehntelang das weltweit am meisten eingesetzte Insektizid. Es war effizient, leicht herzustellen und Schädlinge ließen sich damit praktisch über Nacht ausrotten. Der Schweizer Paul Hermann Müller hatte die insektizide Wirkung entdeckt und 1948 dafür sogar den Nobelpreis für Medizin erhalten. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass sich der Stoff im Gewebe von Menschen und Tieren anreicherte und hormonähnliche Wirkungen zeigte. Hinzu kam der Verdacht, krebserregend zu sein, eine Befürchtung, die sich vor drei Jahren weiter erhärtete. Das einstige Wundermittel fiel – trotz Widerstand aus der Industrie – in Ungnade und wurde in den meisten westlichen Industrieländern bereits vor vierzig Jahren verboten. In Malariagebieten wird DDT aber auch heute noch gegen Stechmücken versprüht. 2014 stimmte der Comic-Held Globi in seinem neuen Abenteuer ganz andere Töne an. Er übernimmt von einem alten Landwirt ein heruntergekommenes Bauerngut und wandelt den Hof in einen biologischen Betrieb um. In Kenia lässt er sich von einer Bio-Bäuerin ökologische Anbaumethoden erklären und verbannt zuhause jegliche Pestizide von seinem Hof. So ändern sich die Zeiten.

 

Von Toiletten, Druckerpressen und Warnwesten

Kann man den Charakter einer Nation anhand der verwendeten Kloschüsseln beschreiben? Der für seine ungewöhnlichen Vergleiche bekannte slowenische Philosoph Slavoj Žižek meint ja. Beim deutschen Modell bleibe das Ausgeschiedene zunächst wie auf einem Präsentierteller sichtbar, um es nach Auffälligkeiten zu untersuchen, wie es sich für ein Volk von Dichtern und Denkern gehöre. Im typisch französischen Modell hingegen verschwinde alles unmittelbar, ungesehen und schnell – im Land der Revolution wird nicht diskutiert, sondern gehandelt. Apropos Revolution. Ein Ereignis der französischen Geschichte ist im allgemeinen Gedächtnis geblieben, wenn es auch kaum den Weg in die Tagesnachrichten findet: der berühmte Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. Aber so bekannt die Begebenheit auch ist, Legenden, Halbwissen und Fehleinschätzungen ranken sich um die damaligen Handlungen und verklären sie zu einem Mythos. Entgegen vielfacher Meinung war die Bastille kein Horrorgefängnis. Es gab keine finsteren Verliese, keine angeschmiedeten Gefangenen, nicht einmal verschlossene Räume – und weder eine Erstürmung noch ein massives Blutbad. Sogar das „Folterinstrument“, das man nach der Übergabe an die Aufständischen in den Kellerräumen gefunden hatte, entpuppte sich als altertümliche Druckerpresse. Fast 230 Jahre nach den Ereignissen wird der Sturm auf die Bastille wieder zum aktuellen Schlagwort. Unzufriedene Franzosen demonstrieren u.a. gegen die von der Macron-Regierung geplanten Kraftstoffpreiserhöhungen. Die sogenannten „Gelbwesten“ organisieren sich über die sozialen Netzwerke und haben erst kürzlich im Internet zu einem neuen Sturm auf die Bastille aufgerufen. Gemeint ist das natürlich symbolisch. Die echte Bastille wurde bereits zwei Tage nach dem „Sturm“ abgerissen, in Einzelteile zerlegt und als Souvenirs verkauft. Nach dem Motto: So schnell wie möglich aus den Augen – eine Klospülung und weg.

 

Ave, Aloha! Frieden Rufen Mal Anders. Bin Nur Demokrat & Fang Neider.

