Schleifen und Schleifenbrüche

Über die Parameter verschiedener Geschichtsbilder

 

1. Einleitung

Die vorliegende Analyse will weder in historistischer noch posthistoristischer Weise die Geschichte selbst zum Gegenstand des Interesses machen (Rohbeck 2004, 20ff), sondern vielmehr die Geschichtsbilder der vergangenen Jahrhunderte durch Parameter von einander abgrenzen. Von den beiden Hauptkonstituenten der Geschichte, dem Raum und der Zeit, wird in erster Linie Letztere im Hinblick auf ihre Rolle in den einzelnen Geschichtsmodelle untersucht.

 

2. Modelle

Da Zeit ein relationaler Begriff ist, der nur in Bezug auf etwas sinnvoll ist (Herbst 2004, 135), sollten vor dem eigentlichen Thema drei Begriffe für die folgende Untersuchung eingeschränkt und - im Hinblick auf zeitliche Gesichtspunkte - präzisiert werden. Unter "Menschenbild" verstehen wir eine Summe von Aussagen über das Leben eines Menschen, v.a. über Länge, Beginn und Ende des menschlichen Lebens, aber auch Aussagen über die Freiheit des Willens oder über seine substantielle Beschaffenheit. Neben einem physikalischen Begriff der Zeit, ist hier auch ein psychologischer zu berücksichtigen. Ein "Geschichtsbild" hingegen besteht aus einer Menge von Propositionen über den Verlauf der Zeit im Rahmen menschlicher Zivilisation, über mögliche Anfänge und Enden, über die Subjekte der Geschichte, die Rolle des Menschen und Zielgerichtetheit oder Sinnhaftigkeit. Unter einem "Weltbild" schließlich verstehen wir ein Geschichtsbild ohne die vorher getroffenen zeitlichen und räumlichen Einschränkungen. Es handelt sich demnach um ein Bündel von Aussagen, die das gesamte Universum betreffen, besonders jedoch auch hier bezogen auf Anfang, Verlauf und Ende der Zeit. Hier ist ein rein physikalischer Zeitbegriff anzuwenden.

Somit ist jedes der angesprochenen Modelle auch als eine Theorie der Zeit anzusehen. Zeit erfahren wir vor allem als Zeitdauer bzw. -intervall. Zeitpunkte dagegen sind keine Einheiten der Zeit selbst, sondern als Grenzen dieser Zeitintervalle aufzufassen (Aristoteles, Physik IV, 11). Wir werden zeigen, dass sich alle erwähnten Modelle mit Hilfe weniger Parameter von einander abgrenzen lassen. Dabei soll uns ein Zeitintervall mit den zwei Zeitpunkten A und B und eine Bewertung der beiden Zeitpunkte helfen.

3. Vorläufige Einteilung der Geschichtsbilder

Will man die im Laufe der Jahrtausende entstandenen Geschichtsbilder grob in zwei Gruppen einteilen, so finden sich auf einer Seite die linearen, auf der anderen die zyklischen Geschichtsbilder (Herbst 2004, 136f). Stellt man sich den Verlauf der Zeit auf einer Geraden vor, so können wir auf dieser zwei Zeitpunkte herausnehmen, wir nennen sie A und B; existiert ein Intervall, bei dem A gleich B ist, so sprechen wir von einem zyklischen, existiert eine solche Konstellation nicht, von einem linearen Modell. Die Vertreter beider Anschauungen können jeweils auf eine lange Tradition zurückblicken, doch der häufig anzutreffende Hinweis, ein linear verlaufendes Geschichtsbild würde dem abendländischen, sprich europäischen Denken entsprechen, während der Gedanke sich wiederholender Zyklen typisch für asiatische Gedankensysteme sei (Prechtl/Burkard 1996, 457), entspricht keineswegs der geis­tes­ge­schicht­li­chen Realität.

Abgesehen davon, dass sich die nicht unproblematische Zweiteilung ohne genauere Analyse kaum aufrecht erhalten lässt, weil sich in den meisten zyklischen Systemen lineare Elemente finden lassen und umgekehrt (Herbst 2004, 137), ist es vielmehr interessant über die Definition des Linearen und Zyklischen nachzudenken. Linear bedeutet in erster Linie nichts anderes, dass die Zeit geradlinig, d.h. kontinuierlich verläuft. Dies sagt aber noch nichts darüber aus, ob ein Anfang der Zeit und - sofern es diesen gibt - auch ein Ende der Zeit existiert (unberücksichtigt bleibt hier noch eine physikalische Definition der Zeit). Als zyklisch wollen wir hingegen jene Auffassungen bezeichnen, in denen sich bestimmte Prozesse oder Ereignisse immer wieder aufs Neue wiederholen. Auch hier bleibt zunächst noch offen, ob es einen Beginn der Zeit und damit einen Beginn des Kreislaufes gibt oder nicht; dasselbe gilt in Hinblick auf ein mögliches Ende. Das Problem des Wesens der Geschichte ist deshalb vom Problem der Zeit zu trennen.

