Unebenheiten im Zeitkontinuum

Vorwort zu „Papierarbeiten“ von Cordula Hofmann-Molis

 

 

Die aus dem textilen Bereich stammende Künstlerin Cordula Hofmann-Molis pflegt ihre Liebe zum Papier mittlerweile in zahlreichen Arbeiten wie die vorliegende Sammlung in Auszügen zeigt. Natürlich ist dieses zweiseitige Hingezogen-Fühlen keineswegs ein logischer Schritt. Gewiss lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Disziplinen finden. Papier besteht substantiell genau wie Textiles aus Fasern. Allerdings mit dem bedeutenden Unterschied, dass sich die Fasern keiner vorgegebenen, fast mathematisch anmutenden Ordnung beugen, sich vielmehr chaotisch und lebendig, oft ungebändigt zu einem Ganzen zusammenfügen.

 

Dieses Ausbrechen aus starren Mustern, scharfen Kanten und sauberen Nähten erfüllt nicht nur eine formale und ästhetische Funktion, sondern ist auch eine erste inhaltliche Stellungnahme der Künstlerin. Thematisch befasst sie sich mit den existentiellen Themen des Menschen. Diese lassen sich aber selten in ein streng reglementiertes Schema pressen. So fällt in den Werken natürlich sofort die grobe Struktur auf. Die Künstlerin gibt mit ihrem selbst geschöpften Papier in unserer Welt des gebleichten, geradezu einfarbig entfremdeten Papiers diesem wieder etwas Ursprüngliches, etwas Wesentliches zurück. Hier tritt wieder der textile Hintergrund nach vorne. Das Ausgefranste, nicht genau Abgegrenzte, das Undefinierte und die Unebenheiten lassen sich durchaus als ein Spiegelbild des Lebens sehen.

 

Die Auseinandersetzung mit Fragen und lebensnahen Problemen ist ebenso differenziert wie thematisch breitgefächert – Irdisches genauso wie Himmlisches –, wird aber von einem zentralen Motiv beherrscht, das sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Künstlerin zieht: die Zeit. Es geht ihr um bedeutende Ereignisse im Leben eines Menschen, um bestimmte Zeitpunkte, um Einschnitte nicht um Abschnitte. Die Werke besitzen etwas Punktuelles, sind damit Momentaufnahmen: Geburt, Tod und dazwischen ein einzelner Herzschlag.

 

Im Mittelpunkt steht dabei immer das Papier. Papier ist hier aber nicht nur Träger, es ist kein passiver Untergrund, sondern wird buchstäblich zu einem Hauptdarsteller, der fast reliefartig zu einer Plastik wird. Die Künstlerin spart dabei nicht mit Details. Cordula Hofmann-Molis ist unter anderem ausgebildete Bühnenbildnerin, ein Einfluss, der im Umgang mit dem Rohmaterial und in der Arbeitsweise deutlich in den Vordergrund tritt. Werke werden nicht einfach geschaffen, sie werden inszeniert, speziell für bestimmte Räume entworfen, mit Texten – aus fremder oder eigener Feder – kombiniert, bedruckt und ergänzt. Diese Texte sind Teil des Werkes selbst, das subtile Spiel mit Worten und Gedanken stellt die zweite Seite einer Münze dar. Nur wer beide Seiten kennt, besitzt ein vollständiges Bild, erfasst den Kern der Aussage.

 

Die Arbeiten zu begreifen heißt aber gerade sie nicht zu be-greifen. Ein scheinbarer Widerspruch, der nur zu symptomatisch für die Zeit steht, in der die Werke entstanden sind. Einmal mehr wird klar, welche zentrale Position die Zeit einnimmt. Zeit erzählt, Zeit heilt, Zeit ordnet – geradezu in Kantischer Manier –, Zeit fehlt, Zeit ist Moment, Zeit ist Fluss, Zeit lässt verschwimmen, lässt vergessen. So wird oft eine Spannung zwischen Emotion und Intellekt zu Gunsten des Gefühlsmäßigen entschieden.

 

In den Werken wird uns immer wieder eine Realität vermittelt, die in ihrem Wesen gespalten, uneinheitlich und mitunter widersprüchlich ist; in der Weiches zugleich rau, Ungefärbtes auch farbig oder Geschaffenes natürlich sein kann. Es ist dies jedoch ein Ausdruck des Zwiespalts des Menschen, mehreren Wirklichkeiten ausgesetzt zu sein, letzten Endes Bürger mehrerer Welten zu sein. Aber erst dadurch erlangt eine Präsentation ihre Vollständigkeit.

 

Diese vorliegende Sammlung ist eine Bestandsaufnahme zu keinem besonderen Zeitpunkt, nicht zeitlich geordnet, keine Retrospektive im herkömmlichen Sinn, sondern ein Augenblick, der die Vielfältigkeit des Schaffens und des papierenen Ausdrucks veranschaulicht, eine Bodenwelle der Erkenntnis, eine weitere Unebenheit im Zeitkontinuum.

 

©  2002 by Christian Zelger