Vor wenigen Wochen hat das Landesinstitut für Statistik seine neue Broschüre „Vornamen in Südtirol 2017“ vorgestellt. Aufgrund des regen öffentlichen Interesses erscheint das kurzweilige Verzeichnis bereits zum siebten Mal. Blickt man in die erste, schon lange vergriffene Ausgabe für das Jahr 1987, also dreißig Jahre zurück, zeigt sich der demographische Wandel unseres Landes schon allein anhand der Vornamengebung. Zwar befinden sich die Namen Maria und Josef immer noch unangefochten auf Platz 1, daran wird sich auch so schnell nichts ändern, aber die Namensvielfalt ist geradezu explodiert. „Namen, die nämlich vor nur 30 Jahren das Kopfschütteln bestürzter Verwandter bewirkt haben, sind heute in aller Munde, und wer weiß, welche sonderbaren Namen die Melderegister des nahenden 21. Jahrhunderts beherrschen werden.“, liest man 1987 am Ende der Einleitung. Bestand damals die Vielfalt in fast schon überschaubaren 7.700 Vornamen, hat sich diese Zahl bis heute mit über 24.500 mehr als verdreifacht. Die Gründe dafür liegen nur am Rande in den extravaganten Modenamen origineller Eltern, sondern vor allem in der Pluralisierung der Gesellschaft, leben doch mittlerweile Menschen aus 139 Nationen hier. Man muss aber nicht lange suchen, um auf Südtiroler und Südtirolerinnen mit auffallenden Namen zu treffen: Parzival, Desdemona, Platon, Faust und Lohengrin (ein Frauenname!) sind hier ebenso zu finden wie Anri (nein, kein Grödner Schnitzer), Dame (ein Mann), Peter (eine Frau), Jesus (ein Mann und eine Frau), Rosatirol (eine Patriotin?) und – man glaubt es kaum und hofft auf einen Schreibfehler – Danielanorbert. Luft nach oben gibt es dennoch. Die Datenbank des Namenkundlichen Zentrums der Universität Leipzig verzeichnet mittlerweile mit über einer halben Million verschiedener Vornamen zwanzig Mal mehr als bei uns gezählt. Der etwas seltsame Titel dieses Beitrags besteht übrigens ausschließlich aus Vornamen in Südtirol lebender Personen.

 

Der Albtraum der Generation Smartphone

Wer heute für ein Smartphone 200 Euro hinblättert (oder bis zu acht Mal so viel, wenn er Wert auf das vorangestellte kleine i legt), bekommt ein Gerät, mit dem er Nachrichten versenden, fotografieren, filmen, im Internet surfen, spielen, Musik hören, Termine verwalten, Navigationssysteme verwenden und ... natürlich telefonieren kann. Es fehlt vielleicht noch das Aufsetzen von Nudelwasser für eine ordentliche Pasta, aber das ist nur eine Frage der Zeit. All die erwähnten Funktionen können wir rund um die Uhr, sieben Tage die Woche nutzen. Die Zeiten, in denen man eine Telefonleitung, an der ein mausgraues, verkabeltes Wählscheibentelefon des einzigen staatlichen Anbieters hängt, auch noch mit einer anderen Familie teilen musste, liegen aber nur wenige Jahrzehnte zurück. Grau, Kabel, teilen und Monopol – diese Wörter klingen in den Ohren heutiger Kunden wie der blanke Horror. Und die Jüngeren werden fragen: Wählscheibe? Immerhin trug die Gemeinschaftsleitung den modern klingenden Namen Duplexanschluss. Dahinter verbargen sich zwei Telefonanschlüsse, die aus Kostengründen auf eine einzige Leitung gelegt wurden. Zwar hatte jeder Teilnehmer seine eigene Nummer, aber es konnte jeweils nur einer telefonieren. Wenn also die Leitung wieder einmal seit geraumer Zeit besetzt war und man auf einen wichtigen Anruf wartete, blieb einem nichts anderes übrig, als höflich an der Nachbarstür zu klopfen – in der Hoffnung, dass dort niemand Liebeskummer hatte. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre verschwanden die Duplexanschlüsse mit zunehmendem Wohlstand und verbesserter Technik. Aber jedes Gerät beeinflusst mit seinen Möglichkeiten unser Sozialverhalten. Wer würde heute akzeptieren, nicht jederzeit telefonieren zu können? Oder Fotos zu machen? Woher sonst kommen die über 1 Billion Bilder, die allein 2017 mit Smartphones geschossen wurden? Mit der Freiheit entstehen allerdings neue Herausforderungen: So wurde das Warten durch die ständige Erreichbarkeit ersetzt.

