Sapere aude Reloaded
Über die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung
In:
Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik. Heft 2/2008. Hrsg. von
Ekkehard Martens. Siebert Verlag. Hannover 2008. [ISSN 0945-6295]
In: Fürst, Martina/Gombocz, Wolfgang/Hiebaum, Christian: Analysen, Argumente, Ansätze. Beiträge zum 8. Internationalen Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie in Graz. Band 2. Ontos Verlag. Frankfurt 2008. [ISBN 978-3-86838-015-6]
1. Problemstellung
Seit über 20 Jahren ist zu beobachten, dass die Technik im Allgemeinen und die Computertechnik im Speziellen immer mehr das Leben der Menschen, besonders der Jugendlichen bestimmt und immer mehr Aufgaben erleichtert oder sogar vollständig übernimmt. Clifford Stoll fragt: „Was geht verloren, wenn wir neue Technologien einführen? [...] Welche Dinge von Wert gehen unter?“ (STOLL 2001, 10) Es drängt sich also hierbei die Frage auf, ob nicht jede Aufgabe, die einem abgenommen wird, früher oder später dazu führt, dass die Fähigkeiten, diese Aufgabe selbst und eigenständig zu lösen, zunehmend verkümmert und sich der Mensch dadurch freiwillig in eine Abhängigkeit begibt. Immanuel Kant hat 1784 geschrieben: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ (KANT 1784, 481) Über 220 Jahre nach diesen Zeilen in seinem berühmtem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ gilt es deshalb folgende Fragen zu beantworten: Gibt es eine durch die Technik bedingte neue Unmündigkeit? Wenn ja, inwieweit ist diese selbstverschuldet? Und wie soll ggf. – im Rahmen des Philosophie-Unterrichts – eine neue Aufklärung aussehen?
2. Informationsbeschaffung im 3. Jahrtausend
2.1 Die Rolle der Interpretation
Zu Beginn der 1990er Jahre wurde die private und kommerzielle Nutzung des Internet-Backbone der National Science Foundation gestattet; mit dem World Wide Web geht über das CERN der bekannteste Internet-Dienst ins Netz (MÖLLER 2006, 53; ZAKON 2001). Das Internet gestattet es, Daten, wo immer sie gespeichert sind, im Prinzip von jedem Punkt der Erde aus und zu jeder Zeit abzurufen. Die Praxis zeigt, dass das Internet zunehmend zur primären Informationsquelle unserer Gesellschaft wird. Sowohl in Schulen (EIDENBENZ 2004) als auch immer häufiger unter Journalisten (WEBER 2007, 20ff.) ist das Internet meist die erste und – was in seiner Konsequenz nicht zu unterschätzen ist – oft auch einzige Recherchequelle. Eine Umfrage im Rahmen eines Schulprojekts unter 15-Jährigen hat ergeben, dass 83% der Schüler als Informationsquelle für Hausaufgaben, Gruppenarbeiten und Referate ausschließlich bzw. hauptsächlich das Internet benutzen. Umso wichtiger wird damit eine Auseinandersetzung mit dem Medium, seinen Funktionsweisen und Inhalten. Joseph Weizenbaum weist darauf hin, dass das Internet lediglich Daten liefern kann. Erst der Rezipient muss aus diesen Daten durch eine Interpretation, die richtig oder falsch sein kann, eine Information schaffen (WEIZENBAUM 2006, 25). Eine solche Interpretation ist jedoch eine aktive intellektuelle Leistung, die von dem jeweiligen User erbracht werden muss.