4. Komplexes Geschichtsbild

Sieht man Geschichte aber als eine Kombination von Zyklen verschiedener Länge und einer linearen Zeitachse, so erhält man ein komplexes Raster diachroner und synchroner Zeitbestimmungen (Herbst 2004, 140f) und eine Unterscheidung in rein lineare und zyklische Modelle wird hinfällig. Die Vorstellung einer einfachen Zeitgeraden reicht jedoch nicht aus, um diesem Umstand adäquat abzubilden. Deshalb ist ein zweidimensionales Zeitmodell, ähnlich dem mathematischen Modell der imaginären Zeit (Hawking 2001, 66ff), dem traditionellen vorzuziehen. Entlang der X-Achse verläuft die Zeit, wie wir sie physikalisch messen und erfahren, senkrecht dazu auf der Y-Achse verläuft eine weitere Zeitgerade. Ein besonderer Fall unter den von dem russischen Mathematiker Alexander Friedmann entwickelten Modelle, dem pulsierenden Universum (Sedlmayr 1999, 176f), lässt sich mit Hilfe dieses zweidimensionalen Zeitmodells veranschaulichen. So bildet die Zeit auf der X-Achse den Verlauf zwischen zwei Singularitäten ab; unabhängig davon aber verläuft die Zeit auf der Y-Achse weiter. Dieses Modell lässt sich auch bei "spiralförmigen" Geschichtsbilder anwenden, in denen sich die Kreis - und Vorwärtsbewegung der Zeit zu einer Spirale verbinden (Rohbeck 2004, 11).

Betrachten wir erneut ein Zeitintervall und zwei Zeitpunkte A und B. Ist A gleich B und besitzt das Intervall zudem eine Dauer von 0, so sprechen wir von dem Zeitpunkt A als dem Beginn der Zeit, wenn es kein von 0 verschiedenes Intervall gibt, das mit dem Zeitpunkt B endet.

5. Parameter

Eine Konsequenz der Unterscheidung zwischen linearen und zyklischen Vorstellungen ist die Frage nach dem Platz für Entwicklung und Fortschritt in diesen Weltbildern, oder allgemeiner formuliert, die Fragestellung, inwieweit Veränderung oder - in Aristotelischer Diktion - Bewegung möglich ist.

Bevor dies beantwortet werden kann, sollte geklärt sein, was unter der Bezeichnung "Geschichte" zu verstehen ist. Im weiteren Sinne kann damit der Ablauf und Zusammenhang des gesamten Geschehens in Raum und Zeit gemeint sein, in einer engeren Definition wird damit der Entwicklungsprozess der menschlichen Gesellschaft und ihrer Individuen bezeichnet, wonach Geschichte als ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Menschen von den Anfängen ihrer Existenz bis zur Gegenwart zu sehen ist (Hotz 2003, 290).

Ein Geschichtsbild - als Teil eines umfassenderen Weltbildes - geht jedoch über diese Begriffsbestimmung hinaus, und ermöglicht so eine Aussage, die über die Gegenwart hinaus reicht. Geschichte als Gegenstand der Geschichtswissenschaft endet in der Regel im Hier und Jetzt, ist damit Sicherung, Analyse, Aufarbeitung und Interpretation des Vergangenen. Ein Geschichtsbild aber, ob philosophisch und/oder historisch motiviert, transzendiert diese Möglichkeiten, indem es Aussagen über die Zukunft erlaubt.

Noch nicht geklärt ist das Problem des Bezugspunktes. Worauf bezieht sich die Geschichte eines Geschichtsbildes? Ist es die Geschichte eines Individuums? Oder die der gesamten Menschheit? Oder vielleicht sogar des Universums? Ein Geschichtsbild hängt - wie bereits erwähnt - immer eng mit dem Weltbild zusammen, in das es eingebettet ist. So sollte zum Beispiel eine Aussage, die das gesamte Universum betrifft, auch auf die Menschheit und schließlich auf jede einzelne Person zutreffen. Das mag heutzutage wahrscheinlich unphilosophisch oder zumindest unwissenschaftlich klingen, doch sollte man berücksichtigen, dass sich die Geschichtsphilosophie erst während des Zeitalters der Aufklärung von Theologie oder Moralphilosophie losgelöst hatte (Hotz 2003, 291).