 

Ich habe gerade ein Hufeisen in meiner Lasagne gefunden

Es ist genau so lange her wie die letzten Landtagswahlen in Südtirol. Aber während manch ein Nicht-mehr-Gewählter schmerzvoll auf das Jahr 2013 und glorreichere Zeiten zurückblickt, ist ein Skandal, der damals ganz Europa erschüttert hat, aus den Hauptnachrichten und den Köpfen verschwunden: der Pferdefleisch-Skandal. Alles hatte auf den britischen Inseln begonnen, als man in Tortellini und Lasagne nicht geringe Anteile von Pferdefleisch nachweisen konnte – undeklariert und oft mit Medikamenten belastet. Mehrere Fertigprodukte bestanden sogar zu 100 % aus Pferdefleisch. Die Verstrickungen der Branche lasen sich wie die Pervertierung des europäischen Einigungsgedankens: Ein schwedischer Lebensmittelkonzern liefert von einer französisch-luxemburgischen Firma produzierte Waren nach Großbritannien, die aus Zypern stammende Zutaten eines niederländisch geführten Unternehmens enthielten. Dabei war der Verantwortliche für die Justiz kein Unbekannter. Bereits im Jahr zuvor wurde er verurteilt, weil er südamerikanisches Pferdefleisch als Rindfleisch gehandelt hatte. Betroffen waren zahlreiche EU-Länder, Hausprodukte von Supermärkten genauso wie internationale Top-Marken. In anderen Worten: Egal, ob man wenig oder mehr für seine geliebte Lasagne ausgegeben hat, „Schimmel im Essen“ bekam eine ganz neue Bedeutung. Einige Kontrollen wurden zwar seither verbessert, wenn auch etwas halbherzig, aber solche Praktiken verschwinden kaum von einem Tag auf den anderen. Erst vor wenigen Wochen wurde – abseits der großen Schlagzeilen – ein neuer Fall von Lebensmittelbetrug mit Pferdefleisch bekannt. So wird auch heute noch manches Ross auf wundersame Weise zu einem Schwein. Aber vielleicht bevorzugen wir Letzteres zu Unrecht. China zum Beispiel hatte heuer seinen eigenen Lebensmittelskandal: Man hatte in Burgern statt des hochgeschätzten Eselsfleischs zum Ärger vieler tatsächlich Schweinefleisch gefunden.

 

Ein Bild sagt mehr als dreizehn Worte

Der Wahlkampf war bisher größtenteils wenig spritzig. Manch einer beklagte schon gähnende Langeweile. Wäre das grenzwertige Plakat von CasaPound nicht gewesen, hätte es gar keinen Aufreger gegeben, der es on- wie offline zu etwas größerer Medienpräsenz gebracht hat. Im Vergleich dazu bot der letzte Wahlkampf einiges, das auch gut zur politischen Fernsehserie „House of Cards“ gepasst hätte. Dazu brauchte es weder mehrere Parteien oder Politiker und schon gar nicht viele Worte. Um genau zu sein, genügten dreizehn Wörter und dreizehn Ausrufezeichen: Sprachen! Südtirol! Kult! Europa! Tradition! Natur! Mut! Zusammenhalt! Moderne! Aktiv! Offenheit! Weitblick! Menschen! Sie wurden über 28 durchaus ansprechende Bilder gelegt und bildeten das inhaltliche Destillat eines politischen Programms, auf Hochglanzpapier gebannt und vier Mal gefaltet. Auf allen Fotos war dieselbe Person in verschiedenen natürlichen und gestellten Posen zu sehen: Marie Måwe. Die Nordschwedin, die sich heute als „Schauspielerin, [...] erfahrene Rock-/Country-Sängerin, Tauchlehrerin und ehemalige LKW-Monteurin“ beschreibt, kandidierte 2013 als Quereinsteigerin für die SVP. Damit sorgte sie für eine Menge Unruhe und – da man genug von Ausrufezeichen hatte – auch für eine Menge Fragen. Hat man von politischer Seite in Rom interveniert, damit sie gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen die italienische Staatsbürgerschaft erhält? Wer hat ihre 23.000 Euro teure Wahlwerbung finanziert, wenn sie doch gestand, kaum Geld dafür ausgeben zu können? Wer kam auf die Idee, die Frau auf ihr Äußeres zu reduzieren und als Pin-Up-Girl vor den Parteiwagen zu spannen? War es Zufall, dass man ihr Poster an alle italienischsprachigen Männer unter 35 Jahren verschickte? Bei all dem blieb das eigentlich Interessante vollkommen im Hintergrund: Wofür stand die Frau? Welche Ideen hatte sie? Mit 6.680 Vorzugsstimmen bekam sie schlussendlich fünf Mal so viele wie Paul Köllensperger. Aber mit ihm wird es heuer doch noch spannend – auch ohne Poster.

