AUFGESPÜRT & AUSGEGRABEN
Drei
Kerben für ein Hallo-luja
Gerät man heute in ein Handyfunkloch, fühlt
man sich in die Steinzeit oder die sprichwörtliche Pampa versetzt.
Mobiltelefone gehören zum Alltag und wenn WhatsApp, E-Mail & Co. nicht
immer und überall zur Verfügung stehen, können sich auch schon mal
Entzugserscheinungen bemerkbar machen. Lange ist’s her, dass der Wunsch,
außerhalb der eigenen vier Wände zu kommunizieren, in eine öffentliche
Telefonzelle führte. Dafür brauchte man aber spezielle Kupfermünzen, die
allgegenwärtig waren, aber mittlerweile schon lange verschwunden sind. Die
ersten kamen in Italien bereits während der Zeit des Faschismus auf, Ende der
50er Jahre etablierte sich das Modell, an das sich die meisten Leserinnen und
Leser wahrscheinlich noch erinnern können. Es besaß drei charakteristische
Einkerbungen, zwei auf der Vorderseite mit abgebildetem Telefon, eine auf der
Rückseite mit Beschriftung: der Gettone
telefonico (in Südtirol kurz und knackig „Tschettone“). Da die Gettoni auch
als Kleingeld benutzt wurden, waren sie, angepasst an die Telefontarife, in den
70er Jahren zunächst 50 Lire, ab 1980 100 Lire und vier Jahre später
schließlich 200 Lire wert. Wer im hintersten Winkel einer Schublade noch ein
Exemplar findet, kann über die angegebene vierstellige Zahl feststellen, wann
sie hergestellt wurde: Die ersten beiden Ziffern verweisen auf das Jahr, die
letzen beiden auf den Monat. 7110 bedeutet demnach, dass sie im Oktober 1971
geprägt wurde. Diese Ausgaben sind unter Sammlern übrigens besonders begehrt,
man bezahlt heute gut 70 Euro dafür. Mit dem Aufkommen neuer Telefonapparate,
die auch normale Münzen und später Telefonkarten akzeptierten, wurden die
braunen, mitunter speckigen Geldstücke überflüssig. Hergestellt wurden sie
ohnehin schon ab 1980 nicht mehr. 2001 kam das endgültige Aus. Ein Aus der
„Handygeiselhaft“ wünscht sich heute vielleicht der eine oder andere. So hätten
Funklöcher sogar ihr Gutes.
Körper
+ Tinte + Michael Mittermaier = Jugendsünde
Nach dem Hitzeschub mit Temperaturen bis 40
Grad und einer ersten Abkühlung soll es in den kommenden Wochen für neue
Rekorde reichen. Die Kleidung ist entsprechend kurz und knapp, Mann und Frau
zeigen Haut. So lässt sich leicht beobachten, dass die Anzahl tätowierter
Menschen schon seit vielen Jahren zunimmt. Einer Studie der ISTAT zufolge
besitzen in Italien über 17 % mindestens ein Tattoo, Tendenz steigend. Ob
abstrakte Ornamente oder Kindernamen auf Füßen – Formen, Farben und Orten sind
fast keine Grenzen gesetzt. Dabei hat ein Motiv, das vor zwanzig Jahren zum
ersten großen Tattoo-Trend wurde, eine interessante Karriere hinter sich: das
so genannte Steißbeintribal, wahrscheinlich wesentlich besser bekannt unter dem
derben Namen Arschgeweih. In der zweiten
Hälfte der 1990er Jahre wurde es zusammen mit der Bauchfreimode populär.
Symmetrische Muster, die an keltische oder neuseeländische Symbole erinnern
sollen, wurden meist großflächig – und fast ausschließlich auf weiblichen
Körpern – oberhalb des Gesäßes tätowiert. Sie trugen exotische Namen wie Liquid
Dragon, Ellipse of Hope und Desperate Eagle. Erfunden wurde der Ausdruck dafür
wahrscheinlich von einem Wiener Tätowierer, aber vor allem der bayerische
Komiker Michael Mittermeier war an der Verbreitung des Begriffs beteiligt. Das
Tattoo wurde so häufig gestochen, dass ihm 2005 das von der Süddeutschen
Zeitung herausgegebene „Lexikon des frühen 21. Jahrhunderts“ einen eigenen
Artikel widmete. Sogar der Duden nahm das Wort auf, ordnete es in passender Nachbarschaft
zwischen „Arschgeige“ und „arschkalt“ ein und versuchte es dann möglichst
nüchtern zu erklären: „geweihähnliche Tätowierung am unteren Rücken“. Damit
begann aber auch schon der Niedergang. Wenn ein Motiv nicht mehr Individualität
garantiert, dann geht ein wichtiger Zweck der Körperverzierung verloren. Ob
heute Vorlagen wie das Unendlichkeitszeichen, vulgo „Assi-Propeller“, zum neuen
Megatrend taugen, wird sich zeigen.
Serval
oder nicht Serval, das war damals die Frage
In den vergangenen Monaten stieß man als
Zeitungsleser immer wieder auf recht plakative Bilder gerissener Schafe.
Manchmal reicht wesentlich weniger, um Aufmerksamkeit zu erregen. Im Februar
2015 brachte eine getötete Katze einen medialen Stein ins Rollen, der die in-
und ausländische Presse eineinhalb Jahre lang beschäftigte. Gerissen wurde das
Tier von einem in St. Pankraz im Ultental entwischten und als gefährlich
eingeschätzten Kater. So wurde er von zwei Angestellten des Amts für Jagd und
Fischerei eingefangen und in eine – nicht unumstrittene – Einrichtung im
toskanischen Semproniano gebracht. Doch dabei blieb es nicht. Das Aussehen des
Tieres legte nahe, dass es keine normale Hauskatze war. Die Behörden
untersuchten deshalb, ob der Besitzer den Kater überhaupt hatte halten dürfen.
Dieser behauptete aber, dass es sich um einen Mischling handeln würde. Chiku, so der Name des Tieres, tauchte
von da an regelmäßig in den Medien auf. Mircea Pfleiderer, eine weltweit
bekannte Zoologin, wurde im Herbst als Sachverständige verpflichtet und kam
nach eingehender Untersuchung zum Schluss, dass Chiku ein reinrassiger Serval
war. Er schaue aus, verhielte sich und rieche eindeutig wie ein Serval. Damit
war Chiku eine afrikanische Wildkatze, für die in Italien ein Haltungsverbot
bestand. Doch der Besitzer zog vor Gericht, um sein Haustier wiederzubekommen.
Er beharrte darauf, dass es sich um eine Kreuzung aus Serval und Hauskatze
handle und wies – allerdings vergebens – darauf hin, dass bei Chiku kein
DNA-Test durchgeführt wurde. Schließlich wurde er zu einer Strafe von 5.500
Euro verurteilt. Auch für das Tier gab es kein Happy End. Im Juni 2016 wurde es
tot in seinem Käfig aufgefunden. Die Autopsie, über die in den Medien kaum
berichtet wurde, ergab später, dass Chiku an einer angeborenen Nierenkrankheit
gestorben war.
Schiffbruch
überall
Das kurze, leicht verwackelte Video wirkte
wie aus einem Katastrophenfilm der 80er Jahre. Ein 275 m langes und außer
Kontrolle geratenes Kreuzfahrtschiff wälzt sich mit dröhnendem Signalhorn durch
einen venezianischen Kanal nahe der Giudecca. Dabei rammt es die Hafenmauer und
ein kleineres Touristenschiff. Zum Glück wurden dabei nur fünf Menschen
verletzt. Das Ereignis Anfang Juni erinnert entfernt an ein sieben Jahre
zurückliegendes Unglück. Das damals größte italienische Kreuzfahrtschiff, die
Costa Concordia, kollidierte vor der Insel Giglio mit einem Felsen, schlug
leck, lief auf Grund und kippte schließlich um. Die Bilder gingen um die Welt.