2.2 Das Google-Wikipedia-Monopol
Bei der Datensuche spielen nicht nur im Schulwesen zwei Seiten eine besondere Rolle: die Suchmaschine Google und das auf einem Wiki-System basierende Lexikon Wikipedia. Google ist die meistgenutzte Suchmaschine im Internet. Über die von Larry Page und Sergey Brin 1998 initiierte Website werden heute über 80% aller Suchanfragen bearbeitet (SIXTUS 2006). Die umfangreichsten Online-Enzyklopädien sind die englischsprachige Wikipedia mit über 1,75 Millionen und die deutschsprachige mit über 575.000 Artikeln. (WIKIMEDIA 2007). Zu vielen Stichwörtern, die in Google eingegeben werden, liefert die Suchmaschine zuerst einen Link zur Wikipedia (WEBER 2007, 27). In der Rangliste der am häufigsten besuchten Websites steht das Online-Lexikon mit über 900.000 Besuchern täglich allein auf der englischsprachigen Version unter den ersten zehn (NAUGHTON 2006; DAMBECK 2006). Über die Qualität der Artikel, die – gemäß der Prinzipien eines Wiki-Systems – in Gemeinschaftsarbeit anonymer bzw. pseudonymer Benutzer entstehen (FIEBIG 2005, 9ff.), gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aufsehen erregte der im Dezember 2005 publizierte Test der Zeitschrift Nature, der zu belegen scheint, dass die Encyclopaedia Britannica ebenso viele Fehler enthält wie die Wikipedia (MÄDER 2005). Allerdings wurde im März 2006 bekannt, dass die Vorgangsweise der Zeitschrift fehlerhaft und unlauter war, indem sie Artikel kürzte, zusammenfasste oder bearbeitete, bevor sie an die Tester weitergereicht wurden oder sogar Artikel verwendete, die nicht in der Britannica zu finden waren (ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA 2006). Neben den beiden erwähnten Sites spielen auch so genannte Hausarbeiten- und Referatsbörsen wie zum Beispiel www.hausarbeiten.de, www.fundus.org oder www.grin.com, die zum Teil kostenlos, zum Teil kostenpflichtig Arbeiten unterschiedlichen Umfangs und unterschiedlicher Qualität anbieten, im Bildungswesen eine immer größere Rolle. Auch wer nicht direkt auf diesen Seiten seine Suche beginnt, wird von Google häufig dorthin verwiesen.
3. Die neue Unmündigkeit
3.1 Abhängigkeit von neuen Medien schränkt Lernen ein
Wie bereits erwähnt ist unter Jugendlichen und immer mehr auch unter Studenten das Internet primäre Informationsquelle (JANNASCH 2007). Das bedeutet, dass der Umgang mit traditionellen Medien, zum Beispiel gedruckten Quellen wie Büchern und Zeitschriften, nicht mehr zum Alltag gehört (HAMANN 2006). Jedes Medium aber beeinflusst seine Benutzer durch die Eigenheiten, die es besitzt und die Möglichkeiten, die es bietet. So werden Internetseiten als potentielle Quellen vielfach nicht mehr vollständig am Bildschirm gelesen, sondern nur nach markanten Stichworten überflogen, d. h. die semantische Beschäftigung mit einem Text muss der syntaktischen weichen (vgl. dazu WEBER 2007, 24f. und STOLL 2001, 215). 54% der befragten 15-Jährigen haben auf die Frage „Wie gehst du vor, wenn du eine Internetseite gefunden hast?“ die Antwortmöglichkeit „Ich überfliege sie nach passenden Begriffen und kopiere Absätze in eine Datei.“ angekreuzt; lediglich 3% haben „Ich drucke die Seite aus, lese sie und unterstreiche gegebenenfalls Wichtiges“ geantwortet. Diese syntaktische Vorgehensweise begünstigt aber, wenn sie alleinige Methode der Recherche ist, einen funktionalen Analphabetismus, d. h. die Unfähigkeit, den Sinn von Texten zu erfassen. Damit werden aber Lernprozesse nicht unwesentlich eingeschränkt. Hinzu kommt, dass immer mehr Internet-User suchtgefährdet sind. Etwa 13% der amerikanischen Nutzer zeigen bereits Anzeichen von Abhängigkeit (APA 18.10.2006). Unmündigkeit als Reduktion von Möglichkeiten bedeutet in diesen Fällen, auf einen Medientyp fixiert und deshalb unfähig zu sein, Informationen aus einer Vielzahl von Quellen zu beziehen. Eine Folge dieser Fixierung kann sein, dass das Erfassen von Inhalten zunehmend verlernt wird.