 

Auf dem vorletzten Loch gepfiffen

Zu behaupten, Donald Trump wäre ein Meister der ausgewogenen Töne und feinen Nuancen, kommt der Wirklichkeit ungefähr so nahe, als würde man eine Axt als geeignetes Werkzeug für eine Blinddarmoperation halten. Seine Politik der Provokation und Konfrontation wird besonders fatal, wenn es um Probleme geht, die nur von der internationalen Staatengemeinschaft gemeinsam gelöst werden können. Beim Klimawandel zum Beispiel. Trumps Aussage, dieser sei eine Erfindung der Chinesen, um der US-Wirtschaft zu schaden, kann kaum ernst genommen werden. Was kann man gegen die Erderwärmung machen? Blicken wir dreißig Jahre zurück zu einem Thema, das über lange Zeit hinweg in den Medien präsent war und das Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen beschäftigt hat. Heute findet es nur mehr vereinzelt, wenn überhaupt, den Weg in die vorderen Schlagzeilen: das Ozonloch. Seit den 1980er Jahren war das Phänomen über der Antarktis nicht mehr zu leugnen. Die Konzentration von Ozon in den oberen Luftschichten nahm dramatisch ab, wodurch die für den Menschen schädliche UV-B-Strahlung zunahm. Zeitweise war das Loch so groß wie ganz Nordamerika. Doch Wissenschaftler erkannten die Ursachen, wofür es später sogar den Nobelpreis für Chemie gab, und Politiker handelten. Das Montrealer Protokoll aus dem Jahre 1987, mit dem die ozonzerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW)  verboten wurden, war ein Meilenstein und zeigt, zusammen mit weiteren strengeren Verträgen, seine Wirkung. Seit vielen Jahren ist, bei allen jahreszeitlichen Schwankungen und unvorhergesehenen Ereignissen wie Vulkanausbrüchen, eine Erholung der Ozonschicht zu beobachten – auch wenn es noch lange dauern wird, bis sich das Loch schließen kann. Die positive Botschaft lautet: Vernünftige Entscheidungen auf wissenschaftlicher Basis fruchten. Dies hat man (hoffentlich nur vorübergehend) im Weißen Haus vergessen.

 

Der Bär ist tot, es lebe der Bär

Es gibt einige heiße Eisen im aktuellen Wahlkampf. Der Doppelpass ist eines davon. Aber auch Bär und Wolf sind nicht minder temperiert. Drei Viertel der Südtiroler seien gegen die Einführung von wilden Tieren, weiß die „Zett“, und mit 80 % Gegnern rangiere Meister Petz als weitaus unbeliebtestes Tier auf Platz 1. Erst im Juni wurde ein Bär in Laas gesichtet – Übergriffe auf Bienenstände inklusive. Diese Tiere tragen meist Namen wie M13, was eher nach einem Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules klingt, als nach einem Lebewesen aus Fleisch und Blut. Dabei hat es in Südtirol einen Bären gegeben, der allseits beliebt war, an dessen Schicksal die Menschen Anteil nahmen – und der sogar einen richtigen Namen trug: Pippo. Zu Beginn der 60er Jahre schenkte der Bürgermeister von Trient seinem Bozner Amtskollegen zwei Braunbären, das Weibchen Denis und eben Pippo. Ein Freundschaftsgeschenk, das bald zu einer beliebten Attraktion für die Hauptstädter wurde – auch wenn Pippo für den Tod von Denis und das in Bozen geborene Bärenjunge verantwortlich war, weil niemand wusste, dass Mutter und Junges nach der Geburt an einen anderen Ort gebracht werden müssen. Pippos wenig tiergerechtes Gehege war ursprünglich ein Löwenzwinger, stammte noch aus der Zeit des Faschismus und sollte wohl an große (?) koloniale Zeiten erinnern. Jedenfalls wurde es Pippos neues Zuhause für die folgenden Jahrzehnte. Kinder beobachteten ihn beim Spielen und Schlafen und fütterten ihn mit Nüssen oder anderen Leckereien. Pippo war eine Institution. Doch seine Gesundheit litt zunehmend. Seine Hinterbeine waren gelähmt und ab 1987 konnte er sich kaum noch bewegen. Von da an entbrannte ein leidenschaftlich geführter Streit, ob es nicht sinnvoller wäre, Pippo von seinen Leiden zu erlösen. 1993, vor 25 Jahren, wurde er schließlich eingeschläfert. Doch wie bei Wolf, Luchs und Bär: Es ist schwierig zu sagen, auf welcher Seite sich die echten Tierfreunde befinden.

