L'art poularde

oder die Kunst, ein Huhn zu sein

 

 

Cadémis, der Künstler, der Musiker, stets nach dem Neuen strebend, keine Ruhe findend, hastig und rastlos umherstreifend, den Melodien der Sphärenmusik lauschend und doch immer wieder an die Grenzen der Kreativität stoßend, kurz, ein Mensch und ein Pakt mit seiner musikalischen Offenbarung, verschrieben mit Ohr und Gehörgängen. Was ist Kunst? Immer wieder diese Frage. Immer wieder diese Herausforderung.

 

Cadémis in seinem Elfenbeinturm klingender Etagen. Daneben die profane Welt des Alltäglichen. Die Welt anderer Menschen, die Welt der Konsumenten. Im Mittelpunkt der Heilige Gral jeglicher falsch verstandener Kommunikation, die Massenvernichtungswaffe kreativer Zellen par excellence, das Allerheiligste aufgebahrt wie auf einem Altar. Zap. Patricia Ardèche und ihr neuer Plastikbusen. 120 Zentimeter. Feinste Ware künstlicher Kunst. Zap. Verlass mich nicht. Liebe mich noch 120 Folgen lang. Inhalt auf ein Minimum verdünnt, angesetzt in hochprozentigem Schwachsinn bekommt dem Menschen vorzüg­lich. Paracelsus lässt grüßen. Zap. Endlich Kultur. Kultur?

 

Pantreville, Stadt der Künstler, damit Stadt der Ausschwei­fung, der Mammon hängt schon lange im Museum. Ausgestellt wie ein Mammut. Veraltet, verfault, aber immer noch im Blickfeld des menschlichen Interesses. Der Grund, warum sich die Welt immer noch dreht.

 

Henry Nakache. Der Herr der Schnecken. Feind aller Tierschutzorganisationen. Aber Künstler. Auch er im Elfenbeinturm schleimiger Erinnerungen. Seit 120 Jahren ein Meister im Wiederverwerten ein und derselben Idee, einst innovativ, jetzt nur mehr makaber. Aber im Namen und unter der Fahne der Kunst. Für Nakache sind Schnecken lebendige Pinsel, die er als Wurfgeschosse missbraucht gegen die Leinwand schleudert und der vom Hämoglobin verschiedene Blutfarbstoff realisiert sich als blauer Fleck auf weißem Grund zu einem neuen Kunstwerk. Ein blaues Wurfbild.

 

Blau. Die Farbe des Meeres, Symbol für den Anfang und die Unendlichkeit. Unendlich für ihn. Für die Schnecken endet hier die Geschichte. Wahre Kunst? Falsche Kunst? Innovation? Provokation? Cadémis versinkt im Traum und erscheint wie Phönix aus der Asche in einer anderen Welt.

 

Was ist Kunst? Immer dieselbe Frage. Auch in dieser Welt. Kunst kommt von Können. Kunst kommt von Müssen. Jedenfalls muss Arnold Schönberg. Damit wird aber die Frage nicht beantwortet, sondern nur verschoben: von der Kunst als Objekt zum Künstler als Subjekt. Ist Kunst autonom, absolut oder kann sie nur im Zusammenhang mit dem Erschaffer gesehen, erfasst und damit verstanden werden? Wenn Kunst einen inneren Zwang darstellt, dann ist sie etwas, was nicht anders sein kann, nicht anders sein darf. Hat aber Kunst nicht wesentlich mit Freiheit zu tun? Mit der Freiheit, die Welt anders zu sehen, als es zum Beispiel die Wissenschaft erlaubt? Kunst als innerer Zwang, als Trieb neben den anderen Leidenschaften der Menschen, gleich dem Schopenhauer'schen Willen, ein unaufhaltsamer Drang zu schaffen und hervor zu bringen - ohne Sinn und ohne Ziel. Wirklich ohne Sinn und Ziel? Kunst will zum Nachdenken anregen, auf Missstände aufmerksam machen, eine neue Sicht der Welt vermitteln, abseits von gewohnten Mustern, Kunst will täuschen, unterhalten, schockieren, provozieren. Provokation. Schon wieder dieses Wort.

 

Wie kann man dem Phänomen „Kunst“ näher treten? Wie kann man ein wenig an der Oberfläche der Verständlichkeit kratzen? Acht Aspekte der Kunst drängen sich mir auf, acht kurze Gedanken, acht Funken für ein reflektiertes Kunstverständnis. Warum gerade 8? Vielleicht Zufall, vielleicht eine Zahl, die wie ein aufrecht stehendes Zeichen für die Unendlichkeit steht.

