Rai und Ribisl

Zur Genealogie der Identität

 

In: 39NULL – Magazin für Gesellschaft und Kultur. Nr. 2, Winter 2014. Hrsg. von Lukas Marsoner (kognitiv – Verein für Wahrnehmung), Seite 36

 

 

LINGVA LEGIBUS ARTIBUS – die drei letzten Wörter der fragwürdigen Inschrift1 auf dem Bozner Siegesdenkmal belegen deutlich, mit welchem inhaltlichen Programm die Faschisten die Identität der Südtiroler brechen wollten. LINGVA an erster Stelle ist ein ausdrücklicher Hinweis darauf, worin die Grundlagen unserer Identität liegen. Wird Identität als das wesentlich Eigene in Abgrenzung zum Fremden gedacht, so wird Sprache zu einem bedeutenden Träger dieser Identität, mit Wörtern als Bausteinen an der Oberfläche. Unter welchen Bedingungen ist es möglich, Sprache als identitätsstiftenden Teil des Eigenen aufzufassen?

Bedeutungen sprachlicher Äußerungen – so Jacques Derrida – verschieben sich ständig, weil dauernd neue Erklärungen folgen, und sind immer relativ zu dem, was wir nicht meinen. Damit wird Sprache zu etwas prinzipiell Offenem. Zwischen einem unreflektiert als Schimpfwort herausgestoßenem „Walscher!“2 und dem Bewusstsein, dass mit „walh“ im Althochdeutschen einfach ein Romane im Unterschied zu einem Germanen bezeichnet wurde, liegen Welten. Der Derrida’sche Gedanke lässt sich ebenso auf die Frage nach der Identität anwenden. Auch hier wirken Trennung und Verschiebung.

Der Vinschger Dialektausdruck „sui“3 beispielsweise lässt eine Identifizierung gerade dadurch zu, dass er alle anderen sprachlichen Möglichkeiten, dasselbe auszudrücken, ausschließt. Auf der anderen Seite verschiebt sich auch die Bedeutung des Wortes „Dialekt“, je nachdem, ob darunter eine Mundart verstanden wird, wie sie von Sprachkonservierern gesehen oder wie sie heute tatsächlich gesprochen wird. Sprachliche Identität ist durchgehend mit Widersprüchen, Löchern und Sackgassen behaftet. Was uns als Eigenes und damit Abgegrenztes bewusst zu sein scheint, ist in Wirklichkeit wenig begrenzt und umfasst einen großen Teil der Welt. Wörter als historische Container ermöglichen einen Blick in die Vergangenheit und die Ferne. Zerlegt man Südtiroler Dialekte etymologisch, so wird man neben dem Alt- und Mittelhochdeutschen u. a. das Arabische („Ribisl“4), Griechische („Pfinzta“5), Italienische („Särggel“6), Jiddische („terchn“7), Ladinische („Rai“8) und Lateinische („Fochaz“9) finden.

So wird das Eigene – als Summe des vielfach Anderen und von uns Getrennten – plötzlich fremd. Dass Sprache trotzdem ihre identitätsstiftende Funktion behalten kann, liegt an unserem bewussten und unbewussten Ausblenden räumlich-zeitlicher Parameter: Nur nach vorne schauen, keinen Gedanken an die Vergangenheit verschwenden, aber seinem Nachbarn ein (eigentlich althochdeutsches) „Fåck!“10 an den Kopf werfen; den Araber um die Ecke aus dem Land wünschen, aber ohne Alkohol, Kaffee und Zucker (aus dem Arabischen übernommene Begriffe) nicht leben können. Nicht nur, was wir alles nicht sagen, sondern – eine Ebene tiefer – was wir alles nicht meinen, weil wir es nicht wissen, trägt dazu bei, dass Sprache als identitätsstiftendes Medium brüchig wird. Und dennoch: Identität ist nicht beliebig konstruierbar. Die Idee einer willkürlich gewählten „patchwork identity“ ist eine Illusion ohne großen Halt. Genetisch, physiologisch und psychologisch sind wir zwar eine komplexe Summe der Vergangenheit, aber langfristige Prägungen und sich nur gemächlich verändernde Strukturen und Muster halten uns im Hier und Jetzt zusammen. Sie ermöglichen Identität. Dies gilt auch für unsere Sprache.

 

1)  „HIC PATRIAE FINES SISTE SIGNA HINC CETEROS EXCOLVIMVS LINGVA LEGIBVS ARTIBVS“, dt. „Hier sind die Grenzen des Vaterlandes. Setze die Feldzeichen. Von hier aus brachten wir den anderen Sprache, Gesetze und Künste.“

2)  von deutschsprachigen Südtirolern i. d. R. abwertend gebrauchte Bezeichnung für „Italiener“

3)  sie, ihnen; im Unterschied zum außerhalb des Vinschgaus meist verwendeten „sii, imene“

4)  Johannisbeere, von arab. ribas (eigentlich eine Rhabarberart), mlat. ribes

5)  Donnerstag, von griech. pémpte heméra „fünfter Tag“ (der bis in die 1970er Jahre mit Sonntag beginnenden Woche)

6)  kleine Gartenhacke, von ital. sarchio

7)  um die Häuser ziehen, von jidd. derech „Weg“, jen. Dercher „Bettler“

8)  Kurve, von lad. raida

9)  besonders zu Allerheiligen und Ostern gebackenes und geweihtes Brot, von lat. focus „Herd“, mlat. focatia

10)  Schwein, von ahd. farh

© 2014 by Christian Zelger