Vom flarrendem Leinen & millendem Draht

Vernissage-Rede zu „VierBahnenVierKlänge“

 

 

Mit VierBahnenVierKlänge präsentiert [kwartex], einheitlich in der Kon­zipierung, aber individuell-kreativ in der Ausführung, wieder außer­gewöhnliche textile Objekte, die unseren Sinnen zwei Konzepte vorführen.

 

VierBahnen steht für mehr als die vier Mitglieder von [kwartex]. Die Zahl „Vier“ wird zum Programm erhoben. Sie repräsentiert das Menschliche, das Diesseitige, im Gegensatz zum Jenseitig-Transzendenten. Aus diesem Grund richten sich die Werke in erster Linie auf menschliche Eindrücke und Emotionen. Das Runde, das Weiche, Unbestimmte ist in der Natur häufig; Viereckiges, Regelmäßiges, Gebahntes hingegen entspringt eher dem menschlichen Schaffen. Kunst als entrückte Natur. VierBahnen stellt den Menschen und seine Wahrnehmung in den Mittelpunkt.

 

Auch VierKlänge bezieht sich nicht nur auf die vier Künstlerinnen. In der Musik, genauer in der Harmonielehre, trifft man auf den Begriff „Vierklang“. Harmonien entstehen dort, wo mehrere verwandte Klänge zusammenwirken und so Gefühle wie Schmerz, Freude, Trauer, Erleichterung hervorrufen. Johann Sebastian Bach, dem Genie der Barockmusik, genügten in seinen Harmonien drei Töne, um das gesamte Spektrum musikalischen Schaffens abzudecken. Erst in nach­klassischer Zeit fügte man als neues Element weitere Töne hinzu und der Vierklang fand so seinen Weg ins Repertoire der Komponisten. Neue Ausdrucksmöglichkeiten entstanden und eine breitere Vielfalt von Stimmungs­eindrücken wurde vermittelbar.

 

In ähnlicher Weise verfährt [kwartex]. Hier wird nicht dem Traditionellen gehuldigt – ungewohnte Empfindungen erheben sich aus dem Bewußten, zusätzliche Erfahrungen werden ins textile Spiel gebracht, Neues wird vermittelt. Worin liegt dieses Neue? Textiles beschränkt sich nicht auf bekannte Materialien, bekannte Techniken oder bekannte Zwecke. Auch Draht, ob versilbert oder blau geglüht, ist textiles Material. Sprang als altägyptisches Verfahren ist kaum noch geläufig. Und vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Textilien dienen nicht nur am Körper und am Boden. Hier wird das  Althergebrachte und Bekannte transzendiert.

 

Doch das Weiterschreiten und Erkennen vollzieht sich noch auf einer anderen Ebene. Wasser plätschert, Stroh raschelt, Feuer knistert – aber welches Geräusch entsteht beim Tragen einer Leinenweste oder einer Tasche aus Papierschnur? Welche Klänge bringt eine Wolldecke hervor, die uns wärmt? Wie kann etwas existieren, das wir nicht benennen können? Und weit wichtiger: Wieso fehlen uns gerade hier in diesem Bereich alltäglicher, menschlicher Erfahrungen die Worte?

 

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so schreibt Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus“. Doch hier wird er Opfer eines Irrtums. Es gibt eine Welt abseits des Rational-Logischen und damit auch abseits des Sprachlichen. Diese Welt wird uns durch die Kunst mittelbar. VierBahnenVierKlänge öffnet uns für diese Realität und plötzlich: das Leinen flarrt, die Papierschnur riruht und der Draht millt.  

 

Link: Ausstellung „VierBahnenVierKlänge“

 

© 2001 by Christian Zelger