 

1. Kunst und Kommerz. K und K. Die Monarchie des Kulturbetriebes? Geht es nur um Geld? Auch das eine Provokation. Aber ist dieser Gedanken deshalb schon "künstlerisch" wertvoll? Wohl kaum. In welchem Verhältnis stehen Kunst und Geld? Ist es nicht vielmehr so, dass die Frage lauten muss: In welchem Verhältnis stehen Mensch und Geld? Verliert ein Werk seine Unschuld, wenn dafür Geld verlangt wird? Welch großes Glück hatte dann Vincent van Gogh, der kaum ein Werk an den Mann gebracht hat. Und wie oft wird er sich schon im Grabe gedreht haben, angesichts dessen, was heute mit seinem Schaffen passiert? Andererseits verdirbt Geld bekanntlich nicht nur den Charakter, sondern auch den Geschmackssinn. Jede Kunstsparte – ob Musik, Malerei, Bildhauerei, Fotografie – lie­fert in heutigen Tagen genügend Beispiele dafür. Zu leicht verschwimmt ein Werk im Licht grüner Scheine. Auch wenn der Rubel rollt, ist Vorsicht geboten. Augen verkleben, Ohren verstopfen, Nasen verpfropfen. Grüße von Hermann Nitsch und Jeff Koons.

 

2. Kunst und Schönheit. Muss Kunst schön sein? Ist alles Schöne Kunst oder alles Künstlerische schön? Einer der großen Fehler jeglichen Kunstverständnisses. Der Begriff der Schönheit ist genauso unfassbar wie der der Kunst. Eine Blume auf der Wiese ist schön, aber sie ist - ohne ins Theologische abzudriften - kein künstlerisches Werk. Dieselbe Blume auf einer Leinwand kann künstlerisch sein, muss aber nicht schön sein. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Schönheit und Kunst ist somit irrelevant, zumindest zeigen uns das Paul Celan, Georg Trakl, Gottfried Benn ... und allen voran Elfriede Jelinek.

 

3. Kunst und Künstlichkeit. In welchem Verhältnis stehen die beiden Begriffe? Sind sie in gleicher Weise verbunden wie Dame und Dämlichkeit? Welch böse Gedanken! Aber haftet dem Begriff „Künstlichkeit“ nicht der teils unangenehme Beigeschmack des vom Menschen Geschaffenen an? Als strenger Gegensatz zum Natürlichen. Was ist aber mit der Kunst? Auch die Natur kann kunstvoll sein. Eine Nautilus-Muschel folgt dem Goldenen Schnitt – ein Prinzip der wohlgemerkt menschlichen Ästhetik; ein Romanesco-Kohl führt uns selbstähnliche Julia- und Mandelbrot-Mengen vor Augen – wiederum ein Produkt des menschlichen Geistes; reziproke Gitter von Einkristallen – wie eine Lithographie von M.C. Escher. Ist Kunst nur Nachahmung der Natur? Ist Kunst künstliche Natur? Und sind damit Kunst und Künstlichkeit äquivalent? Oder ist Kunst genau wie jede Form von Kultur eine Erweiterung der Natur, der Natur abgerungenes Gebiet?

 

4. Kunst und die Entwicklung des Künstlers. Wieder steht das Können im Vordergrund. Doch für Nestroy ist Kunst all das, was man gerade nicht kann. Wenn man es kann, dann ist es keine Kunst mehr. Auch hier drängt sich wieder die Zeit auf. Wird Kunst für einen bestimmten, einzigartigen Moment geschaffen? Oder für ganze Generationen? Oder für die Ewigkeit? Und welche Rolle spielt die Entwicklung? Ist ein Künstler, der sich im Laufe von Jahren und Jahr­zehnten nicht weiterentwickelt, überhaupt ein Künstler? Die meisten Menschen sagen Nein. Liegt Kunst vielleicht gerade in der Evolution neuer Ideen oder in einer spontanen Revolution? Und was steht am Ende? Das perfekte Werk? Perfekt: vom Lateinischen „perficere“ für „vollenden“. Ein Werk vollenden? Ein Lebenswerk vollenden? Wird die Frage nach der Kunst, die Frage nach dem Künstler erst am Ende beantwortet? Wirklich? Mondrians Kunst hat sich letzten Endes selbst aufgefressen, sich selbst ins Nichts entwickelt. Ist das Nichts die höchste Form der Kunst? Ist vielleicht das Nichts die höchste Form überhaupt?

 

5. Kunst und Zeit. Ist Kunst zeitlos? Zeitlos wie eine naturwissenschaftliche Erkenntnis? Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaft im Stande ist, etwas Zeitloses hervor zu bringen, kann die Frage für die Kunst nicht ohne Weiteres beantwortet werden. Vielleicht aber zeigt erst die Zeit, was Kunst ist und was nicht. The survival of the fittest. Das Überleben der Besten. Nur Echtes überlebt. Alles andere verschwindet im Rachen der Zeit. Vielleicht für immer. Vielleicht nur für eine bestimmte Weile. Und dann? The revival of the fittest. Marquis de Sades „120 Tage von Sodom“: Einst verschmäht und verboten, heute in den Kanon der Literatur aufgenommen. Da drängt sich die Frage auf, ob Zeit nicht doch einen wesentlichen Einfluss auf unser Kunstverständnis hat. Schätzen wir Altes mehr als Neues? Ist uns das Alte mehr wert, weil es seltener ist, anders, fremd, weil es unverständlicher ist, geheimnis­voller, auf eine seltsame Weise neu? Ist Kunst möglicherweise deshalb zeitlos, weil darin Alt und Neu verschmelzen?