 

Die Mutter aller Sommerhits

Nun ist es offiziell. „Bella ciao“ von El Profesor ist der Sommerhit des Jahres 2018. Der Song hat alles, was man von einem Gassenhauer für heiße Monate erwartet. Er besitzt eine eingängige Melodie, ist diskothekentauglich, verkauft sich wie frisches Brot, stammt von einem kaum bekannten Interpreten – und ist nur mäßig originell. Schon in den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Sommerhits kräftig und ungeniert bei früheren Kompositionen bedient. So auch „Bella ciao“, das eigentlich ein italienisches Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg ist und dessen Melodie schon vor über hundert Jahren gesungen wurde. Dem Erfolg tut dies keinen Abbruch. Am besten liefert man zum Lied eine einfache Tanzchoreographie dazu, die auch der angesäuselte Partygeher noch zu später Stunde zustandebringt. Man denke nur an die simplen Verrenkungen zu „Macarena“. 1989 war es allerdings anders. Ein Lied einer in Frankreich zusammengestellten Band mit Musikern aus Brasilien, Argentinien, Guadeloupe und Martinique und – wie es sich für einen Sommerhit gehört – einer gestohlenen Melodie aus Bolivien eroberte weltweit die Hitparaden: „Lambada“ von Kaoma. Der gleichnamige Paartanz dazu hat allerdings nichts mit ein wenig Hände-nach-vorne, Hände-nach-oben zu tun. Ihn musste man lernen, am besten bei Profis. Nachdem das Lambada-Fieber auch in Südtirol um sich gegriffen hatte, wurden entsprechende Tanzkurse angeboten. Karoline Khuen von den Black & White Dancers Meran erinnert sich gerne und gut daran: Die Musik ging ins Ohr, der Tanz war faszinierend und die leichtbekleideten Mädchen stachen ins Auge. Die zahlreichen Auftritte von Kaoma luden dazu ein, die Schritte zu studieren und, nachdem man sich auf Tanzlehrerkongressen ausgetauscht hatte, entwickelte man neue, eigene Choreographien. Denn Auftritte waren im ganzen Land gefragt. Zwei, drei Jahre lange waren Augen und Ohren des Publikums gefesselt und die Tanzkurse voll. Für einen Sommerhit eine Ewigkeit. Danach wurde es ruhiger. Es käme aber auch heute noch vor, dass sie von ehemaligen Kursteilnehmern, die sich gerne an diese Zeit erinnern, darauf angesprochen werde. Überlebt hat übrigens der String-Tanga. Der wurde durch die Tänzerinnen von Kaoma in Europa plötzlich salonfähig.

 

Wie es Kortsch ins Ausland geschafft hat

Mehrere namhafte österreichische und Schweizer Theater erwähnen auf ihrer Internetseite den kleinen Vinschger Ort Kortsch. Gut, der Kortscher Theaterverein ist seit Jahrzehnten auch außerhalb des Vinschgaus für seine exzellenten Inszenierungen bekannt, aber ob das als Erklärung ausreicht? Die Lösung ist denkbar einfach. 2006 hatten die Kortscher ein Stück des Vorarlbergers Stefan Vögel aufgeführt. Diese Information ist damals in den Wikipedia-Artikel des Autors eingeflossen (der übrigens von einem Mitglied des Kortscher Theatervereins geschrieben wurde) und da viele Presseleute, die etwas über Stefan Vögel wissen wollen, in die Wikipedia (statt auf dessen Homepage) schauen, um dann daraus abzuschreiben, verbreitet sich die Schlanderser Fraktion international. Nebenwirkungen der Informationsmonokultur. Diese beginnt allerdings schon an anderer Stelle. Wer erinnert sich denn noch an Altavista, Lycos, Magellan, Excite, Fireball, Webcrawler und MetaGer? Wenn heute über 92 Prozent aller Anfragen im World Wide Web über Google getätigt werden, scheint Suchmaschinenvielfalt ein überwundenes Phänomen aus vergangenen Zeiten. Für die Generation Internet ist Magellan im besten Fall ein portugiesischer Seefahrer. Dabei hatten und haben die Alternativen doch einiges zu bieten. Altavista zum Beispiel hat mit Babel Fish den ersten maschinellen Übersetzungsdienst im Netz entwickelt. Fireball ermöglicht anonymes Suchen und sammelt keine Informationen über den Nutzer. MetaGer liefert Ergebnisse unabhängig vom eigenen Surfverhalten, um eine Filterblase zu vermeiden, in der verstärkt das aufgelistet wird, von dem ein Algorithmus glaubt, dass man es lesen möchte. Sehr heikel, wenn man sich unvoreingenommen eine Meinung bilden will. Wie sehr sich der Blick ins Netz durch andere Suchmaschinen verändert, zeigt der Begriff „Kortsch“. Für Excite ist es in erster Linie ein in den USA vorkommender Familienname.

