ÜBERBLICK ÜBER DEN INHALT
1.
Einleitung
In
einer Zeit, in der von Firmenphilosophie gesprochen wird, obwohl man
Profitdenken meint, in der Begriffe wie "Philosophie" von Fast-Food-Restaurants
in Verbindung mit Kartoffeln genannt werden und in der versucht wird, allerlei
anderes durch den Begriff zu adeln, scheint es einmal mehr gerechtfertigt zu
sein, über dessen wahre Bedeutung nachzudenken.
Was
bedeutet Philosophie? Geht man direkt von den beiden altgriechischen Begriffen
"philos" (Freund, Liebhaber) und "sophia" (Weisheit) aus, so
ist die Philosophie die Liebe zur Weisheit, der Philosoph ein Freund der
Weisheit. Doch was heißt das überhaupt? Wer ist kein Freund der Weisheit? -
wenn man einmal von den Menschen in Lars von Triers Film "Idioten"
absieht. Wer möchte nicht intelligent sein, wer möchte in einer Diskussion
nicht mit dem größeren Wissen, mit den besseren Argumenten strahlen? Sind wir
also alle Philosophen? Nein, nicht unbedingt.
Wie
schon erwähnt, kommt der Begriff aus der griechischen Antike. Wer waren
Philosophen? Selbst Menschen, die sich nie näher mit Philosophie
auseinandergesetzt haben, werden mindestens zwei oder drei Namen nennen können.
Vielleicht Platon, Aristoteles, Thales. Nehmen wir zum Beispiel Aristoteles. An
ihm kommt man nicht vorbei, denn sein Einfluss zieht sich seit ungefähr 2500
Jahren durch die ganze Philosophiegeschichte. Ist er ein typischer Philosoph?
Sehen wir uns sein Schaffen an. Er hat Bücher über die Welt, über
verschiedene Lebewesen, über das Staatswesen, über die Prinzipien unseres
Denken, über das sinnlich nicht Fassbare, über das menschliche Verhalten
geschrieben. Heute würde man ihn als Universalgenie bezeichnen. Und doch lässt
sich alles auf einen einzigen Nenner bringen. Er hat sich Gedanken gemacht, hat
nachgedacht. Nachgedacht über die Welt, in der er lebt, wie sie funktioniert,
wer sie bewohnt, was es außerhalb noch gibt und wie das Zusammenleben der
Menschen besser funktionieren könnte.
Doch
wie sieht die Situation heute aus? Physiker studieren den Aufbau der Welt,
Biologen die Tausenden von Lebewesen, der Politikwissenschaftler setzt sich mit
dem Staat und den Bürgern auseinander, der Logiker mit den Gesetzen, die unser
Denken bestimmen. Wozu braucht es noch Philosophen?
Philosophie
ist eine Wissenschaft - wie die Physik, die Chemie, die Soziologie. Welche
Aufgabe hat Wissenschaft? Meistens hört man, dass die Wissenschaften Erklärungen
liefern sollen. Erklärungen, warum sich Protonen im Atomkern nicht gegenseitig
abstoßen, warum Edelgase reaktionsträge sind, warum Revolutionen ausbrechen.
Doch was nutzen uns Erklärungen? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten.
Wenn ich weiß, dass es wissenschaftlich erwiesen ist, dass bestimmte Farben aus
diesen und diesen Gründen gesundheitsschädlich sind, dann kann ich deren
Verwendung vermeiden, dann hat die Erklärung für mich einen praktischen
Nutzen. Kernphysikalische Erkenntnisse werden aber den meisten Menschen nicht
direkt nützlich sein.
Trotzdem
sehen wir aus den beiden Beispielen, dass der Nutzen eine wesentliche Rolle
spielt. Wissenschaft steht im Dienste des Menschen, soll die Situation des
Menschen verbessern, oder dabei helfen, sie nicht zu verschlechtern.
Das
Streben des Menschen nach Wissen, nach Erkenntnis ist so alt wie die Menschheit
selbst. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass nicht jeder
wissenschaftliche Ehrgeiz für das Wohl unseres Planeten förderlich war. Man
sollte schon froh sein, wenn er nicht schädlich ist. Was ich aber andeuten möchte,
ist, dass die Welt sich in vielen Fällen nicht ändern wird, nur weil die
Menschen bestimmte Erkenntnisse besitzen. Man spricht davon, dass Wissenschaft
um ihrer selbst willen betrieben wurde.
Doch
zurück zur Philosophie. Als Grund oder als Auslöser für das Philosophieren
wird häufig das Staunen genannt. Darüber staunen, dass es Milliarden von
Galaxien gibt, die wiederum aus Milliarden von Sternen bestehen, dass es die
Natur schafft, die gesamte Erbinformation mit Hilfe von vier Basen zu verschlüsseln
oder dass eine kleine Siliziumplatte Millionen von Rechenoperationen pro
Sekunde ausführen kann.
Worin
liegt nun der Sinn der Philosophie? Sollte man sich mit ihr um ihrer selbst
willen beschäftigen oder muss sie "Profit abwerfen", womit wir wieder
bei der eingangs erwähnten Firmenphilosophie wären? Ich wage zu behaupten,
dass es gar nicht möglich ist, Philosophie wirklich nur um ihrer selbst willen
zu betreiben, genau wie es nach Sokrates nicht möglich ist, Böses um des Bösen
willen zu tun. Denn wer bewusst schlecht handelt, will damit für sich auf
irgendeine Weise einen Vorteil erwirken, oder sich zumindest selbst besser fühlen.
Für den Handelnden ist sein Tun folglich gut.
Genauso
ist Philosophie immer auf ein bestimmtes, "gewinnbringendes" Ziel
ausgerichtet, auch wenn dieser Zweck nicht unbedingt materiell sein muss. Wenn
ich die Sterne am Nachthimmel beobachte und darüber nachdenke, wie die Welt
entstanden sein kann, dann verfolge ich primär kein fassbares, vielleicht auch
überhaupt kein greifbares Ziel. Es dient lediglich meinem persönlichen
geistigen Wohlbefinden. Gerade das heißt dann aber auch, dass ich die
Philosophie nicht um ihrer selbst willen betrieben habe.