Ebenso bekannt wurde damals dessen schiffsflüchtiger Kapitän, der, nach eigenen
Aussagen, ausgerutscht und zufällig in ein Rettungsboot gefallen sei. Sein Name
war Francesco Schettino. Er wurde
u.a. wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung und fahrlässigem
Herbeiführen einer Havarie angeklagt. Die Prozesse zogen sich über Jahre hin
und gegen seine Verurteilung zu über 16 Jahren Haft geht er bis heute rechtlich
vor – allerdings erfolglos. Sein Name wird seither immer dann genannt, wenn
sich jemand riskant verhält, sich der Verantwortung entziehen will oder einfach
fehl am Platz ist. Die Internetseite secoloditalia.it zum Beispiel fragt nach
dem Unfall in Venedig, ob denn niemand etwas aus dem „Fall Schettino“ gelernt
hätte und „ilGiornale“ schreibt angesichts der schwierigen Situation Italiens
und des Verhaltens der italienischen Regierung von der „Schettino-Versuchung“.
Sogar in den Sportnachrichten taucht er auf. Einem Fußballer wurde die
Kapitänsbinde abgenommen und den darüber berichtenden Journalisten führt die
Erkenntnis „Manche Schiffe fahren besser ohne Kapitän“ ohne Umwege zu
Schettino. So kann man auch unsterblich werden.
Londonstraße
oder Gute Theresa, schlechte Theresa
„Dallas“ und „Denver Clan“ waren wohl die
bekanntesten Seifenopern des 80er-Jahre-Fernsehens. Hunderte Folgen, immer
abstrusere Handlungsstränge und Medien, die sich gerne auf jedes Detail der
Protagonisten stürzten. Die Soap Opera unserer Tage heißt Brexit – anscheinend
nicht enden wollende Fortsetzungen, oft unglaubwürdige Akteure und stets die
Frage „Wieso eigentlich?“. Tritt Großbritannien irgendwann wirklich aus der EU
aus und wird erneut eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland
gezogen, könnte schlimmstenfalls ein alter Konflikt wieder aufflammen. Heute
vor genau 21 Jahren, am 22. Mai 1998, ergaben zwei Volksbefragungen die
Zustimmung zu einem Abkommen, das den seit den 1960er Jahren immer wieder
blutigen Nordirlandkonflikt beendete. 71 % der zu Großbritannien gehörenden
Nordiren waren für den Vertrag, in der Republik Irland lag das Ja sogar bei 94
%. Ziel des sogenannten Karfreitagsabkommens
war es, einen politischen Konsens zum Wohl der gesamten irischen Bevölkerung zu
finden. Das war nur möglich, weil beide Seiten aufeinander zugingen: Irland
forderte keine Wiedervereinigung mit Nordirland mehr und paramilitärische
Gruppen wie die Irish Republican Army (IRA) erklärten ihre Bereitschaft zur
Entwaffnung, dafür entließen die Briten im Gefängnis sitzende Untergrundkämpfer
und verringerten die Truppen auf der Insel. Nordiren durften auf Wunsch sogar
zusätzlich zum britischen einen irischen Pass beantragen. Kommt es nun zum
Brexit, womöglich zu einem harten Austritt oder einfach nur zu einer ungünstigen
Regelung, so könnte eine sichtbare EU-Außengrenze auf der Insel dazu führen,
dass wieder auseinandergerissen wird, was seit zwei Jahrzehnten zusammenwächst.
Die Grenze hatte im Alltag der Menschen bereits jede Bedeutung verloren. Aber
das ist eben typisch für Seifenopern. Ein tieferer Sinn bleibt den meisten
verborgen.
Das
Sauschloss des Kalten Krieges
„Trump
entdeckt sein altes Feindbild Europa“, „Trump
kündigt Strafzölle auf EU-Waren an“, „Trump
will Europa mit einem merkwürdigen Tweet blamieren“: Das sind nur einige
Schlagzeilen, die belegen, dass das Verhältnis zwischen Europa und dem
US-Präsidenten keineswegs von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Dabei
war das Verhältnis zwischen den USA und unserem Kontintent lange Zeit ein ganz
anderes. Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen
aufgeteilt: in die drei Westzonen der Briten, Franzosen und Amis und in die
Ostzone der Sowjets mit dem ebenfalls viergeteilten Berlin. 1948 führten die
Westmächte ohne sich mit Moskau abzusprechen eine Währungsreform durch. Der
verärgerte Stalin reagierte mit der Blockade Berlins. Alle Land-, Schienen- und
Wasserwege wurden abgesperrt, West-Berlin war isoliert, das Schicksal von über
zwei Millionen Menschen ungewiss. So beschlossen Amerikaner und Briten, Berlin
von der Luft aus zu versorgen: die Berliner
Luftbrücke. Über ein Jahr lang flog man alles Nötige mit Flugzeugen ein:
Lebensmittel, Kohle, Medikamente, Treibstoff etc. Jeden Tag sollten mindestens
5.000 Tonnen Waren transportiert werden, das Maximum betrug fast 1.400 Flüge
innerhalb von 24 Stunden. Zwei Luftkorridore waren für die Hin-, der dritte für
die Rückflüge bestimmt. Durchschnittlich alle drei Minuten landete ein
Flugzeug, Tag und Nacht – und das 15 Monate lang. Eine logistische wie
menschliche Meisterleitung. Am 12. Mai 1949 – bei Erscheinen dieser Zeilen fast
auf den Tag genau vor 70 Jahren – gab die Sowjetunion die Blockade schließlich
auf. Vielen Menschen sind noch die sogenannten Rosinenbomber in Erinnerung,
eine liebevolle Bezeichnung für die Versorgungsflugzeuge. Amerikanische Piloten
banden Süßigkeiten an kleine Taschentuch-Fallschirme und warfen sie vor der
Landung für die wartenden Kinder ab. Und was kann man heute von den USA
erwarten? Eine schlecht zubereitete mediale saure Suppe garniert mit
Wirtschaftsdrohungen.
Antrieb
für des Mannes liebstes Spielzeug und Alternativen
Die Karikatur ist provokant. Ein Vater steht
mit seinen Kindern an der Straße, im Hintergrund sieht man Schornsteine, aus
denen dicker schwarzer Rauch quillt: „Sehr ihr das Braunkohlekraftwerk? Das ist
der Auspuff von Papas neuem Elektroauto.“ Wer heute ein Auto kauft, macht sich
vielleicht Gedanken, welcher Kraftstoff am günstigsten ist oder welcher am
wenigsten die Umwelt belastet. Dabei ist letztere Frage nicht so einfach zu
beantworten. Vor etwa zehn Jahren gab es eine intensive Diskussion über ein
neues Benzin, dem bis zu 10 % Bioethanol
beigemischt wird. Eine größere Unabhängigkeit von der Erdölindustrie wäre damit
möglich, eine Senkung des Stickoxid- und Feinstaubausstoßes, insgesamt eine
bessere Ökobilanz – so versprachen es die Befürworter. Die Rede ist von E10. Wichtig ist aber, woher der
Bioalkohol stammt. Werden zum Beispiel für den Anbau der nötigen Rohstoffe
Wälder gerodet oder beim Transport fossile Brennstoffe genutzt, verschwinden
die positive Effekte für die Umwelt – gaben die Kritiker zu bedenken. Wird das
Ethanol zudem aus Getreide, Zuckerrüben oder Mais gewonnen, ständen die Flächen
nicht mehr für die Nahrungsproduktion zu Verfügung. Außerdem war unklar, inwieweit E10 überhaupt
für alle Autos geeignet ist und ob nicht langfristige Schäden am Motor, an
Schläuchen und Dichtungen zu befürchten sind. Eingeführt wurde E10, unterstützt
durch eine eigene Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung, trotzdem und ist in
Deutschland seit 2011 erhältlich. Ein großer Hit wurde er mit maximal 15 %
Marktanteil, Tendenz sinkend, aber nie. Ähnliche Diskussionen gibt es heute zu
Elektroautos. Auch bei ihnen ist die Umweltbilanz keineswegs eindeutig.