 

Noi veniamo da Germania per un piatto di Lasagna

Wer heute eine zündende musikalische Idee hat, einen Laptop und entsprechende Software bedienen kann und sein Produkt ins Internet stellt, kann durchaus ohne großen Aufwand einen Hit landen. Vor dreißig Jahren waren die Bedingungen ganz andere. Von der Suche nach einem geeigneten Tonstudio über Produzenten, die nichts von Musik verstehen bis zu Plattenfirmen, die ins Kreative pfuschen, mussten eine Menge Hindernisse überwunden werden. Zwei, die dies geschafft haben, sind Mike Frajria, Urgestein der Südtiroler Musikszene und Mastermind hinter zahlreichen Projekten, und der Meraner Radio-DJ Franco Perchinelli. Unter dem Namen Foll Svaghen – ein Wortspiel aus Volkswagen und „folle svago“, also „verrückte Unterhaltung“ – landeten sie 1989 mit ihrer Mischung aus Rap, Klamauk und Blasmusik einen lokalen Hit. Zeilen wie „Voliam fare abbronzatura / Ma la pelle non vien scura / Cotti come una bistecca / Noi cerchiamo discoteca“ warfen einen humorvollen Blick auf bundesdeutsche Touristen in Italien. „Ghematonzen“, so der Name des Titels, führte im August sogar die Südtiroler Single-Charts an. Die Idee dazu entstand an einem Faschingsabend, aufgenommen wurde der Song dann in Gröden zusammen mit Frajrias Bruder Silvio (alias Silvius von Föhn) und schließlich bei Berlusconis Five Records veröffentlicht. Dass Franco Perchinelli auf dem Cover der Maxi-Single fast schon antitolomeisch zu Franz Perkmann tirolisiert wurde, ist typisch für den Humor der Truppe. Die Scheibe wird heute im Internet übrigens ab 25 Euro aufwärts gehandelt und ist in Zeiten des Streamings ein physischer Beweis für eine witzige Episode der heimischen Musiklandschaft. Zum Nachfolger „Telefunken“ über einen jungen Touristen, der von einer attraktiven Frau ausgeraubt wurde und nun nackt in einer Telefonzelle steht, kam es wegen Unstimmigkeiten in der Plattenfirma nicht mehr. Ob er es noch geschafft hat, zuhause anzurufen und wie die Geschichte endet, wird deshalb leider ein Geheimnis bleiben.

 