3.2 Informationsvielfalt ist kein Garant für höheres Niveau
Die Qualität einer schriftlichen Arbeit steigt in der Regel, je mehr Quellen berücksichtigt und eingearbeitet werden. Wird das Internet als primäre Informationsquelle genutzt, muss das unüberschaubar große Angebot geordnet werden. Mit Hilfe von Suchsystemen kann diese Menge – Dienste wie Google durchsuchen zum Beispiel mehrere Milliarden Sites – bewältigt werden; zudem helfen Online-Lexika und Textbörsen beim Einarbeiten und Einlesen. Trotzdem sinkt nach Einschätzung des Philosophen Konrad Paul Liessmann das Niveau von Haus- und Seminararbeiten (APA 29.03.2007). Über die Gründe dafür kann man spekulieren. Verleitet das omnipräsente und oft schon entsprechend aufgearbeitete Angebot zu einer schlampigeren und oberflächlicheren Arbeitsweise? (vgl. dazu WEBER 2007, 91 und 95) Liefern Internetseiten mitunter unsichere, zweifelhafte oder qualitativ mindere Daten? (ZELGER 2007) Immer wieder wird berichtet, dass Artikel in der Wikipedia entweder grobe Fehler enthalten, trotz gegenteiliger Forderungen ideologisch motiviert oder sogar vollständig erfunden sind (GRAFF 2005; KOHLENBERG 2006, 17). Oder erfordert ein sinnvoller Umgang mit dem Internet traditionelle Kulturtechniken, die von der oft als Generation Google bezeichneten Klientel nicht mehr beherrscht werden oder schon verlernt worden sind? (APA 29.03.2007; WEBER 2007, 91) Besonders der letztgenannte Umstand führt, wie bereits mehrere Studien zeigen, vielfach dazu, dass Inhalte nicht oder kaum bearbeitet übernommen und als eigene Elaborate ausgegeben werden (LEHERMAYR 2006, 54). Unmündigkeit im Umgang mit elektronischen Medien kann demnach bedeuten, unfähig zu sein, Menge und Inhalt adäquat zu verarbeiten.
3.3 Instant-Angebote erzeugen Illusionen
Nicht nur im Internet finden sich zahlreiche Angebote, die dem Anwender Arbeit abnehmen, auch in Standardsoftware wie Microsoft Office oder OpenOffice gibt es Funktionen dieser Art. Vorlagen und Schablonen verleihen einer Präsentation den richtigen Schliff und ClipArts verzieren die eigenen Elaborate. „Alles ist ein Ready-Made, homogenisiert und standardisiert.“ (WEBER 2007, 133) Diese Möglichkeiten erwecken im Anwender das Gefühl, ein professionelles Produkt geschaffen zu haben. In Wirklichkeit wird hier nur die Illusion von Kreativität erzeugt (SPITZER 2006, 143ff.). Ebenso steht es mit den schon erwähnten Hausarbeitenbörsen. Einmal davon abgesehen, dass die Übernahme und Verwendung von Inhalten ohne Quellenangaben den Tatbestand des Plagiats erfüllt (LEHERMAYR 2006, 54), haben zum Beispiel Schüler vielfach das Gefühl, sie hätten ein Referat erarbeitet, wenn sie einen passenden Text von einer solchen Seite herunterladen und ausdrucken. Alles muss – wie es so oft heißt – „schön zusammengefasst“ und gebrauchsfertig sein. Aber auch in diesem Fall ist es nicht viel mehr als eine Illusion von Kreativität, also die Einbildung, einen Inhalt geschaffen zu haben. „Das Internet erzeugt eine Illusion von Verfügbarkeit“ von Wissen, hat der ehemalige Kunstminister Rudolf Scholten auf dem Philosophicum in Lech betont und vergleicht das immer zugängliche, aber kaum tatsächlich genutzte Informationsangebot im World Wide Web mit einer Übernachtung in der British Library. In einem solchen Fall hieße das noch nicht, dass das dort verfügbare Wissen auch erworben wurde (APA 29.03.2007). Unmündigkeit bedeutet hier, sich darauf zu verlassen, alles – Inhalt wie Form – wie auf einem silbernen Tablett serviert zu bekommen und sich nicht bewusst zu sein, dass es sich dabei nicht um eine eigene intellektuelle Leistung handelt.