Immerhin eines ist sicher: Wann immer es geht, zwei Beine oder zwei Räder sind
gut für die Umwelt und gut für einen selber.
Ostereier
gegen den grauen Alltag
Es dauert zwar noch ein wenig bis zum
Ostersonntag, aber jedes Jahr, so scheint es, werden Ostereier und Osterhasen
früher in den Supermärkten angepriesen. Um den üblichen Kritikern
zuvorzukommen, haben sich deshalb einige Anbieter zu einem wohl humorvoll
gemeinten Hinweisschild neben den Regalen hinreißen lassen, auf dem steht:
„Nein, es wird nicht jedes Jahr früher.“ Aber nicht alle Ostereier müssen
Hühnerhintern oder Schweizer Schokoladentöpfen entspringen. Am 1. April 1983 um
17:30 Uhr stellte eine Polizistin in Meran fest, dass im Bachbett der Passer
zwischen Theaterbrücke und Meranerhofsteg ein Mann damit beschäftigt war, kleinere
und größere Steine farbig zu bemalen. Beäugt von neugierigen Meranern und
Kurgästen entstanden so – am Karfreitag – unzählige Ostereier aus Stein in den unterschiedlichsten Farben und Formen.
Die anwesenden Ordnungshüter waren davon wenig begeistert und notierten im
später aus- und zugestellten Übertretungsprotokoll, dass „mittels Inschriften,
Zeichen und Figuren auf Steine[n], Bäume[n] und auf der Kanalmauer öffentlicher
Grund beschmutzt wurde“. Der Urheber der Aktion, mancher mag sich noch daran erinnern,
war der aus Partschins stammende Aktionskünstler und Schriftsteller Matthias
Schönweger. Mit dem Vorwurf der Ordnungswidrigkeit konfrontiert, meinte er
damals lapidar: „Das ist Kunst.“
Neben der Bezahlung einer Verwaltungsstrafe von 10.000 Lire wurde er
aufgefordert, „innerhalb von 15 Tagen
[...] die Farbentfernung bzw. die Reinigung des Dammes, der Mauern und Gehölze
[...] vorzunehmen“, ansonsten würde sich die Gemeindeverwaltung darum
kümmern und ihm die Rechnung schicken. Kollegen von Schönweger halfen
schließlich, die bunten Passersteine in den grauen Urzustand zurückzuversetzen.
Von weiß angemalten Tauben zu Pfingsten ist übrigens nichts bekannt.
Möchtegern-Entzappler
für Zappelphilippe
Manchmal braucht man nicht besonders tief zu
graben, um auf Dinge zu stoßen, an die sich kaum mehr jemand erinnert. Es ist
nicht einmal zwei Jahre her, dass die heimischen Kinderzimmer von einem
Spielzeug in Beschlag genommen wurden, das sich innerhalb kürzester Zeit
weltweit verbreitet hatte. Es ist etwa handtellergroß, besteht aus einem mittig
platzierten Kugellager, besitzt meist drei Flügel, wurde in vielen Farben und
Varianten hergestellt und war 2017 überall dort anzutreffen, wo sich Kinder und
Jugendliche aufhielten. Mehr als 5 Euro musste man für ein Grundmodell nicht
ausgeben. Zum Teil artete es in einer richtigen Plage aus, weshalb sich einige
Schulen sogar gezwungen sahen, das Spielzeug in Klassenzimmer und Pausenhof zu
verbieten. Wie war noch einmal gleich der Name? Richtig: Fidget Spinner. Der Handkreisel für Zappelphilippe – im Englischen
fidgets – sollte Nervosität abbauen und sogar einen therapeutischen Nutzen bei
diagnostizierter ADHS haben. Doch konnte keiner der von den Herstellern
behaupteten Effekte bis heute wissenschaftlich nachgewiesen werden. Der Fidget
Spinner wurde zwischen Daumen und Zeige- oder Mittelfinger gehalten und mit
einem anderen in Drehung versetzt. Nun konnte man naheliegenderweise zusehen,
wie lange sich der Kreisel drehte oder einfache Tricks ausprobieren, zum
Beispiel das Balancieren auf Knie, Nase oder anderen ungeeigneten Körperteilen.
Erfunden wurde das Spielzeug übrigens bereits in den 90er Jahren von einer
Amerikanerin, die kein Geld hatte, um ihr Patent darauf zu verlängern, und
deshalb an den Millionen verkauften Handkreiseln keinen einzigen Cent
verdiente. Der Rummel um die Fidget Spinners ist zwar mit jenem um Rubiks
Zauberwürfel 40 Jahre zuvor vergleichbar, doch aus dem Hype wurde kein Trend.
Dafür hätte der Kreisel mehr können müssen, als sich nur zu drehen. So wurde er
zu einem der kurzlebigsten Besteller der Spielzeuggeschichte.
Der
fast vergessene Herr Kugelschreiber mit B
Unser Wortschatz wandelt sich ständig. Manch
neuer Ausdruck schafft es irgendwann in den Duden, andere wiederum verschwinden
so schnell wie sie aufgetaucht sind. Viele alte Wörter hingegen geraten
zunehmend in Vergessenheit. Bücher wie „Versunkene Wortschätze“, „Wortfriedhof“
oder „Lexikon der bedrohten Wörter“ dokumentieren diese Entwicklung. Hier
finden wir Begriffe wie beispielsweise Oheim, Zehrung oder auch Wandelstern.
Auch um Südtirol macht der Sprachwandel keinen Bogen. Wer früher nach einer Batterie fragte, meinte nicht eine
„Stromquelle, die auf der Umwandlung von chemischer in elektrische Energie
basiert“. Es war möglicherweise dunkel und er wollte ganz einfach eine
Taschenlampe. Da es damals hauptsächlich die genannten Lampen waren, die
Batterien benötigten, ging der Begriff dieses zentralen Teils auf den gesamten
Gegenstand über. Heute verwendet man den Ausdruck in dieser Bedeutung kaum
mehr. Ebenfalls außer sprachlicher Mode sind die Benger, die Rollkragenpullover mit Reißverschluss. In diesem Fall
wurde der Firmenname zum Synonym für das weit verbreitete Produkt – wie Tempo,
Uhu und Labello. Die hugenottische Familie Benger war bereits seit dem 18.
Jahrhundert im Textilbereich tätig und expandierte erfolgreich ins Ausland.
Doch trotz innovativer Ideen und zahlreicher Auszeichnungen musste die Firma
1983 Konkurs anmelden. Mit dem Unternehmen verschwand auch langsam der Begriff.
Ein weiterer Familienname war lange Zeit praktisch identisch mit der Erfindung
des Namenträgers. Was heute kurz und knapp der Kuli ist, war einst der Biro – benannt nach dem ungarischen
Erfinder des Kugelschreibers, László József Bíró. Auch diese Bezeichnung hört
man nur mehr selten. Biros Idee lebt übrigens noch an einem anderen Ort weiter:
Wer das nächste Mal einen Deo-Roller benutzt, soll sich den Mechanismus genauer
anschauen.
Variationen
mit x
Premierministerin Theresa May versucht
derzeit verzweifelt für ihr Land einen geordneten Austritt aus der Europäischen
Union zu erkämpfen. Vor zweieinhalb Jahren hatten fast 52 % der britischen
Wähler für das Verlassen der EU gestimmt. Doch viele Bürger informierten sich
erst nach Wahlende, was das Ausscheiden überhaupt für Großbritannien bedeute –
mit um bis zu 2450 Prozent gesteigerten Suchanfragen auf Google. Momentan
vergeht kein Tag ohne neue Nachrichten zum so genannten Brexit. Dieses Kofferwort
mit einfacher Bauanleitung, abgekürzter Ländername + „exit“, schwirrt seit 2012
in den Medien herum, war aber keineswegs die erste Wortschöpfung dieser Art.