Es ist deshalb sinnvoll den Bezugspunkt eines Geschichtsbildes auf die Menschheitsgeschichte als Geschichte des Homo sapiens sapiens zu richten. Zeitlich gesehen deckt dies im weiteren Sinne den Zeitraum seit der Altsteinzeit ab, in einem engeren Sinne spricht man von Geschichte erst nach der neolithischen Revolution bzw. seit Erfindung der Schrift im 4. vorchristlichen Jahrtausend (Hotz 2003, 292) und dem Vorhandensein gewisser sozialer Strukturen.

Ein Bild der Geschichte als Geschichte der Menschheit hängt deshalb einerseits von einem Menschenbild ab, da die handelnden Individuen neben dem Raum und der Zeit die wichtigsten Faktoren für das Geschehen darstellen, andererseits findet es sich eingelagert in ein Weltbild, wenn wir darunter eine Menge von Aussagen über den Kosmos verstehen. Die Zeiträume aber, um die es in den Aussagen eines Menschenbildes, Geschichtsbildes oder Weltbildes geht, sind sehr unterschiedlich, wenn man diese Vorstellungen aus einer rein zeitlichen Perspektive sieht. Ein Menschenbild kann - auf ein Individuum bezogen - eine Zeitspanne von max. 120 Jahren abdecken. Ein Geschichtsbild hingegen kann Aussagen liefern, die sich auf viele Jahrtausende beziehen, indem in ihm die bisherige Geschichte interpretiert oder eine Vorhersage für Zukunft gemacht wird. Ein Weltbild im Sinne eines Bild des Universums im Lichte der heutigen Erkenntnisse geht zeitlich noch um ein Vielfaches darüber hinaus und zieht mehrere Milliarden Jahre in Betracht.

Wesentliche Parameter eines Geschichtsbildes sind neben dem Anfang und dem Ende der Zeit bzw. dem Fehlen derselben, Aussagen über die Möglichkeit von Veränderungen im Verlauf der Zeit. Wird dies bejaht, finden sich zwei denkbare Auffassungen in der Philosophiegeschichte. Die Welt kann nach einer Verbesserung oder einer Verschlechterung streben. Eine solche Entwicklung kann dabei kontinuierlich oder diskret, d.h. in Stadien, vor sich gehen.

Um dies wieder mit Hilfe einer Zeitgeraden darzustellen, benötigen wir ein Intervall AB, bei dem sowohl Zeitpunkt A als auch B bewertet werden. Entspricht die Bewertung von A jener von B, gibt es keine (wesentliche) Veränderung. Ist die Bewertung jedoch verschieden, so gilt es die beiden Bewertungen zu vergleichen. Wird A besser bewertet, handelt es sich um ein pessimistisches Geschichts- oder Weltbild; im umgekehrten Fall, die Bewertung von B fällt besser aus jene von A, kann man von einem optimistischen Modell sprechen. Sind die Bewertungen der Zeitpunkte A und B für alle Intervalle AB verschieden, so handelt es sich um kontinuierliche Veränderungen. Existieren neben Intervallen mit unterschiedlichen Bewertungen auch Zeitspannen, die von Zeitpunkten mit demselben Wert begrenzt werden, verläuft die Entwicklung in Stadien.

6. Bewertung

Ein weiterer Aspekt, den es v.a. bei zyklischen Geschichtsbildern zu berücksichtigen gilt, ist die Frage nach der Bewertung der Zyklen und - gegebenenfalls - die Bewertung der Möglichkeit, einen Zyklus abzubrechen.