4. Die neue Aufklärung
Der vorangegangene Abschnitt hat gezeigt, dass unter anderem das Internet eine neue Entmündigung des Menschen begünstigt. Erstens: Die ansteigende Digitalisierung von Inhalten jeder Art – Google will zum Beispiel mit seinem Projekt GoogleBooks Bücher einscannen und online schalten – bedingt eine zunehmende Einseitigkeit bei Quellen und Recherchemethoden. Zweitens: Gleichzeitig sind die Vorteile, die diese Technik bietet – größere Datenmenge und -vielfalt und effiziente Suchalgorithmen –, kein Garant für umfassender informierte Menschen oder breit recherchierte und qualitativ bessere Arbeiten. Drittens: Es gibt genügend stets verfügbare Angebote, die kreative Arbeitsprozesse abnehmen und so die Illusion einer Leistung erzeugen. Kant hat geschrieben: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ (KANT 1784, 481) Heute kann man von einer „verführten Selbstverschuldung“ sprechen, d. h. es bedarf zwar in allen drei Fällen um eine Entscheidung des Rezipienten, aber die Massivität mit der sich die Technik in den Vordergrund drängt favorisiert – kombiniert mit einem schnelleren Lebensrhythmus – das oben beschriebene Prozedere. Es werden nun im Folgenden drei Gedanken vorgestellt, an Hand derer es im Rahmen des Philosophie-Unterrichts möglich sein sollte, über die angeführten Entwicklungen und die daraus entstehenden Probleme zu sprechen.
4.1 Selbst-Denken ist freies Denken
Wenn eigenständig denken bedeutet, dass man frei sein muss – von der prinzipiellen Möglichkeit dazu wird hier ausgegangen –, dann mindern Abhängigkeiten das freie Denken. Wo aber sind diese Abhängigkeiten heute zu finden? In erster Linie im Bereich der populären Technik (z. B. Handys, Internet, Fernsehen, Navigationssysteme). Diese Medien lenken die Aufmerksamkeit gerade junger Menschen immer stärker auf sich, so dass sich wie erwähnt bei einem nicht geringen Prozentsatz bereits Suchtanzeichen feststellen lassen (EIDENBENZ 2004). Eine solche Abhängigkeit bedingt eine Einengung des Verhaltensraums, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und negative soziale Konsequenzen (GEHRKE/POHLSCHMIDT 2004). Dazu kommt noch eine Toleranzentwicklung, so dass zum Erreichen einer beabsichtigten positiven Stimmungslage die „Dosis“ der Internetnutzung gesteigert werden, wobei von den Süchtigen besonders Chatrooms, Foren, Musikseiten und Onlinespiele genutzt werden (EBD.) Damit wird das virtuelle Leben wichtiger als das reale (EIDENBENZ 2004). Wie sehr diese Virtualität bereits Realität ist, zeigt der Erfolg von Internetseiten wie Second Life. Menschen kaufen sich „Grundstücke“ im Internet und bezahlen mit realem Geld, um sich dort ein zweites Leben aufzubauen. Das „Bevölkerungswachstum“ beträgt ca. 600% in einem halben Jahr, mittlerweile gibt es über 3,5 Millionen Mitglieder (CASATI U. A. 2007, 151f.). Wie aber soll Selbst-Denken in der realen Welt funktionieren, wenn man anderenorts ein „umwerfend begabte[s], gutaussehende[s], hedonistische[s] Kunst-Ich“ besitzt (EBD., 153) und in einer Welt lebt, die nicht den uns bekannten Naturgesetzen folgt? Und die Freiheit als Bedingung für aufgeklärtes Denken wird durch die Vereinnahmung durch diese virtuelle Welten eingeschränkt. Außerdem ist eigenständiges Denken nur begrenzt wertvoll, wenn nicht ein entsprechendes Handeln folgt. Wenn man sich aber auf andere bzw. auf anderes (z. B. auf ein Navigationssystem im Auto) verlässt und diese Möglichkeiten – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr zur Verfügung stehen, so wird die persönliche Freiheit beschnitten.