Gibt
es andrerseits aber einen richtigen, d.h. einzigen wissenschaftlichen Zweck?
Sicherlich nicht. Wissenschaft und vor allem Philosophie ohne erkennbaren
materiellen Nutzen für die gesamte Menschheit (oder einen großen Teil davon)
besitzt demnach genauso ihre Berechtigung wie die Beschäftigung aus rein
privater Motivation. Dennoch ist der Dienst an der Menschheit eines der
edelsten Ziele jeglichen Strebens.
Wie
kann also Philosophie für die gesamte Menschheit nützlich sein? Wir haben
gesehen, dass sich viele Disziplinen im Laufe der Jahrhunderte von der
Philosophie abgespalten hatten und zu eigenen Wissenschaften wurden und dass
dadurch die Philosophie in ihrem Gegenstandsbereich stark eingeschränkt
wurde. Trotzdem gibt es zwei Fragen, die die Menschen seit jeher beschäftigt
haben und die auch noch heute von primärer Wichtigkeit sind. Fragen, die mehr
denn je für die Philosophie stehen. Gibt es etwas hinter der sichtbaren,
erforschbaren Welt? Was ist gut? Mit letzterer Frage werden wir uns beschäftigen.
1.2
Der Sinn der Ethik
Die
beiden eben erwähnten Fragen stehen für die philosophischen Disziplinen
Metaphysik und Ethik. Warum repräsentieren gerade diese Gebiete die
Philosophie, oder besser gesagt, wieso haben sie sich noch nicht von ihr
abgespalten wie viele Zweige vorher? Weil sie nicht Wissenschaften im Verständnis
der anderen Lehren sind.
Die
Antwort auf diese Frage ist auf den ersten Moment ein wenig irreführend. Dazu möchte
ich einige Beispiele anführen. Der mathematische Satz "Die Winkelsumme in
einem Dreieck beträgt 180°." lässt sich leicht überprüfen. Auch wenn
wir niemals alle möglichen Dreiecke untersuchen können, so lässt sich die
Wahrheit der Aussage innerhalb der Euklidischen Geometrie mittels eines
mathematischen Beweises aufzeigen. Der Nachweis erfolgt unabhängig von der
Person, die den Beweis ausführt. Ein weiteres Beispiel. Die archäologische
Erkenntnis "Das Felsengrab Ramses' I. besteht aus vier Kammern." ist
ebenfalls unabhängig von Personen oder wissenschaftlichen Systemen wahr. Ich
kann ins Tal der Könige fliegen, Ramses' Grab suchen und mich davon überzeugen,
ob diese Behauptung zutrifft oder nicht.
Nun
zu einem metaphysischen Satz: "Gott existiert." Es gibt Menschen, die
diesen Satz für wahr halten (Theisten und Deisten), einige, die ihn für falsch
halten (Atheisten) und wieder andere, die behaupten, die Wahrheit der Aussage könne
nicht überprüft werden (Agnostiker). Wir sehen, dass hier der Wahrheitswert
des Satzes nicht unabhängig von den Menschen angegeben werden kann.
Auf
dasselbe Problem stoßen wir in der Ethik. "Du sollst nicht stehlen."
Auch dieser Satz wird nicht allgemeine Zustimmung finden. Für einen Anarchisten
könnte Eigentum illegitim sein, womit die Aneignung - ein Begriff, der natürlich
nur nicht-anarchistisch verwendet werden kann - fremder Gegenstände nicht
verwerflich sein muss. Im Gegensatz dazu beträgt die Winkelsumme im Dreieck
immer 180°.
Man
sieht also, dass sich typisch philosophische Disziplinen wie die Metaphysik und
die Ethik vielleicht gerade deshalb nicht abgespalten haben, weil sie im
Gegensatz zu den anderen Wissenschaften im wesentlichen keine deskriptiven Sätze
bzw. keine intersubjektiv, d.h. personenunabhängig und objektiv nachweisbare
Sätze verwenden. Zumindest ist das eine verbreitete Meinung.
Was
bedeutet deskriptiv? Unter deskriptiven Äußerungen versteht man im Gegensatz
zu präskriptiven Sätzen konstative Sprechhandlungen. Ein deskriptiver Satz
kann beschreiben, zustimmen, bestreiten, berichten, voraussagen, behaupten,
wie zum Beispiel "Diese Tulpe ist rot." oder "Der Arzt ist um
17:00 Uhr am Unfallort eingetroffen." Ihr Wahrheitswert lässt sich intersubjektiv
feststellen, man spricht von wissenschaftlicher Überprüfbarkeit. Den
deskriptiven Sätzen stehen wie bereits angedeutet die präskriptiven gegenüber,
deren Verwendung sich aus regulativen Sprachhandlungen ergeben. Sie
beschreiben demzufolge nicht eine Gegebenheit, sondern schreiben etwas
vor, verlangen, gebieten, verbieten, erlauben, empfehlen etwas. Dazu ein paar
Beispiele: "Du sollst nicht töten.", "Es ist erlaubt, mit dem
Motorrad ohne Sturzhelm zu fahren." oder "Gib Almosen!"
Zu
unterscheiden sind dabei zwei Arten von nicht-beschreibenden ethischen Sätzen,
die wir zusammenfassend als präskriptive
Sätze bezeichnen:
Wertsätze
(auch: aretaische oder
evaluative Sätze)
*
Es ist schlecht, ein Tier zu quälen.
*
Anderen Menschen zu helfen, ist gut.
*
Es ist wertvoll, einen Menschen zu
lieben.
Normsätze
(auch: normative, deontische
oder regulative Sätze).
*
Du sollst keine berauschenden Getränke
zu dir nehmen.
*
Es ist verboten, bei Rot die Straße zu
überqueren.
*
Iss kein Schweinefleisch!