Wie bei vielen abendländischen Ideen führt die Suche nach dem Ursprung nach
Griechenland. Man denke an Philosophie und Demokratie. Der Austritt Athens aus
der Euro-Zone wurde schon vor zehn Jahren diskutiert und mit dem Schlagwort Grexit versehen. Griechenland wäre zur
eigenen Währung Drachme zurückgekehrt und hätte versucht, seine Wirtschaft zu
sanieren. Politisch wäre dieses Szenario eine Niederlage gewesen, denn der
Beitritt der Hellenen zum Euro-Raum entsprach mehr einem politischen Wunsch als
einer wirtschaftlichen Rechtfertigung. Mehrere milliardenschwere Hilfspakete
und harte Sparmaßnahmen haben zwar die Kreditwürdigkeit ansteigen lassen, aber
ebenso Arbeitslosigkeit und Armut. Außerdem haben 300.000 junge, qualifizierte
Griechen das Land verlassen, ein Großteil der wichtigen Infrastruktur wurde
privatisiert und der Gebrauch von Antidepressiva hat sich in Athen seit 2010
verelffacht. Davon hört man wenig. Die ganze Aufmerksamkeit gehört dem Brexit.
Nach dem Votum der Briten freuten sich viele EU-Gegner und hofften auf eine
Kettenreaktion. Eifrig wurden neue Kofferwörter gebildet: Danxit Frexit Nexit /
Öxit Fixit Czexit – Italexit. Klingt wie ein DADA-Gedicht. Und soll es bleiben.
Kaufrausch
auf der Couch
Jeff Bezos, Gründer von Amazon, dem weltweit
größten Onlinehändler, ist derzeit der reichste Mensch auf dem Planeten. Über
300 Millionen Produkte kann man bequem von zuhause aus bestellen. Bücher,
Cocktailkleider, Lego-Roboter, Magnesiumtabletten und Luftbefeuchtungsfilter
sind nur wenige Mausklicks entfernt und stehen je nach Service pünktlich am
nächsten Tag vor der Tür. Dabei ist die Idee, einzukaufen ohne das Haus zu
verlassen, keineswegs neu. Erfunden haben es, wenig überraschend, die
Amerikaner schon im 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde „vendita
per corrispondenza“, wie es in Italien hieß, auch hier populär und führte zur
Gründung mehrerer Versandhäuser. Das Erfolgsrezept war einfach: „Acquistare in qualsiasi momento: di sera, di
domenica, tutti in famiglia“. Postalmarket,
Vestro und Euronova hießen die bekanntesten Kataloge und fanden sich auch in
vielen Südtiroler Haushalten. Sie hatten zunächst kaum mehr als fünfzig Seiten,
entwickelten sich aber mit den Jahren zu telefonbuchdicken Konsumwälzern mit
immer umfangreicherem Sortiment. Vor allem Bekleidung ließ sich gut verkaufen
und bekannte Modeschöpfer wie Krizia, Laura Biagiotti und Enrico Coveri
entwarfen eigene Kollektionen. Auch für Kuriositäten war Platz: kitschige
Milchkännchen aus Porzellan in Kuhform; Manneken Pis, das wasserlassende
Männchen in Brüssel, in Miniaturform, das auf Knopfdruck Alkoholisches aus
seinem besten Stück fließen lässt; Schachcomputer, die so langsam waren, dass
die Berechnung des nächsten Spielzuges Zeit genug bot, um – ohne Übertreibung!
– ein zweigängiges Menü zuzubereiten und zu genießen. Nach dem Höhenflug in den
70er und 80er Jahren folgte die große Krise. Sogar Platzhirsch Postalmarket (in
Südtirol von manchen zu Burgstallmarkt verballhornt) kam gehörig ins
Straucheln. Etwa zeitgleich verkaufte Jeff Bezos das erste Buch online. Es
handelte von Intelligenz und Kreativität. Der Rest ist Geschichte.
Ein
Schelm, wer Glyphosat dabei denkt
Wie zeitabhängig unsere Einschätzungen
darüber sind, was gut und was schlecht ist, wird besonders deutlich, wenn man
alte Zeitungen und Bücher liest. „Er empfindet
Unbehagen / Wegen Ungezieferplagen. / Unser Freund hat die Idee: / »Hier hilft
einzig DDT!« / Ja, die DDT-Substanzen / Töten Läuse, Flöhe, Wanzen, / Und man
schätzt in jedem Staat / Dieses Schweizer Fabrikat.“ Diese gereimten Verse
finden sich im 1950 erschienenen Schweizer Comic „Freund Globi im Urwald“.
Diese unverhohlene Werbung für einen Giftstoff in einem Kinderbuch wirkt heute
überaus befremdlich. Das erwähnte DDT,
chemisch präziser Dichlordiphenyltrichlorethan, war jahrzehntelang das weltweit
am meisten eingesetzte Insektizid. Es war effizient, leicht herzustellen und
Schädlinge ließen sich damit praktisch über Nacht ausrotten. Der Schweizer Paul
Hermann Müller hatte die insektizide Wirkung entdeckt und 1948 dafür sogar den
Nobelpreis für Medizin erhalten. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass
sich der Stoff im Gewebe von Menschen und Tieren anreicherte und hormonähnliche
Wirkungen zeigte. Hinzu kam der Verdacht, krebserregend zu sein, eine
Befürchtung, die sich vor drei Jahren weiter erhärtete. Das einstige
Wundermittel fiel – trotz Widerstand aus der Industrie – in Ungnade und wurde
in den meisten westlichen Industrieländern bereits vor vierzig Jahren verboten.
In Malariagebieten wird DDT aber auch heute noch gegen Stechmücken versprüht.
2014 stimmte der Comic-Held Globi in seinem neuen Abenteuer ganz andere Töne
an. Er übernimmt von einem alten Landwirt ein heruntergekommenes Bauerngut und
wandelt den Hof in einen biologischen Betrieb um. In Kenia lässt er sich von
einer Bio-Bäuerin ökologische Anbaumethoden erklären und verbannt zuhause
jegliche Pestizide von seinem Hof. So ändern sich die Zeiten.
Von
Toiletten, Druckerpressen und Warnwesten
Kann man den Charakter einer Nation anhand
der verwendeten Kloschüsseln beschreiben? Der für seine ungewöhnlichen
Vergleiche bekannte slowenische Philosoph Slavoj Žižek meint ja. Beim deutschen
Modell bleibe das Ausgeschiedene zunächst wie auf einem Präsentierteller
sichtbar, um es nach Auffälligkeiten zu untersuchen, wie es sich für ein Volk
von Dichtern und Denkern gehöre. Im typisch französischen Modell hingegen
verschwinde alles unmittelbar, ungesehen und schnell – im Land der Revolution
wird nicht diskutiert, sondern gehandelt. Apropos Revolution. Ein Ereignis der
französischen Geschichte ist im allgemeinen Gedächtnis geblieben, wenn es auch
kaum den Weg in die Tagesnachrichten findet: der berühmte Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. Aber so bekannt die
Begebenheit auch ist, Legenden, Halbwissen und Fehleinschätzungen ranken sich
um die damaligen Handlungen und verklären sie zu einem Mythos. Entgegen
vielfacher Meinung war die Bastille kein Horrorgefängnis. Es gab keine
finsteren Verliese, keine angeschmiedeten Gefangenen, nicht einmal
verschlossene Räume – und weder eine Erstürmung noch ein massives Blutbad.
Sogar das „Folterinstrument“, das man nach der Übergabe an die Aufständischen
in den Kellerräumen gefunden hatte, entpuppte sich als altertümliche
Druckerpresse. Fast 230 Jahre nach den Ereignissen wird der Sturm auf die
Bastille wieder zum aktuellen Schlagwort. Unzufriedene Franzosen demonstrieren
u.a. gegen die von der Macron-Regierung geplanten Kraftstoffpreiserhöhungen.
Die sogenannten „Gelbwesten“ organisieren sich über die sozialen Netzwerke und
haben erst kürzlich im Internet zu einem neuen Sturm auf die Bastille
aufgerufen. Gemeint ist das natürlich symbolisch. Die echte Bastille wurde
bereits zwei Tage nach dem „Sturm“ abgerissen, in Einzelteile zerlegt und als
Souvenirs verkauft. Nach dem Motto: So schnell wie möglich aus den Augen – eine
Klospülung und weg.