4.2. Selbst-Denken ist individuelles Denken
Eine weitere Voraussetzung für das Selbst-Denken ist Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Folglich mindert ein Faktor wie zum Beispiel Gruppenzwang diese Individualität. Wenn aber jeder dasselbe macht, sich mit denselben Produkten abgibt, dieselben Vorlieben besitzt bzw. besitzen muss, bleibt das autonome, kritische Denken, das eine aufgeklärte Haltung charakterisiert, auf der Strecke. Dieses individuelle Denken ist vor allem deshalb wichtig und hervorzuheben, weil das Gegenteil die anderen beschriebenen Effekte verstärkt. Wenn ein Schüler heute kein Handy oder zu Hause keinen Computer mit Internetzugang besitzt, so wird er oft belächelt – unabhängig davon, ob eine echte Notwendigkeit vorhanden ist oder nicht. Auch scheint es, als müssten Referate (z. B. für die Matura) mit Präsentationssoftware wie PowerPoint gestaltet werden und jeder andere Weg sei von vornherein auszuschließen (vgl. dazu SPITZER 2006, 143) – ob elektronische Folien in jedem einzelnen Fall ein geeignetes Medium sind und die mündlichen Ausführungen damit tatsächlich besser untermauert werden können oder nicht. Das allzu feste Verlassen auf Vorgefertigtes, es beginnt bei der Form und endet häufig beim Inhalt, ist auch ein Grund, wieso eine Präsentation eines Salzburger Schülers letzten Endes genauso aussieht wie die eines Römer, Kopenhagener oder New Yorker Schülers – vielfach ein Einheitsbrei, der Individualität und Originalität vermissen lässt. Hier muss der Philosophie-Unterricht an Gymnasien einen Rahmen bieten, der unabhängiges Denken abseits von Schablonen und Vorlagen fördert, um die Persönlichkeit der Schüler zu stärken und es ihnen so leichter zu machen, originelle Ideen zu entwickeln, zu vertreten und kompetent zu begründen.
4.3. Freies, individuelles Denken bedarf Übung und Pflege
Autonome Verstandesarbeit gibt es nicht als Instantpulver. Sie muss erlernt werden und braucht mehr denn je Übung und Pflege. Wird sie nicht geübt und gepflegt, verkümmern die Fähigkeiten, sofern sie jemals vorhanden waren. Das Erlernen und Pflegen ist allerdings weder ein passiver noch ein stets angenehmer Prozess: „Lernen ohne Mühe, brillante Graphiken, Fakten aus dem Internet, das Lernen als Videospiel: Es gibt damit nur ein Problem – alles ist Lüge!“ (STOLL 2001, 26). Denn damit eine persönliche Bildung greifen kann, bedarf es Zeit und Einsatz. Das Problem vieler Jugendlicher heute liegt aber gerade darin, diese nicht aufbringen zu wollen oder zu können. Eine konstante Ablenkung und Zerstreuung durch Handys, Computer, Fernsehgeräte und Spielkonsolen, die Spaß und Unterhaltung sofort und ohne Ende versprechen, bedingt eine immer häufiger zu beobachtende Unfähigkeit, sich länger als für eine Viertelstunde auf eine Sache zu konzentrieren (WEBER 2007, 91). Aber: „Es gibt keinen mühelosen Zugang zu einer qualifizierten Bildung. Was als Belohnung abfällt, ist kein kurzer Adrenalinrausch, sondern tiefe Befriedigung – allerdings erst nach Wochen, Monaten oder gar Jahren. Wenn man Lernen mit Spaß gleichsetzt, würde das bedeuten, dass man nichts lernt, wenn man keinen Spaß hat.“ (STOLL 2001, 26). Auch wenn es sinnvolle und gut gemachte Lernsoftware und exzellente Internetseiten gibt, so ist ein intellektueller Anspruch des Großteils der Spiele und Homepages, mit denen Schüler ihre Zeit verbringen, nicht vorhanden. Zudem wird es immer schwieriger für Lehrer, das diesbezügliche Verhalten aller ihrer Schüler zu kontrollieren. Einige Beispiele:
§ Software, die nicht installiert werden muss, womit Einschränkungen von Schulnetzwerken umgangen werden können (z. B. N v14, Stalker Trainer);
§ werbefinanzierte Seiten, deren Spiele auch nach Unterbrechen des Internetzuganges noch funktionieren (z. B. www.onlinespiele.org, www.pausenspiele.net, www.vielespiele.de);