Durch
Wertsätze wird ein Werturteil ausgesprochen. Sie besitzen in der Regel folgende
Form: "... ist gut/schlecht", "... ist wertvoll/wertlos"
oder "... ist besser/schlechter als ...". Normsätze dagegen drücken
ein Verbot, eine Erlaubnis, ein Gebot oder eine Verpflichtung aus. Die
Konstruktionen sind dementsprechend: "es ist erlaubt, ..." etc.
Es
stellt sich nun die Frage, inwieweit solche Sätze wahr oder falsch sind. Ohne
auf die Problematik des Wahrheitsbegriffes und den damit verbundenen
Wahrheitstheorien eingehen zu wollen, begnügen wir uns hier mit der
Unterscheidung, dass wir von deskriptiven Sätzen sagen können, ob sie wahr
oder falsch sind, und dass wir zu präskriptiven Sätzen angeben können, ob sie
gültig oder ungültig sind.
Trotz
der bisherigen Ausführungen sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass es
innerhalb der Ethik keine wahren Sätze gäbe. Ethik kann auch beschreibend
sein: "Im 15. Jahrhundert war es bei den Azteken gut, Menschen für
Opferrituale zu töten." Der präskriptive Satz dazu würde wie folgt
lauten: "Menschenopfer sind gut." Man kann sagen, dass dieser Satz für
die Azteken gültig war, nicht mehr jedoch heutzutage. Diese Feststellung ist
sehr wichtig, zeigt sie doch, dass ethische Sätze nicht nur in Bezug zu einem
Geistessystem (Personen, Kulturen, Weltanschauungen, etc.), sondern auch zur
Zeit zu sehen sind. Präskriptiv-ethische Sätze können folglich ihre Gültigkeit
ändern. Die Winkelsumme eines Vierecks hingegen wird immer 360° betragen,
unabhängig davon, ob die geometrische Figur im antiken Griechenland von Thales
oder im modernen Amerika von Martin Gardner abgemessen wird.
Nach
diesen vorbereitenden Bemerkungen zur Ethik, kommen wir zur Hauptfrage dieses
Kapitels: Was ist der Sinn von Ethik? Eine der Grundfragen, mit denen sich
diese Disziplin auseinandersetzt lautet: Was ist gut? Doch worauf bezieht sich
diese Frage? Auf Menschen, auf allgemeine Handlungen, auf ganz bestimmte,
spezifische Handlungen, auf menschliche Hintergedanken, auf die Folgen von
Handlungen?
In
Kapitel 4 werden wir uns diesem Problem stellen. Doch der Sinn lässt sich
vorerst unabhängig davon erschließen. Wie wir in Kapitel 1.1 gesehen haben,
sollte Philosophie in den Dienst der Menschheit gestellt werden. Ethik als eine
philosophische Teildisziplin muss deshalb ebenso diesem Zweck genügen. Demnach
stellt präskriptive Ethik einen Wegweiser für das richtige, d.h. gute
Verhalten des Menschen dar.
2.
Probleme
traditioneller ethischer Theorien
Nachdem
fünf verschiedene Ansätze normativ-ethischer Systeme vorgestellt und
diskutiert wurden, gilt es nun, die problematischen Teile der Theorien zu
erkennen und zusammenzufassen. Nur so kann der Weg zu einem neuen ethischen
Modell geebnet werden.
Transzendentales
Modell: Ausgangspunkt
unserer Untersuchungen war der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant.
Wesentlicher Kritikpunkt dafür liegt in der Tatsache, dass die Befolgung dieses
Imperativs dazu führen kann, dass man ein Menschenleben opfern muss, das man
durch eine Lüge retten könnte, weil jede Form der Lüge nach ihm verboten ist.
Damit lässt sich die Theorie nicht mit einer moralischen Intuition verbinden.
Auch
die konstruktive Weiterentwicklung kann nicht alle Probleme ausschalten. Sie
setzt nämlich voraus, dass jede Konfliktsituation gewaltlos gelöst werden
muss, ohne eine solche Behauptung näher zu untersuchen. Der sprachanalytische
Ansatz umgeht die Schwierigkeiten mit Konventionen von ethischen Normen.
Allerdings geht er von einer idealen Bewertungsinstanz aus, was in der Realität
nur sehr schwierig umzusetzen ist.
Eudämonistisches
Modell: Im eudämonistischen
Ansatz lassen sich zwei Grundrichtungen unterscheiden. Die hedonistische
Variante behauptet, nur jenes sei gut, was Freude oder Lust bereitet. Eine
solche Aussage ist nicht unkompliziert, da damit noch nicht geklärt wird, was
man als freudespendend ansehen kann. Die hedonistische Variante, im besonderen
die egoistische Spielart Max Stirners ist noch aus einem weiteren Grund nicht
haltbar. Die Ethik als Wegweiser zu einem friedlichen und funktionierenden
Zusammenleben der Menschen kann so zu keinem Begriff des gemeinschaftlichen
Verhaltens gelangen.
Auch
die utilitaristische Variante hat mit einigen Problemen zu kämpfen. Dieser
Ansatz scheitert auf der praktischen Ebene. Die Schwierigkeiten, die sich aus
dem Nutzenkalkül ergeben - Feststellung aller Handlungsmöglichkeiten und
deren umfassende Bewertung, um nur einige zu nennen -, machen eine konkrete
Anwendung unmöglich.
Materialistisches
Modell: Bereits der
Ausgangspunkt dieses Modells ist mit Hindernissen verbunden. Die Materialisten
gehen davon aus, dass der Mensch ein rein physisches Wesen sei, d.h. dass sich
letzten Endes alles auf etwas Materielles zurückführen lässt. Weiters würde
sich der Mensch nach mechanistischen Gesetzen verhalten, mit anderen Worten, es
ist alles bereits im Vorhinein bestimmt, womit es keine Freiheit gibt. Diese
deterministische Ansicht wird heute - auch in den Naturwissenschaften wie der
Physik - aufgrund neuer Erkenntnisse immer weiter zurückgedrängt.