Ave,
Aloha! Frieden Rufen Mal Anders. Bin Nur Demokrat & Fang Neider.
Vor wenigen Wochen hat das Landesinstitut für
Statistik seine neue Broschüre „Vornamen in Südtirol 2017“ vorgestellt.
Aufgrund des regen öffentlichen Interesses erscheint das kurzweilige
Verzeichnis bereits zum siebten Mal. Blickt man in die erste, schon lange
vergriffene Ausgabe für das Jahr 1987, also dreißig Jahre zurück, zeigt sich
der demographische Wandel unseres Landes schon allein anhand der Vornamengebung.
Zwar befinden sich die Namen Maria und Josef immer noch unangefochten auf Platz
1, daran wird sich auch so schnell nichts ändern, aber die Namensvielfalt ist geradezu explodiert. „Namen, die nämlich vor nur 30 Jahren das Kopfschütteln bestürzter Verwandter
bewirkt haben, sind heute in aller Munde, und wer weiß, welche sonderbaren
Namen die Melderegister des nahenden 21. Jahrhunderts beherrschen werden.“,
liest man 1987 am Ende der Einleitung. Bestand damals die Vielfalt in fast
schon überschaubaren 7.700 Vornamen, hat sich diese Zahl bis heute mit über
24.500 mehr als verdreifacht. Die Gründe dafür liegen nur am Rande in den
extravaganten Modenamen origineller Eltern, sondern vor allem in der
Pluralisierung der Gesellschaft, leben doch mittlerweile Menschen aus 139
Nationen hier. Man muss aber nicht lange suchen, um auf Südtiroler und
Südtirolerinnen mit auffallenden Namen zu treffen: Parzival, Desdemona, Platon,
Faust und Lohengrin (ein Frauenname!) sind hier ebenso zu finden wie Anri
(nein, kein Grödner Schnitzer), Dame (ein Mann), Peter (eine Frau), Jesus (ein
Mann und eine Frau), Rosatirol (eine Patriotin?) und – man glaubt es kaum und
hofft auf einen Schreibfehler – Danielanorbert. Luft nach oben gibt es dennoch.
Die Datenbank des Namenkundlichen Zentrums der Universität Leipzig verzeichnet
mittlerweile mit über einer halben Million verschiedener Vornamen zwanzig Mal
mehr als bei uns gezählt. Der etwas seltsame Titel dieses Beitrags besteht
übrigens ausschließlich aus Vornamen in Südtirol lebender Personen.
Der
Albtraum der Generation Smartphone
Wer heute für ein Smartphone 200 Euro
hinblättert (oder bis zu acht Mal so viel, wenn er Wert auf das vorangestellte
kleine i legt), bekommt ein Gerät, mit dem er Nachrichten versenden,
fotografieren, filmen, im Internet surfen, spielen, Musik hören, Termine
verwalten, Navigationssysteme verwenden und ... natürlich telefonieren kann. Es
fehlt vielleicht noch das Aufsetzen von Nudelwasser für eine ordentliche Pasta,
aber das ist nur eine Frage der Zeit. All die erwähnten Funktionen können wir
rund um die Uhr, sieben Tage die Woche nutzen. Die Zeiten, in denen man eine
Telefonleitung, an der ein mausgraues, verkabeltes Wählscheibentelefon des
einzigen staatlichen Anbieters hängt, auch noch mit einer anderen Familie
teilen musste, liegen aber nur wenige Jahrzehnte zurück. Grau, Kabel, teilen
und Monopol – diese Wörter klingen in den Ohren heutiger Kunden wie der blanke
Horror. Und die Jüngeren werden fragen: Wählscheibe? Immerhin trug die
Gemeinschaftsleitung den modern klingenden Namen Duplexanschluss. Dahinter verbargen sich zwei Telefonanschlüsse,
die aus Kostengründen auf eine einzige Leitung gelegt wurden. Zwar hatte jeder
Teilnehmer seine eigene Nummer, aber es konnte jeweils nur einer telefonieren.
Wenn also die Leitung wieder einmal seit geraumer Zeit besetzt war und man auf
einen wichtigen Anruf wartete, blieb einem nichts anderes übrig, als höflich an
der Nachbarstür zu klopfen – in der Hoffnung, dass dort niemand Liebeskummer
hatte. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre verschwanden die Duplexanschlüsse
mit zunehmendem Wohlstand und verbesserter Technik. Aber jedes Gerät
beeinflusst mit seinen Möglichkeiten unser Sozialverhalten. Wer würde heute
akzeptieren, nicht jederzeit telefonieren zu können? Oder Fotos zu machen?
Woher sonst kommen die über 1 Billion Bilder, die allein 2017 mit Smartphones
geschossen wurden? Mit der Freiheit entstehen allerdings neue
Herausforderungen: So wurde das Warten durch die ständige Erreichbarkeit
ersetzt.
Ich
habe gerade ein Hufeisen in meiner Lasagne gefunden
Es ist genau so lange her wie die letzten
Landtagswahlen in Südtirol. Aber während manch ein Nicht-mehr-Gewählter
schmerzvoll auf das Jahr 2013 und glorreichere Zeiten zurückblickt, ist ein
Skandal, der damals ganz Europa erschüttert hat, aus den Hauptnachrichten und
den Köpfen verschwunden: der Pferdefleisch-Skandal.
Alles hatte auf den britischen Inseln begonnen, als man in Tortellini und
Lasagne nicht geringe Anteile von Pferdefleisch nachweisen konnte –
undeklariert und oft mit Medikamenten belastet. Mehrere Fertigprodukte
bestanden sogar zu 100 % aus Pferdefleisch. Die Verstrickungen der Branche
lasen sich wie die Pervertierung des europäischen Einigungsgedankens: Ein
schwedischer Lebensmittelkonzern liefert von einer französisch-luxemburgischen
Firma produzierte Waren nach Großbritannien, die aus Zypern stammende Zutaten
eines niederländisch geführten Unternehmens enthielten. Dabei war der
Verantwortliche für die Justiz kein Unbekannter. Bereits im Jahr zuvor wurde er
verurteilt, weil er südamerikanisches Pferdefleisch als Rindfleisch gehandelt
hatte. Betroffen waren zahlreiche EU-Länder, Hausprodukte von Supermärkten
genauso wie internationale Top-Marken. In anderen Worten: Egal, ob man wenig
oder mehr für seine geliebte Lasagne ausgegeben hat, „Schimmel im Essen“ bekam
eine ganz neue Bedeutung. Einige Kontrollen wurden zwar seither verbessert,
wenn auch etwas halbherzig, aber solche Praktiken verschwinden kaum von einem
Tag auf den anderen. Erst vor wenigen Wochen wurde – abseits der großen
Schlagzeilen – ein neuer Fall von Lebensmittelbetrug mit Pferdefleisch bekannt.
So wird auch heute noch manches Ross auf wundersame Weise zu einem Schwein.
Aber vielleicht bevorzugen wir Letzteres zu Unrecht. China zum Beispiel hatte
heuer seinen eigenen Lebensmittelskandal: Man hatte in Burgern statt des
hochgeschätzten Eselsfleischs zum Ärger vieler tatsächlich Schweinefleisch
gefunden.
Ein
Bild sagt mehr als dreizehn Worte
Der Wahlkampf war bisher größtenteils wenig
spritzig. Manch einer beklagte schon gähnende Langeweile. Wäre das grenzwertige
Plakat von CasaPound nicht gewesen, hätte es gar keinen Aufreger gegeben, der
es on- wie offline zu etwas größerer Medienpräsenz gebracht hat. Im Vergleich
dazu bot der letzte Wahlkampf einiges, das auch gut zur politischen
Fernsehserie „House of Cards“ gepasst hätte. Dazu brauchte es weder mehrere
Parteien oder Politiker und schon gar nicht viele Worte. Um genau zu sein,
genügten dreizehn Wörter und dreizehn Ausrufezeichen: Sprachen! Südtirol! Kult!