§ eine kaum überblickbare Anzahl von Sites und Mirror-Sites, auf denen Schüler nichts zu suchen haben, deren Sperrung aber nur ein langsames Nachhinken des Administrators hinter der Aktivität der Schüler bedeutet (z. B. www.videotube.de, www.myvideo.de);
§ die elektronische Enzyklopädie Microsoft Encarta (ab Version 2006), deren Kids-Version über 80 Spiele enthält und so viele Schüler vom eigentlichen Gebrauch des Lexikons abhält (z. B. Autos, Hunde, Tennis);
§ Online-Wetten, die eine vorhandene Spielsucht ausnutzen und sogar finanziellen Schaden anrichten können (z. B. www.millionenquiz.de);
§ Foren, in denen für jede Meinung in jeder sprachlichen Form Platz ist und unmoderiert den so genannten „Posters“ suggerieren, es würde sich dabei um eine Diskussion oder Argumentation handeln (z. B. forum.herr-der-ringe-film.de, www.drugforum.de);
§ Seiten, auf denen man kostenlos SMS verschicken kann und die nicht generell gesperrt werden können, weil sie auch E-Mail-Adresse anbieten, die von Mitgliedern der Schulgemeinschaft genutzt werden können (z. B. www.bank4fun.it);
§ Web-2.0-Sites, die bei entsprechendem Erfolg der eigenen Beiträge zwar das Selbstbewusstsein von Jugendlichen stärken, dies aber meist auf Kosten des Niveaus geht, wie Listen beliebtester Videos regelmäßig unter Beweis stellen (z. B. www.youtube.com);
§ „alternative Welten“, die die Aufmerksamkeit von der realen in eine virtuelle Welt ziehen (z. B. www.secondlife.com);
Zuhause kommen meistens noch zwei Ablenkquellen hinzu:
§ Fernsehgeräte, die in den Zimmern von Kindern und Jugendlichen stehen und auf denen mehrere hundert Programme empfangen werden können (GATTERBURG 2007)
§ Spielkonsolen wie die Playstation 3, an deren ersten Verkaufstag es zu Messerstechereien gekommen ist (ORF News 18.11.2006).
Es soll hier trotz allem nicht verallgemeinert werden. Es geht auch nicht darum, ein Medium a priori schlecht zu machen, oder das Medium als solches, sondern darum, den Umgang und die Verwendungsweise zu kritisieren. Darüber hinaus sollen hier Tendenzen und Trends aufgezeigt werden, die in Zukunft der Regelfall sein können. Im alten Rom wusste man bereits, dass man mit „panem et circenses“ Menschen ruhig stellen und von einem aktiven Gebrauch ihres Verstandes abhalten kann. Das Internet dürfte wohl das größte „Spiel“ überhaupt sein.
5. Fazit
Bei allen positiven Eigenschaften, die das Medium Internet als Wissensquelle und Kommunikationsplattform für Wissenschaft und Forschung besitzt, dürfen die negativen Nebeneffekte für Kinder und Jugendliche, deren emotionale und intellektuelle Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, nicht außer Acht gelassen werden. Autonomes Denken braucht Platz – räumlich wie zeitlich –, aber dieser Platz wird zunehmend von elektronischen Medien eingenommen, die die Welt reduzieren – zum Beispiel auf 1280 x 1024 Pixel und 128 kbps – und oft nur Illusionen statt die Realität wiedergeben. Virgil Widrich, ein Regisseur, beklagt genau diese Reduktion, die dadurch entsteht, dass man den ganzen Tag in einen Bildschirm schaut, der vorgibt, die reale Welt zu sein. Es sei deshalb „von Vorteil, spät den Umgang mit dem Internet zu lernen, weil man zuerst denken lernen“ sollte (APA 29.03.2007). Der Philosophie-Unterricht sollte hier – und das gehört sicherlich zu den schwierigsten und wahrscheinlich auch umstrittensten Aufgaben – auch einmal gegen den Strom schwimmen, gegen einen blinden Fortschrittsglauben und gegen eine oft unbegründete Technophilie. Die größten Gedanken in der Philosophiegeschichte sind sehr oft dadurch entstanden, dass gerade die gängige, öffentliche Meinung nicht akzeptiert wurde.
Literatur
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Christian 2007 Diffidere aude – Wahrheit im Internet und der Konsens der
Netzgemeinschaft, Beitrag für das 30. Internationale Wittgenstein Symposion
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Link: Österreichische Gesellschaft für Philosophie
Link: Zeitschrift
für Didaktik der Philosophie und Ethik
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