Als
Basis der materialistischen Ethik findet sich die Eigenliebe. Wird diese
allerdings als materieller Grundsatz des Menschen zu einem Moralprinzip erhoben,
so liegt ein nicht erlaubter Sein-Sollen-Schluß vor, indem man das Seinsprinzip
zu einem Sollensprinzip macht.
Existentatialistisches
Modell: Von den
existentialistischen Auffassungen ist vor allem ihr Bezug zu der Freiheit des
Menschen zu überdenken. Für Sartre ist der Mensch absolut frei. Denker vor
ihm, so zum Beispiel Spinoza, Hegel und Marx gehen von der Vorstellung aus, dass
die Natur, die menschliche Vernunft und die Gesellschaft bestimmte
Wesensstrukturen aufweisen. Nicht so jedoch Sartre. Die verschiedenen
Spekulationen über das Wesen der Menschen, insbesondere jene mit religiösem
Hintergrund, veranlassten ihn zu einer radikalen Abkehr an bisher angenommene
Wesensstrukturen.
Es
gibt kein göttliches oder natürliches Konzept des Menschen, nach dem sich der
Mensch entwickeln müsste. Der Mensch ist - wie schon erwähnt - absolut frei,
d.h. er ist nicht definierbar und es gibt keine Werteordnung, an die er sich
halten müsste. Der Mensch erfindet sich als das, was er ist, selbst.
Sartres
radikaler Freiheitsbegriff übersieht aber, dass der Mensch nicht ohne
Voraussetzungen absolut frei, sondern gebunden an die Bedingungen ist, die
seiner Wahl nicht unterworfen sind. Beispiele dafür sind die genetischen
Merkmale, das Hineingeboren werden in eine Gesellschaft, in eine Familie, in ein
Geschlecht oder auch in eine Zeit.
Vertragstheoretisches
Modell: Dieses Modell wurde
anhand der Theorie Rawls besprochen. Einmal davon abgesehen, dass die Grundsätze,
die sich aus seinem Ansatz ergeben, durch Konvention entstehen, und damit außerstande
sind, etwas über ethische Wahrheiten an sich auszusagen.
Zudem
muss angeführt werden, dass die Prinzipien, die Rawls aus seinem Gedankenexperiment
gewinnt in der Realität nicht unmittelbar anwendbar sind. Das Gegebene muss im
Hinblick auf die Voraussetzung und die Möglichkeiten untersucht werden. Nur so
kann man zu einer gerechten Lösung gelangen.
Außerdem
stellt Glück als angestrebtes Ziel kein intrinsisches Ziel dar. Angestrebt wird
immer etwas anderes, ein sogenannter instrumentaler Zweck. Aus diesem Grund muss
die Moralität der Handlungen nach der Moralität dieser instrumentalen Zwecke
erfolgen. Da nicht alles Nützliche automatisch auch moralisch gut ist (und
umgekehrt), genügt das Nützlichkeitsprinzip als alleiniges Moralkriterium
nicht.
Was
muss eine neue Theorie leisten?
*
sie muss in der Praxis anwendbar sein
*
sie muss die Situation der Menschen und der Gemeinschaft verbessern
*
sie muss neben dem normativen auch einen erklärenden Charakter haben
Welche
Fragen müssen geklärt werden?
*
die Unbedingtheit ethischer Normen
*
das Verhältnis der Theorie zu Freiheit und Determination
*
die Beziehung des Modells zum Absoluten
3.
Ethik und die metaphysische Verankerung
Am
Ende des dritten Kapitels soll eine kurze Übersicht über die darin dargelegten
Gedankengänge gegeben werden.
Die
Einleitung dieses Abschnittes hat sich mit dem Verhältnis zwischen der Ethik
als philosophische Disziplin und den Naturwissenschaften auseinandergesetzt.
Es wurde festgestellt, dass ein wesentlicher Unterschied durch die verwendeten
Satzarten - deskriptive und präskriptive
Sätze - bedingt wird. Von ersteren kann man in traditioneller Weise
behaupten, sie seien wahr oder falsch, von letzteren nicht, was zu Problemen führt,
wenn es um die Wissenschaftlichkeit der Ethik geht. So wird die Universalität
einer Begründung von wichtigen ethischen Aussagen fragwürdig. Deshalb bedarf
es einer metaphysischen Verankerung.
Das
Kapitel 3.1 bereitet die Diskussion um diese metaphysische Verankerung vor,
indem es bedeutende philosophisch-theologische
Klassifizierungen einführt und vorstellt. Zudem werden die elf angeführten
Positionen auf eine dreiteilige Gliederung zurückgeführt (Null-, Minus- und
Plus-These).
Im
nachfolgenden Abschnitt 3.2 werden die ethischen Prinzipien einer Reihe von
weitverbreiteten und einflussreichen Religionen untersucht. Dabei wird
herausgearbeitet, dass alle acht berücksichtigten Glaubensrichtungen zwischen
inhaltlichen und formalen Forderungen
unterscheiden. Zudem werden Gemeinsamkeiten auf diesen beiden Ebenen
aufgelistet. Diese Berührungspunkte sind spärlich, aber sie existieren.
Der
Teil 3.3 setzt sich mit den Ansprüchen an eine moderne Ethik auseinander. Die
Frage, inwieweit eine Ethik modern sein muss, führt zur Erkenntnis, dass es ein
unveränderliches ethisches Prinzip
geben muss. Die Situation der Welt wird von verschiedenen Blickpunkten aus
untersucht, was verdeutlicht, wie wichtig eine universell gültige Ethik ist.
Die Diskussion führt schließlich zu drei
Eigenschaften für eine zeitgemäße Ethik: Sie muss für alle Menschen gültig
sein, sie muss im Dienste der Menschheit stehen und die muss relativistische
Positionen ausschalten.