Europa! Tradition! Natur! Mut! Zusammenhalt! Moderne! Aktiv! Offenheit!
Weitblick! Menschen! Sie wurden über 28 durchaus ansprechende Bilder gelegt und
bildeten das inhaltliche Destillat eines politischen Programms, auf
Hochglanzpapier gebannt und vier Mal gefaltet. Auf allen Fotos war dieselbe
Person in verschiedenen natürlichen und gestellten Posen zu sehen: Marie Måwe. Die Nordschwedin, die sich
heute als „Schauspielerin, [...]
erfahrene Rock-/Country-Sängerin, Tauchlehrerin und ehemalige LKW-Monteurin“
beschreibt, kandidierte 2013 als Quereinsteigerin für die SVP. Damit sorgte sie
für eine Menge Unruhe und – da man genug von Ausrufezeichen hatte – auch für
eine Menge Fragen. Hat man von politischer Seite in Rom interveniert, damit sie
gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen die italienische Staatsbürgerschaft
erhält? Wer hat ihre 23.000 Euro teure Wahlwerbung finanziert, wenn sie doch
gestand, kaum Geld dafür ausgeben zu können? Wer kam auf die Idee, die Frau auf
ihr Äußeres zu reduzieren und als Pin-Up-Girl vor den Parteiwagen zu spannen?
War es Zufall, dass man ihr Poster an alle italienischsprachigen Männer unter
35 Jahren verschickte? Bei all dem blieb das eigentlich Interessante vollkommen
im Hintergrund: Wofür stand die Frau? Welche Ideen hatte sie? Mit 6.680
Vorzugsstimmen bekam sie schlussendlich fünf Mal so viele wie Paul
Köllensperger. Aber mit ihm wird es heuer doch noch spannend – auch ohne
Poster.
Auf
dem vorletzten Loch gepfiffen
Zu behaupten, Donald Trump wäre ein Meister
der ausgewogenen Töne und feinen Nuancen, kommt der Wirklichkeit ungefähr so
nahe, als würde man eine Axt als geeignetes Werkzeug für eine
Blinddarmoperation halten. Seine Politik der Provokation und Konfrontation wird
besonders fatal, wenn es um Probleme geht, die nur von der internationalen
Staatengemeinschaft gemeinsam gelöst werden können. Beim Klimawandel zum
Beispiel. Trumps Aussage, dieser sei eine Erfindung der Chinesen, um der
US-Wirtschaft zu schaden, kann kaum ernst genommen werden. Was kann man gegen die
Erderwärmung machen? Blicken wir dreißig Jahre zurück zu einem Thema, das über
lange Zeit hinweg in den Medien präsent war und das Politiker und
Wissenschaftler gleichermaßen beschäftigt hat. Heute findet es nur mehr
vereinzelt, wenn überhaupt, den Weg in die vorderen Schlagzeilen: das Ozonloch. Seit den 1980er Jahren war
das Phänomen über der Antarktis nicht mehr zu leugnen. Die Konzentration von
Ozon in den oberen Luftschichten nahm dramatisch ab, wodurch die für den
Menschen schädliche UV-B-Strahlung zunahm. Zeitweise war das Loch so groß wie
ganz Nordamerika. Doch Wissenschaftler erkannten die Ursachen, wofür es später
sogar den Nobelpreis für Chemie gab, und Politiker handelten. Das Montrealer
Protokoll aus dem Jahre 1987, mit dem die ozonzerstörenden
Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW)
verboten wurden, war ein Meilenstein und zeigt, zusammen mit weiteren
strengeren Verträgen, seine Wirkung. Seit vielen Jahren ist, bei allen
jahreszeitlichen Schwankungen und unvorhergesehenen Ereignissen wie Vulkanausbrüchen,
eine Erholung der Ozonschicht zu beobachten – auch wenn es noch lange dauern
wird, bis sich das Loch schließen kann. Die positive Botschaft lautet:
Vernünftige Entscheidungen auf wissenschaftlicher Basis fruchten. Dies hat man
(hoffentlich nur vorübergehend) im Weißen Haus vergessen.
Der
Bär ist tot, es lebe der Bär
Es gibt einige heiße Eisen im aktuellen
Wahlkampf. Der Doppelpass ist eines davon. Aber auch Bär und Wolf sind nicht
minder temperiert. Drei Viertel der Südtiroler seien gegen die Einführung von
wilden Tieren, weiß die „Zett“, und mit 80 % Gegnern rangiere Meister Petz als
weitaus unbeliebtestes Tier auf Platz 1. Erst im Juni wurde ein Bär in Laas
gesichtet – Übergriffe auf Bienenstände inklusive. Diese Tiere tragen meist
Namen wie M13, was eher nach einem Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules
klingt, als nach einem Lebewesen aus Fleisch und Blut. Dabei hat es in Südtirol
einen Bären gegeben, der allseits beliebt war, an dessen Schicksal die Menschen
Anteil nahmen – und der sogar einen richtigen Namen trug: Pippo. Zu Beginn der 60er Jahre schenkte der Bürgermeister von
Trient seinem Bozner Amtskollegen zwei Braunbären, das Weibchen Denis und eben
Pippo. Ein Freundschaftsgeschenk, das bald zu einer beliebten Attraktion für
die Hauptstädter wurde – auch wenn Pippo für den Tod von Denis und das in Bozen
geborene Bärenjunge verantwortlich war, weil niemand wusste, dass Mutter und
Junges nach der Geburt an einen anderen Ort gebracht werden müssen. Pippos
wenig tiergerechtes Gehege war ursprünglich ein Löwenzwinger, stammte noch aus
der Zeit des Faschismus und sollte wohl an große (?) koloniale Zeiten erinnern.
Jedenfalls wurde es Pippos neues Zuhause für die folgenden Jahrzehnte. Kinder
beobachteten ihn beim Spielen und Schlafen und fütterten ihn mit Nüssen oder
anderen Leckereien. Pippo war eine Institution. Doch seine Gesundheit litt
zunehmend. Seine Hinterbeine waren gelähmt und ab 1987 konnte er sich kaum noch
bewegen. Von da an entbrannte ein leidenschaftlich geführter Streit, ob es
nicht sinnvoller wäre, Pippo von seinen Leiden zu erlösen. 1993, vor 25 Jahren,
wurde er schließlich eingeschläfert. Doch wie bei Wolf, Luchs und Bär: Es ist
schwierig zu sagen, auf welcher Seite sich die echten Tierfreunde befinden.
Die
Mutter aller Sommerhits
Nun ist es offiziell. „Bella ciao“ von El
Profesor ist der Sommerhit des Jahres 2018. Der Song hat alles, was man von
einem Gassenhauer für heiße Monate erwartet. Er besitzt eine eingängige
Melodie, ist diskothekentauglich, verkauft sich wie frisches Brot, stammt von
einem kaum bekannten Interpreten – und ist nur mäßig originell. Schon in den
vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Sommerhits kräftig und ungeniert bei
früheren Kompositionen bedient. So auch „Bella ciao“, das eigentlich ein
italienisches Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg ist und dessen Melodie
schon vor über hundert Jahren gesungen wurde. Dem Erfolg tut dies keinen
Abbruch. Am besten liefert man zum Lied eine einfache Tanzchoreographie dazu,
die auch der angesäuselte Partygeher noch zu später Stunde zustandebringt. Man
denke nur an die simplen Verrenkungen zu „Macarena“. 1989 war es allerdings
anders. Ein Lied einer in Frankreich zusammengestellten Band mit Musikern aus
Brasilien, Argentinien, Guadeloupe und Martinique und – wie es sich für einen
Sommerhit gehört – einer gestohlenen Melodie aus Bolivien eroberte weltweit die
Hitparaden: „Lambada“ von Kaoma. Der
gleichnamige Paartanz dazu hat allerdings nichts mit ein wenig
Hände-nach-vorne, Hände-nach-oben zu tun. Ihn musste man lernen, am besten bei
Profis. Nachdem das Lambada-Fieber auch in Südtirol um sich gegriffen hatte,
wurden entsprechende Tanzkurse angeboten. Karoline Khuen von den Black &
White Dancers Meran erinnert sich gerne und gut daran: Die Musik ging ins Ohr,
der Tanz war faszinierend und die leichtbekleideten Mädchen stachen ins Auge.