Spendenbereitschaft trifft auf Online-Narzissmus

Wenn Tausende Menschen im Netz dasselbe machen, dann nennt man das ein virales Phänomen. Wirft man heute beispielsweise ein Handtuch über einen Hund und verschwindet dann, was denselben ratlos zurücklässt, so hat man an der #WhatTheFluffChallenge teilgenommen. Der tiefere Sinn dahinter bleibt dem denkenden Menschen verborgen. 2014 gossen sich bekannte und weniger bekannte, bekleidete und weniger bekleidete Menschen einen Kübel mit Eiswasser über den Kopf. Damit sollte auf die bisher unheilbare Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam gemacht werden. Bei der Krankheit, an der auch der heuer verstorbene Physiker Stephen Hawking litt, sterben Nervenzellen ab und die Betroffenen verlieren zunehmend die Kontrolle über ihren Körper. Die Eisdusche sollte für ein paar Sekunden das Gefühl vermitteln, wie es ist, gelähmt zu sein. Die Regeln der Ice Bucket Challenge waren einfach: Wird man von jemandem nominiert, kippe man sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf (wie Donald Trump) und spende 10 Euro für die ALS-Forschung. Entscheidet man sich dagegen (wie Barack Obama), möge die Spende 100 Euro betragen. Die Aktion war erfolgreich, die Spenden steigerten sich zunächst auf das Dreißigfache. Doch je mehr Wochen verstrichen, desto weniger ging es um die Krankheit, sondern vielmehr darum, sich attraktiv, witzig oder originell zu präsentieren und Likes in den sozialen Netzwerken abzustauben. Und obwohl nur etwa 10 % tatsächlich spendeten, kamen immerhin 190 Millionen Euro für die Forschung zusammen. Kritiker hingegen stießen sich am Wasserverbrauch – bei allein auf Facebook geposteten 17 Millionen Videos ein durchaus nachvollziehbares Argument. Trotzdem versuchte man seit dem ersten Hype jeden Sommer, das Phänomen wieder aufleben zu lassen. Die breite Öffentlichkeit bekam davon freilich wenig bis nichts mit. Viel interessanter ist es mittlerweile, Hunde mit Handtüchern zu verwirren.

 

So transparent, fast unsichtbar

Manche Parteien können auf eine über hundertjährige erfolgreiche Geschichte zurückblicken, andere haben den Zenit ihrer Bedeutung längst überschritten oder sind genauso schnell verschwunden wie sie aufgetaucht waren. Zum Beispiel die Piratenparteien, die sich als Alternative gegen das Establishment und als Auffangbecken für Protestwähler etablieren wollten. 2006 wurde in Schweden die erste Partei dieses Typs gegründet, weitere folgten in anderen Ländern. Interessantes Detail: Man könnte erwarten, dass Parteien wegen ihres Programms gewählt werden. Nicht so bei den Piraten. Zuerst waren die Wähler da, erst danach musste man die schwierige Frage lösen, wofür man sich – außer für Transparenz – überhaupt politisch einsetzen wolle. Immerhin gab es 2012 europaweit viele Wählerstimmen, so kam es zur Gründung der Piratenpartei Südtirol. Allerdings gab es von Anfang an Schwierigkeiten. Es ist schon fast ironisch, dass die deutschen Piraten eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes verfolgten und mit dem Slogan „Gute Ideen sind da um kopiert zu werden“ auf Plakaten warben, die Misere der Südtiroler aber schon vor der Gründung begann, als es eine Auseinandersetzung mit den Italienern wegen der Namensrechte gab. Auch die basisdemokratische Grundausrichtung war besser gemeint als umgesetzt. Wenn jeder etwas Anderes will, wofür steht dann die Gemeinschaft? So war das Ende schon vorprogrammiert, bevor es richtig losging. Heute existieren die Südtiroler Piraten im Wesentlichen in Form einer Facebook-Gruppe mit nicht ganz 1.700 Likes, deren letzte Posts schon gut neun Monate alt sind und meist aus geteilten Beiträgen anderer Gruppen bestehen. Immerhin transparent zitiert.

 

Katharina und Simon heißen Charlie

Die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo steht politisch links, gibt sich stark kirchen- und religionskritisch und wurde deshalb von Konservativen immer wieder vor Gericht verklagt. 2006 hatte sich das Wochenblatt den Zorn vieler Muslime auf sich gezogen, als man die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten nachdruckte. Aber auch Christen und Juden waren immer wieder Ziel der Satire, die für viele auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritt. Weltweit bekannt wurde das Magazin im Jänner 2015, als bei einem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion zwölf Menschen ermordet wurden. Der Schock der Öffentlichkeit saß tief, es kam in zahlreichen europäischen Städten spontan zu Solidaritätsbekundungen. Menschen gingen auf die Straße, trugen Plakate und bekannten „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“, was sie auch mit ihrem Profilbild auf Facebook, Twitter & Co. ausdrückten. Wenige Tage später nahmen über 3,7 Millionen Bürger an Trauermärschen teil. Die verbliebenen Mitglieder der Redaktion machten indes weiter. Eine Woche später erschien bereits die nächste Ausgabe, statt 60.000 wurden 7 Millionen Exemplare verkauft – inklusive Übersetzungen in 16 Sprachen. Auch in den kommenden Wochen fanden Millionen von Zeitschriften Leser. Die Welle der Solidarität schien keine Grenzen zu besitzen, in Deutschland wurde sogar ein eigener Ableger gegründet. Und heute? Die Auflage ist auf frühere Dimensionen geschrumpft, die deutsche Ausgabe musste bereits nach einem Jahr wegen zu niedriger Verkaufszahlen eingestellt werden – und die Profilbilder zeigen schon lange wieder Simon und Katharina.