Um
dies zu realisieren beschäftigt sich 3.4 mit der Reduktion von metaphysischen
und ethischen Vorstellungen und Ideen. Dazu werden Götter und Prinzipien
verschiedener Kulturen und Zeiten untersucht. Es lässt sich zeigen, dass alle
Positionen ein höchstes Prinzip anerkennen.
Dieses Prinzip dient zur Erklärung der Welt und als Ursprung und Ziel allen
Seins. Die Reduktion ergibt zwei Möglichkeiten: entweder es handelt sich dabei
um den einzigen bzw. höchsten Gott oder um ein abstraktes, höchstes Prinzip.
Das
Kapitel 3.5 führt abschließend die Ergebnisse der Reduktion zu einer Synthese.
So wird klar, dass sich alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer
Herkunft, einig sein können, dass es ein absolutes Prinzip gibt, dass dieses
Prinzip gleichzeitig das angestrebte Ziel darstellt und daraus resultiert, dass
es für alle Menschen bestimmte, verbindliche Regeln zur Erreichung dieses Ziels
gibt. Dies ist die metaphysische
Verankerung für die weiteren Untersuchungen. Untermauert wird diese
Aussage durch ein Beispiel, warum sich Vertreter ganz unterschiedlicher
Glaubensrichtungen auf ein Minimum einer gemeinsamen Basis einigen können.
Der
Abschnitt 3.5.3 befasst sich mit den metaphysischen Elementen der Theorie.
Ausgehend von der minimalen Basis wird die Frage aufgeworfen, wie viele
Glaubensannahmen nötig sind. Da durch solche Annahmen der Bereich der
Naturwissenschaften verlassen wird, muss die Anzahl möglichst gering sein.
Deshalb wird mit der Annahme einer höheren
Gerechtigkeit ein einziges metaphysisches Element in die Theorie eingeführt,
woraus sich alle weiteren Prinzipien ableiten lassen: die Existenz eines
absoluten Prinzips, eines (wertvollen) Ziels allen Strebens und die damit
verbundene Reglementierung dieses Strebens.
Die
Frage nach der Bestimmung der Gerechtigkeit führt zu bereits bekannten Unstimmigkeiten.
Die Tatsache, dass sich Situationen, Verdienste, Bedürfnisse, Gesetze, Folgen
und Absichten nicht eindeutig bewerten lassen, macht einen idealen
Bewerter nötig, der als Garant für die Gerechtigkeit steht.
Das
Kapitel 4 befasst sich mit dem Gegenstand
der Ethik, in anderen Worten, mit den Phänomenen, die in ethischen Sätzen
behandelt werden. Diese Fragestellung wird in zwei großen Blöcken
abgehandelt: im ersten werden ethische Begriffe eingeführt, womit die Analyse
vorbereitet wird (vgl. 4.1), im zweiten geht es um ein konkretes ethisches
Problem, der Frage, wovon man sagen kann, es sei an sich gut oder schlecht (vgl.
4.2).
Wichtige
Fragen der Ethik sind "Was ist gut?" und "Wie soll ich handeln?"
Diese beiden Fragen führen zu einer grundsätzlichen Einteilung der für den
vorliegenden Versuch wichtigen präskriptiven, also vorschreibenden Ethik.
Man
unterscheidet die Wert-Ethik von der
Norm-Ethik. Erstere befasst sich mit
der Zuordnung von Wertprädikaten, die in Abschnitt 4.1.1 behandelt werden, während
die zweite Vorschriften und deren Bedeutung untersucht. Diese Vorschriften
werden in Normen ausgedrückt, die mit Hilfe von Normbegriffen bzw. deontischen
Operatoren formuliert werden.
Die
Wert-Ethik verwendet sogenannte Wertprädikate
bzw. -begriffe. Es gibt sowohl positive (z.B. "gut",
"richtig") als auch negative Begriffe (z.B. "schlecht",
"falsch"). Zudem werden die unterschiedlichen Bedeutungen des
Begriffes "gut" untersucht und tabellarisch dargestellt. Die Frage,
welchen Entitäten man diese Prädikate zuordnen kann, wird in Kapitel 4.2 erörtert.
Die
Norm-Ethik verwendet Operatoren
("... ist geboten", "... ist erlaubt", " ... ist verboten"
und "... ist indifferent"), welche Handlungen zugeordnet werden können,
wodurch Normen entstehen. Die insgesamt vier Operatoren stehen untereinander
in logischen Beziehungen, so ist zum Beispiel eine Handlung geboten, genau dann
wenn ihre Unterlassung verboten ist.
In
Abschnitt 4.1.3 werden außerdem spezielle
ethische Begriffe eingeführt: Gegenstand, Intention, Handlung, Konsequenz,
Mensch, Prädestination, Vernunft und Willensfreiheit werden in ethischem Sinne
für die weitere Diskussion definiert.
Der
zentralen Frage, was gut oder schlecht
an sich ist, wird in Kapitel 4.2 nachgegangen. Die fünf Kandidaten dafür
sind der Mensch, Dinge, Handlungen, ihre Konsequenzen und die Absicht einer
Handlung.
Gegen
vier der Anwärter werden Argumente präsentiert, warum es nicht sinnvoll
ist, von einem Gut an sich zu sprechen. Der Mensch, unabhängig davon, ob wir
ihn als Spezies oder Individuum sehen, kann nicht gut oder schlecht an sich
sein, wie zahlreiche Beispiele demonstrieren. Auch Dinge können diese Aufgabe
nicht übernehmen, da sie eine positive oder negative Funktion erst durch den
Menschen und ihre Anwendung erlangen. Sowohl generelle als auch individuelle
Handlungen sind wiederum ungeeignet dafür, weil aufgezeigt wurde, wie sehr
Taten empirischen Zufälligkeiten unterliegen. Auch die Folgen einer Handlung können
nicht gut oder schlecht an sich sein, weil die objektive Bestimmung aller
Konsequenzen für eine Handlung und ihrer Alternativen nicht möglich ist. Somit
bleibt die Absicht eines Menschen zu
einer Handlung der einzige Kandidat, von dem man sagen kann, er sei gut oder
schlecht an sich.