Die zahlreichen Auftritte von Kaoma luden dazu ein, die Schritte zu studieren
und, nachdem man sich auf Tanzlehrerkongressen ausgetauscht hatte, entwickelte
man neue, eigene Choreographien. Denn Auftritte waren im ganzen Land gefragt.
Zwei, drei Jahre lange waren Augen und Ohren des Publikums gefesselt und die
Tanzkurse voll. Für einen Sommerhit eine Ewigkeit. Danach wurde es ruhiger. Es
käme aber auch heute noch vor, dass sie von ehemaligen Kursteilnehmern, die
sich gerne an diese Zeit erinnern, darauf angesprochen werde. Überlebt hat
übrigens der String-Tanga. Der wurde durch die Tänzerinnen von Kaoma in Europa
plötzlich salonfähig.
Wie
es Kortsch ins Ausland geschafft hat
Mehrere namhafte österreichische und
Schweizer Theater erwähnen auf ihrer Internetseite den kleinen Vinschger Ort
Kortsch. Gut, der Kortscher Theaterverein ist seit Jahrzehnten auch außerhalb
des Vinschgaus für seine exzellenten Inszenierungen bekannt, aber ob das als
Erklärung ausreicht? Die Lösung ist denkbar einfach. 2006 hatten die Kortscher
ein Stück des Vorarlbergers Stefan Vögel aufgeführt. Diese Information ist
damals in den Wikipedia-Artikel des Autors eingeflossen (der übrigens von einem
Mitglied des Kortscher Theatervereins geschrieben wurde) und da viele
Presseleute, die etwas über Stefan Vögel wissen wollen, in die Wikipedia (statt
auf dessen Homepage) schauen, um dann daraus abzuschreiben, verbreitet sich die
Schlanderser Fraktion international. Nebenwirkungen der Informationsmonokultur.
Diese beginnt allerdings schon an anderer Stelle. Wer erinnert sich denn noch
an Altavista, Lycos, Magellan, Excite,
Fireball, Webcrawler und MetaGer?
Wenn heute über 92 Prozent aller Anfragen im World Wide Web über Google
getätigt werden, scheint Suchmaschinenvielfalt ein überwundenes Phänomen aus
vergangenen Zeiten. Für die Generation Internet ist Magellan im besten Fall ein
portugiesischer Seefahrer. Dabei hatten und haben die Alternativen doch einiges
zu bieten. Altavista zum Beispiel hat mit Babel Fish den ersten maschinellen
Übersetzungsdienst im Netz entwickelt. Fireball ermöglicht anonymes Suchen und
sammelt keine Informationen über den Nutzer. MetaGer liefert Ergebnisse
unabhängig vom eigenen Surfverhalten, um eine Filterblase zu vermeiden, in der
verstärkt das aufgelistet wird, von dem ein Algorithmus glaubt, dass man es
lesen möchte. Sehr heikel, wenn man sich unvoreingenommen eine Meinung bilden
will. Wie sehr sich der Blick ins Netz durch andere Suchmaschinen verändert,
zeigt der Begriff „Kortsch“. Für Excite ist es in erster Linie ein in den USA
vorkommender Familienname.
Noi
veniamo da Germania per un piatto di Lasagna
Wer heute eine zündende musikalische Idee
hat, einen Laptop und entsprechende Software bedienen kann und sein Produkt ins
Internet stellt, kann durchaus ohne großen Aufwand einen Hit landen. Vor
dreißig Jahren waren die Bedingungen ganz andere. Von der Suche nach einem
geeigneten Tonstudio über Produzenten, die nichts von Musik verstehen bis zu
Plattenfirmen, die ins Kreative pfuschen, mussten eine Menge Hindernisse
überwunden werden. Zwei, die dies geschafft haben, sind Mike Frajria, Urgestein
der Südtiroler Musikszene und Mastermind hinter zahlreichen Projekten, und der
Meraner Radio-DJ Franco Perchinelli. Unter dem Namen Foll Svaghen – ein
Wortspiel aus Volkswagen und „folle svago“, also „verrückte Unterhaltung“ –
landeten sie 1989 mit ihrer Mischung aus Rap, Klamauk und Blasmusik einen
lokalen Hit. Zeilen wie „Voliam fare
abbronzatura / Ma la pelle non vien scura / Cotti come una bistecca / Noi
cerchiamo discoteca“ warfen einen humorvollen Blick auf bundesdeutsche
Touristen in Italien. „Ghematonzen“, so der Name des Titels, führte im August
sogar die Südtiroler Single-Charts an. Die Idee dazu entstand an einem
Faschingsabend, aufgenommen wurde der Song dann in Gröden zusammen mit Frajrias
Bruder Silvio (alias Silvius von Föhn) und schließlich bei Berlusconis Five
Records veröffentlicht. Dass Franco Perchinelli auf dem Cover der Maxi-Single
fast schon antitolomeisch zu Franz Perkmann tirolisiert wurde, ist typisch für
den Humor der Truppe. Die Scheibe wird heute im Internet übrigens ab 25 Euro
aufwärts gehandelt und ist in Zeiten des Streamings ein physischer Beweis für
eine witzige Episode der heimischen Musiklandschaft. Zum Nachfolger
„Telefunken“ über einen jungen Touristen, der von einer attraktiven Frau
ausgeraubt wurde und nun nackt in einer Telefonzelle steht, kam es wegen
Unstimmigkeiten in der Plattenfirma nicht mehr. Ob er es noch geschafft hat,
zuhause anzurufen und wie die Geschichte endet, wird deshalb leider ein
Geheimnis bleiben.
Spendenbereitschaft
trifft auf Online-Narzissmus
Wenn Tausende Menschen im Netz dasselbe
machen, dann nennt man das ein virales Phänomen. Wirft man heute beispielsweise
ein Handtuch über einen Hund und verschwindet dann, was denselben ratlos
zurücklässt, so hat man an der #WhatTheFluffChallenge teilgenommen. Der tiefere
Sinn dahinter bleibt dem denkenden Menschen verborgen. 2014 gossen sich bekannte
und weniger bekannte, bekleidete und weniger bekleidete Menschen einen Kübel
mit Eiswasser über den Kopf. Damit sollte auf die bisher unheilbare
Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam gemacht werden. Bei
der Krankheit, an der auch der heuer verstorbene Physiker Stephen Hawking litt,
sterben Nervenzellen ab und die Betroffenen verlieren zunehmend die Kontrolle
über ihren Körper. Die Eisdusche sollte für ein paar Sekunden das Gefühl
vermitteln, wie es ist, gelähmt zu sein. Die Regeln der Ice Bucket Challenge waren einfach: Wird man von jemandem
nominiert, kippe man sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf (wie Donald
Trump) und spende 10 Euro für die ALS-Forschung. Entscheidet man sich dagegen
(wie Barack Obama), möge die Spende 100 Euro betragen. Die Aktion war
erfolgreich, die Spenden steigerten sich zunächst auf das Dreißigfache. Doch je
mehr Wochen verstrichen, desto weniger ging es um die Krankheit, sondern
vielmehr darum, sich attraktiv, witzig oder originell zu präsentieren und Likes
in den sozialen Netzwerken abzustauben. Und obwohl nur etwa 10 % tatsächlich
spendeten, kamen immerhin 190 Millionen Euro für die Forschung zusammen.
Kritiker hingegen stießen sich am Wasserverbrauch – bei allein auf Facebook
geposteten 17 Millionen Videos ein durchaus nachvollziehbares Argument.