Wie aber kann Kunst zeitlos sein, wenn sie vielfach den Anspruch erhebt, Spiegel der Gesellschaft zu sein? Sie kann nur Spiegel ihrer eigenen Gesellschaft und damit an sie gebunden sein. Inwieweit gilt sie nur innerhalb dieses Kontextes? Und ermöglicht sie so einen Einblick in vergangene Zeiten? Oder besitzt sie ein Verfallsdatum? Ist Kunst letzten Endes Abfall? Alter Abfall?

 

6. Kunst und das Neue. Kunst ist innovativ, Kunst ist neu, Kunst bricht alte Regeln, bricht aus gewohnten Schemata aus, bricht anachronistische Mauern ab, bricht durch. Kunst als Aufbrechen, Kunst-Betrachter vor dem Erbrechen. Ist nicht vieles Neue lediglich krampf­haft neu? Krampfhaft neu, um einem abgestumpften Publikum Reize zu vermitteln, die es längst verloren hatte? Und doch ist es nicht von der Hand zu weisen: das Neue ist ein wesentlicher Faktor der künstlerischen Tätigkeit; im Neuen zeigt sich die wahre Kreativität, der eigentliche Schöpfungsakt. Doch es gibt Grenzen. Es muss Grenzen geben. Nicht alles Neue kann automatisch gut sein. Auch das Spalten eines Atomkerns, um eine verheerende Zerstörung für Mensch und Unwelt zu bewirken, war einmal neu. Aber sind wir deshalb froh über die Bombe? Genauso könnte man – provokativ! – Installationen lieber dem Hydrauliker überlassen.

 

7. Kunst und die Absicht. Letztendlich eine ethische Frage. Ist ein Mensch, der einem anderen Menschen geschadet hat, ohne dass er es überhaupt wollte, für seine Tat moralisch verant­wortlich? Genauso lässt sich fragen: Kann das Rätsel der Kunst unabhängig von der Intention des Kunstschaffenden beantwortet werden? L' art pour l' art. Darf sie nur um ihrer selbst Willen betrieben werden? Ist jede andere Motivation anrüchig, heuchlerisch, strikt verboten? Und gleichzeitig: Ist etwas spontan ohne jeden Hintergedanken Geschaffenes von vornherein keine Kunst?

 

8. Kunst und der Zufall. Der Künstler führt ein Gespräch mit dem Gott des Zufalls. Welche Rolle spielt der Zufall? Schließen sich Kunst und Zufälligkeit aus? Otto Weiniger behauptet es jedenfalls. Ist es aber nicht vielmehr so, dass der schaffende Mensch aus 120 spontan improvisierten Notenfolgen das für ihn richtige Thema aussucht, aus einer Unzahl von Entwürfen einer Vorstufe den Vorzug gibt? Worin besteht dann Kunst? In einer Auswahl? Wie erfolgt die Auswahl? Nach Kriterien des Geschmacks und des Stils? Lassen sich Geschmack und Stil aneignen, aufnehmen, züchten? Oder hat Kunst letzten Endes doch mit Talent zu tun (was – so lehrt uns die heutige Zeit – nicht immer notwendig ist)? Und woher kommt dieses Talent? Ist es eine Fähigkeit, die mit Absicht eingesetzt wird, oder gerät der Künstler in die Macht des Unbewussten? Sigmund Freud hätte seine Freud'.

 

So viele Fragen. So wenig Antworten. So viel Ungedachtes. So viel Nicht-Berücksichtigtes. So viele Qualen. So wenig Erkenntnis. So wenig Kunst. Wo war ich mit meinen Gedanken? Immer noch Nakache, dieser Schmier­fink.

 

Cadémis war aus seinem traumähnlichen Zustand aufgewacht. Ein Blick auf das Fernseh­gerät zeigte immer noch Bilder des Berichts über Henry Nakache. Farbe fließt, Geld fließt, Schnecken lassen ihr Leben und jeder lässt Nakache leben. Hoch leben – zum Bedauern vieler Menschen wie Cadémis. Sein Verständnis für Kunst zeigt sich nicht in dieser Welt. Und die andere Welt ist eine Qual. Wohin war die Kunst gelangt? L' art pour l'art, so hieß es. Und jetzt? L'art poularde. Die Kunst, ein Huhn zu sein. Ein Huhn, das nach Körnern pickt. Ein sehendes unter vielen blinden, suchend, manchmal findend. Ohne Erklärung. Ein kleines Masthühnchen. Bereit zum Schlachten. Welch schönes Bild! Und trotz allem: Wie großartig ist die Kunst selbst – im Vergleich zur Frage „Was ist Kunst?“. Schon wieder diese Frage. Genug davon.

© 2002 by Christian Zelger