Das
Kapitel 4.3 befasst sich mit der Intention als Basis für die ethische
Diskussion. Besprochen werden neben den Merkmalen
einer Absicht (moralisch, absolut, subjektiv, inhärent), auch die Fragen nach
dem Bewusstheitsgrad
(bewusst, automatisiert unbewusst, unbewusst) und nach der Allgemeinheit
der Absichten (Rückführung auf existentielle Zwecke und Triebe). Den Abschluss
bildet die Beschäftigung mit der hierarchischen
Struktur von Intentionen. Am Ende dieser Struktur befindet sich das
subjektiv als gut empfundene Streben des Menschen nach Glückseligkeit.
5.
Grundlegung der intentionalen Ethik
Das
fünfte Kapitel und Hauptteil dieser Untersuchung hat sich mit der Grundlegung
eines rein intentionalen ethischen Modells befasst, also eines Systems,
das sich bei der Bewertung von Handlungen ausschließlich auf die dahinterstehenden
Absichten bezieht.
Ziel
der Ethik ist, gutes Sein
bzw. das Gut-Sein zu fördern und zu vermehren. Dies lässt sich nur über gute
Intentionen bewirken.
Der
Untersuchung wird ein Drei-Welten-Modell zugrundegelegt: materielle, psychischen
und metapsychischen Welt. Jeder Aspekt der Theorie wird im Hinblick auf die drei
Welten beleuchtet und geprüft.
Kapitel
5.3.1 beschäftigt die Voraussetzungen für das Intentionale Modell: die Freiheit.
Dabei wird die Frage nach der Existenz der Freiheit beantwortet und aufgezeigt,
was es heißt, dass Freiheit in der materiellen, in der psychischen, aber auch
in der metapsychischen Welt existiert. Folgende Erkenntnisse wurden gewonnen:
die Materie unterliegt keinem Determinismus; der Wille des Menschen ist frei;
das absolute Prinzip ist in keiner Hinsicht an Gesetze gebunden.
In
Kapitel 5.3.2 wird der Zentralbegriff der Theorie untersucht: die Intention.
Auch hier gilt es die Beziehung zu den einzelnen Welten zu klären, um ein
vollständiges Verständnis zu Begriffes zu erlangen. Die Bezeichnung
"Zustand I" wird präzisiert.
In
diesem Zusammenhang werden die Einflüsse auf die Absicht eines Menschen
durchleuchtet. Neben genetischen und physischen Faktoren spielen außerdem
soziale und kulturelle Kräfte eine wesentliche Rolle. Eine Möglichkeit,
unabhängig von externen Faktoren, ethische Leitlinien zu erfahren, bietet die
Goldene Regel. Sie ist zudem für die inhaltliche Füllung des Gewissens
verantwortlich.
Zusammen
mit dem metaphysischen Hintergrund wurde das ethische Gesetz
rekonstruiert und formuliert. Demnach verhält sich ein Mensch ethisch
richtig, wenn er sich erstens über seinen intentionalen Zustand weitmöglichste
Klarheit verschafft und zweitens nach bestem Wissen und Gewissen in guter
Absicht handelt.
Das
Kapitel 5.3.3 klärt die Folgen, die sich aus einer bestimmten Absicht auf den
einzelnen Ebenen ergeben. Diese Phänomene werden mit dem Begriff "Karma"
zusammengefasst. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Auswirkungen
bezogen auf die materielle und psychische Welt nicht bestimmbar sind, d.h.
keinen Gesetzen folgen. Der Ausdruck "Zustand K" wird näher charakterisiert.
Der
letzte Gedanken in diesem Kapitel wird von dem Ziel des menschlichen Lebens
und Strebens beherrscht. Die Einhaltung des ethischen Gesetzes hat demnach den
Sinn, den Menschen zu seinem Ziel zu führen. Dieses Ziel liegt außerhalb der
Welt und ist dem Irdischen als Ideal gegenübergestellt: ewige Glückseligkeit,
Erlösung, Erlöschung des Leidens, etc.
6.
Das Böse in der Welt
Obwohl
die Grundlegung des Intentionalen Modells abgeschlossen ist, bleiben noch
einige wesentliche Fragen zu klären. Fragen, mit denen sich die Menschen seit
Jahrtausenden beschäftigen. Fragen nach dem Beginn und dem Ende der Welt, nach
dem Ursprung des Bösen. Fragen, die nicht nur im Bereich der Philosophie ihre
Berechtigung besitzen, sondern auch in jeder Religion beantwortet werden (müssen).
Fragen, auf die wir vielleicht nie eine endgültige Antwort finden werden, bei
denen wir aber keine Antwort nicht akzeptieren können.
Während
die ersten beiden Fragen kosmologischer und metaphysischer Natur sind,
interessiert hier im besonderen die letzte Frage. Hinzu kommen noch spezielle
Themen, zu denen jede ethische Theorie Stellung nehmen muss, so zum Beispiel zu
Selbstmord, Tyrannenmord und Sterbehilfe. Besonders die Fragen aus dem Bereich
der Angewandten Ethik und der Bioethik sind von besonderem und aktuellem
Interesse (z.B. Genmanipulation, Humanexperimente, Schwangerschaftsabbruch,
Gehirnchirurgie, Organverpflanzung, Gen-Kartierung, etc.)
Die
Antworten auf diese Fragen sind zwar mit Hilfe des Intentionalen Modells
einheitlich und leicht zu rechtfertigen, bedürfen aber trotzdem noch einer zusätzlichen
Erklärung. Werden die Handlungen und Entscheidungen in guter Absicht
getroffen, so hat die Person gut gehandelt. Mehr kann man in den meisten Fällen
aufgrund einer Reihe von bereits angesprochenen Gründen nicht verlangen.
