Über die Geographie der Falten
Vernissage-Rede zu „Landschaftsfaltung – Land schafft Faltung“
Wer die Gruppe kennt, die sich bereits zum dritten Mal mit einem Thema beschäftigt und dies der Öffentlichkeit vorstellt, der wird charakteristische Elemente ihres Arbeitens sofort erkennen. Auch hier gibt sich das Kollektiv einen gemeinsamen Rahmen vor – der dieses Mal geradezu wörtlich verstanden werden kann –, wieder wird Textiles mit Texten kombiniert; und einmal mehr führt uns [kwartex] die große Bandbreite moderner Textilkunst vor Augen: im Hinblick auf die verwendeten Materialien, angewandten Techniken und erarbeiteten Ausdrucksmöglichkeiten.
Während man sich bei den ersten beiden Projekten mit abstrakten wie auch theoretischen Themen befasst hat, präsentieren uns die Künstlerinnen in der aktuellen Ausstellung eine facettenreiche Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Umgebung. Ihre Werke sind eine Hommage an das Mühlviertel. Dabei wird die Verbindung zu diesem oberösterreichischen Viertel vielschichtig gesponnen; über Traditionen, Personen, Erinnerungen, Orte und nicht zuletzt über die Landschaft selbst.
Land schafft Faltung. Ein struktureller Prozess. Wird aber die Faltung wirklich von dem Land geschaffen? Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt? Sind die Hügel Teil des Mühlviertels oder ist das Mühlviertel Teil einer hügeligen Landschaft?
Eine Landmasse – massiv aber unbestimmt – bäumt sich vor 250 Millionen Jahren auf, wölbt sich, knittert und bildet so Falten. Aber auch diese Falten sind unbestimmt, werden erst durch die Zeit zu jenem Raum, zu jener bestimmten Landschaft, die man heute Mühlviertel nennt. Und letzten Endes sind es die Menschen, die diese Region prägen, jene Menschen, die ihr das typische Äußere geben, jene, die Land und Faltung erst als solche erkennen. Genauso werden aber auch die Menschen und, damit eng verbunden, die Kultur von der umgebenden Landschaft geformt und geprägt.
So wird klar, dass das Land der Faltung ebenso viel verdankt wie die Faltung dem Land. Wer sich diesen Gedankengang mit geradezu existentialistischen Anklängen bewusst macht, wird die Bedeutung des Prozesses mit anderen Augen sehen.
Überhaupt steht – gegenüber der textilgewohnten Haptik – die Optik im Vordergrund. Erneut zeigt uns
[kwartex], was schon bei Friedrich Nietzsche als „perspektivisches Sehen“
bekannt ist. Jedes einzelne Werk ist demnach kein statisches Objekt, kein
unnahbares, unveränderliches Etwas, sondern birgt vielmehr ein dynamisches
Eigenleben in sich, das dem Betrachter die Aussage erst durch verschiedene
Blickwinkel, d.h. unterschiedliche Perspektiven Preis gibt.
Sieht man das Werk der vier Künstlerinnen als eine Einheit, so zeichnet es sich dadurch aus, dass sich die Gesamtaussage über mehrere Schau-Plätze erstreckt, indem das Individuelle zerhackt, nach ästhetischen Prinzipien geordnet und zu einem organischen Ganzen zusammengefügt wird.
Bei aller Deutlichkeit der Aussage bleibt die Einladung zur Interpretation, die Möglichkeit, Eindrücke und Gedanken weiter zu spinnen, zu verknüpfen und so eine Fläche neuer Erkenntnisse zu schaffen. So wird das Motto der Textilen Kultur Haslach – „Oberflächen“ – geradezu negiert, indem man sich – ein weiteres Mal wörtlich wie übertragen – über die Oberfläche hinaus begibt und so zu einer ästhetischen wie psychologischen Tiefe gelangt.
Dieser Tiefgang erstreckt sich nicht nur auf die individuelle Aussage, sondern ebenso auf die Verbindungen, die Künstler und Werk eingehen und so eine breite Wahl äußerer und innerer Einflüsse erkennen lassen, die sich - auch das ein Charakteristikum der Gruppe - oft im Spiel mit den Gegensätzen manifestieren: Organisches verbindet sich symbiotisch mit Künstlichem, Modernes harmoniert fast selbstverständlich mit Traditionellem und Inhalt und Form verweben sich zu einer textilen Einheit.
Diese Einheit realisiert sich in den allgegenwärtigen Falten. Eine omnipräsente Struktur – ob als landschaftliche Formen des Mühlviertels, als Zeichen der Zeit in den Gesichtern der Menschen, als Merkmal gebügelter Ordnung der Kleidung, als Prinzip des japanischen Origami, als Klangquelle mancher Musikinstrumente oder – wie uns die moderne Physik lehrt – als Grundstruktur unseres Universums.
Und damit als Grund, dass wir heute hier
sind.
Link: Ausstellung „landschaftsfaltung
- land schafft faltung“
© 2002 by Christian Zelger