 

Bezirksblattbeitrag in deutscher Sprache

Wenn wir heute aus gefühlten tausend Fernsehsendern in allen Sprachen, die seit dem Turmbau zu Babel entstanden sind, auswählen können, dann erscheint das als Selbstverständlichkeit. In den 70er Jahren konnte man die TV-Stationen an einer Hand abzählen. So war 1978 der Start des ersten und damals einzigen deutschsprachigen Fernsehprivatsenders, Television Südtirol, eine Sensation. Ein ehrgeiziges Projekt mit Studios und Sender in Naturns und Siegfried Giuliani, mittlerweile TV-Legende, als Geschäftsführer, Redakteur und Sprecher in Personalunion. Gesendet wurde nur von 19 Uhr bis Mitternacht, in den warmen Monaten – sofern es nicht in die Zeit der Sommerpause (!) fiel – sogar noch zwei Stunden weniger. Dafür gab es untertags die Bildschirmzeitung, eine Art Teletext mit Lokal- und Weltnachrichten. Die Werbespots, durch die sich TVS finanzieren sollte, wurden meist selbst produziert; 7 Sekunden auf Sendung waren für günstige 50.000 Lire zu haben. Sportbeiträge und Übertragungen von Hockeyspielen gehörten zunächst zu den Stärken. Auch Filmklassiker wie „Fluss ohne Wiederkehr“ waren im Programm. Doch so enthusiastisch man an die Arbeit ging, so groß waren bald die finanziellen und technischen Schwierigkeiten, die Mitte der 80er Jahre zum Verkauf führten. Nachrichten waren irgendwann nur noch wie Radio mit Standbild, die Sommerpause wurde immer länger und die gezeigten Filme wurden, weil stets dieselben, nur noch als „Spielfilm in deutscher Sprache“ angekündigt. Mittwochs lief immer „Der Fischer vom Heiligensee“. So war zumindest einmal pro Woche ein Happy-End garantiert.

 

Wenn Suppenwürfel zu Münzen aus Papier werden

Es klingt wie ein Finanzkrimi. Riesige Tankwagen angefüllt mit italienischen Münzen passieren nachts in großer Zahl die Grenze, damit man in der Schweiz daraus Uhrengehäuse herstellen kann. Wahlweise fliegt das gleiche Kleingeld nach Japan oder Singapur, um dort zu Jackenknöpfen zerstanzt zu werden. Beides kann ins Reich der Phantasie verwiesen werden. Dass es aber im Italien der 70er Jahre an allen Ecken an Wechselgeld fehlte, hingegen nicht. Ebenso wenig, dass Zuckerlen, Kaugummis, Briefmarken und sogar Suppenwürfel als Restgeld herhalten mussten. Da der Staat nicht imstande war, das Problem zentral zu lösen, hat man einen dezentralen Weg gesucht. Über 60 italienische Banken, darunter auch die Banca di Trento e Bolzano, haben begonnen, selbst kleine Geldscheine für Beträge zwischen 50 und 350 Lire zu drucken. Miniassegni, Minischecks, war die Bezeichnung für dieses italienische Notgeld. Über 830 verschiedene Typen hat es gegeben, für Supermärkte, Bekleidungsgeschäfte und Autobahnen, um nur einige Beispiele zu nennen. 1978, nach drei Jahren, war der wuchernde Spuk vorbei. Dass sich private Organisationen staatlicher Aufgaben annehmen, erinnert ein wenig an den momentanen Boom des digitalen Geldes. Über 4.500 Kryptowährungen gibt es mittlerweile – mit dem Socrates Coin auch eine mit Vinschger Beteiligung. Wie viele davon langfristig überleben werden, zeigt die Zukunft. Und die Minischecks? Geblieben sind Millionen von bunten Scheinchen aus schlechtem Papier, für die Sammler heute mitunter tief in die Tasche greifen, sofern sie sich nicht schon vor 40 Jahren in der Geldtasche oder Waschmaschine aufgelöst haben.

 

 (C) 2018-2019 by Christian Zelger