Das
Beispiel des Tyrannenmords wird sehr oft dazu verwendet, um ein Ethik-Modell zu
prüfen. Das Hauptproblem der meisten Theorien besteht darin, dass es zu einem
Wertekonflikt kommt. Einerseits sollte jede Ethik die Tötung eines Menschen
ablehnen, andererseits wäre es aber besser für viele Personen, wenn es das
entsprechende Individuum nicht mehr geben würde. Dieses Nützlichkeitsdenken
lässt diese Lösung jedoch unmoralisch erscheinen. Hier prallen Theorie und
Praxis aufeinander. Während wir im allgemeinen einen Mord immer verächtlich
finden und ablehnen, würde jeder die Beweggründe von Claus Graf Schenk von
Stauffenberg (vgl. das Beispiel in 5.3.3.1) anerkennen. Viel mehr noch,
wie vielen Menschen hätte man das Leben retten können, wäre das Attentat
geglückt, wie viel Leid wäre vielen Familien erspart geblieben?
Hier
wird deutlich, welche Funktion ein ethisches System in der Theorie hat. In der
Einleitung zu Kapitel 5 wurde erwähnt, dass das ethische Gesetz als Kriterium
zur Unterscheidung dienen soll, ob eine Verhaltensweise an sich und daher immer
gut bzw. schlecht ist oder ob es aufgrund der jeweiligen Situation zu bewerten
ist. Außerdem muss es eine Hilfe bei der Lösung von Gewissenskonflikten
darstellen.
Nach
der Intentionalen Ethik ist eine Handlung - für den Handelnden als Handelnden,
nicht nur als Bewerter - dann und nur dann gut, wenn sie einer guten Absicht
entspringt. Diese unbedingte, formale Bedingung erfüllt die erste Aufgabe
des Sittlichkeitskriteriums. Auch die zweite Funktion lässt sich auf der
formalen Ebene lösen. Insofern gibt es bei diesem Modell der Ethik keine inhaltlichen
Vorgaben, da diese von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst werden. Nur
durch die formale Betrachtungsweise kann das Gerechtigkeitsprinzip realisiert
werden.
Aus
genannten Gründen gibt es keine allgemeingültigen Antworten auf Fragen nach
der ethischen Rechtfertigung bestimmter Vorgehensweisen. Das soll uns aber
keinesfalls zu einem Relativismus führen. Wenn es um Fragen geht, die die
gesamte Menschheit betreffen oder zumindest einen großen Teil der Bevölkerung,
dann gilt das ethische Gesetz nicht nur für jede einzelne Person, sondern darüber
hinaus auch für das Kollektiv der Entscheidungsträger.
Entscheidungen
müssen immer so getroffen werden, dass sie nach Abwägung der intentionalen
Hintergründe in der besten Absicht getroffen werden. Auch wenn diese Lösung
einen simplen Eindruck macht, so ist sie doch sehr effektiv. Eine besondere
Wichtigkeit - und das kann nicht oft genug betont werden - kommt dem
Sich-bewusst-Machen der eigenen Absichten und ihrer vielschichtigen Einflüsse
zu. Schon Immanuel Kant hat in seinem Werk "Kritik der reinen
Vernunft" geschrieben:
"Die
eigentliche Moralität der Handlungen bleibt uns daher, selbst die unseres eigenen
Verhaltens, gänzlich verborgen. Unsere Zurechnungen können nur auf den
empirischen Charakter bezogen werden. Wie viel aber davon reine Wirkung der
Freiheit, wie viel der bloßen Natur und dem unverschuldeten Fehler des
Temperaments, oder dessen glücklicher Beschaffenheit zuzuschreiben sei,
kann niemand ergründen, und daher auch nicht nach völliger Gerechtigkeit
richten."
Kant
liegt jedoch falsch, wenn er davon ausgeht, dass uns die Motive unseres
Verhaltens "gänzlich verborgen" sind oder diese "niemand
ergründen" kann. In den allermeisten Fällen sind uns sehr wohl die
grundlegenden Motive bekannt. Außerdem hängt ethisch richtiges
Verhaltens zu einem großen Teil von dem Bewusstseinsgrad der Zustände I i
ab. Hinzu kommt noch das Sich-bewusst-Machen des intentionalen Zustandes,
das eine bedeutende ethische Funktion besitzt.
Ein
aktuelles Beispiel ist die Frage nach der Verantwortbarkeit des Klonens von
Menschen. Argumente von Befürwortern beziehen sich u.a. auf die (wahrscheinliche)
Möglichkeit, damit Erb- und andere Krankheiten heilen zu können. Menschen,
die das Klonen menschlicher Zellen ablehnen, rechtfertigen dies oft damit,
dass es ethisch nicht vertretbar sei, dass der Mensch nicht Gott spielen dürfte.
Die Argumentationen sind jedoch auf beiden Seiten nicht einwandfrei. Wer
garantiert, dass man damit Menschen das Leben retten kann? Oder wer rechtfertigt
sich vor Kranken, denen man viel Leid hätte ersparen können? Und in beiden Fällen
gilt: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn die Lösung eines Problems zu
neuen, vielleicht viel gravierenderen führt?
Das
Handeln und Entscheiden des individuellen Menschen, genauso wie jenes der
Menschheit, kann deshalb nur über die Absichten bewertet werden. So auch die
Frage nach dem Klonen des Menschen. Geht es darum, ein weiteres Tabu zu
brechen? Stehen Berühmtheit und Erfolg des Forschers und Genetikers im
Vordergrund? Sind sie der Antrieb? Wie groß sind die wirtschaftlichen,
finanziellen Interessen? Nur wenn diese Fragen beantwortet werden können
und sich die Entscheidung danach richtet, wird es möglich sein, individuell
und universell eine ethisch richtige Entscheidung zu treffen.
Das
Hauptthema dieses Kapitel ist das Böse in der Welt. Im Abendland trat vor allem
durch das Christentum neben das Gute die Vorstellung des Bösen. Es
beansprucht für sich keine eigene Sinnqualität, sondern gilt als Negation bzw.
Perversion des Guten. In diesem Zusammenhang steht die Frage nach dem Ursprung
des Bösen und das sogenannte Theodizee-Problem: inwieweit ist Gott als Schöpfer
der Welt zugleich für das Böse verantwortlich und wie kann er gegenüber
diesem Vorwurf gerechtfertigt werden.
