Ein-, hin- und durch-führende Worte
Vernissage-Rede zu „Wege“
Die Ausstellung mit dem geradezu programmatischen Titel
„Wege“ ist in die Salzburger Hochschulwochen 2000 eingebunden, die sich in diesem
Jahr mit dem immer wichtiger werdenden Thema „Gerechtigkeit heute“ – im
speziellen mit den Fragen nach Recht und Gerechtigkeit – auseinandersetzen.
Die vier Mitglieder von [kwartex], die lieber als
Textilerinnen als Textil-Künstlerinnen bezeichnet werden möchten, haben es sich
zur Aufgabe gemacht, diese eben erwähnte Frage nach Recht und Gerechtigkeit in
kleinen textilen Objekten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zu
verarbeiten.
Recht und Gerechtigkeit. Wenn man darüber nachdenkt, dann
fällt auf, dass die beiden Begriffe schon allein von ihrer sprachlichen
Abstammung her zusammengehören. Die Realität – und dieser kann oder sollte sich
der Künstler niemals entziehen – sieht leider ganz anders aus, was man den
Objekten auch sofort ansieht.
Ohne auf die einzelnen Werke einzugehen, seien hier ein
paar generelle Gedanken angebracht. Wenn sich verschiedene Menschen mit
demselben Thema auseinandersetzen, dann wird es zwangsläufig zu verschiedenen,
vielleicht sogar widersprüchlichen Ansichten oder Betrachtungsweisen kommen,
was sich natürlich wiederum in den Werken selbst niederschlägt. Trotzdem
sollten diese Kontraste keineswegs – um im textilen Jargon zu bleiben –
„weggebügelt“ werden. Man wird hier deshalb ohne eigenes Zutun keine endgültigen
Antworten finden, ansonsten hätte man der Ausstellung den Namen „Ziele“ und
nicht „Wege“ geben müssen.
Wenn man sich die Zeit nimmt, sich mit den einzelnen
textilen Objekten zu beschäftigen, wird man feststellen, dass die Tatsache,
dass man das Thema von verschiedenen Seiten betrachten kann, geradezu wörtlich
umgesetzt wurde. Manche Werke vermitteln beim ersten Anblick einen bestimmten
Eindruck, der aber vielleicht von einem anderen Blickpunkt – wiederum wörtlich
verstanden – erst zur Gesamtaussage vervollständigt wird. Oder das Werk gibt so
weitere Details preis. Vielleicht zeigt sich aber das Thema auch von einer ganz
anderen Seite, aus einer anderen Perspektive.
Die Ausstellung möchte Perspektiven bieten. Allein der
Terminus "Perspektive" enthüllt weitere Facetten der Konzeptes. Der
Begriff „Perspektive“ lässt sich auf das lateinische Verb „perspicere“
zurückführen, dessen wörtliche Bedeutung „durchsehen", „deutlich erkennen“
ist. Das Betrachten der Werke ist deshalb kein passiver Prozess. Man muss sich
durch-sehen, oder wenn man auf den Titel der Ausstellung zurückkommt, man muss
durch-gehen. Die ebenfalls von den vier Künstlerinnen stammenden Dias sollen
ergänzen und dabei helfen, ihren Anspruch, auf optisch ansprechende Weise zum
Nachdenken anzuregen, zu realisieren.
Jeder ist eingeladen,
diesen Weg zu beschreiten.
Link:
Ausstellung „Wege“
© 2000 by Christian Zelger