Trotzdem versuchte man seit dem ersten Hype jeden Sommer, das Phänomen wieder
aufleben zu lassen. Die breite Öffentlichkeit bekam davon freilich wenig bis
nichts mit. Viel interessanter ist es mittlerweile, Hunde mit Handtüchern zu
verwirren.
So
transparent, fast unsichtbar
Manche Parteien können auf eine über
hundertjährige erfolgreiche Geschichte zurückblicken, andere haben den Zenit
ihrer Bedeutung längst überschritten oder sind genauso schnell verschwunden wie
sie aufgetaucht waren. Zum Beispiel die Piratenparteien, die sich als
Alternative gegen das Establishment und als Auffangbecken für Protestwähler
etablieren wollten. 2006 wurde in Schweden die erste Partei dieses Typs
gegründet, weitere folgten in anderen Ländern. Interessantes Detail: Man könnte
erwarten, dass Parteien wegen ihres Programms gewählt werden. Nicht so bei den
Piraten. Zuerst waren die Wähler da, erst danach musste man die schwierige
Frage lösen, wofür man sich – außer für Transparenz – überhaupt politisch
einsetzen wolle. Immerhin gab es 2012 europaweit viele Wählerstimmen, so kam es
zur Gründung der Piratenpartei Südtirol.
Allerdings gab es von Anfang an Schwierigkeiten. Es ist schon fast ironisch, dass
die deutschen Piraten eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes verfolgten und
mit dem Slogan „Gute Ideen sind da um kopiert zu werden“ auf Plakaten warben,
die Misere der Südtiroler aber schon vor der Gründung begann, als es eine
Auseinandersetzung mit den Italienern wegen der Namensrechte gab. Auch die
basisdemokratische Grundausrichtung war besser gemeint als umgesetzt. Wenn
jeder etwas Anderes will, wofür steht dann die Gemeinschaft? So war das Ende
schon vorprogrammiert, bevor es richtig losging. Heute existieren die
Südtiroler Piraten im Wesentlichen in Form einer Facebook-Gruppe mit nicht ganz
1.700 Likes, deren letzte Posts schon gut neun Monate alt sind und meist aus
geteilten Beiträgen anderer Gruppen bestehen. Immerhin transparent zitiert.
Katharina
und Simon heißen Charlie
Die französische Satirezeitschrift Charlie
Hebdo steht politisch links, gibt sich stark kirchen- und religionskritisch und
wurde deshalb von Konservativen immer wieder vor Gericht verklagt. 2006 hatte
sich das Wochenblatt den Zorn vieler Muslime auf sich gezogen, als man die
umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten nachdruckte.
Aber auch Christen und Juden waren immer wieder Ziel der Satire, die für viele
auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritt. Weltweit bekannt wurde das
Magazin im Jänner 2015, als bei einem islamistischen Terroranschlag auf die
Redaktion zwölf Menschen ermordet wurden. Der Schock der Öffentlichkeit saß
tief, es kam in zahlreichen europäischen Städten spontan zu Solidaritätsbekundungen.
Menschen gingen auf die Straße, trugen Plakate und bekannten „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“,
was sie auch mit ihrem Profilbild auf Facebook, Twitter & Co. ausdrückten.
Wenige Tage später nahmen über 3,7 Millionen Bürger an Trauermärschen teil. Die
verbliebenen Mitglieder der Redaktion machten indes weiter. Eine Woche später
erschien bereits die nächste Ausgabe, statt 60.000 wurden 7 Millionen Exemplare
verkauft – inklusive Übersetzungen in 16 Sprachen. Auch in den kommenden Wochen
fanden Millionen von Zeitschriften Leser. Die Welle der Solidarität schien
keine Grenzen zu besitzen, in Deutschland wurde sogar ein eigener Ableger
gegründet. Und heute? Die Auflage ist auf frühere Dimensionen geschrumpft, die
deutsche Ausgabe musste bereits nach einem Jahr wegen zu niedriger
Verkaufszahlen eingestellt werden – und die Profilbilder zeigen schon lange
wieder Simon und Katharina.
Bezirksblattbeitrag
in deutscher Sprache
Wenn wir heute aus gefühlten tausend
Fernsehsendern in allen Sprachen, die seit dem Turmbau zu Babel entstanden
sind, auswählen können, dann erscheint das als Selbstverständlichkeit. In den
70er Jahren konnte man die TV-Stationen an einer Hand abzählen. So war 1978 der
Start des ersten und damals einzigen deutschsprachigen Fernsehprivatsenders, Television Südtirol, eine Sensation.
Ein ehrgeiziges Projekt mit Studios und Sender in Naturns und Siegfried
Giuliani, mittlerweile TV-Legende, als Geschäftsführer, Redakteur und Sprecher
in Personalunion. Gesendet wurde nur von 19 Uhr bis Mitternacht, in den warmen
Monaten – sofern es nicht in die Zeit der Sommerpause (!) fiel – sogar noch
zwei Stunden weniger. Dafür gab es untertags die Bildschirmzeitung, eine Art
Teletext mit Lokal- und Weltnachrichten. Die Werbespots, durch die sich TVS finanzieren
sollte, wurden meist selbst produziert; 7 Sekunden auf Sendung waren für
günstige 50.000 Lire zu haben. Sportbeiträge und Übertragungen von
Hockeyspielen gehörten zunächst zu den Stärken. Auch Filmklassiker wie „Fluss
ohne Wiederkehr“ waren im Programm. Doch so enthusiastisch man an die Arbeit
ging, so groß waren bald die finanziellen und technischen Schwierigkeiten, die
Mitte der 80er Jahre zum Verkauf führten. Nachrichten waren irgendwann nur noch
wie Radio mit Standbild, die Sommerpause wurde immer länger und die gezeigten
Filme wurden, weil stets dieselben, nur noch als „Spielfilm in deutscher
Sprache“ angekündigt. Mittwochs lief immer „Der Fischer vom Heiligensee“. So
war zumindest einmal pro Woche ein Happy-End garantiert.
Wenn
Suppenwürfel zu Münzen aus Papier werden
Es klingt wie ein Finanzkrimi. Riesige
Tankwagen angefüllt mit italienischen Münzen passieren nachts in großer Zahl
die Grenze, damit man in der Schweiz daraus Uhrengehäuse herstellen kann.
Wahlweise fliegt das gleiche Kleingeld nach Japan oder Singapur, um dort zu
Jackenknöpfen zerstanzt zu werden. Beides kann ins Reich der Phantasie
verwiesen werden. Dass es aber im Italien der 70er Jahre an allen Ecken an
Wechselgeld fehlte, hingegen nicht. Ebenso wenig, dass Zuckerlen, Kaugummis,
Briefmarken und sogar Suppenwürfel als Restgeld herhalten mussten. Da der Staat
nicht imstande war, das Problem zentral zu lösen, hat man einen dezentralen Weg
gesucht. Über 60 italienische Banken, darunter auch die Banca di Trento e
Bolzano, haben begonnen, selbst kleine Geldscheine für Beträge zwischen 50 und
350 Lire zu drucken. Miniassegni,
Minischecks, war die Bezeichnung für dieses italienische Notgeld. Über 830
verschiedene Typen hat es gegeben, für Supermärkte, Bekleidungsgeschäfte und
Autobahnen, um nur einige Beispiele zu nennen. 1978, nach drei Jahren, war der
wuchernde Spuk vorbei. Dass sich private Organisationen staatlicher Aufgaben
annehmen, erinnert ein wenig an den momentanen Boom des digitalen Geldes. Über
4.500 Kryptowährungen gibt es mittlerweile – mit dem Socrates Coin auch eine
mit Vinschger Beteiligung. Wie viele davon langfristig überleben werden, zeigt
die Zukunft. Und die Minischecks? Geblieben sind Millionen von bunten
Scheinchen aus schlechtem Papier, für die Sammler heute mitunter tief in die
Tasche greifen, sofern sie sich nicht schon vor 40 Jahren in der Geldtasche
oder Waschmaschine aufgelöst haben.
(C) 2018-2019 by Christian Zelger