Gerade hierin zeigt sich eine interessante Eigenschaft vieler Zeitvorstellungen, unabhängig davon ob diese linear oder zyklisch sind. Wie erwähnt finden wir in vielen linearen Modellen auch zyklische Elemente, d.h. sich wiederholende Ereigniskonstellationen. Dazu zwei Beispiele: Klassenkämpfe bei Marx (Marx/Engels 1995, 19f) und das Rad der Gewalt im Sinne des "Auge um Auge, Zahn um Zahn", dem Talionsgesetz des Alten Testaments (Lev, 24:20). Eine bedeutende Stellungnahme im Lichte der jeweiligen Geschichtsbilder liegt in der Bewertung dieser Zyklen. Bei Marx sind sie ein zu bekämpfendes Übel, jedoch auch eine Notwendigkeit, die zum Ziel führt, da Marx' Bild zielgerichtet ist (Baberowksi 2005, 94f.). Im Judentum als dem Vorläufer des Christentums finden wir die erwähnte Vorstellung der Vergeltung, ein Konzept, das im Christentum abgelehnt wird, damit das Rad der Gewalt zum Stehen kommt (Mt, 5:30 und Lk, 6:29). Auch in diesem Fall wird dieses Wiederkehren negativ bewertet, ohne allerdings eine Aussage über die entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit zu machen. Nächstenliebe (u.a. Mt, 5:43 und Gal 5:14) und die Forderung "wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin" (Mt, 5:39) sind hier im Sinne eines Unterbrechens des Gewaltkreislaufes zu sehen. In beiden Fällen wird in einem Intervall AB, bei dem wir zum Zeitpunkt B denselben Zustand wie zu A vorfinden, B negativ bewertet und deshalb gefordert, den Zyklus AB abzubrechen.

Ein weiteres typisches Modell finden wir im Hinduismus und Buddhismus, deren Menschen- und Geschichtsbild zyklisch ist (Mittelstraß 1995, Band 3, 674f; Thieme 1999, 54ff; Capra 1997, 99ff). Mit dem Begriff "Samsara" wird der ewige Strom der Wiedergeburten bezeichnet, in den jedes Wesen eingebunden ist und aus dem es sich nur befreien kann, wenn es einen vorgegebenen Erlösungsweg geht (Prechtl/Burkard 1996, 456). Hier wird das Wiederkehren, in diesem Fall das Wiedergeboren-Werden - bedingt durch das stetige Begehren der Menschen - als ein zu überwindender Zustand gesehen. Nur durch die Überwindung und damit Unterbrechung dieser Zyklen könnte man das Nirvana erreichen, womit auch dieses zyklische Modell eine lineare Komponente besitzt. Die Leidenschaft erlöscht und das Rad der Wiedergeburten steht still.

Dass ähnliche Vorstellungen auch außerhalb der eigentlichen Geschichtsphilosophie zu finden sind, zeigt Immanuel Kants Werk. Das Weltgeschehen kann als phaenomenale Geschichte aufgefasst werden, in der alles durch eine Abfolge von Ursache und Wirkung bestimmt wird (Kant 1995a, 266ff), wobei wiederum jede Wirkung Ursache ist, geprägt von Notwendigkeit und deshalb von Unfreiheit. Doch auch hier gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Kreislauf auszubrechen - durch eine freie und vernünftige Entscheidung, die sich gegen die bloße Neigung stellt (Kant 1995b, 144 und 192f), womit auch hier der Ausbruch aus einer Schleife als etwas Positives angesehen wird.

Literatur

Aristoteles 1995, Philosophische Schriften. Band 6, Hamburg: Meiner.

Baberowski, Jörg 2005 Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault, München: Beck.

Capra, Fritjof 1997 Das Tao der Physik. München: Knaur.

Deissler, Alfons und Vögtle, Anton (Hrsg.) 2000 Neue Jerusalemer Bibel, Freiburg: Herder.

Hawking, Stephen 2001, Das Universum in der Nussschale. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Herbst, Ludwig 2004 Komplexität und Chaos. Grundzüge einer Theorie der Geschichte, München: Beck.

Hotz, Jürgen u.a. (Hrsg.) 2003 Geschichte. Personen, Daten, Hintergründe. Mannheim: Brockhaus.

Kant, Immanuel 1995a Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Kant, Immanuel 1995b Kritik der praktischen Vernunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Marx, Karl und Engels, Friedrich 1995 Manifest der Kommunistischen Partei, Stuttgart: Reclam.

Mittelstraß, Jürgen 1995 Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart: Metzler.

Prechtl, Peter und Burkard Franz-Peter 1996. Metzler Philosophie Lexikon. Stuttgart: Metzler.

Rohbeck, Johannes 2004 Geschichtsphilosophie, Hamburg: Junius.

Russell, Bertrand 2001, Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Köln: Parkland.

Sedlmayr, Erwin et al. 1999, "Kosmologie und Weltmodelle", in: Brockhaus-Redaktion (Hrsg.) Vom Urknall zum Menschen, Leipzig: Brockhaus, 166-193.

Thieme, Paul (Hrsg.) 1999 Upanischaden. Stuttgart: Reclam.

 

© 2005 by Christian Zelger