Blau-Machen und Dis-Tanzen
oder
Über die Vorteile eines Makels
Vernissage-Rede zu „Distanzen oder Das Blaue vom Himmel“
Ich
freue mich, dass ich nun bereits zum vierten Mal eine Ausstellung von [kwartex]
eröffnen darf. Während die vier Künstlerinnen seit dem ersten Mal immer neue
Wege präsentiert haben, selbstverständlich nicht ohne einen individuellen Stil
erkennen zu lassen, kann ich von mir im günstigsten Fall behaupten, ich hätte
Schwachstellen gestopft und ausgebügelt. Aber wo war die neue Idee?
Dieses Mal sollte sich einiges verändern. Was
bietet sich bei einer Ausstellung mit dem Titel „Distanzen oder das Blaue vom
Himmel“ mehr an, als die Kunst auf Distanz zu lassen und die Künstlerinnen
vorher lediglich ins Blaue zu führen?
Meine Einführung wird demnach im Wesentlichen
eine Begriffsanalyse sein. Selbst wenn man hinter der Kunst eine eigene Welt
annimmt, so sollte sie in dieser Welt zumindest zum Teil sprachlich erfassbar
sein. Wie anders sollte sie die Menschen verbinden? Wie anders kann sie
Distanzen überwinden und eine Person aus ihrer solipsistischen Falle holen?
Eine Hinführung ist dieses Mal dann besonders
reizvoll, wenn die Thematik nicht nur inhaltlich sondern auch methodisch
verarbeitet wird. Während es bisher möglich war, jede Ausstellung in ihrer
Entstehung von den ersten Momenten des fehlenden Schweigens bis zur Eröffnung
größtenteils mit zu erleben, bin ich dieses Mal bewusst auf Distanz gegangen
und habe nur Weniges an mich heran lassen - Teile von Telefongesprächen,
einzelne Sätze aus E-Mails, eine Postkarte, bewölkte Himmel, Geräusche von
quietschenden Spinnrädern, „das wird nicht gehen“ ...
Wie aber kann ich eine Eröffnung gestalten
ohne das Blaue vom Himmel zu erfinden? Indem ich die Distanz als solche akzeptiere.
Man kann keines anderen Menschen Kopfschmerzen haben, genauso wenig kann man
ein künstlerisches Werk in seiner im eigentlichen Sinne des Wortes ästhetischen
Gesamtheit sprachlich erfassen, und dabei behaupten, wenn nicht objektiv, so
zumindest in den Gedanken intersubjektiv nachvollziehbar zu bleiben. Auch wenn
diese Objektivität in der Kunst selten gefragt ist, die Distanz zwischen Werk
und Betrachter lässt sich – selbst wenn man es wollte – nie vollständig
aufheben.
Aber gerade diese Distanz ist auch ein
wesentliches Merkmal. Wilhelm von Ockham, der große Philosoph des Mittelalters,
fordert mit seinem Ökonomieprinzip, oft als Ockham'sches Rasiermesser
bezeichnet, zur Erklärung der Welt nichts Überflüssiges anzunehmen. Kunst wirft
hier dieses Postulat in ein weites, blaues Meer, unauffindbar, und präsentiert
uns einen Ockham'schen Bart in vollster Pracht. Wir erfahren in den Werken von
[kwartex] keine direkte Abbildung unserer Welt, vielmehr wird uns – über eine
Abstraktion hinaus – eine zweite Welt mit eigenen Regeln vorgeführt.
Die Arbeitsweise der vier Künstlerinnen hat
sich dieses Mal mehr denn je in den Werken selbst niedergeschlagen. In den
Weiten zwischen Verdi und Suez musste die meiste Planung mit Hilfe moderner
Kommunikationsmedien, wie zum Beispiel dem Internet, gemeistert werden. „Internet“
(das Netz, das dazwischen liegt) ist etymologisch nichts anderes als eine
Ansammlung von Distanzen. Diese Vernetzung – innen wie außen – gibt uns demnach
etwas ursprünglich Textiles zurück.
Distanz ist damit die unmittelbare
Gewissheit, nicht allein zu sein. Distanz ist zudem Makel und Möglichkeit der
Kommunikation und Information. Oft setzen sich erst aus der Distanz einzelne
Punkte zu einem Bild zusammen. In ähnlicher Weise könnte man behaupten, Distanz
sei eine notwendige Voraussetzung für die Schaffung von etwas Neuem – die
Aussicht, wieder die Wolle unter lauter Schafen zu erkennen ...
Schon Max Beckmann hat in seinen Bildern über
scheinbare Distanzen hinweg ein expressives, unauflösbares Bildgewebe
geschaffen. Ein Gewebe dieser Art zeigt sich im übertragenen Sinne auch in den
uns umgebenden Installationen. Sie scheinen losgelöst von einander im Raum zu
stehen – ich nehme das an, denn zum momentanen Zeitpunkt des Schreibens kenne
ich die Werke noch nicht –, sie sind wie Knotenpunkte des Cyberspace, und doch
sind sie enger verbunden als vieles, das uns umgibt. Diese Kumulation von
Distanzen löst sich schließlich selbst ins Nichts auf.
Wir diskutieren mit Menschen von Bangkok bis
Lima, werden zur Solidarität mit Völkern und Gruppen aufgerufen, die wir unser
ganzes Leben nie kennen lernen werden und wissen nicht mehr, wann wir mit
unserem Nachbarn das letzte Mal gesprochen haben, geschweige denn worüber. Es
gibt keine äußere Distanz mehr. Sie hat sich aufgelöst. Vollkommen und
endgültig. In einer Zeit, in der wir uns über Massenvernichtungswaffen den Kopf
zerbrechen müssen, wissen wir – so deprimierend das auch ist – zumindest eines:
wir werden sie nicht überleben, unsere vernetzte Welt schon.
Doch genau wie unsere inneren Distanzen
müssen auch all diese Gedanken überwunden werden; nur das Loslassen des Logos
führt durch das Emotive zu einer Erfahrung, die über das Gewöhnliche aus einer
modernen platonischen Höhle zum eigentlich Menschlichen steigt.
Für I. A. Richards
ist Kunst eine emotive Sprache, die Ordnung und Klarheit in die Erfahrungen und
Ansichten bringt. Lassen wir also los, lassen wir den Verstand blau machen und
das Gefühl nicht Cis-, nicht Lis-, nicht Ris-, sondern einfach Dis-tanzen.
Link: Ausstellung „Distanzen oder Das Blaue vom Himmel“
© 2003 by Christian Zelger