Wenn
Gott nur das Gute geschaffen hat, muss demnach der Mensch der Urheber des
Bösen sein. Gerechtfertigt werden kann dies - aus christlicher Sicht - nur
durch die Freiheit. Die menschliche Willensfreiheit ist ein Vermögen des Guten
und Bösen, d.h. Gut und Böse sind Produkte des zur Freiheit aufgerufenen
Willens. Die Tatsache, dass der Wille in freier Entscheidung und im Anblick
des Guten das Böse als das Böse will, ist selbst aus philosophischer Sicht
schwer begreifbar.
Wenn
aber der Mensch selbst der Urheber von Gut und Böse ist, dann kann man die
Bedingungen des Bösen nicht aufheben, ohne dabei auch die Bedingungen des
Guten aufzuheben: die Freiheit des Willens. Eine Thematik, die u.a. von Anthony
Burgess in seinem literarischen Meisterwerk "A Clockwork Orange"
verarbeitet wurde.
Trotzdem
wird die Existenz des Bösen immer wieder als Argument gegen eine höhere Ordnung,
gegen die Existenz einer Gerechtigkeit, gegen das Absolute ins Feld geführt.
Gottfried Wilhelm Leibniz unterscheidet in seiner Theodizee drei Arten von Übeln:
physisches
Übel
*
diese Art des Bösen (z.B. Schmerz, Leid, etc.) rechtfertigt sich über die
Funktion; es kann nützlich sein (z.B. zur Erhaltung des Individuums) oder als
Strafe zur Besserung dienen
moralisches
Übel
*
diese Form des Übels wird durch die menschliche Freiheit bedingt, äußert sich
in der Sünde und ist Grund für die Notwendigkeit der christlichen Erlösung
metaphysisches
Übel
*
dieser Typus des Schlechten entspringt der Kreatürlichkeit; alles Geschaffene
ist unvollkommen, ansonsten wäre es wie sein Schöpfer göttlich
Abgesehen
davon, dass die Leibnizsche Einteilung sehr gut auf das von uns verwendete
Drei-Welten-Modell passt, lassen sich inhaltliche Parallelen zum Intentionalen
Modell finden. Das moralische Übel - in unserem Fall Teil der psychischen
Welt - zeigt sich in dem Verstoß gegen das ethische Gesetz, in der Realisierung
schlechter Absichten. Auch hier ist das nur durch die Freiheit des menschlichen
Willens möglich.
Die
Lösung von Leibniz ist jedoch nicht zufriedenstellend. Tatsache ist, dass es
viel Leid auf der Welt gibt, dessen "Funktion" uns verborgen bleibt,
dessen Existenz wir aber nicht akzeptieren können und wollen. Damit kommen wir
zur Kernfrage jeder ethischen Reflexion: Wieso ist die Welt so schlecht?
Ist sie überhaupt schlecht? Wo ist das Gute? Wo die Gerechtigkeit? Oder sind
wir nur Figuren eines göttlichen Schachspiels?
Wie
lässt sich das Chaos der Welt rechtfertigen? Der Mensch besitzt die Freiheit
des Willens und kann damit - im Rahmen seiner Möglichkeiten - gut oder auch böse
handeln (er ist zum Beispiel das einzige Lebewesen, das sich selbst töten
kann). Trotz allem steht das Gerechtigkeitsprinzip über dem der Freiheit. Das
ethische Gesetz - jemand handelt gut, wenn er in guter Absicht handelt - führt
zwar auf Erden oft zu scheinbaren (!) Ungerechtigkeiten, ist aber notwendig,
damit beide Prinzipien - Gerechtigkeit und Freiheit - realisiert werden können.
Wenn
wir vom Bösen in der Welt reden, dann meinen wir damit in Wirklichkeit das Böse
der Außenwelt. Darüber lässt sich in vielen Fällen nichts intersubjektiv
Gültiges aussagen. Für den einen Menschen ist es gut, für den anderen
schlecht. Doch wir müssen nicht einmal den menschlichen Bereich betrachten,
um dafür Beispiele zu finden. Ein Tier, das von einem anderen zerfleischt wird,
ruft in uns andere Gefühle hervor als der Mord an einem Menschen - obwohl beide
Male eine Lebewesen getötet wurde. In erster Linie aber nicht, weil ein
Menschenleben mehr Wert besitzt als das eines Tieres, sondern weil der Antrieb für
die Tat ein vollkommen anderer ist.
Aus
diesen Gründen ist vieles, das uns den Anschein des Schlechten liefert, in
ethischer Hinsicht nicht schlecht. Woher kommt aber nun dieses vermeintlich
Böse? Es entsteht aus der Diskrepanz zwischen Intention und Konsequenz, den
beiden eine Handlung umgebenden Faktoren. Schlägt die gute Intention
einer Person fehl, so können sich unerwünschte und damit unangenehme
Folgen für eine andere Person ergeben. Dieses nun entstandene Böse ist
jedoch kein Produkt eines ethisch korrekt handelnden Wesens.
Damit
kommen wir wieder zu den drei Arten des Übels nach Leibniz. Viel scheinbar
Schlechtes der Außenwelt (m-Welt) erfüllt entweder eine positive Funktion
oder ist gar nicht ethischer Natur. Ein weiterer Teil des scheinbar Schlechten
wird durch die Unvollkommenheit des Menschen bedingt, der Möglichkeit, in
Freiheit Fehler zu begehen oder Fehlentscheidungen zu treffen, für die er
aufgrund schon erwähnter Einflüsse nicht verantwortlich ist. Das Böse in
explizit ethischer Hinsicht tritt aber dort auf, wo sich Menschen bewusst
gegen das ethische Gesetz stellen.
Das
Gute entspringt der Freiheit und entsteht im Menschen selbst. Über allem ruht
die Gerechtigkeit.
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(C) 2001 by Christian Zelger